If I were a rich man ….

28. Tammus 5783

Erinnert ihr euch? 

In den Herbstferien 1968 habe ich im Operettenhaus auf der Reeperbahn in Hamburg «Anatevka» mit dem wunderbaren Shmuel Rodensky gesehen. Am 10. Dezember 1904 in Smorgon, Wilna, damals russisches Kaiserreich, geboren, wanderte er 1924 nach Palästina aus und studierte am Eretz Theater in Tel Aviv Schauspiel. 1968 ging er nach Hamburg, um dort die deutschsprachige Version des Erfolgsmusicals „Fiddler on the roof“ auf die Bühne zu bringen. Mehr als 1.400 Aufführungen gab es in Deutschland und in der Schweiz. In Israel löste ihn der leider auch kürzlich verstorbene Chajim Topol (1935 bis 2023) ab. Gestern jährte sich sein 34. Todestag.

Am Abend des 4. September 1972 besuchten Mitglieder des israelischen Olympiateams eine Aufführung „Anatevka“ im Deutschen Theater in München. Nur wenige Stunden später wurden elf Israelis Opfer eines grausamen palästinensischen Terrorangriffs im Olympischen Dorf.

Tevye der Milchmann ist ein frommer Mann, der ganz in der Tradition des Stetl-Judentums lebt und für den seine Familie alles ist. Aber er ist arm, so wie alle in dem kleinen Dorf Anatevka. Tevye träumt von einem kleinen Vermögen, das ihm sein Leben einfacher machen könnte. «Bräucht’ ich nicht zur Arbeit…» Vielleicht hätte er im kleinen Stübele die Torah studieren, vielleicht sich aber auch auf seinem Reichtum einfach nur ausruhen wollen, wir erfahren es nicht. 

Die ultra-orthodoxen Männer in Israel machen es sich da schon leichter. Gestern wurde ein Bericht im Sender «Kan» ausgestrahlt, in dem sich Vertreter von Shas und United Torah Judaism beschweren, der im Mai verabschiedete Staatshaushalt beinhalte nicht das ihnen versprochene Budget. Sie wollen, dass nun nachgebessert wird. 

PM Netanyahu ist auf den Goodwill und die Stimmen seiner ultra-orthodoxen Koalitionspartner angewiesen. Ohne sie, die immerhin über 19 Stimmen seiner 64 Stimmen starken Koalition verfügen, verliert er nicht nur die Mehrheit der 120 Stimmen, sondern fällt sogar unter die Zahl der Opposition zurück. Das wäre das Ende seiner Karriere und das endgültige Aus für den bedrängten PM. 

Deshalb ist er wieder einmal erpressbar geworden und muss das Unmögliche möglich machen. 100 Millionen Schekel muss er nun aus dem Zauberhut ziehen. Damit soll es den ultra-orthodoxen arbeits- und militärscheuen Männern ermöglicht werden, weithin als Vollzeit-Studenten nichts anderes zu tun, als sich dem Studium der frommen Schriften zu widmen. Nebst Rauchen und Kinder zeugen……

Doch woher nehmen und nicht stehlen? Es scheint nur eine Möglichkeit zu geben: Eine pauschalierte Kürzung aller Budgetposten. Damit wird wohl niemand glücklich sein, es gab in vielen Ministerien schon Unmutsäusserungen im Vorfeld.

Oppositionsführer Yair Lapid bemerkte gegenüber «Kan»: «Sie haben das Geld israelischer Bürger genutzt, um ein politisches Problem zu lösen. Wenn diese Gelder überwiesen werden, werden sie jemand anderem weggenommen.» Falls Lapid mit seiner Klage Recht haben sollte, dann ist das ein unglaublicher Skandal. Er behauptet, dass Geld wäre aus Fonds entnommen worden, die dafür vorgesehen gewesen waren, Kindern mit besonderen Bedürfnissen und ihren Eltern das Leben zu erleichtern. «Das ist schon keine Korruption mehr – es ist schreckliche und unethische Kaltherzigkeit»

Der ehemalige Finanzminister Avigdor Liberman hielt fest: «Die Erpressung durch die Haredi-Parteien hört nicht auf. Und wer wird dafür bezahlen? Die „Anarchisten“, die in der Armee dienen, leisten Reservearbeit und zahlen Steuern.»

Damit hat er zweifelsfrei Recht, die Koalition verurteilt und verteufelt diejenigen, die in den vergangenen Wochen zu Hunderttausenden auf die Strasse gingen und weiter gehen werden. Sie beschimpft sie als Linke, Anarchisten, Parasiten …. aber zum Zahlen von Steuern und zur Abdeckung von weiteren, nicht vorhandenen Budgetgeldern sind sie offenbar gut genug! Für die Ultra-Orthodoxen sind Soldaten, Steuerzahler und Demokraten nichts anderes als nützliche Idioten!

Derzeit umfasst das spezielle Budget für die verheirateten, nach religiöser Perfektion strebenden Dauerstudenten 3.7 Milliarden Schekel für Stipendien, 1.2 Milliarden für Schulen, die nicht nach dem staatlichen Curriculum unterrichten und von keinerlei allgemeinem Nutzen für die Schüler sind. Weitere 250 Millionen Schekel sind nicht gebunden und können entweder von den Jeschiwa-Studenten oder ultra-orthodoxen Schulen verwendet werden. 

Finanzminister Bezalel Smotrich hat seine Unterstützung für diese Budgetänderung zugesagt. Kein Problem für ihn, der keinerlei Ahnung und Interesse an wirtschaftlichen Belangen hat. 

© Guy Morad, screenshot facebook

Experten befürchten, dass das Brutto-Inlands-Produkt mit diesen Shticks n’ Tricks nachhaltig gestört werden könnte. Aber was interessiert das den nur an seinen eigenen Vorteilen interessierten «Politiker», er hat ja schon alles erhalten, was er wollte. 



Kategorien:Israel

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