Der Etrog – die Zitronatzitrone

16. Tishrei 5784

Diese schrumpelige, übergrosse Variante der Familie der Zitrusfrüchte nimmt im Judentum eine ganz besondere Stellung ein. Im Buch Lev 23:40 steht geschrieben, welche, als «Vier Arten» bekannt gewordenen Pflanzen den Lulav bilden: Palmweide, Lulav, Myrte und eben der Etrog. In der Torah ist der Etrog nicht namentlich genannt. Um herauszufinden, welcher «Prachtbaum» gemeint ist, muss man im Talmud, im Abschnitt «Sukka» 34b und 35a nachlesen. Auch der Apfel, von dem Adam im Paradies ass, soll ein Etrog gewesen sein, weshalb er auch als Paradiesapfel oder Adamsapfel bekannt ist. 

Dass der Etrog schon sehr lange für kultische Zwecke zu Sukkot Verwendung fand, belegen Münzen bereits aus der Zeit des Bar Kochba Aufstandes. Oder sie sind Motive in antiken Mosaiken aus dem 6. bis 8. Jahrhundert BCE.

Mosaik aus der Synagoge in Tiberias; Eretz Israel Museum Tel Aviv © Yair Talmor
Lulav und Etrog um 120 CE, Kunsthistorisches Museum Wien

Der griechische Philosoph und Naturforscher Theophrastus (ca. 371 bis 287 BCE) nannte die auffallende Frucht mit dem botanischen Namen citrus medica persischen oder medianitischen Apfel. «Medica» lässt in diesem Falle keine Rückschlüsse auf die tatsächliche Nutzung des Etrog im medizinischen Bereich zu, medica bezieht sich hier auf das Land Median, welches an der Grenze zwischen dem heutigen Iran und dem Irak liegt. Trotz der sprachlichen Ähnlichkeit darf das Land Median nicht mit dem in der Torah immer wieder vorkommenden Land «Midian» verwechselt werden. 

Ursprünglich aus der Himalaya Region kommend, genoss die Pflanze dort die idealen Wachstumsbedingungen mit mildem Klima und starken Regenfällen. Zitronatzitronen, die als Etrogim zu Sukkot verwendet werden, dürfen nicht auf Bitterorangenbäumchen aufgepfropft werden, wie es sonst oft geschieht, sie erreicht daher nur sehr selten ihr Maximalgewicht von mehr als 700 gr.

Velvet Lederman, ein Entertainer für Kinder und Erzieher an einer jüdischen Schule in Sydney startete vor etwa zwanzig Jahren nach Sukkot ein Experiment. Um zu schauen, was passierte, legte er einfach die Kerne seines Etrogs in die Erde. Ihm erschien das Klima in seiner Heimatstadt durchaus als passend, um Etrogim zu züchten. Australische Juden erhalten ihre Etrogim vor den Feiertagen aus Europa oder auch in geringem Umfang aus Israel, wo es im Galil kleine Pflanzgärten gibt.

Im ersten Jahr nach der Pflanzung freuten sich nur die Bienen an den wohlduftenden blassrosa-weissen Blüten. Im zweiten Jahr gab es bereits kleine Etrogim und im dritten Jahr konnte er sich über einen wunderbaren Etrog freuen, pünktlich zu Chanukka (sic!)! Pech gehabt, das war etwas zu spät im Jahr! Für seinen Einsatz zu Sukkot war der Etrog aber sowieso noch nicht geeignet, er war zu jung!

Wir durften jeweils nach sieben und acht Jahren stolz mit perfekten Etrogim aus dem eigenen Garten in die Synagoge gehen! Denn selbstverständlich war unser Baum älter als fünf Jahre, entsprach also den strengen Vorschriften!

Ledermann hingegen hatte einige Probleme. Aufgrund des Klimas reiften die Etrogim später, als er es gerne gehabt hätte. Er hätte sie also ein Jahr aufbewahren müssen, was eine echte Herausforderung darstellt. Und, viel schlimmer, er hatte nicht an die allgegenwärtigen und gefrässigen Opossums gedacht, die alles anknabbern, was ihnen interessant erscheint. Ledermann vergass, die Früchte in ein schützendes Netz zu stecken …

Im Jahr 1882 war der Wert des Etrog in den USA etwa US$-Cents 25. Peanuts, ein echtes Schnäppchen. Die so preiswert auf den Market geworfenen Etrogim stammten aus US-amerikanischer Zucht und konnten sich mit den bisher aus Europa importierten Früchten durchaus messen. «Sie sind wunderschön anzusehen und werden sich gut mit allen vergleichen lassen, die jemals in dieses Land importiert wurden», berichtete der American Israelite. Rabbiner Weinberger aus New York jubelte, dass sich nun selbst ein armer Mann in New York einen eigenen Lulav leisten könnte, und nicht mehr darauf angewiesen sei, dass einer der «Etrogim» [das waren die jüdischen, mit Etrogim handelnden, selbst meist bitterarmen Kaufleute] in der Synagoge die Lulavim von einem zum anderen weiterreichten.

