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Im Jahr 1989 waren es Hunderttausende Bürger der damaligen DDR, die es mit ihren friedlichen Demonstrationen schafften, die grösste politische Veränderungen nach dem Krieg herbeizuführen.
Seit 1982 gibt es die Montagsgebete in Leipzig. Die Nikolaikirche wird zum Ort des ersten organisierten Widerstandes gegen ein menschenfeindliches, brutales Regime. Pfarrer Wonneberger wird zum Gesicht des Widerstandes. Seit 1979 engagiert er sich nicht nur für Wehrdienstverweigerer, sondern findet seinen Platz in der Opposition. Der Politik gelingt es trotz scharfen Disziplinarverfahren gegen ihn nicht, ihn zum Aufgeben zu zwingen. Im Gegenteil. 1986 gründet er die Gruppe «Menschenrechte», die Verletzungen der Menschenrechte im ganzen Ostblock aufdeckt und anprangert. 1988 knickt die Kirchenleitung ein und verbietet die politischen Inhalte der Friedensgebete. 1989 wird dieses Verbot jedoch zurückgenommen.

Ein letztes Aufbäumen der Politik gegen den Druck der Menschen ist die Fälschung der Kommunalwahlen am 7. Mai 1989. «Zettelfalten statt wählen», das war die Devise. Man nahm den Wahlzettel entgegen, faltete ihn einmal und warf ihn in die Wahlurne. Wer in die Wahlkabine ging, wurde fortan von der Stasi beäugt. Wer nicht zur Wahl ging, der wurde daheim besucht. 99% war in der Regel das Wahlergebnis. In den Nachbarländern herrschte bereits politisches Tauwetter. Michail Gorbatschow warb für «Glasnost und Perestroika». In Polen gab es Gespräche zwischen der verbotenen Untergrund-Gewerkschaft-Solidarność und der kommunistischen Führung.

Am kommenden Tag riegelte die Polizei die Nikolaikirche ab. Aus den Friedensgebeten wurden die Montagsgebete.
Am 4. September 1989 gab es die erste Montagsdemonstration in Leipzig. In der ersten Woche bleibt noch alles ruhig. Die Polizei wird wohl zurückgehalten. Westliche Medien sind dabei und beobachten. Am Anfang waren es nur wenige Demonstranten, die vor der Kirche mit Plakaten für Reisefreiheit demonstrierten. Nur eine Woche später hat die Politik ihre Schläger von der Leine gelassen. 89 Personen werden festgenommen, 19 werden zu langen Haftstrafen und hohen Geldstrafen verurteilt. Es sind hauptsächlich junge Erwachsene, die sich aus den Fesseln der Politik befreien wollen.

