Krieg in Israel – Tag 66

28. Kislev 5784

Am späten Sonntagabend gab die IDF bekannt, dass Lt. Menachem Eitan, 22, s’’l, seinen schweren, im Kampf erlittenen Verwundungen erlegen ist. Heute musste die IDF den Tod von sieben weiteren Soldaten bekanntgeben. Sgt. Maj. (res.) Gideon Ilani, 35, Sgt. Maj. (res.) Etay Perry, 36, Major (res.) Eviatar Cohen, 42 und Maj Gal Becher, 34, s’’l. Weitere vier Soldaten wurden im gleichen Vorfall schwer verletzt. Gegen Mittag wurde bekannt, dass Maj. (res.) Roman Bronshtein, 46, Cpt. (res.) Eliya Yankonvsky, 24 und Mast Sgt. (res.) Ari Yehiel Zenliman, 23, s’’l, bereits gestern im Kampf gefallen sind. Alle hier genannten Soldaten verloren bei einer Explosion in Khan Younis ihr Leben. Damit sind seit Beginn der Bodenoffensive 104 Soldaten gefallen. 

Der Antrag von Netanyahu, palästinensische Arbeitnehmer aus Judäa und Samaria wieder nach Israel einreisen zu lassen, wurde gestern Abend vom israelischen Sicherheits-Kabinett angehört, aber nicht zur Abstimmung gebracht. Beobachter der Sitzung berichteten, dass die Vertreter der IDF, des Shin Bet und von COGAT den Vorschlag guthiessen, während die Vertreter der Polizei ihn ablehnten.

Die UNO-Vollversammlung wird sich morgen zu einer Notfall-Sitzung treffen, um eine nicht bindende Resolution zu verabschieden, in der ein sofortiger Waffenstillstand gefordert wird. Das Treffen findet auf Drängen der 22 Mitglieder starken arabischen Gruppe und der 57 Staaten der ‘Organization of Islamic Cooperation’ statt. Das teilte Präsident Dennis Francis den 193 Mitgliedsstaaten mit. Der palästinensische Botschafter an der UNO, Riyad Mansour, zeigt sich optimistisch. «Bereits 103 Staaten unterstützen den Antrag. Ich hoffe auf ein eindeutiges Ergebnis.» Anders als bei den nachgeordneten Kommissionen gibt es bei der Vollversammlung keine Vetomöglichkeit.

Mitglieder des UNO-Sicherheitsrates, unter ihnen 16 Botschafter und ihre Stellvertreter, werden am kommenden Montag den Grenzübergang Rafah besuchen. Ziel des Besuches ist es, sich selbst ein Bild über die humanitäre Krise im Gazastreifen zu machen. Auch die Bemühungen der UN in diesem Gebiet sollen mit dem Besuch aufgewertet werden. Initiatoren sind die VAE, die die Arabische Liga im Sicherheitsrat vertreten. Die Kosten werden ebenfalls von den VAE übernommen. Die Teilnehmer werden von Philippe Lazzarini, dem Direktor der UNRWA, betreut werden. Die Informationen vor Ort übernimmt Lynn Hastings, UN-Koordinator für humanitäre Hilfe. Weitere hochkarätige Meinungsbildner, oder anders ausgedrückt Manipulatoren, sind: Die palästinensische Gesundheitsministerin Mai al-Kaila, Younes al-Khatib, Präsidentin des Palästinensischen Roten Halbmondes und Majed al-Khalidia, Berater des PA-Präsidenten Mahmoud Abbas. Die Veranstaltung findet statt, ohne dass Israel informiert oder gar miteinbezogen wurde. Israels andauernder Repräsentant an der UNO, Gilad Erdan, bezeichnete den geplanten Besuch als eine Schande und wertet sie als den neuen Tiefpunkt der Beziehungen zwischen der UNO und den noch immer in Geiselhaft befindlichen Israelis. «Es ist ein erneuter Beweis, dass die UN sich nur um die Bewohner des Gazastreifens sorgt. Unsere Bewohner aus der Umgebung des Gazastreifens und unsere Geiseln sind ihnen völlig gleichgültig.» 

Das Geheimnis, wer den freigelassenen jungen Geiseln die perfekten französischen Zöpfe geflochten hat, ist gelüftet. Sie waren zusammen mit jungen Soldatinnen eingesperrt, die ihnen vor der Freilassung die Haare so gut es ging, gepflegt, gekämmt und geflochten haben. Ein kleiner Liebesdienst, der sicher vor allem in dem Moment von den Mädchen hoch geschätzt wurde. 

Die Hamas Terror-Organisation treibt den ‘Preis’ für die Freilassung der Geiseln weiter hoch: «Keine der Geiseln wird den Gazastreifen lebend verlassen, wenn nicht alle unsere Forderungen erfüllt sind.»

