Krieg in Israel – Tag XXI

12. Cheschwan 5784

Hasbara ist das israelische Zauberwort für Propaganda. Hasbara entscheidet darüber, wie die Weltöffentlichkeit auf Israel reagiert. Zu Beginn dieses Jahrtausends gab es eine ganze Industrie, Kurse wurden angeboten, manchmal unter der schön klingenden Bezeichnung «advocating Israel». Das hat sich alles leider als Flop erwiesen. Das offizielle Israel und auch die hochmotivierten Israelis zeigten sich als nicht geeignet, wirklich Nachrichten in die Welt zu bringen, die überzeugten. Und wenn es doch einmal gelang, dann waren die Palästinenser bestimmt schon eine Nasenlänge voraus.

Der PM, selbst von zwei judeo-faschistischen Ideologen, Arthur Finkelstein und Aaron Klein «geschult», hat nichts verstanden. Er denkt, wenn wir passende Bilder veröffentlichen, dann passt auch das Bild, das die Welt sich von uns macht. Weit gefehlt! Gestern war wieder so ein Tag. Da liess er Zettel mit einem QR-Code auf den Pulten der UN-Abgeordneten verteilen.  Zuvor hatte sein Botschafter zur UN, Gilad Erdan, ein Video gezeigt, in dem ein Hamas-Terrorist versucht einen thailändischen Arbeiter, s’’l, mit einem Gartengerät zu enthaupten. Hinter dem QR-Code: Die Galerie des Grauens. «Dies ist kein Krieg mit den Palästinensern. Israel befindet sich im Krieg mit der völkermordenden Hamas-Terrororganisation, den Nazis der Neuzeit.»

Wir alle haben die Bilder auf unseren Smart-Phones gefunden, Tag für Tag, ungebeten, in den Sozialen Medien wurden sie weitergereicht. Unzensiert, ungefiltert. Nach dem Massaker war zuerst die Schockstarre, nicht nur bei Familien und Freunden, sondern bei uns allen. Israel ist ein kleines Land, jeder kennt jemanden, der betroffen ist. Nach der Schockstarre kam der Drang, nichts zu verpassen, vielleicht doch ein Lebenszeichen von Vermissten zu sehen. Sich an eine Hoffnung klammern zu können. Verschleppt nach Gaza, das bedeutet, er oder sie lebt noch. Und dann kam die Hasbara. Nachrichten wurden gezielt zusammengestellt. Die IDF wurde jahrelang geschult. Wie reagieren die Medien auf die aufbereiteten Bilder? Aber nichts hat sie vorbereitet auf das, was sie jetzt sehen müssen. Die ersten Beobachter fingen an, die Augen zu schliessen. Mit gutem Grund. Aus reinem Selbstschutz. Aber wer schützt die Freunde, die Familien?

Die Weltöffentlichkeit, auch manipuliert von der UNO, ist bereits seit Jahrzehnten darauf konditioniert, Israel als das Böse, als den Unterdrücker der Palästinenser zu sehen. Der PM hat Jahr für Jahr dagegen auf dem Rednerpult der UNO angeredet, hat Bilder gezeigt, wortreich und rhetorisch einwandfrei und vor allem in geschliffenem Amerikanisch. Doch was hat es genutzt?  Vor jedem Auftritt war man gespannt auf den neuen Unterhaltungs-Höhepunkt der Generalversammlung. 

Cui bono? Wem also nutzen die Bilder und Videos, die belegen könnten und belegen sollen, was die Welt nicht richtig einordnen kann. Denen, die müde geworden sind. Und die in dem Moment, wo Israel wirklich Opfer der grausamen Massaker an seinen Bürgern wurde, diese Realität ausblenden. 

Wieder ist die Propaganda der Palästinenser schneller und scheinbar auch besser, die Welt zerfliesst, bei allem Respekt vor den jüdischen, thailändischen, österreichischen, italienischen …. Opfern vor Mitleid mit der Bevölkerung in Gaza. Die tatsächlich auch Opfer der Unmenschlichkeit der Hamas-Terroristen geworden sind. Unsere Opfer, die mehr als 1.400 werden ausgeblendet.

Die Zahl der in den Gazastreifen verschleppten Opfer wurde heute von der IDF auf 237 erhöht. Vier der Entführten wurden freigelassen. Die IDF hat bisher die Familien von 229 Geiseln informiert. 