Bald sind es nicht mehr nur die Ausreisewilligen, die auf die Strassen gehen. Es sind jetzt hauptsächlich Oppositionelle, die sich auflehnen. «Wir bleiben hier!» Es sind die, die bleiben wollen, aber in einem anderen, demokratischen und freien Land.
Am 9. Oktober sind es etwa 70.000 Menschen, die allein in Leipzig demonstrieren. Der gefürchtete Militäreinsatz bleibt aus, alles bleibt ruhig. Polizei und Militär scheinen zu resignieren und ziehen sich zurück. Die Demonstrationen finden nun auch in anderen Städten und an anderen Tagen statt. Ein Stasi-Offizier gibt zu Protokoll: «Noch nie sah man in der DDR so viele Menschen mit einer so eindeutigen Ausrichtung gegen das Herrschaftssystem.“
Die Leipziger Montagsdemonstrationen sind zu Recht zu einem Synonym für den Aufstand eines Volkes gegen seine Regierung geworden. Ihr Ruf „Wir sind das Volk!“ wird zum wichtigsten Slogan der Revolution – bis er im November 1989 nach dem Fall der Mauer durch den Ruf „Wir sind ein Volk!“ abgelöst wird.
Die Revolution der Füsse hat friedlich einen niemals zuvor dagewesenen Sieg errungen.
Und jetzt Israel.
Die Ähnlichkeiten sind nicht zufällig!
Unser Wunsch ist die Erfüllung des Traumes, für den Generationen von Israelis, von Juden, Muslims, Christen, Drusen, Tscherkessen, Bah’ai, Domari und Beduinen gekämpft haben. Um Israel zu einem blühenden, demokratischen, selbstbewussten und freien Land zu machen. Zu einem liebenswerten Land, für das es sich jetzt, wo es gefährdet ist, lohnt, zu kämpfen.
«Wir haben nur dieses eine Land!» אין לי ארץ אחרת
Seit Monaten gärt es im Land. Netanyahu verbreitet notorisch Lügen, wann und wo immer er Erklärungen abgibt. Die Abschaffung der Gewaltenteilung, die Kastration der Rechte der Justiz, die Willkür der Politik – alles wird die Demokratie Israels stärken, ja sogar retten. Das ist sein Credo, das ist die Rechtfertigung für seine rechtsextrem-nationalistisch-faschistische Regierung. Der Regierung, die nicht regiert, sondern nur mit dem Erreichen der eigenen Ziele beschäftigt ist.
Ich frage mich, was hat er selbst denn in seinen Regierungszeiten von Juni 1996 bis Juli 1999, und von März 2009 bis Juni 2021 für den Erhalt und die Stärkung der Demokratie geleistet? Egal, wie man es auch betrachtet, in den 17 Monaten, in denen die erfolgreiche Regierung Bennett/Lapid aktiv war, ist nichts passiert, um eine bis dahin stabile Rechtslage zu destabilisieren.
Netanyahu verhält sich wie der Rattenfänger von Hameln, laut trillernd und pfeifend, Zuckerstangen austeilend macht er Werbung für seine Politik. Eine «vollwertige rechte Regierung» versprach er seinen gläubigen Anhängern, die nicht wussten, was sie erwartete.
Sobald er zu allen sich ihm bietenden Gelegenheiten vor die Kameras trat, quollen Lügen aus seinem zu einem sardonischen Grinsen verzogenen Gesicht: «Die Mehrheit der Bürger hat uns gewählt!» Falsch, bei einer 70%-igen Wahlbeteiligung errang der Likud 23 von 120 Sitzen, die Koalition kam auf 48%. Das ist keine Mehrheit.
Seit Jahren ist er persönlich mit vier Rechtsfällen konfrontiert. Es geht um Korruption, Bestechung, Amtsmissbrauch, Annahme von geldwerten Geschenken und Veruntreuung … Obwohl die Beweislage immer drückender wird, behauptet er nach wie vor, dass er sich keiner Straftat bewusst sei, unschuldig sei und Opfer einer Hexenjagd gegen ihn. Er muss panische Angst davor haben, wie sein Amtsvorgänger Ehud Olmert rechtskräftig verurteilt zu werden.
Grund genug, seine Seele an politisch rechtsextrem-nationalistisch-faschistische Neo -Politiker zu verkaufen. Ihnen alles zu gewähren, was sie zum Erreichen ihrer eigenen Ziele fordern: Mehr Geld, mehr Macht, weitreichende Kompetenzen in Gebieten, von denen sie keine Ahnung haben. Die Namen sind bekannt, Smotrich und Ben-Gvir, die das ultra-rechte Lager vertreten. Dazu die ultra-religiösen Schwarzkittel, die für ihre arbeitsscheuen Dauerstudenten viel Geld brauchen und es auch bekommen. Nicht zu vergessen der LGBTQ – feindliche Fanatiker, der die Erziehung und Bildung unserer kommenden Generation fernhalten will, damit sie Gott behüte, nicht lebensfähig werden, sondern einer nur ihm bekannten jüdischen Identität nachstolpern. Allen voran natürlich die beiden treibenden Kräfte, die die Justiz, die ihren Namen verdient, am liebsten ganz abschaffen wollen, Levin und Rothman. Und wer von seinen Kumpanen keinen Minister- oder Vizeministerposten ergaunert hat, der profiliert sich als Schreihals, Demagoge, Verleumder und manchmal auch als Prügler, wenn es darum geht, einen Kritiker aus dem Raum zu werfen.
Zu Beginn verhielten die Bürger sich noch ruhig.
Vielleicht war es eine Art Schockstarre. Die Geister, die sie gerufen hatten, wurden sie nicht mehr los.
Und dann wurden es wöchentlich mehr, die auf die Strassen gingen. Erst nur in Tel Aviv, dann an bis zu 180 Orten in ganz Israel.
Zuerst waren es nur die Samstagsdemonstrationen, die vermehrt von der Polizei, aufgestachelt von Ben-Gvir, gewalttätig gestört wurden. Zuerst verlief alles friedlich, dann gab es Festnahmen, und es gab Verletzte, durch PKWs, die einfach in die Menge rasten, durch Polizeipferde, die von ihren Reitern gezwungen wurden, mehrfach über die am Boden liegenden Menschen hinweg zu trampeln, durch Wasserwerfer, die direkt auf die Augen gerichtet wurden.
Es folgten die Demonstration am Dienstag, dem Tag, an dem jeweils die grossen Abstimmungen in der Knesset stattfinden. Zuletzt waren 400.000 (!) Menschen auf der Strasse.
Nach der letzten grossen Demo am vergangenen Dienstag machten sich die Menschen auf den Weg von Tel Aviv nach Jerusalem. 60 Kilometer durch die glühende Hitze, die auch Israel in der vergangenen Woche getroffen hat. Bis zu 40°C stiegen die Temperaturen an.
Gestern, am Samstag, erreichte die Menge wie geplant Jerusalem. Hinter ihnen liegt ein langer, mühsamer Weg. Um der ärgsten Hitze zu entgehen, sind sie nur am frühen Morgen und am späten Nachmittag gelaufen, während der Hitze haben sie irgendwo minimalen Schatten gesucht. Die Nächte verbrachten sie in einfachen Zeltlagern entlang der Strasse. Alles war genau geplant, auch eine einfache Verpflegung war sichergestellt.

