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Susan Pollack, eine der Mitbegründerinnen von FEJ (Friends of Ethiopia), ist derzeit stellvertretende Geschäftsführerin. Susan ist Menschenrechtsaktivistin, Programmdirektorin und Entwicklungsspezialistin, die sich seit 1981 für die äthiopisch-jüdische Gemeinschaft einsetzt. Von 1981 bis 1993 arbeitete Susan in Äthiopien, Sudan, Kenia und Israel für die Canadian Association for Ethiopian Jews (CAEJ) und für die American Association for Ethiopan Jews (AAEJ), wo sie während der schlimmsten Krisenjahre als Landesdirektorin tätig war. Anschliessend arbeitete Susan neun Jahre lang für das Jugenddorf Yemin Orde in Israel und förderte junge Äthiopisch-Israelis durch die anerkannten Bildungs- und Führungsprogramme. Susan hat einen Master-Abschluss in öffentlicher Verwaltung mit den Schwerpunkten Non-Profit-Verwaltung und Flüchtlingsangelegenheiten von der Harvard University. Sie lebt jetzt außerhalb von Washington DC.
Ich habe die faszinierende Geschichte von Susan Pollack in der Sommer Ausgabe von Lilith gelesen. Auf Grund meiner Verbundenheit zur äthiopischen Gemeinschaft in Haifa fand ich die Geschichte dieser Frau so interessant, dass ich sie hier beschreiben möchte.
Doch zunächst etwas zur Geschichte der äthiopischen Juden.
Juden leben in Äthiopien seit mehr als 3000 Jahren. Einer Legende nach hörte Königin Makeda von der unendlichen Weisheit König Salomons und reiste nach Jerusalem, um ihn zu besuchen. Beeindruckt von seiner Weisheit gelobte sie, fortan nicht mehr die Sonne, sondern den Gott Israels anzubeten. Die beiden hatten einen gemeinsamen Sohn, Menelik. Als der im jungen Erwachsenenalter seinen Vater besucht, versucht der ihn zu überreden, als sein Nachfolger bei ihm zu bleiben. Menelik lehnt ab und kehrte zu seiner Mutter zurück. Die Begleiter, die Salomon ihm für die Reise mitgegeben hatte, stahlen die Bundeslade und brachten sie nach Äthiopien. Als Salomon den Diebstahl bemerkte, verfolgte er seinen Sohn. Er konnte ihn aber nicht mehr erreichen, weil er auf unerklärlich Weise in seine Heimat geflogen war. Menelik wurde nach seiner Heimkehr zum ersten Kaiser von Abessinien gekrönt, seine Regentschaft dauerte von 975 bis 950 BCE. Die Bundeslade soll sich in einer Kapelle in Aksum, der ehemaligen Hauptstadt des Aksumitischen Reiches befinden. Das damalige Gebiet umfasste weite Teil des heutigen Eritrea, Äthiopien, Sudan und Jemen. Auch Saba, dessen Königin Makeda war, gehörte zwischen 1000 BCE und 400 CE zu diesem Reich, dessen Geschichte nur unvollständig erforscht ist.
Diese Legende wurde niedergeschrieben in «Kebra Nagast» (Herrlichkeit der Könige), eine Schriftsammlung aus dem 13. Jahrhundert. Die Salomonische Dynastie der äthiopischen Fürstenfamilie führt sich auf Melenik I. zurück. In der Verfassung aus dem Jahr 1955 heisst es: «Die kaiserliche Würde soll beständig verbunden bleiben mit der Linie …, (welche) ohne Unterbrechung abstammt von der Dynastie Meneliks I., des Sohnes der Königin von Äthiopien, der Königin von Saba, und des Königs Salomon von Jerusalem.»
Eine andere Legende besagt, dass Salomon seinem Sohn eine Thorarolle mit nach Hause gegeben hat, um sein Volk zu unterrichten und den jüdischen Glauben anzunehmen. Gemeinsam mit Melenik seien etwa 12.000 Israeliten gezogen.