In den frühen Morgenstunden wurde Taba, die nur sechs km von Eilat entfernte ägyptischen Grenzstadt, wahrscheinlich von einer aus dem Jemen stammenden Drohne beschossen. Der israelische Militärsprecher, Konteradmiral Daniel Hagari informierte dazu unter Berufung auf den ägyptischen Militärsprecher: «In den letzten Stunden wurde im Gebiet des Roten Meeres eine Bedrohung aus der Luft festgestellt. Kampfjets wurden entsandt, und die Angelegenheit wird derzeit untersucht. Israel wird mit Ägypten und den USA zusammenarbeiten und die Verteidigung gegen Bedrohungen aus dem Gebiet des Roten Meeres verstärken.»Bei dem Angriff wurden sechs Personen leicht verletzt. Getroffen wurden ein Krankenwagen und ein Verwaltungsgebäude eines Spitals. 

Angehörige der nach Gaza verschleppten Geiseln demonstrierten gestern Abend in Tel Aviv für die Befreiung ihrer Familienangehörigen. Zuvor hatte sie eine Pressekonferenz abgehalten, bei der sie ihren Unmut und Kritik an der Regierung äusserten. «Sie sind schon seit 20 Tagen dort. Zwanzig Tage, in denen wir keine Ahnung haben, wie es ihnen geht, wie sie behandelt werden, ob es ihnen gut geht, ob sie noch atmen. Zwanzig Tage. Können Sie sich das vorstellen? Denn wir erleben das Tag für Tag, wir alle. Wir sind sehr, sehr geduldig gewesen. Aber das war’s. Unsere Geduld ist zu Ende. Unsere Geduld ist am Ende.» Ihre berechtigten Klagen richten sich gegen die Regierung, die es seit dem 7. Oktober verabsäumt hat, sie über die Massnahmen zu informieren, die sie zur Befreiung der Geiseln unternimmt.  Auch der Vater einer jungen IDF-Soldatin, die zu den Verschleppten gehört äusserte sich empört: «Was habt ihr jeden Tag gemacht? Was machen Sie den ganzen Tag? Ich verlange nur eines – erhebt euch von euren Stühlen, versucht, euch in meine Lage zu versetzen und Verantwortung zu übernehmen. Dreht mir nicht den Rücken zu. Wir sind alle mit unserer Geduld am Ende.» Die Stimmung richtet sich immer mehr gegen die offensichtliche Unfähigkeit und Untätigkeit der Regierung, die nach wie vor als oberste Priorität des Krieges die Ausschaltung der Terrororganisation Hamas ansieht. Natürlich, ohne es zu verabsäumen, hinzuzufügen, dass auch die Befreiung der Geiseln von höchster Priorität sei. «Sind Sie in der Lage, sie zurückzuholen? Dann tun Sie es. Sind Sie dazu nicht in der Lage? Dann geben Sie die Verantwortung an jemanden anderen ab. Das Fenster der Möglichkeiten schliesst sich», sagte ein Teilnehmer der Kundgebung. «Bibi, jetzt ist es an der Zeit, einen Deal zu machen und alle Geiseln nach Israel zurückzubringen. Ich flehe dich an. Versuch dir vorzustellen, dass es dein Sohn war, der in den Gazastreifen entführt wurde». Israel gleicht mehr und mehr einem Dampfdruckkochtopf, der kurz davor steht, zu explodieren. Nicht nur von der Bevölkerung, auch von den 41 Staaten, deren Bürger sich ebenfalls unter den Verschleppten befinden, fordert immer mehr, dass die Diplomatie jetzt endlich alles versuchen muss, die Geiseln zu befreien. 

Soeben sind 12 weitere LKWs mit Hilfsgütern im Gazastreifen angekommen. Damit erhöhte sich die Gesamtzahl der bisher erfolgten Lieferungen auf 84 LKWs. Diese Lieferung kommt wenige Stunden, nachdem der UNRWA-Chef Philippe Lazzarini beklagte, dass die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln knapp und bedenklich wird. Weiterhin, so betonte er, würden pro Tag 160.000 lt (!) Treibstoff gebraucht, nur um Bäckereien und Krankenhäuser zu versorgen. 

Über Nacht hat die IDF bei einem gezielten Einmarsch im Gazastreifen und einem Angriff mit der Marine vor dem südlichen Gazastreifen terroristische Infrastrukturen und Einrichtungen des maritimen Arms der Terrororganisation zerstört. Durch einen gezielten Angriff wurde der Kommandant des West Khan Younis Battalion, Madhat Mubasher eliminiert. Mubasher war verantwortlich für zahlreiche Schafschützenangriffe und den Einsatz von grossen Bomben auf israelischem Gebiet. Bei diesem gezielten Angriff wurden weitere Tunnelanlagen, Kommandozentralen und Raketenabschussbasen zerstört.