Manche kamen für einen Tag, manche liefen die ganze Strecke mit. Mehr als 10.000 waren es immer, gestern, am Samstag, wurden sogar 20.000 Teilnehmer geschätzt, die nach Jerusalem liefen. Bei den Teilnehmern waren Familien, Singles, Rollstuhlfahrer, ein Mann mit Krücken, Rollatoren. Man versuchte, die vielbefahrene Schnellstrasse Nr. 1 von Tel Aviv bis Jerusalem zu meiden. Wenn sich das nicht machen liess, lief der Demonstrationszug in geordneten 10-er Reihen. Die Polizei musste sich nicht bemühen, eine Fahrspur offen zu halten, die Demonstranten hielten sich daran, keine Provokationen aufkommen zu lassen. Es war ein Meer von unendlich vielen blau-weissen Fahnen, dass sich hinauf nach Jerusalem schlängelte.


Es sind nicht nur die einfachen Menschen, die ihre geliebte Heimat vor einem Kollaps der Demokratie und Freiheit beschützen wollen.
Vertreter des Militärs, Veteranen von Militär und Geheimdienst, Ärzte, Gewerkschafter, sind inzwischen aufgewacht und haben den friedlichen Kampf gegen den Untergang der Demokratie aufgenommen. Mehr als 10.000 freiwillige (!) Reservisten der IDF haben angekündigt, nicht mehr an den regelmässigen Trainingseinheiten der IDF teilzunehmen. Ein schwerer Schlag für die Sicherheit unseres vulnerablen Landes, das umgeben ist von Feinden. Gestern haben zusätzlich etwa 500 aktive Reservisten ihr Fernbleiben vom Dienst angekündigt. Ihnen drohen strafrechtliche Folgen, die sie in Kauf nehmen. Sie reichen von Freistellung über unehrenhafte Entlassung bis zu Gefängnisstrafen. Sie machen ausschliesslich PM Netanyahu verantwortlich für das, was derzeit in Israel geschieht. «Du und nur du bist verantwortlich, dass die Regierung uns gebrochen hat. Wir werden nicht in einer Diktatur dienen.»
Unterhalb der Knesset haben die Demonstranten ein Zeltdorf errichtet. Heute am frühen Morgen haben Zigtausende sich an der Kotel und auf dem Platz davor zum gemeinsamen Morgengebet versammelt. Nach dem Gebet begann sich eine Menschenkette von der Kotel bis zur Knesset zu bilden, weitere Menschenketten werden von zwei Standorten der Hebrew University zur Knesset laufen.

Dürfen wir ein zweites Wunder, wie es Ende der 1990 Jahr im Ostblock geschah, auch in Israel erwarten?
אין לי ארץ אחרת – עַם יִשְׂרָאֵל חַי
Kategorien:Aus aller Welt, Israel, Politik
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