Dass es sich bei den äthiopischen Juden um den Stamm Dan handeln könne, die sich, von den Assyrern aus ihrem Stammgebiet vertrieben, in Äthiopien niederliessen und dort als Beta Israel (Haus Israel) bekannt wurden, ist einen andere Geschichte. Auf ihrer Flucht entlang des Blauen Nils lebten sie teilweise auf der Flussinsel Elephantine an der Grenze zwischen Ägypten und Nubien. Zur Zeit des persischen Reiches vor der Zeit um 525 BCE gab es dort bereits eine jüdische Gemeinde.

Der Nachweis gelang Otto Rubensohn (1867 bis 1964), der bei seinen Grabungen zwischen 1901 und 1907 auf die als «Elephantine Papyri» stiess. Die Dokumente sind teilweise in aramäisch abgefasst und belegen, dass hier zwischen 495 und 399 BCE jüdische Söldner stationiert waren. Ihr Tempel wurde 410 BCE zerstört. Die Papyri belegen, dass es zwischen dieser Gemeinde und Jerusalem, sowie den Gouverneuren von Judäa und Samaria enge Beziehungen gab. Sie zeigen aber auch, dass sich das Alltagsleben mehr an den regionalen Sitten, als an den Vorschriften der Torah orientierte. So gab es z.B. für beide Ehepartner das uneingeschränkte Recht auf Scheidung. Geschiedenen, verstossenen oder verwitweten Frauen stand auf jeden Fall ein Besitzanspruch zu.
Die Beta Israel haben über die lange Zeit ihres Exils ihre jüdische Identität erhalten, obwohl sie immer wieder Verfolgungen und Unterdrückungen erdulden mussten. Bedingt durch die Abgeschiedenheit entwickelte sich eine eigene Form des Judentums. Vielleicht die ursprünglichste Art schlechthin. Sie befolgen die Torah, nicht aber den Talmud, den sie nicht kennen. Ihre Traditionen entsprechen denen von vor 2.700 Jahren, Traditionen, die sich in der Zeit des Exils entwickelt haben, sind ihnen unbekannt.

Massgeblich an der Rückholung der Beta Israel beteiligt war Susan Pollak. 1983 reiste sie erstmals nach Äthiopien und wurde dort als eine Touristin, die sich sehr für Geschichte interessiert herzlichst aufgenommen. Politik, so liess sie die Einwanderungsbehörde wissen interessiere sie nicht. Als Ziel des Besuches nannte sie Gondar, eine Stadt in der Region Amhara auf über 2.000 m Höhe im Quellgebiet des Blauen Nils. Ab dem 16. Jahrhundert war Gondar die Hauptstadt der Salomonischen Kaiser. Der Kaiserpalast gehört zum UNESCO Weltkulturerbe.
Für die Beamten war sie nichts als eine der wenigen Touristen, die Jahr für Jahr in die malerische Stadt kamen. Sie boten ihr sogar Hilfe an, ihren Besuch bei der äthiopisch-jüdischen Gemeinde zu organisieren.
Sie sollten sich täuschen. Nach ihrem ersten Besuch hatte Susan den Entschluss gefasst, in einer nie dagewesenen Rettungsaktion 18.000 Juden nach Israel zu bringen. Die Aktion wurde unter dem Namen «Operation Salomon» bekannt. 1981 hatte sie eine Veranstaltung an der Hebrew University besucht. Das Thema war das Leben der äthiopischen Juden. Der Hörsaal war fast, leer, es war kein Thema, das die Massen erreichte. Doch etwas hatte sie berührt. Vielleicht die beiden Moderatoren, Rachamim Elizar und Howard Lenhoff, beide Kenner der Geschichte der Beta Israel. Sie sprachen mit einer Intensität, als ob der Hörsaal voll war. Sie sprachen über die Beta Israel, die in den Sudan geflüchtet waren, in der Hoffnung, nach Israel auswandern zu können. Und sie sprachen über die vielen Menschen, die dabei schon gestorben waren.
