Genesis, Bereshit 1:1 – 6:8

Haftara: Samuel I 20:18 – 42

ב“ה

28./29. Tishrei 5784                                                 13./14. Oktober  2023  

Shabbateingang in Jerusalem:                                                          17:30

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                         18:45

Shabbateingang in Zürich:                                                                 18:25

Shabbatausgang in Zürich:                                                                 19:26

Shabbateingang in Wien:                                                                   17:52

Shabbatausgang in Wien:                                                                  18:55

Die Feiertage sind vorbei. Am vergangenen Shabbat überfiel die Hamas-Terrororganisation Israel mit einem bisher nie dagewesenen Angriff. Die unvorstellbaren Gräueltaten dieser barbarischen Schlächter forderten bisher 1.200 unschuldige Leben. Mehr als 100 Menschen wurden in den Gazastreifen verschleppt, über ihr Schicksal ist noch nichts bekannt. Am vergangenen Samstag feierte man in Israel das Schlussfest, Simchat Torah. In allen anderen Ländern war es am Samstag Shmini Azeret. Erinnerungen an Yom Kippur 1973 wurden wach, als im Süden die Sirenen schrillten. Das Land versinkt in Trauer und versucht trotzdem, die Hoffnung nicht zu verlieren. 

In so einer Situation ist es schwer, voller Vorfreude auf das, was Gott uns als seinen grossen Plan entwickeln wird, die wunderbare Schöpfung der Welt mitzuerleben. Eine Entwicklung, die am siebten Tag mit der grössten sozialen Errungenschaft, dem Shabbat endet. Also jenem Tag, der ein Ruhetag für alle sein soll.

Nachdem ich nun zwei Jahre an jedem Shabbat versucht habe, die Wochenabschnitte zu interpretieren, habe ich beschlossen, mich in diesem Jahr mit den jeweiligen Haftarot, den Lesungen aus den Propheten, auseinanderzusetzen. Die Haftarot folgen keiner chronologischen Reihenfolge, sondern wurden thematisch zugeordnet. 

Jonathan, von dem wir in dieser Haftara lesen, ist der älteste Sohn von König Saul. Geschichtlich ist seine Historizität nicht erwiesen, aber er gilt als der erste König Israels, unter dem die 12 Stämme zu einem Königreich vereint wurde. Shauls blieb das finale Kriegsglück versagt und er sah sich mit dem jungen David, der ihm den Rang als König abzulaufen drohte, konfrontiert. Er schickte ihn in einen scheinbar aussichtslosen Kampf gegen die Philister. Sollte er ihn gewinnen, so sollte David die Tochter Shauls, Michal, zur Frau nehmen dürfen. Shaul, der sich in seiner Regentschaft bedroht sah, versuchte nun alles, um den ungeliebten Rivalen und Schwiegersohn zu töten. 

Sein Sohn Jonathan jedoch, der eng mit David befreundet war, schritt ein, um diesen Mord zu verhindern. Wie erstaunlich ist diese selbstlose Beziehung, die Jonathan mit seinem Freund verband! Ob es sich um eine homoerotische Liebe handelt, die in der Torah als «abscheulich» bezeichnet wird, oder ob es die väterliche Liebe des viel älteren Prinzen für den sehr jugendlichen Helden ist, der den Riesen Goliath besiegte, wir wissen es nicht.

Er selbst hatte doch als Sohn des Königs den Anspruch darauf, dessen Nachfolger zu werden. Das bedeute aber, dass er seinen Vater, Shaul betrügen musste. Denn dessen Zorn auf David übertrug sich nun voll auf seine Frau und seinen Sohn Jonathan: «Du Sohn eines entarteten und aufsässigen Weibes! Ich weiss sehr gut, dass du dich zu deiner eigenen Schande und zur Schande des Schosses deiner Mutter für den Sohn Isais entschieden hast.“ In einem Aggressionsdurchbruch geht er sogar soweit, den eigenen Sohn ermorden zu wollen.

Die beiden hatten bereits zuvor ein Komplott geschmiedet, um David aus den Fängen des Königs zu befreien, der sich an seinen Thron klammert und den Platz nicht räumen will. 

Jonathan drängt seinen Freund, sich erneut an einer Stelle nahe Bethlehem zu verstecken, die ihm schon einmal als Schutz gedient hat und vereinbart ein Zeichen, um ihm mitzuteilen, ob er vor Saul fliehen muss, oder ob er mit dessen Gnade und Verzeihen rechnen darf.

Nach dem Angriff Shauls auf Jonathan ist klar, dass dieser nie nachgeben wird. Die einzige Möglichkeit, zu überleben, besteht darin, dass David die Stadt verlässt. Die beiden Freunde wissen, dass ihnen eine lange Trennungszeit bevorsteht. Sie verabschieden sich voneinander in der Sicherheit, dass ihr Schwur, den sie sich gegenseitig geleistet hatten und der sich auch auf ihre Nachkommen beziehen sollte sie immer wie ein Schutzschild begleiten würde.  Die Beziehung zwischen David und Jonathan beschreibt ausführlich eine der wenigen engen Freundschaften in der Torah

David folgte dem Plan Gottes, der ihn als den nächsten König auserwählt hatte, und der nun in der Verbannung auf diese grosse Rolle vorbereitet wurde. 

Und Jonathan? Unsicher, ob er das Richtige getan hatte, kehrt zurück zu seinem Vater und stellte sich an dessen Seite. Ganz so, als ob nichts geschehen sei. Aber kann ein Sohn es wirklich jemals überwinden, dass der eigene Vater die Hand zum tödlichen Schlag gegen ihn erhoben hatte? Kann er wirklich vergessen, die Mordlust in den Augen des Vaters gesehen zu haben? Wohl wissend, dass nicht er gemeint war, sondern dass er in dieser Minute «nur» der Stellvertreter des eigentlichen Mordopfers war?

Warum lesen wir diese Haftara gerade am Beginn des Vortrages von Rosh Chodesh Cheshwan? Besteht ein Zusammenhang mit der Erzählung der Erschaffung der Welt? Vielleicht ist es die Hoffnung, dass wir mit einer selbstlosen Freundschaft, die bei Samuel sogar als Liebe bezeichnet wird, alle Probleme und Herausforderungen gemeinsam überwinden können, das Neues entstehen kann aus dem, was in der Torah als «öde und leer» (tohu va bohu) bezeichnet wird.

In der Hoffnung, dass das Chaos in Israel sich beginnt zu lichten und die Hoffnung wieder zunehmen kann, wünsche ich uns

Shabbat Shalom!



Kategorien:Religion

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