Durch einen direkten Treffer durch eine Rakete brach in einem Appartementhaus in Tel Aviv ein Brand aus. Zwei Personen wurden verletzt. Die Sicherheitskräfte waren zunächst nicht sicher, ob noch weitere Personen in den beiden betroffenen Wohnungen eingesperrt wären. Schnell sammelte sich eine Menge von Schaulustigen, die von der Polizei sofort weggewiesen wurden. Auf Grund des verstärkten Beschusses des Grossraumes Tel Aviv bleiben nur jene Schulen geöffnet, die entweder selbst über ausreichende Schutzräume verfügen oder sich in unmittelbarer Nähe befinden. Einen weiteren direkten Treffer gab es auf einem Gehweg in einem Park in Tel Aviv. Es entstand nur Sachschaden, verletzt wurde niemand. 

Bei einem Interview mit der britischen BBC in Beirut brach Ghazi Hamad, Mitglied des politischen Büros der Hamas das Gespräch wutschnaubend ab, als er gefragt wurde, wie er das Massaker an der israelischen Bevölkerung rechtfertigen könnte. Hamad bediente sich des Mantras der Hamas-Terror-Organisation, dass die Massaker nicht geplant gewesen wären, sondern sich «rein zufällig aus der Situation ergeben» hätten. «Es gab keinen Befehl, Zivilisten zu töten. Das Gebiet dort ist sehr gross, es gibt dort viele Menschen, und es gab Zusammenstöße und Konfrontationen.» Als der Journalist nachhakte: «Sie sind in Häuser eingedrungen, es waren keine Konfrontationen» sprang Hamad auf und verliess wütend den Raum. «Ich will an dieser Stelle das Gespräch beenden.» Mitgeschnittene Gespräche, teilweise verschlüsselte Anweisungen, Bilder von Bodycams und Berichte von Überlebenden des Massakers sprechen eine ganz andere Sprache!

Die Kinder aus dem Kibbutz Be’eri, die das Glück hatten, das Massaker zu überleben, sind zutiefst traumatisiert. Einige, ja viele von ihnen sind Waisen oder Halbwaisen. Oder sie wissen nicht, wo ihre Eltern, ihr Vater oder ihre Mutter, ihre Grosseltern sich gerade befinden. Eine Kunsttherapeutin, Lee Lewente, arbeitet mit ihnen. Sie lässt sie malen. Sie sollen versuchen, in Bildern langsam zu formulieren, was sie gesehen haben. Wie ihre Gefühle sind, die sie tief in sich verdrängt haben. Schon von Heilung zu sprechen, wäre unprofessionell. Doch manchmal hilft es schon, Bilder oder auch nur Farben zuzulassen. Ein Mädchen kann es nur ertragen, das ganze Blatt in tiefes Schwarz zu tauchen. Lee betreut die Kinder aus dem völlig zerstörten Kibbutz Be’eri in einem Hotel am Toten Meer, dort, so sonst Touristen ihre Ferien geniessen. Wenn ein Kind zu ihr kommt, und sich sehnt etwas zu malen, sucht sie sich eine ruhige Ecke in der stets überfüllten Hotelhalle. Ein Kind färbt seine kleine Kinderhand rot und presst sie auf das Papier. Beim Malen können sie reden. Manchmal. Sie können anfangen, kleine Geschichten zu ihren Bildern zu erzählen. Manche von ihnen schreien und werfen mit Gegenständen. Manche klammern sich an eine Bezugsperson. Oder sie schweigen und sitzen nur da. Kinder haben noch keine Strategien entwickelt, das Grauen, das sie erlebt haben, rational zu verarbeiten. Sie werden dazu noch Jahre brauchen. Manche werden es auch nie schaffen. Ich erinnere mich an die Bilder der von mir betreuten Flüchtlingskinder aus Bosnien in den Jahren 1994/1995. Auch sie malten und ihre Bilder zeigten das Grauen des Krieges in ihrer Heimat. Dieses Bild stammt von der 9 Jahre alten Sanella. Die Struktur, nach der sie sich so sehnte, hat sie in den Zahlenreihen ausgedrückt.



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