Susan kehrte zunächst nach Toronto zurück, wo sie zu der Zeit lebte. Im Auftrag der Canadian Association of Ethiopian Jews (CAEJ) schmuggelte sie medizinische Hilfsgüter nach Ambober, dem Ort, der vorübergehend als Zentrum der jüdischen Gemeinde in der Region Gondar diente. Heute gibt es keine Juden mehr dort, nur die alte Synagoge steht noch inmitten des Dorfes.
Es herrschte Bürgerkrieg zwischen der marxistischen Militärregierung und den tigrayanischen Rebellen (TPLF), die sich noch heute durch grösstmöglich Grausamkeit auszeichnen.

Joan Roth, die Autorin des Artikels in Lilith, beschreibt, wie sie bei ihrem ersten Treffen Susan 1985 zu einer Sigd-Wallfahrt auf dem Berg bei Ambober begleitet. Sigd ist ein jüdisch-äthiopischer Feiertag, der genau 50 Tage nach Yom Kippur stattfindet. Sigd bedeutet Anbetung. Die Beta Israel fasten an diesem Tag, lesen aus ihren acht Büchern (Die Fünf Bücher Mose, Joshua, Richter und Ruth). Am Abend endet das Fasten und geht über in ein Freudenfest. Seit 2008 ist der Feiertag in Israel anerkannt.
Roth berichtete später: «Doch an diesem Tag unterbrach der marxistische Gouverneur von Gondar, der Region, in der die Juden lebten, den Gebetsgottesdienst und warnte die Gemeinde, nicht nach Israel zu gehen, sondern in Äthiopien, ihrer Heimat, zu bleiben, und erklärte, Israel würde sie versklaven. Die Gläubigen stiegen den Berg hinunter und sangen: «Äthiopien ist für die Juden und die Juden sind für Äthiopien“. Dann flüsterten sie tonlos: „Aber Israel ist unser ewiges Heimatland“.»
Juden in Äthiopien beten an diesem Tag deshalb immer auf einer Erhebung, einem Berg oder Hügel in Richtung Jerusalem. In Israel wird, wenn möglich, Jerusalem besucht.
Sie beschreibt eine weitere Reise, die für sie hätte tödlich enden können. «Es ist ziemlich verrückt, was wir getan haben. Wir waren in Jeeps mitten im Nirgendwo, inmitten des Bürgerkriegs, und taten so, als ob nichts Aussergewöhnliches passiert wäre.» Eines Abends rief der Rezeptionist des Ghoa-Hotels über den Lautsprecher: «Miss Susan, Sie haben einen Besucher. Unser Genosse, Gouverneur Melaku, ist hier, um Sie zu sehen.» Da war er – der Mann in voller Kommandotracht, der die jüdische Gemeinde während des Sigd öffentlich bedroht hatte! Obwohl ich erschrocken war, schien Susan völlig entspannt zu sein. Weder Dvora (ihre Assistentin) noch ich wussten von Susans gewagter Weitergabe von Tausenden von Dollar, die sie in ihrem BH versteckt hatte. Als Susan später in Melakus Büro 10.000 Dollar über den Tisch schob, durchschaute ich ihre Strategie zur Aufrechterhaltung der zivil-militärischen Beziehungen zur Staatspartei.
Bereits im Jahr 1973 hatte Israel die diplomatischen Beziehungen zu Äthiopien gänzlich abgebrochen. Kaiser Haile Selassie wurde gestürzt, die Feindseligkeiten gegen die Beta Israel nahmen drastisch zu. Sie wurden aus ihren Dörfern vertrieben. Soziale Gruppen wurden aufgelöst, Hebräisch verboten und die Lehrer der jüdischen Gemeinschaft verhaftet. Tausende von Juden machten sich zu Fuss auf den Weg in den Sudan, in der Hoffnung, sicher nach Israel zu kommen. Tausende sterben, andere leiden in den Flüchtlingslagern der UNHCR, des Flüchtlingskommissars der UNO, eingekesselt von bewaffneten Wächtern. Die Lage war hoffnungslos.
Weiterführende Links nach dem zweiten Teil.
Kategorien:Aus aller Welt, Israel
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