Irgendwann wurde die amerikanische Produktion von Etrogim eingestellt. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts konnten die Juden in den USA noch wählen, woher ihre begehrten knallgelben Prunkstücke kommen sollten. Aus den USA, der Karibik oder aus Korsika. Die Beautys kamen aus Korsika und hatten auch ihren Preis. Noch heute werden sie von Chabadniks und Chassidim geschätzt und gekauft, wann immer sie angeboten werden. Von Korsika aus liess Rav Kook sie in das osmanische Palästina bringen und dort anbauen. Leider erwiesen sich einige der Bäumchen jedoch als ungeeignet, weil sie aufgepfropft und daher halachisch nicht geeignet waren. Noch heute gelten daher nur sehr wenige Pflanzungen in Israel als garantiert halachisch unbedenklich. Auch die Kriege zwischen Napoleon und den Briten wirkten sich hemmend auf den Handel aus. Europäische Blockaden verhinderten den Import von Europe in die USA.

In den USA boomte die Produktion der Etrogim. Warum? War die Nachfrage auf einmal ins Unendliche gewachsen? Nein. Es gab auch nicht mehr Juden in der neuen Welt. Jedoch sanken die Zuckerpreise und die Amerikaner entdeckten ihre Liebe für kandierte Zitronen. 

Die amerikanischen Farmer liessen sich jedoch nicht einschüchtern. Sie reagierten auf den gestiegenen Bedarf für die Süsswaren-Industrie und die Medizin. 1893 erwarb Milton S. Hershey, Eigentümer der Hershey Schokoladenfabrik die erste Maschine zur Herstellung von Schokolade auf der Weltausstellung in Chicago. Jedoch hielt der Boom, beliebte Süssigkeiten mit relativ teuren kandierten Zitronatzitronen zu verfeinern, nur bis zur Jahrhundertwende an. Die beiden marktführenden Süssiwaren-Produzenten, William Wrigley und Milton Hershey stiegen auf die wesentlich günstigere Orange um. Um mehr Orangenbäume anpflanzen zu können, rodete man die Etrog Pflanzgärten. Das war das Ende der kalifornischen Etrogim.

Jamaica stand, seitdem Kolumbus 1493 die Setzlinge dorthin gebracht hatte, als Ersatzlieferant zur Verfügung. Die Früchte waren weitaus preiswerter als die teuren aus Korsika und Korfu. Aber waren sie auch koscher? Vom äusseren Erscheinungsbild her sicher nicht. Sie waren glatt, rund und weisslich-gelb … 

In den Erinnerungen von Thomas Jefferson kann man lesen, dass seine Sklaven in seiner Plantage in Virginia Etrogim anbauten. Gott bewahre, nicht um den Bedarf der Juden zu decken, sondern um Gewinne einzufahren. Aber Gott hatte wieder einmal andere Pläne. Das Klima in Virginia war völlig ungeeignet und so wurden die Versuche im Osten der USA eingestellt.

Bei Salt Lake City 1869

Seit im Jahr 1869 die Central Pacific Railroad und die Union Pacific Railroad in der Nähe von Salt Lake City ihren gemeinsamen Betrieb aufgenommen hatten, kamen auch immer mehr Früchte aus dem sonnigen und warmen Kalifornien, zunächst bis Utah und später auch bis an die Ostküste…

Rev. Moses Nathan, Priester und Händler, der in der Karibik gedient hatte, beschrieb in seinem Schriftwechsel mit Rabbiner Isaac Leeser aus Philadelphia die Geschichte der karibischen Etrogbäume. Sie würden niemals veredelt, weil sich der Aufwand nicht lohnen würde. Da die Bauern in der Karibik den Grossteil ihrer Zeit und ihres Ackerlandes den profitableren Grundnahrungsmitteln wie Zucker und Kaffee widmeten, wären sie töricht gewesen, «die Zeit eines Arbeiters mit der Verbesserung von Obstbäumen zu verschwenden». Die Arbeiter waren natürlich, der damaligen Zeit entsprechend, Sklaven. Aufgrund seiner Erfahrungen, dass die Etrogim einfach wild wuchsen, also keine Veredelung erfahren hatten und als wertlos galten, bezeichnet Rev. Nathan sie als 100% koscher.

