Krieg in Israel – Tag XXXXIX

11. Kislew 5785

Gestern Abend hat IDF-Sprecher Konteradmiral Daniel Hagari mitgeteilt, dass kein Passus des Abkommens zum Austausch von Geiseln gegen Gefangene «in Stein gemeisselt sei – alles ist in Bewegung, bis es tatsächlich passiert». Damit bezieht er sich auf einen neuen Punkt, der von der Hamas Terror-Organisation verlangt worden war: Alle Soldaten müssten sich während der gesamten Feuerpause aus dem Shifa-Spital zurückziehen. Der Deal besagt aber, dass sich die Truppen innerhalb einer gegenseitig akzeptierten ‘Grünen Linie’ frei und unbehelligt bewegen dürfen. VM Yoav Gallant kündigte mittlerweile an, dass nach dem Ende der Feuerpause die Kämpfe für mehr als zwei Monate fortgesetzt werden würden. Gleichzeitig hat sich die Hamas geweigert, Mitarbeiter des IRK zum Besuch der Geiseln zuzulassen. Was sie gestatten – wie grosszügig – ist ein regelmässiges Update über den Gesundheitszustand der Geiseln. Was natürlich nicht zu überprüfen und daher von keiner Aussagekraft ist. 

Mittlerweile sind neue Einzelheiten der geplanten Freilassung von zunächst 13 Geiseln bekannt geworden. Sie werden an den Grenzübergang in Rafah gebracht werden, wo sie auf ägyptischer Seite von israelischen Offiziellen gemeinsam mit ägyptischen Sicherheitskräften, Vertretern des IRK und des Roten Halbmonds erwartet und von dort nach Israel geflogen werden. Auf Intervention des Iran hat die Hamas angeblich zugestimmt, alle 26 thailändischen Geiseln zusätzlich freizulassen. Das wurde in der katarischen Presse bekanntgegeben. Am späteren Nachmittag hat Thailand durch PM Srettha Thavisin bestätigt, dass 12 Geiseln freigelassen worden seien. Von der Hamas Terror-Organisation wurde die Freilassung bisher nicht bestätigt. Die Freigelassenen sind bereits in Israel und auf dem Weg in ein Krankenhaus, wo sie medizinisch untersucht werden.

Gefunden im Facebook, geschrieben der Frau von Yair Lapid

Die Nachrichtenagentur Reuters bezieht sich auf einen namentlich nicht genannten Palästinenser, der darüber informiert hat, dass die erste Gruppe von freigelassenen Gefangenen 24 Frauen, darunter auch solche, die Messerattentate gegen Israelis ausgeführt hatten, und 15 Minderjährige umfasst. Die israelische Gefängnisverwaltung hat damit begonnen, die 39 Gefangenen, die heute freigelassen werden, in das Militärgefängnis Ofer nahe Jerusalem zu bringen, von wo aus sie entweder nach Ost-Jerusalem oder nach Westjordanien gebracht werden sollen. Die Freilassung erfolgt erst, wenn die freigelassenen Geiseln in Israel angekommen und eindeutig identifiziert worden sind.

Um 14:30 Ortszeit fuhr ein Bus des IRK am Ofer Gefängnis vor, um die 30 palästinensischen Gefangenen im Laufe des Nachmittags abzuholen. Zuvor waren sie von Megiddo und Damon in das Ofer-Gefängnis gebracht worden. Ab dem Moment, in dem die freigelassenen Geiseln in Israel ankommen, hat Israel zwei Stunden Zeit, die Gefangenen zum Übergang Beitonia zwischen Ramallah und Giv’at Ze’ev zu bringen, wo sie von ihren Familien in Empfang genommen werden. Es steht ihnen dann frei, dahin zu gehen, wohin sie gehen wollen.

Die Vorbereitungen zum Empfang der ersten 13 freigelassenen Geiseln in Rafah sind abgeschlossen. Nach der Übergabe in Rafah werden die Freigelassenen mit dem Hubschrauber auf die Militärbasis Hatzerim in der Nähe von Be’er Sheva geflogen. Die eingesetzten Hubschrauber können im ‘Flüstermodus’ fliegen, trotzdem wird jeder mit einem passenden Hubschrauber-Ohrenschutz versehen. In Hatzerim werden sie zunächst einer weiteren Untersuchung unterzogen und von dort nach ein bis zwei Stunden mit Bussen in ein Krankenhaus gebracht. Wer sofortige medizinische Hilfe braucht, wird sofort von Rafah aus direkt in ein Krankenhaus gebracht. Unmittelbar nach der Ankunft in Hatzerim erhält jeder, der in der Lage ist, ein Telefon zu benutzen, die Gelegenheit, mit der Familie zu telefonieren. Die bereits informierten Familienangehörigen werden ihre Lieben in den jeweiligen Krankenhäusern erwarten. Für sie wurden in der Umgebung Zimmer gebucht. Es wurde angeraten, dass die freigelassenen Geiseln auch bei vordergründig gutem Gesundheitszustand erst nach zwei Tagen aus den Spitälern entlassen werden. 

Obwohl die IDF schwere Warnungen ausgesprochen hat, haben sich mit Beginn der Feuerpause heute am frühen Morgen Tausende auf den Rückweg nach Norden gemacht. Die IDF hält das für extrem gefährlich. Der Norden des Gazastreifens gilt nach wie vor als Kriegsgebiet. Es ist zwar durchaus verständlich, dass sich die evakuierten Gazaner von der Situation an ihren ehemaligen Wohnorten überzeugen wollen. Leider gab es bei einem Versuch, die nordwärts ziehenden Menschen aufzuhalten, zwei tragische Zwischenfälle, die 2 Gazaner das Leben kosteten und 11 weitere verletzte. 

