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27./28. Siwan 5783 16./17. Juni 2023
Shabbateingang in Jerusalem: 19:06
Shabbatausgang in Jerusalem: 20:29
Shabbateingang in Zürich: 21:17
Shabbatausgang in Zürich: 22:27
Shabbateingang in Wien: 20:39
Shabbatausgang in Wien: 22:01
Im ersten Kapitel des heutigen Wochenabschnittes lesen wir erneut, wie das gerade erst mühsam erworbene Selbstbewusstsein der Israeliten in sich zusammenfällt und sie wieder einmal an der Situation verzweifeln. Was haben sie nicht schon alles erfolgreich überlebt: Die Flucht vor den Sklaventreibern Ägyptens, den Tod des Pharaos mitsamt seinem ganzen mächtigen Heer in den Fluten des Schilfmeeres, Hunger, Durst, nichts hatte sie unterkriegen können.
Was also ist der Grund, dass sie schon wieder mit ihrem Schicksal hadern?
Gott hatte Moses aufgefordert, aus jedem Stamm einen Sohn des jeweiligen Stamm-Chefs auszuschicken, um zu erkunden, was die Israeliten in dem ihnen versprochenen Land erwarten würde. Sie sollten das Land und seine Erzeugnisse bewerten, aber auch erkunden, welche Stämme und Gegner sie dort erwarten.
Sie zogen quer durch den Negev bis zur Stadt Hebron. Hebron gehört zu den am längsten ununterbrochen bewohnten Städten der Welt. Archäologische Funde belegen eine Besiedlung bereits ab dem 3. Jahrtausend BCE. Der in der Region lebende Stamm der Anakiter muss für damalige Verhältnisse angstmachend gewesen sein. Riesen sollen es gewesen sein, so wie der Name ענק = anak sie bezeichnet.

Als die Kundschafter nach vierzig Tagen zu den Israeliten zurückkehrten, trugen sie bei sich die Früchte des Landes: Weintrauben, Granatäpfel und Datteln. Noch heute ist das Symbol des israelischen Tourismus das Bild der zwei Träger, die zwischen sich an einer Stange eine grosse, pralle Weintraube tragen. Ein positives, lebensfrohes Bild! Ein Land, das fruchtbar war und deshalb auch die Vielzahl der Israeliten gut würde ernähren können.
Doch die Kundschafter erzählen eine andere Geschichte. „Das Land, das wir durchwandert und erkundet haben, ist ein Land, das seine Bewohner auffrisst; alle Leute, die wir dort gesehen haben, sind hochgewachsen. Sogar die Riesen haben wir dort gesehen – die Anakiter gehören nämlich zu den Riesen. Wir kamen uns selbst klein wie Heuschrecken vor und auch ihnen erschienen wir so.“
Diesmal schienen die Israeliten sich gar nicht mehr beruhigen zu wollen. Sie gingen sogar so weit, vorzuschlagen, Moses und Aaron abzusetzen und neue Führer zu wählen, die sie nach Ägypten zurückbringen sollten. Nur zwei Männer, Kaleb aus dem Stamm Juda und Joshua aus dem Stamm Efraim, behielten einen klaren Kopf. Sie redeten auf ihre Brüder und Schwestern ein, man könnte sagen, mit Engelszungen, um ihnen zu erklären, wie schön das Land sei, das sie erwartete. Und sie betonten, dass sie in der Gnade Gottes stünden, sich nicht fürchten müssten und auf trauen könnten, dass Gott sie beschützen und ihnen jederzeit beistehen würde. Die beiden waren so fest überzeugt von der göttlichen Gunst, die sie umgab, dass sie sofort von Gott selbst unterstützt wurden. Er erschien dem Volk in seiner Gesamtheit und sprach zu ihnen: „Wie lange trotzt dieses Volk noch, wie lange noch wollen sie nicht an mich glauben, trotz all der Zeichen, die ich mitten unter ihnen vollbracht habe? Ich will sie [deine Feinde] mit der Pest schlagen und vertreiben; aber dich will ich zu einem Volk machen, das grösser und mächtiger ist als dieses.“ Selbst Moses wird jetzt unsicher und fleht Gott an: „Verzeih also diesem Volk seine Sünde nach deiner grossen Huld, wie du diesem Volk auch schon bisher vergeben hast, von Ägypten bis hierher.“ Aber in dieser Sekunde der Vergebung beschliesst Gott auch, einen dramatischen Entschluss zu fassen. Keiner von denen, die aus Ägypten geflohen sind, werden das versprochene Land erreichen. Sie werden alle zuvor sterben. Das ist die Strafe, dass sie sich immer wieder gegen ihn aufgelehnt und ihn verachtet haben. Nur Kaleb und Joshua, die beiden treuen Botschafter, werden das Land erreichen. Vierzig Jahre müssen sie in der Wüste herumwandern, bis sicher ist, dass keiner der ersten Generation mehr lebt. Die Kundschafter, die falsche Botschaften verbreitet hatten, starben in diesem Moment.
In diesem Wochenabschnitt geht es um Glauben und Vertrauen. Ist es nicht so, dass man ohne Vertrauen nicht glauben und ohne Glauben nicht vertrauen kann? Sind es also nicht zwei dicht miteinander verwobene Begriffe? Schauen wir etwas genauer hin. Glauben kann man an Wunder. Als Moses auf den brennenden Dornbusch trifft, der hellauf brennt, ohne zu verbrennen, so ist das ein Wunder. Als er den Berg mit seinem Stab um Wasser bittet, was dieser auch prompt spendet, so ist das ein Wunder. Sogar, als sich das Schilfmeer teilt, um die Israeliten queren zu lassen, so kann man von einem Wunder sprechen. Dass wir das so sehen dürfen, ist Ausdruck unseres teilweise naiven Glaubens. An etwas zu glauben, was wir nicht nachvollziehen und nicht verstehen können. Etymologisch betrachtet hängt das Wort „glauben“ mit „geloben“ zusammen. In seinem Werk „Etymologisches Wörterbuch des Deutschen“ beschreibt der Autor Wolfgang Pfeifer (1922 – 2020) den Zusammenhang und betont auch die Möglichkeit in der Religion „glauben“ und „vertrauen“ gleichsetzen zu dürfen. Wir dürfen auch einmal, ohne uns in der talmudischen Tradition des Analysierens und Diskutierens zu verlieren, einfach an alle diese Wundertaten Gottes glauben und ihm vertrauen, dass er nur unser Bestes will.
So, wie es Maimonides im ersten seiner 13 Glaubensgrundsätze schreibt: „Ich glaube in ganzem Glauben, dass der Schöpfer, gelobt sei sein Name, jegliche Kreatur schafft und lenkt und dass er allein der Urheber all dessen ist, was geschah, geschieht und geschehen wird.“
Glauben, ohne zu diskutieren, ohne in Frage zu stellen, das ist vielleicht zu viel verlangt. Aber vertrauen, hoffen, nahezu sicher sein, das dürfen wir.
Shabbat Shalom!
Kategorien:Religion
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