Die grössten Zweifel aber meldete Rabbiner Ya’acov Ettlinger (1798 bis 1871), Talmudgelehrter und orthodoxer Rabbiner, in Bezug auf die Etrogim an, die auf der Südhalbkugel gezüchtet worden waren. In seinem Buch «Bikkurei Ya’akov» schrieb er 1836, dass er befürchte, «wenn wir die Arten, die dort [auf den amerikanischen Inseln] wuchsen, hierher [in Europa] bringen würden, würden wir sie in der entgegengesetzten Weise halten, als die, in der sie wuchsen.» Dadurch würde der Etrog beim Schütteln des Lulav mit dem «Pitom», der Ausstülpung am Ende der Frucht statt nach oben nach unten zeigen, eine unverzeihliche Missachtung der Vorschriften! Wie schön, dass seine Zweifel nicht im selben Ausmass für die Juden der südlichen Hemisphäre galten!

Nachdem der US-amerikanische Markt zusammengebrochen war, und in etwa zeitgleich die Dampfschifffahrt zwischen New York und Palästina aufgenommen worden war, berichtete 1877 der Jewish Messenger, dass «eine grosse Menge an Etrogim aus dem Heiligen Land importiert wurden.» Die begehrten Früchte waren zwar gegenüber den bisher bekannten klein und unscheinbar, die «Heiligkeit der Herkunft» aber rechtfertigte einen weitaus höheren Preis. Dass sie koscher waren, untadelig und ohne weitere Prüfung für den rituellen Gebrauch an Sukkot nutzbar, verstand sich von selbst. Die entsprechenden Farmer in Palästina waren über jeden Zweifel erhaben. Noch dazu wurde mit dem Geld die gerade entstehende zionistische Bewegung unterstützt, was den Kaufpreis nochmals rechtfertigte. 

Heute werden die Etrogim auf den Märkten in simplen Pappschachteln angeboten. Natürlich überschlagen sich die stolzen Besitzer eines wunderbaren Etrogs darin, ihm auch einen entsprechenden Auftritt in der Synagoge und daheim zu ermöglichen. Kunstvoll gestaltete Tongefässe, fein ziselierte Silberhüllen, durch die man den intensiven Geruch wahrnehmen kann, handbemalte Porzellandosen, Kunstlederköfferchen oder auch aufwendig gestaltete Stoffbeutel, es kann gar nicht auffallend und teuer genug sein!

Und was geschieht mit dem Lulav, wenn Sukkot nach einer Woche vorbei ist? Wir haben beides sorgfältig aufbewahrt und einfach trocknen lassen. Die Etrogim schrumpelten dabei und wurde fest wie Steine, behielten aber einen leichten Duft. Andere kreative Hausfrauen kochen Marmelade. Hier ein sehr einfaches Rezept.

1 Etrog und 1 Orange oder Zitrone gut waschen und in sehr feine Scheiben schneiden. Über Nacht in Wasser einweichen, so dass alles bedeckt ist. Das Einweichwasser wechseln und alles zum Kochen bringen. Nach wenigen Minuten das Wasser erneut wechseln und wieder aufkochen. Nach etwa zehn Minuten das Wasser abgiessen. Die zurückbleibende Fruchtmenge abwiegen und mit der gleichen Menge Zucker mischen. Bei geringer Hitze etwa 45 Minuten köcheln lassen, bis die Marmelade beginnt zu gelieren. 

Eine weitere Verwendung, die in der Genzia von Kairo gefunden wurde, beschreibt tatsächlich die medizinische Nutzung. Nierensteine, schlechter Atem und Geburtsschmerzen sollen sich durch die heilende Wirkung des Etrog lindern lassen. Die Früchte sind reich an Vitamin C und haben reichlich Antioxydantien, die sich positiv auf das Bekämpfen von freien Radikalen auswirken. 

Uzi Eli kam mit seiner Familie im Alter von sieben Jahren vom Jemen nach Israel. Im Jemen hat die Tradition der Etrog-basierten Medizin eine jahrhundertelange Tradition. Die Rezepte werden von Generation zu Generation weitergegeben. Neben dem Wissen ist es die Liebe zum Produkt, die den Erfolg der Ware ausmacht, die er Tag für Tag in Machane Jehuda anbietet: Säfte, Stärkungsmittel, Pasten und Crèmes. Auch einen Spray, der jegliches Makeup überflüssig machen soll. Nicht alles scheint mir seriös zu sein. Immerhin, er hat den Weg in die Jerusalem Post gefunden, die über ihn und seine Produkte berichten. 



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