20. Elul 5783

Wir schreiben ein kommendes Jahr.
Begonnen hatte alles damals, im Sommer 2023, als ein ungewöhnlich glücklich und aufgeräumt aussehender PM in Zypern landete. Statt wie sonst nur kurzatmige drei-Wort-Kommentare zu gewähren, plauderte er angeregt mit den Journalisten auf dem Rollfeld und in der Maschine. Und sogar Sara gelang es, etwas auf ihr Gesicht zu zaubern, das weniger nach Miss Piggy vor der Maske aussah.
Den Online-Zeitungen war es eine Eilmeldung wert: «Er ist so gut aufgelegt wie selten!» In Malls, Bahnen, Tankstellen und am Flughafen lag eine Extraausgabe der Gratiszeitungen aus. Auf dem Titelbild ein lächelnder, kein sardonisch grinsender, sondern ein lächelnder PM. Fast schon so gütig wie ein Landesvater!
Die Bürger und das ganze Land atmeten auf. Die Gefahr schien gebannt. Reisende, die sich schon auf dem Weg zum Flughafen befanden, kehrten um. Die Notwendigkeit, das Land zu verlassen, war nicht mehr gegeben.
Dachte man, hoffte man! Es war, als sei ein Schalter umgelegt worden.
Würde es nun wieder so wie früher werden? Wären die schlimmen Jahre nun endlich vorbei, in denen die Demokratie des Landes auf dem Spiel stand?
Man ging wieder unbesorgt wie eh und je dem normalen Alltag nach. Man ging oder fuhr zur Arbeit und genoss die Wochenenden am Strand oder mit Freunden und der Familie. Kinder gingen in die Schule und freuten sich über jeden Gast, der über ein spannendes Thema, das nicht im Lehrplan stand, referierte.
Es war fast so wie früher, als von Freitag bis Sonntag an allen Stränden ein lebhaftes Treiben herrschte. Als der Geruch von frisch gegrilltem Lamm wunderbar mit dem von Pitot, gefüllt mit Falafel und Tehina, Zwiebeln und anderen Köstlichkeiten harmonierte. Als man überall ein freundliche «Shalom!» hörte, das mit einem ebenso freundlichen «Salam!» beantwortet wurde. Autos mit gelben Nummerntafeln standen neben denen, die ein blaues Kennzeichen trugen. Die Caféhäuser am Strand von Gaza waren voll, wer ein Problem mit dem Auto hatte, brachte es dort zu einem «Garag’nik». Dort wurde das Problem schnell, effizient und kostengünstig behoben.
Wer religiös war, besuchte seine Synagoge. Mit Frau und Kindern, oder allein, ganz wie es der Brauch in der Familie war. Freunde und Familie kamen zum gemeinsamen Essen. Natürlich kamen sie zu Fuss, etwas anderes wäre ihnen nie in den Sinn gekommen. Natürlich schränkte das den Radius der Besuchsmöglichkeiten ein. Aber wir lebten ja nicht in den USA, wo jeder am Shabbat mit dem Auto fährt.
Man hatte darüber nachgedacht, das neue Tram, das vollautomatisch fährt und in dem der Fahrer nur eine überwachende Funktion hat, auch am Shabbat und an den Feiertagen fahren zu lassen. Vielleicht hätte das sogar geklappt. Ebenso, wie in den Hochhäusern und Hotels die Shabbatlifte laufen. Vollautomatisch gesteuert, aber von einem Menschen in einer unsichtbaren Zentrale überwacht. Kein Mensch denkt sich seit Jahren etwas dabei. Und das leidige Problem mit den Tickets, auch das war schon fast gelöst gewesen. Computerlesbare Tickets in Form von Badges mit unterschiedlicher Gültigkeitsdauer hätte man auf Vorrat kaufen können. Beim Durchschreiten der Lichtschranke bei der Türe wäre es eingelesen worden. Oder noch besser, am Shabbat und an den Feiertagen sollte die Benutzung kostenlos sein.
Doch dann bekämpften die ultra-extrem-orthodoxen Männer diesen Vorschlag. Die Regierung schuldete ihnen noch einige Gefälligkeiten. Und so war der durchaus praktikable Vorschlag schnell wieder vom Tisch.