Vom Verteidigungsministerium und der angeschlossenen COGAT wurde bestätigt, dass unmittelbar nach Beginn der Feuerpause je vier LKWs mit Diesel und Kochgas im Gazastreifen angekommen sind. Beide Lieferungen seien ausschliesslich für den zivilen Gebrauch bestimmt. Die angekommenen Lieferungen sind Teil der Vereinbarung zum Austausch von Geiseln und Gefangenen. Im Laufe des Tages sollen weitere 200 LKWs mit Hilfsgütern in den Gazastreifen fahren. 

Kurz vor Beginn der Feuerpause schloss die IDF mit der Zerstörung weiterer Tunnel unter dem Komplex des Shifa-Spitals seine Operationen zunächst ab. Andere Einheiten griffen weiterhin im gesamten Gazastreifen Ziele der Hamas an, zerstörten einige Infrastrukturen und eliminierten einige Terroristen.

Wer in den Tagen vor dem 7. Oktober aufmerksam die Nachrichten verfolgt hat, dem muss aufgefallen sein, dass immer wieder Gazaner am Grenzzaun hochkletterten. Entsprechende Berichte gab es in nahezu allen Zeitungen. Der Nachrichtenkanal N12 berichtete gestern Nachmittag, dass Offizierinnen der Aufklärungseinheit ‘8200’ bereits seit Monaten vor einer Masseninfiltration der Hamas gewarnt hatten. Ordnungsgemäss meldeten sie ihre Befürchtungen, die auf konkreten Beobachtungen basierten, ihren Vorgesetzten. Die lakonische Antwort war: «Sie bilden sich das nur ein.» Immer wieder kam es zu Beobachtungen von Auffälligkeiten im Grenzgebiet. Farmer, die sie vom Sehen her kannten, waren auf einmal nicht mehr auf den Feldern, es gab plötzlich immer grösser werdende Gruppen, die sich zu ‘Trainings- und Planungsrunden’ trafen. Den Soldatinnen war klar, dass jenseits des Zauns etwas im Gange war, das der dringenden Abklärung bedurfte. Ihr nächster Schritt war es, den Oberbefehlshaber ihres Sektors zu informieren. Auch von dort kam eine harsche und völlig unverständliche Antwort: «Ich möchte nicht noch einmal von diesem Unsinn hören. Wenn Sie mich noch einmal mit diesen Dingen belästigen, werden Sie vor Gericht stehen.» Nach dem Krieg will sich die IDF eingehend mit diesen dramatischen Fehlentscheidungen befassen. Nicht nur, dass die hohen Offiziere hier völlig falsch reagiert haben, sie handelten auch unverantwortlich und man muss sich fragen, ob sie nicht damit von dem Umstand ablenken wollten, dass auf höchsten Befehl nahezu alle Truppen schon aus dem Umfeld des Gazastreifens in das Westjordanland zur Unterstützung der Siedler abgezogen worden waren. Vor Ort gab es keine Truppenteile mehr, die auf diese Vorboten der Massaker hätten reagieren können. Bis heute ist unklar, wer den Befehl zur Verlegung der Truppen gab. 

Was die PM von Spanien und Belgien dazu bewog, am Grenzübergang Rafah eine Pressekonferenz zu geben, erschliesst sich wohl niemandem. Um 16 Uhr Ortszeit, also genau zu dem Zeitpunkt, als man mit der Freilassung der Geiseln rechnete, traten sie, offensichtlich wohlgeplant vor die Mikrophone. Sie begrüssten die Ankunft von Lieferungen mit humanitären Hilfsgütern und Treibstoffen in den Gazastreifen und forderten einen andauernden Waffenstillstand. Im Times of Israel wird die Pressekonferenz als ‘bizarr’ bezeichnet, was auch durchaus stimmt, nachdem ihre Länder in keiner Weise an den Verhandlungen teilgenommen haben. Zuvor waren beide vom PM Netanyahu empfangen worden. In einer gemeinsamen Erklärung mit dem ägyptischen Präsidenten Abdel-Fattah el-Sissi beklagt der, dass weitere Friedensverhandlungen zwischen Israel und der PA überflüssig sind. Die Wiederbelebung dieser Gespräche könnte sich sogar als kontraproduktiv erweisen. Er forderte die Weltgemeinschaft auf, endlich Palästina als Staat anzuerkennen und damit auch zum Vollmitglied der UNO machen. 

Mit einer guten halben Stunde Verspätung sind die freigelassenen Geiseln offensichtlich von Mitarbeitern des IRK übernommen worden und befinden sich in Ambulanzen auf dem Weg nach Rafah. Die letzten Stunden haben sie, so melden es arabische Zeitungen, im Krankenhaus von Khan Younis verbracht. Dort seien sie einer ersten medizinischen Untersuchung unterzogen worden. 12 der 13 Geiseln sollen aus dem Kibbutz Nir Oz stammen. Von dort waren am 7. Oktober 75 Personen, darunter 13 Kinder verschleppt worden.

Vor dem Kinderspital in Tel Aviv sind mittlerweile Sicherheitskräfte und Ambulanzen eingetroffen. Aus Rafah überträgt Reuters life vom Dach in der Nähe des Grenzübergangs. Neben zahlreichen Schaulustigen haben sich TV-Reporter mit ihren Kameras in Position gebracht. Es wird langsam dunkel in Rafah. Aus Gaza kommen dicht gedrängte LKWs aus dem Gazastreifen zurück, für Ambulanzen scheint es unmöglich, durchzukommen. Eine Stunde nach ihrer Freilassung sind die Freigelassenen in Ägypten angekommen. Für einmal hatte Reuters Pech, die Wagenkolonne nahm einen anderen Weg …



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