Haftara: Könige II 4:1 -37
ב“ה
19./20. Cheshwan 5784 3./4. November 2023
Shabbateingang in Jerusalem: 16:08
Shabbatausgang in Jerusalem: 17:25
Shabbateingang in Zürich: 16:48
Shabbatausgang in Zürich: 17:52
Shabbateingang in Wien: 16:15
Shabbatausgang in Wien: 17:20

Im Wochenabschnitt lesen wir heute, wie Abraham von drei Männern, besucht wird. Abraham und Sarah waren alt geworden, sie hatten die Hoffnung auf eigene Kinder schon lange aufgegeben, und hatten sich mit ihrem Schicksal als kinderloses, altes Ehepaar abgefunden. Doch dann machte einer der Männer ihnen beiden eine Prophezeiung: In einem Jahr würde er wieder kommen und dann hätte Sarah einen Sohn. Sarah stand hinter der Türe und lauschte. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie das funktionieren sollte. Einer der drei Männer versprach nochmals, dass die Nachkommen Abrahams und Saras so zahlreich wie die Sterne am Himmel sein sollten. Dann wandten sich die drei Männer dem Ort Sodom und Gomorra zu, um zu schauen, ob die vernommenen Klagen wirklich berechtigt waren. Abraham tut etwas Erstaunliches: Er verhandelt mit Gott! Ein unglaubliches Ansinnen! Er handelt aus, dass Gott den Ort verschonen wird, wenn er zehn Gerechte dort finden wird. In Sodom fanden die Fremden ein Lager im Haus von Lot. Mitten in der Nacht bedrängten die männlichen Bewohner Lot, ihnen die Gäste herauszugeben. Statt seiner Gäste bot Lot ihnen seine beiden noch unberührten Töchter an, die sie jedoch abwiesen. Die beiden Engel jedoch retteten Lot und blendeten die Aufrührer. Sie forderten Lot auf, seine ganze Familie ausserhalb der Stadt in Sicherheit zu bringen, weil sie die Stadt vernichten würden. Doch nur seine Frau und seine Töchter liessen sich von den Engeln fortführen. Weit fort von der Stadt gaben sie ihnen noch die strikte Anweisung, sich nicht umzudrehen. Doch Lots Ehefrau liess sich nicht davon abhalten, zurückzuschauen. Sie wurde zur Salzsäule, die wir heute noch in der Nähe des Toten Meer sehen können. Bald darauf überlisteten die Töchter Lot, machten ihn betrunken und wurden beide von ihm schwanger. Ihre Söhne wurden die Stammväter der Moabiter und der Ammoniter. Abraham zog mit Sarah, die wie prophezeit, schwanger war, in den Negev und lebte dort in Gerar als Fremder. Dort gebar sie ihren Sohn, den sie Isaak nannte. In der Folge kam es zum Streit zwischen Sarah und Hagar, sie forderte ihren Mann auf, sie samt ihrem Sohn Ismael zu verstossen. Abraham weigerte sich, wurde jedoch von Gott versichert, dass er sich auch um diesen, seinen ersten Sohn kümmern werde. Auch er werde der Stammvater eines grossen Volkes sein. Im letzten Kapitel des Wochenabschnitts lesen wir den ersten dramatischen Höhepunkt der Torah: Um Abraham zu prüfen, fordert Gott ihn auf, seinen Sohn zu opfern. Abraham zeigte Vertrauen in Gott und ging mit dem Knaben los auf den Berg Moria, um ihn dort als Brandopfer Gott darzubringen. Doch Gott rettete den Knaben, wie es nicht anders zu erwarten war!
In der Haftara können wir heute zunächst einen Einblick in die jüdische Gesellschaft nehmen. Wir treffen den Propheten Elisha, der, beseelt von Gott, in der Lage war, Wunder zu bewirken. So will es die Erzählung, die im Buch der Könige niedergeschrieben ist.