Also, der Shabbat musste weiter daheim verbracht werden, man las, man spielte UNO oder Mensch ärger dich nicht, oder, wenn es etwas intellektueller sein durfte, auch Schach. Und die Zahl der Kinder in diesen Haushalten stieg jährlich an …
In den Nachbarschaften schien damals alles noch so zu sein, wie man es gewohnt war. Bis auf einmal Häuser oder Wohnung leer standen. Hinterher erfuhr man, die Eigentümer seien zu einem Minimalpreis abgegolten worden, die Mietwohnungen entmietet. Die neuen Eigentümer der Liegenschaften waren die Gemeinden. Oder die Partei. Wie damals, als man die Juden enteignete….
Dann zogen Menschen ein, die man nicht kannte. Einzelpersonen, Paare oder Familien. Alles ganz unauffällig.
Dann geschah Seltsames. Unauffällige Fussgänger zogen am Freitag, Samstag und an den Feiertagen durch das Quartier. Niemand kannte sie. Sie blieben unter sich, grüssten zwar freundlich, blieben aber äusserst zurückhaltend. Manchmal schlug der Familienhund der alteingesessenen Bewohner mitten in der Nacht an. Die Kamera, die den Eingang zum Haus überwachte, zeigte, dass ein Fremder das Namensschild oder den Namen des Hauses fotografierte.
Immer häufiger flatterte wenige Tage später ein Brief ohne Absender ins Haus. Darin wurde aufgezählt, welche Übertretungen man sich geleistet habe: Grillnachmittag mit den Nachbarn, frisch gebrühter Café, es habe nach Zigaretten gerochen. Obwohl das alles zugegebenermassen stattgefunden hatte, so hatte man doch im gut abgeschirmten Patio gesessen, völlig uneinsehbar von aussen. Früher hatte man das aus Respekt vor den religiösen Nachbarn gemacht, jetzt aus Angst entdeckt zu werden.
Ach ja, das Fleisch, so hiess es weiter, sei aus dem Supermarkt gewesen, wo im Angebot auch das halachisch unzulässige «weisse Fleisch» sei, zum Grillen gerne in Form von Spareribs. Die Tatsache, dass der anonyme Beobachter selbst das herausgefunden hatte, konnte nur bedeuten, dass der Müll, sorgfältig verpackt in kleine Beutel, durchsucht worden war……
Erste Sanktionen wurden ausgesprochen. Geldstrafen, obligatorische Seminare, bei denen man die Halacha lernte, Nachschulungen der Kinder ausserhalb der regulären Unterrichtszeit, Sozialarbeit, …
Die Druckversionen der Zeitungen sind schon lange eingestellt worden. Die Online-Ausgaben können besser auf die schnell aufeinanderfolgenden Informationen reagieren. Regierungskritische Inhalte müssen mit dem Zusatz «genehmigt durch» gekennzeichnet werden.
Bis auf einen regierungstreuen und einen ultra-orthodoxen Sender mussten alle TV-Anstalten vom Netz gehen. Wer ausländische Sender, oder ein unzensiertes Internet über US-amerikanische Satelliten empfing, musste bald mit Besuch des Inlandsgeheimdienstes rechnen. Diesmal bereits erkennbar an der Armbinde.
Tatsächlich erinnerte bald nichts mehr an den ehemals freien und demokratischen Staat. Alles entsprach der Zeit der Nationalsozialisten, Kommunisten und Faschisten in Europa.
Damals, als der PM so glücklich aussah, musste etwas passiert sein. Hatte das etwas zu tun gehabt mit den politischen Turbulenzen, die damals das Land erschütterten? Hatte er nach erheblichen Zugeständnissen an seine immer mehr fordernden Koalitionspartner endlich erreicht, was er wollte? Wahrscheinlich, denn er konnte immer noch das Leben in Luxus und Freiheit geniessen. Selbstverständlich ohne jede Einschränkung.
Die Richter haben ihre Büros schon lange geräumt, sie haben sich auf eine Nachbarinsel ganz weit weg von der Politik geflüchtet. Dort arbeiten sie daran, eine Widerstandsbewegung aufzubauen. Die Massendemonstrationen vor der grossen Wende hatten nicht viel bewirkt.
Jetzt suchen sie, zusammen mit anderen Menschen, die in grösster Sorge um ihr Land und ihre Freiheit sind, nach neuen Ansätzen. Bis es soweit ist, wird es noch eine Zeit dauern. Aber es werden täglich mehr!
Sie werden nicht aufgeben!
Kategorien:Israel
Hinterlasse einen Kommentar