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24./25. Aw 5783 11./12. August 2023
Shabbateingang in Jerusalem: 18:47
Shabbatausgang in Jerusalem: 20:05
Shabbateingang in Zürich: 20:27
Shabbatausgang in Zürich: 21:35
Shabbateingang in Wien: 19:58
Shabbatausgang in Wien: 21:07

In der Torah haben wir die Gebote und Verbote gehört, die Gott uns gegeben hat. Immer wieder hiess es da: «Wenn du das und das tust, dann wirst du …» Erst vor zwei Wochen haben wir gelesen: «Wenn du Vater und Mutter ehrst, dann wirst du lange leben!» Unser Verhalten begründet die Folgen unseres Tuns. Wir selbst und nur wir sind verantwortlich für das, was unser Leben bestimmt. Ob es Erfolg, Glück und Gesundheit sind, die uns das Leben relativ leicht machen, oder ob es ein ständiger, zermürbender Kampf ist. Natürlich gibt es Ausnahmen.
Erst jetzt, am Ende seines langen und teilweise mühsamen Lebens, das geprägt ist von Lebenserfahrung, ist Moses nicht mehr das Sprachrohr Gottes. Er darf dem Volk Israel noch einmal zusammenfassen, was er während der 40 Jahre gehört und weitergegeben hat. Jetzt lässt er die Folgen offen, die uns treffen, wenn wir uns nicht an die Gebote Gottes halten. Er entlässt uns sozusagen in die Eigenverantwortung.
Wir werden heute mit einer für uns noch nicht bekannten Vorschrift konfrontiert, die uns auffordert, Heiligtümer, Statuen und Altäre anderer Religionen zu zerstören? Ist das wirklich im Wortsinn so zu verstehen?
Taliban zerstörten die uralten Buddhastatuen in Bamiyan. IS-Terroristen zerstörten die Tempelanlage von Palmyra. Araber legten Feuer in der Kirche von Taphga am Kinnereth. Das Josephsgrab in Nablus wurde mehrfach geschändet. Jüdische Friedhöfe sind weltweit immer wieder das Opfer von blinder Zerstörungswut. Davon, dass Juden religiöse Stätten anderer Religionen in der Neuzeit geschändet oder zerstört haben, habe ich noch nie gelesen.
Vielleicht liegt das auch daran, dass das kollektive Unterbewusste immer noch traumatisiert ist von den Folgen der zweimaligen Zerstörung des Tempels in Jerusalem. Zweimal verloren wir unsere Heimat. Einmal, als die Oberschicht der Israeliten nach Babylon verschleppt wurde und dort für hundert Jahre im Exil lebte. Auch dann, als sie wieder heimkehren konnten, blieb ein Teil der Exilanten dort und legte den Grundstein zu einer reichen jüdischen Kultur. Eli Amir, geboren 1937, beschreibt in seinem Buch «Der Taubenzüchter von Bagdad» die Stadt, die immer sein Sehnsuchtsort blieb, auch als er mit 13 Jahren mit seinem Vater nach Jerusalem zog. Er hat die Pogrome von 1941 gegen die jüdische Bevölkerung erlebt, die Angst, die Unsicherheit. Ein Zitat «Juden wie Muslims müssen lernen, dass Kompromisse keine Zeichen von Schwäche sind» könnte in diesen unruhigen Zeiten in Israel und weltweit vielleicht ein Denkanstoss für jeden einzelnen, nicht nur für jeden Politiker sein.
Als der zweite Tempel zerstört wurde, wurden wir in alle Welt hinaus vertrieben. Neben unserer Heimat verloren wir auch unsere kollektive Identität. Die Diaspora gipfelte in der Shoa, der Verfolgung, Ausgrenzung und Ermordung durch die Nazischergen und ihre Kollaborateure weltweit. Mehr als sechs Millionen Juden verloren ihr Leben in dieser dunkelsten Zeit der europäischen Geschichte. Unsere neue Heimat fanden wir, so schien es, mit der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948. Nach wie vor müssen wir dort um unsere Sicherheit kämpfen. Die uns umgebenden Völker bedrohen uns nach wie vor, sie wollen unsere Existenz zerstören und uns vertreiben.
Wir haben gelernt, was ständige Bedrohungen und Qual mit Menschen machen. Wir haben auch gelernt, dass Morden aus Hass nie eine Lösung von Problemen ist. Dass wir andere Lösungen finden müssen.
Wir befinden uns nicht mehr in der oft lebensbedrohenden Wüste.
Nehmen wir uns Zeit, bevor wir andere Heiligtümer, Statuen und Altäre, sei es im Wortsinn oder symbolisch angreifen und zerstören. «Juden wie Muslims müssen lernen, dass Kompromisse keine Zeichen von Schwäche sind».
Shabbat Shalom!
Kategorien:Religion
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