Krieg in Israel – Tag II

23. Tischrei 5784

Noch gestern Abend gegen 21:00 wurden folgende Updates bekannt:

Die Zahl der Toten stieg auf 250 Menschen, die Zahl der Verletzten auf mehr als 1.500.

Im Speisesaal vom Kibbutz Be’eri wird nach wie vor eine nicht genannte Zahl von Geiseln durch Hamas-Terroristen festgehalten. Eine grosse Zahl von Sicherheitskräften befand sich vor Ort, wie Kanal 12 berichtete.

PM Netanyahu forderte die Zivilisten von Gaza auf, das Gebiet sofort zu verlassen. Israel würde im gesamten Gebiet mit allen Möglichkeiten vorgehen. Es wurde nicht klar, wohin er die Gazaner aufforderte zu fliehen. Die Übergänge zwischen Israel und Gaza, Eretz und Keren Shalom sind aufgrund der Sicherheitslage geschlossen.  

Nachdem sowohl Oppositionsführer Yair Lapid als auch der ehemalige VM Benny Gantz ihre Bereitschaft, eine Notfallregierung zusammen mit Netanyahu zu bilden, erklärten, kam auch vom Likud ein entsprechendes Signal. Zu spät, um es als Idee des PM zu verkaufen, aber immerhin! Lapid hatte betont, dass es mit dem derzeitigen «extremen und handlungsunfähigen Kabinett unmöglich sei, diese Krisensituation zu meistern». Allerdings, so fordert er, müssen Religious Zionism und Otzma Yehudit aus der neuen Koalition entfernt werden, um seiner Partei Yesh Atid und der National United Party von Benny Gantz Platz zu machenOh je, daran wird es wohl wieder scheitern.

Mittlerweile wurde berichtet, dass auf dem Festgelände in der Nähe des Kibbutz Re’im Dutzende von Ermordeten gefunden wurden. Es wird Tage dauern, die Identität der Toten festzustellen. Um die Toten eindeutig identifizieren zu können, wurden von Eltern und Familien der bisher als vermisst geltenden Personen DNA-Proben genommen. Vor einer Polizeistation im Zentrum des Landes bildeten sich deshalb lange Schlangen von besorgten Familienangehörigen. Sie wollen möglichst bald Gewissheit über das Schicksal ihrer Kinder haben. Auch wenn die Wahrheit für sie möglicherweise grausam sein wird. Unter den Verschleppten befindet sich auch eine deutsche Staatsangehörige, Shani Louk. Auf einem Video sieht man, dass sie auf einem Truck der Hamas davongefahren wird. Die Bilder sind zu verstörend, als sie hier nochmals zu posten. Mittlerweile wurde die Zahl der Ermordeten auf über 250 erhöht.

Das, was wir jetzt sehen, ist kein Krieg. Auch kein asymmetrischer. Es ist Terror pur. Wahllose Angriffe auf Zivilisten, Frauen, Männer, Kinder. Es ist eine einseitige Provokation, die nur von der Hamas ausging. Botschafter Ron Prosor sagte es gestern Abend im Brennpunkt der ARD ganz richtig: Die Verantwortung für diesen Krieg liegt einzig und allein bei der Hamas. Warum Israel so schlecht auf diesen Angriff vorbereitet war, so sagte er, wird beantwortet werden müssen, aber nicht zu diesem Zeitpunkt. Jetzt müssten zunächst die Kibbutzim, Dörfer und Städte in Israel befreit werden. Jetzt, so hielt er fest, brauche Israel keinen erhobenen Zeigefinger.

Der Grenzort Netiv HaAsara veröffentlichte 15 Namen von Opfern des Hamas Terrors. Der kleine Ort liegt unmittelbar an der nördlichen Grenze des Gazastreifens, wurde 1982 gegründet und hatte bis gestern etwa 900 Einwohner. Seit dem letzten grossen Angriff erhielt der Moschaw Bombenbunker. Vor den Hamas Terroristen, die gestern in das Dorf eindrangen, schützten sie nicht. 

Tausende von Freiwilligen fanden sich gestern bereit, Blut für die Verletzten zu spenden. Für die ungeheuer grosse Zahl von Verletzten reichen die vorhandenen Blutkonserven nicht aus. Am Tag vor Yom Kippur spenden Israelis traditionell Blut, doch in diesem Jahr wird auch dies nicht für die lebensnotwendigen Transfusionen ausreichen.