Im Gegensatz zum Wochenabschnitt, wo wir es zunächst mit Liebe und Vertrauen zu tun haben, wo es sogleich ein Gastmahl gibt, als vermeintliche Fremde Abraham und Sarah besuchen, fürchtete die Witwe eines Anhängers des Propheten Elisha, dass sie nun ihre beiden Söhne in die Sklaverei geben müsse, um den Verpflichtungen ihres verstorbenen Mannes gegenüber seinen Gläubigern, wahrscheinlich seinem, heute würde man sagen, Verpächter des Landes, nachkommen zu können. Die junge Frau weiss, dass der Gläubiger ihres Mannes einen verbrieften Anspruch darauf hat, ihre Söhne anstatt Geld zu sich zu nehmen. Kein Gericht würde ihr Recht geben, wenn sie anführen würde, dass ihr, wenn ihr auch noch die Söhne genommen werden, jede Existenzgrundlage fehlen würde. Der Prophet Elisha jedoch spürt Verantwortung für sie, war doch ihr Ehemann einer seiner Anhänger.
Alles, was sie noch besitzt, ist ein kleiner Krug mit Öl. Elisha forderte sie auf, von allen Nachbarn leere Krüge zu sammeln und diese mit Öl zu füllen, welches sich unendlich vermehren würde. Vom Erlös des so gewonnenen Öls könne sie dann die Schulden zahlen und selbst für ihre Söhne sorgen.
In der Haftara finden wir noch ein zweites Beispiel von Vertrauen in Gott. Elisha kehrte immer wieder in einer Herberge ein, wenn er sich auf der Wanderung im Karmel Gebirge befand, wo er lebte. Der Name der Frau bleibt uns auch hier, wie in der ersten Erzählung, verborgen. Sie hat keinen Anspruch auf seinen Dank für ihre Gastfreundschaft. Dennoch verrät Gehasi, der Diener Elishas, ihm ihren grössten Wunsch: Ihr war, wie Sarah, bisher die Mutterschaft versagt geblieben. Elisha versprach ihr, wie Gott es Abraham und Sarah versprochen hatte, in einem Jahr einen Sohn zu haben. Und so war es. Doch hier an dieser Stelle ändert sich die Geschichte. Der Sohn verstirbt noch im frühesten Kindesalter. Im Gegensatz zu Abraham, dessen Glauben Gott prüft, indem er ihn auffordert, seinen Sohn zu opfern, ihn dann aber rettet, verlangt Gott von der Frau noch mehr. Sie muss ihr totes Kind beweinen.
Doch statt in tiefer, verständlicher Verzweiflung und Trauer zu versinken, sucht sie Rat und Hilfe bei Elisha. Nur kurz kommen ihr Zweifel, «habe ich denn meinen Herrn um einen Sohn gebeten? Habe ich nicht gesagt: Mach‘ mir keine falschen Hoffnungen?“
Ihr Vertrauen wird nicht enttäuscht, sie kämpft um ihr Kind, sie kämpft für ihre Überzeugung, dass Elisha ihr helfen wird. Zunächst versucht Gehasi, die Frau von Elisha fernzuhalten, aber sie gibt nicht auf. Elisha ist sofort bereit zu helfen und kann mit Gottes Hilfe das Kind retten.
Auch damals waren „Wunderheilungen“ nicht an der Tagesordnung. Sie sind vielleicht eher das Resultat intensiver Beschäftigung mit Krankheiten und deren Heilungsmöglichkeiten. Wir wissen es nicht. Solche „Wunder“, die wir mit Nichts begründen können, gibt es auch heute noch. Scheinbar unheilbare Krankheiten, die mit grosser Geduld ertragen werden und deshalb die Lebensqualität des Betroffenen erhalten. Schicksalsschläge, die die Betroffenen nicht am Boden zerstören, sondern im Gegenteil, sie noch befähigen, anderen, ebenfalls Betroffenen, emphatisch zur Seite zu stehen.
Es sind die kleinen „Wunder“, die uns Gott immer wieder schickt. Wir müssen sie nur sehen!
Shabbat Shalom
Kategorien:Religion
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