Archäologisches aus Israel – Teil II: Tel Shimron 

3. Elul 5783

Tel Shimron liegt inmitten der Jezreel-Ebene auf halbem Weg zwischen Nazereth und Jokne’am. Im ersten Buch Moses 46:13 wird der Name Shimron als Sohn des Issachar, dem neunten der zwölf Söhne Jakobs genannt. Die Mutter von Issachar war Lea.

Dem Stamm Issachars war das Gebiet der Jezreel-Ebene als Erbland zugeteilt worden. Nachdem das Land 722 BCE von den Assyrern erobert worden war, verschwand der Stamm und gilt seither als einer der «zehn verlorenen Stämme Israels».

Aufgrund seiner geografischen Lage zwischen dem Hügelland um Nazereth, dem Jezreeel Tal, dem Carmel Gebirge und der Ebene rund um Akko entwickelte Shimron sich früh zu einem wichtigen Handelsknotenpunkt. 

70 m hoch erhebt sich der nahezu kreisrunde Tel über die Jezreel Ebene. Warum die Bewohner vor nahezu 3.800 Jahren die Spitze mit einer gewaltigen Abdeckung versahen, wird wohl immer im Nebel der Geschichte bleiben. 5 m hoch wölbt sie sich über die Ruinen. Derzeit wollen die Archäologen diesen Teil der Grabungsstätte nicht untersuchen und haben ihn abgesichert. Dass es sich hier um eine besondere Art der Ausgrabung handelt, wurde klar, als die Archäologen feststellen mussten, dass die oberste Schicht nicht zu den gewachsenen Strukturen gehörte, sondern eine künstlich geschaffene Schicht darstellt.

Mehr als 9.000 Ziegel bilden eine Art Turm mit Durchgang zur Stadt. Eine spezielle Bauweise, die für das Dach angewendet wurde, war in Mesopotamien vor 3.800 Jahren weit verbreitet. Die Bauherren von damals hatten einen Sinn für Ästhetik: Zwischen den Ziegeln dient eine dünne Schicht aus weisser Kreide ausschliesslich der Dekoration und nicht der Stabilisierung.

«Normalerweise finden wir nur Mauerreste und ihre Fundamente. Hier haben wir es mit einem riesigen Bauwerk zu tun, das zur Zeit des Mittleren Bronzealters auf der Spitze dieser riesigen Stadt errichtet wurde.»zeigt sich Prof. Daniel Master vom Wheaton College begeistert. 

Dass die ganze Struktur so gut erhalten ist, lässt sich darauf zurückführen, dass die Leerräume schon früh aufgefüllt und nicht benutzt wurden. Dennoch ist sie so delikat, dass sie aller Wahrscheinlichkeit nach nie der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen wird.

1982 begannen die ersten Untersuchungen des Gebietes durch die Israelische Antiquitätenbehörde. Einige Gräber aus der Mittleren Bronzezeit II (2000 bis 1550 BCE) wurden dabei entdeckt, es gab aber auch schon Hinweise auf eine Besiedlung im Neolithicum (11500 bis 6500 BCE), dem Ende des Steinzeitalters. Nachfolgend wurden Vorbereitungs-Grabungen in den Jahren 2004, 2008 und 2010 durchgeführt, um die Grabungsstätte zu schützen und die Umgebung mit notwendigen Infrastrukturen, wie Strom, Wasser und Beleuchtung auszustatten. 

Im Jahr 2016 begannen die eigentlichen Grabungen. In den obersten Schichten wurden hauptsächlich Überreste der mittleren Bronzezeit gefunden. Durchgeführte Magnet-Bodenradar Messungen ergaben jedoch, dass sich in den inneren Schichten des «Tels» (Siedlungs-Hügel), der durch wiederholte Besiedlungen auf der gleichen Stelle entstanden war, weitere, weitaus ältere Schichten befanden. Diese Entdeckung führte zu den nachfolgenden Ausgrabungsarbeiten in den Jahren 2017 und 2019.

Bei diesen Grabungen wurden neben Funden aus der Mittleren Bronzezeit auch Artefakte aus der Eisenzeit sowie der Zeit der Perser, Hellenen und Römer freigelegt.

2021 und 2023 wurden die Arbeiten fortgesetzt.