Die Zahlen sind über Nacht deutlich angestiegen. Mittlerweile spricht man von 2.000 Verwundeten und über 350 Toten, darunter 26 Soldaten. Laut einer Meldung der israelischen Botschaft in den USA wurden mehr als 100 Soldaten und Zivilisten von den Terroristen verschleppt. Wie viele von ihnen noch leben und wo sie sich befinden, weiss noch niemand. Unter den Entführungsopfern befinden sich auch zwei kleine Mädchen im Alter von 2 ½ und 4 ½ Jahren. Sie wurden gemeinsam mit ihrer Mutter Doron und deren Mutter, sowie deren Lebensgefährten gekidnappt. Sie waren bei der Grossmutter zu Besuch in einem Kibbutz in der Nähe das Gaza-Streifens. Sie alle sind ebenfalls deutsche Staatsbürger. Der Vater erkannte seine Frau und seine Kinder auf einem Video der Hamas.

Eine Gruppe von Spezialisten der IDF wird versuchen, alle vorhandenen Informationen zusammenzutragen und daraus ein Bild zu erstellen, wo sich die Gefangenen aufhalten. Unter den Entführten sind auch 11 thailändische Arbeiter. Der thailändische PM Srettha Thavisin sprach auf einer Pressekonferenz von zwei Getöteten, acht verletzten und 11 verschleppten Thailändern. Seine Informationen hatte er vom thailändischen Botschafter in Tel Aviv erhalten. Derzeit befinden sich etwa 25.000 Thais in Israel, 5.000 in derzeit abgeriegelten Gebieten im Süden um den Gazastreifen. Der PM wies den Botschafter an, ein Flugzeug abflugbereit zu halten, um evakuierungswilligen Thais so bald als möglich auszufliegen. Derzeit starten und landen nur noch wenige Flüge am Flughafen Ben Gurion. Die Verspätungen betragen bis zu 12 Stunden.

Hunderttausende von Reservisten wurden in den letzten Stunden in den Dienst berufen, der Transport stellt die öffentlichen Verkehrsmittel vor riesige Probleme. Wer heute nicht mit dem Bus oder der Bahn fahren muss, sollte darauf verzichten, um den Soldaten den Vortritt zu geben. Die hohe Zahl der Einberufenen lässt vermuten, dass eine Bodenoffensive bald bevorsteht. Im Jahr 2014 begann die Bodenoffensive erst in der zweiten Woche des Krieges.

Heute jedoch liegt der Schwerpunkt der IDF noch darauf, die Dörfer und Ortschaften zu befreien, sowie die 29 Punkte, an denen die Hamas Terroristen nach Israel eindrangen, wieder abzusichern. Laut Aussagen der IDF gibt es keine aktuellen Geiselnahmen mehr. 

Die Luftangriffe der IDF auf Gaza werden heute in ungebrochener Kraft fortgesetzt werden. Bisher wurden mehr als 500 Angriffe geflogen. Dabei wurden Ziele der Hamas und des Islamischen Jihad zerstört, darunter Kommandozentralen und Tunnelanlagen. Am heutigen Nachmittag sollen, so ist der ambitionierte Plan, die gesamte Terrorinfrastruktur, die Häuser aller Hamas-Führer und symbolträchtige Bauten zerstört werden. Bisher wurden mehr als 400 Terroristen getötet, Tausende wurden verletzt und Dutzende gefangengenommen. 

In der Umgebung von Gaza sollen ab heute die Bewohner aus ihren Häusern und Wohnungen evakuiert werden. Um diese logistische Anforderung zu bewältigen, wird das Militär Busse zur Verfügung stellen. Voraussetzung ist, dass zuvor sichergestellt wird, dass sich keine Terroristen mehr in der Umgebung versteckt haben und einen Hinterhalt bilden könnten.

In der Nähe des Gazastreifens brachen kurz vor Mittag heftige Feuergefechte zwischen der IDF und Hamas-Terroristen aus, bei denen die IDF auch Panzer einsetzte.

Ob dieser Vorfall im Zusammenhang mit dem Krieg steht, muss erst untersucht werden. In der Nähe der ägyptischen Hafenstadt Alexandria eröffnete ein Terrorist, von Beruf Polizist,  das Feuer auf einen Reisebus mit israelischen Touristen. RT Arabia sprach von zwei Opfern, Walla News hingegen von einem Toten und einem Verletzten. Die beiden Ermordeten werden noch heute auf dem Luftweg nach Israel überführt.

An der Nordgrenze zum Libanon gab die IDF Warnschüsse in Richtung von Hisbollah-Terroristen ab, die versuchten, das vor einem Monat zerstörte Zelt an der Grenze zwischen dem Libanon und Israel wieder aufzubauen. Bilder zeigen den teilweise durch libanesischen Beschuss zerstörten Grenzzaun. Von der Hisbollah wurden zahlreiche Granaten Richtung Israel abgefeuert. Der Palestine Chronicle berichtet: «Die libanesische Widerstandsgruppe Hisbollah ist offiziell in den Kampf gegen die israelische Besatzung eingetreten. Drei israelische Stützpunkte in der Nähe der besetzten Sheeba Farmen wurden mit Granaten beschossen. Die IDF hat darauf reagiert und ist bereit, mit allen Szenarios an allen Grenzen zu agieren.»

Um 14 Uhr werden die neuesten Zahlen mit über 500 Toten und mehr als 2.048 Verletzten angegeben. Unter den Toten sind auch 44 Soldaten und 30 Polizisten. Die Namen wurden mittlerweile bekanntgegeben.

Ebenfalls um 14 Uhr hat das Sicherheitskabinett in Israel offiziell den Kriegszustand verkündet. Damit dürfen «bedeutende militärische Aktivitäten ausgeführt werden.» Mit dieser Entscheidung folgt Israel dem Artikel 40 des Basic Law, das vorsieht, dass ohne formellen Beschluss kein Kriegseintritt möglich ist.

Man vermutet, dass die noch lebenden Geiseln der Hamas als lebende Schutzschilde der Terroristen missbraucht werden, spätestens, sobald die Boden-Offensive beginnt.

Gegen 16 Uhr gibt es die neuen Zahlen: mehr als 600 Tote, darunter weitere vier Polizisten, sowie 2.156 Verwundete. 

Die Hamas gibt die Zahl ihrer Opfer mittlerweile mit 370 an. 20.000 Gazaner suchten Schutz in den von der UNRWA geführten Schulen. Drei Schulen haben, so die Angaben, Schäden durch israelische Angriffe erhalten. Die Lebensmittelverteilzentren für 540.000 Gazaner sind seit gestern geschlossen. Nachschub aus Israel kommt derzeit nicht in den Gazastreifen.

PM Netanyahu hat einen Koordinator für die Zusammenarbeit mit den Sicherheitskräften und den Familien der vermissten Personen ernannt. Gal Hirsch, Brigade General d. R. nahm als Kommandant am Zweiten Libanon Krieg 2006 teil.

Die Schulen im ganzen Landen bleiben in den kommenden Tagen geschlossen. Die Universitäten verschieben den Start in das neue akademische Jahr, der für heute geplant war, auf unbestimmte Zeit. Geschäfte zwischen Netanya und dem nördlichen Negev dürfen nur dann öffnen, wenn sie einen unmittelbaren Zugang zu Schutzräumen bieten. Versammlungen innerhalb von Gebäuden werden auf 50 Teilnehmer, ausserhalb von Gebäuden auf 10 Personen beschränkt. Die Einschränkungen gelten vorerst bis Dienstagabend.

In Sdreot kam es zu einem tragischen Zwischenfall. Ein Israeli war mit seinem Allradfahrzeug in der Stadt unterwegs. Als er der Aufforderung der IDF anzuhalten, nicht nachkam, wurde er von den Sicherheitskräften angeschossen. Er wurde zur Behandlung ins Spital eingeliefert. Bereits zuvor war ein Mann, der offensichtlich in Höchstgeschwindigkeit und sich nicht um die Kommunikationsversuche von Polizisten kümmernd von Gaza aus nach Norden raste und dann zu Fuss in ein Feld flüchten wollte, erschossen. Er war irrtümlich für einen Terroristen gehalten worden.

Eine positive Nebenwirkung für den PM hat der Krieg. Bereits gestern hat er mit dem US-Präsidenten Joe Biden telefoniert. Ein weiteres Telefonat ist für heute Abend vorgesehen. 

Es gibt auch gute Nachrichten! Eine Gruppe von 30 jungen Menschen aus Deutschland, die nach ihrer Teilnahme am Musik-Festival als vermisst galten, haben sich nach mehr als 24 Stunden sicher und gesund in Netivot gemeldet. Es war ihnen gelungen, sich dorthin zu retten. Warum sie sich erst jetzt gemeldet haben, wird noch geklärt. 

Mittlerweile gibt es immer mehr private Aufrufe von den Familien von Vermissten in den sozialen Medien. Es sind verstörende Bilder und erschütternde Berichte. Unter den Verschleppten sind Jugendliche, Erwachsene, Babys, Kleinkinder, Kinder und Grossmütter.

Während das Brandenburger-Tor in Berlin aus Solidarität mit der Israel-Fahne illuminiert war, feierten auf den Strassen von Neukölln, ein von zahlreichen Palästinensern bevorzugter Stadtteil, jubelnden Menschen auf den Strassen und verteilten Süssigkeiten an die Passanten. So wie wir es von Gaza, Judäa und Samaria kennen. 



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