Shimron hatte seine grösste Ausdehnung von etwa 0.5 km2 wohl in der Mittleren Bronzezeit. Sogenannte Ächtungstexte aus der Zeit des Mittleren Reiches in Ägypten (etwa 2137 bis 1781 BCE), meist auf Tonscherben oder später auch auf einfache Figuren geschrieben, richteten sich in der Regel gegen Feinde. Die Belege aus dem Mittleren Reich finden sich oftmals in kanaanäischen Städten, hier auch in Shimron. Das Vorhandensein dieser Artefakte deutet ebenfalls darauf hin, dass Shimron sich während der Mittleren Bronzezeit mehr und mehr zu einem bedeutenden internationalen Handelsplatz entwickelte. 

Wohnhäuser und metallverarbeitende Handwerksbetriebe zeugen von einer hochstehend entwickelten Siedlung mit durchaus urbanem Charakter.  

In der Späten Bronzezeit (1200 bis 950 BCE) geriet Shimron vermehrt unter hellenistischen Einfluss. König Šum-Hadda, so wird es in den Amarna-Briefen „an die südlichen Vasallen“ belegt, war ein Vasall des ägyptischen Pharaos. Diese Briefe, die auf Tontafeln geschrieben sind, waren 1887 zunächst der Zufallsfund von schatzsuchenden Fellachen oder Bauern, die nach kalkhaltigem Mergel zur Düngung ihrer Felder suchten. 1891/1892 wurden systematische Grabungen im Gebiet östlich des Nils 300 km südlich von Kairo durchgeführt. Die Texte sind überwiegend in Keilschrift geschrieben. Neben der altbabylonischen Sprache findet man auch kanaanäische Einflüsse.

Unter König Šum-Hadda‘s Herrschaft wurden die nahegelegenen ägyptischen Garnisonen mit Getreide von Shimron versorgt.

Aus dem Eisenzeitalter (etwa 950 bis 330 BCE) gibt es nur wenige Funde. Möglicherweise wurde der Ort im 8. Jahrhundert BCE vom assyrischen König Tiglath Pieleser III. zerstört. Entsprechende Hinweise finden sich leider nur in grossteils fragmentierten Texten. Belegt ist jedenfalls, dass während seiner Regentschaft grossangelegte Deportationen aus dem Gebiet stattfanden. Shimron wurde nahezu entvölkert. Ein aus der persischen Periode stammendes Haus, welches 2004 ausgegraben wurde, ist so angelegt, dass es möglichweise als eine Art von Verwaltungsgebäude gedient haben könnte. Das wiederum lässt darauf schliessen, dass Shimron nur mehr eine administrative Rolle in der Region gespielt hat. 

Funde aus der hellenistischen Zeit deuten auf eine intensive Besiedlung hin. Bei Grabungen auf der Westseite des Ortes wurden zahlreiche Münzen freigelegt, die auf die Regierungszeit von Antiochus III. datiert werden können. Antiochus III. war von 223 bis 187 Selukidenkönig. Nachdem spätere Münzfunde fehlen, muss man davon ausgehen, dass die Siedlung aufgegeben wurde.

Josefus Flavius, der grosse jüdisch-römische Historiker schreibt von einer grossen Schlacht im Jahr 66 CE, bei der jüdische Rebellen und Römer aufeinanderprallten. Die einen wollten den Ort verteidigen, die anderen versuchten, ihn einzunehmen. Die Römer, so die Geschichtsschreibung, mussten aufgeben. 

Möglicherweise wurde Shimron, in einigen Schriften auch als Simonia bezeichnet, Teil des Umfelds des benachbarten Zipporis. Zumindest legen das Ausgrabungen von Strassen- und Mauerresten nahe, die 2004 entlang der Verbindungsroute zwischen den beiden Orten freigelegt wurden.

2017 wurden schliesslich zwei Häuser im typischen regionalen Baustil des 1. bis 3. Jahrhunderts CE freigelegt. Sie wiesen Eingangshöfe und Mauern mit Fenstern auf. In einem Haus wurde ein jüdisches Ritualbad, eine Mikwe gefunden. 

Im Jahr 2024 werden die Grabungsarbeiten fortgesetzt. 



Kategorien:Israel

Schlagwörter:

Hinterlasse einen Kommentar