  1. Das Ende des Krieges
  2. Völliger Rückzug der IDF aus dem Gazastreifen
  3. Freilassung aller palästinensischen Gefangenen aus den israelischen Gefängnissen
  4. Freilassung aller am 7. Oktober festgenommenen Terroristen

Dass die Familienangehörigen der Geiseln mit jedem Tag mehr Druck auf Israel ausüben, die Befreiung ihrer Lieben mit allen Mitteln voranzutreiben, ist es, was die Hamas maximal ausreizt. Eine schnelle Lösung gibt es nicht, weder im Sieg und bei der Eliminierung der Terror-Organisation noch bei der Befreiung der Geiseln. Niemand weiss derzeit, wo sich der meistgesuchte Mann in Gaza, Yahya Sinwar, aufhält. Man vermutet ihn irgendwo unter der Erde in oder um Khan Younis herum. Gut möglich, dass er sich hinter Geiseln versteckt, sie könnten seine Lebensversicherung sein. Was für ihn eine Lebensversicherung ist, bedeutet für die evakuierten Bewohner der Gebiete um den Gazastreifen die weitere Verzögerung ihrer Rückkehr und des Beginns des Wiederaufbaus ihrer Heimatorte. Solange Sinwar lebt, solange die Hamas nicht zerschlagen ist, drohen weitere Massaker, wie das vom 7. Oktober. Das ist es, was die Anführer der Hamas immer wieder ankündigen. 

Familienangehörige der immer noch im Gazastreifen festgehaltenen Geiseln nahmen heute an Sitzungen verschiedener Ausschüsse in der Knesset teil. Die einstimmige Meinung war, dass Israel dringend wieder diplomatische Bemühungen mit dem Ziel, die Geiseln zu befreien, starten müsse. Während der einwöchigen ‘humanitären Feuerpause’ war es gelungen, 105 Geiseln nach Hause zu bringen. Es wird vermutet, dass sich derzeit immer noch 138 Geiseln in den Fängen der Hamas-Terrororganisation oder anderer Terror-Gruppen befinden. In den letzten Tagen musste die IDF bestätigen, dass mittlerweile 18 Geiseln gestorben sind und ihre sterblichen Überreste in Gaza zurückgehalten werden. «Wir haben die Früchte des Abkommens gesehen. Eine Militäroperation wird jetzt nicht zu diesen Ergebnissen führen, nicht allein.» hielt ein Verwandter der Familie Bibas fest. «Ich bin sicher, dass jeder Soldat oder Kommandant in Gaza davon träumt, zwei Rothaarige zu finden.» Baby Kfir, 10 Monate, und sein Bruder Ariel, 4, sind zu den Gesichtern der Geiseln geworden. Sie sind die jüngsten Geiseln, die gemeinsam mit ihren Eltern verschleppt wurden. Vor einigen Wochen gab die Hamas bekannt, dass die beiden Kinder und ihre Mutter nicht mehr leben. Vater Yariv wurde schon lange von ihnen getrennt. Die Schwester des Vaters klagte: «Ich schwanke zwischen der Suche nach einem Hoffnungsschimmer in mir und der Überlegung, welche Grabrede ich an ihren Gräbern halten soll, oder der Entschuldigung bei meinem Bruder, dass wir nicht in der Lage waren, sie nach Hause zu bringen; zwischen der Freude, dass ich schwanger bin, und dem Gedanken, ob das Baby sie kennen wird, und der Tatsache, dass ich das Baby Yarden nennen werde.» Morgen gegen 17 Uhr werden die betroffenen Familienangehörigen vor der Knesset demonstrieren, während drinnen über das neue Budget abgestimmt wird. Für Mittwochvormittag ist um 8:30 eine zweite Demonstration geplant. 

Erstmals seit dem zweiten Libanonkrieg 2006 hat die IDF Ausrüstungsgegenstände für die im Gebiet des südlichen Gazastreifens operierenden Truppen abgeworfen. Eine C-130J Cargo- Maschine hat dabei insgesamt 7 Tonnen Material ‘abgeliefert’.

Der Ich.Bin.Immer.Noch.Der.PM masst sich wieder Entscheidungen an, die nicht mehr in seinen Händen liegen werden, wenn der Krieg zu Ende ist. Es hat ein nicht mehr geheimes Team zusammengestellt, mit dem er seine Nachkriegspläne für Gaza diskutiert. Das Team sollte geheim bleiben, jedoch sickerte mittlerweile durch, dass es unter der Leitung des nationalen Sicherheitsberaters Tzachi Hanegbi steht. Weitere Mitglieder sind der Minister für strategische Angelegenheiten Ron Dermer, sowie Vertreter des Mossad, Shin Bet und der IDF. Auch der israelische Botschafter in den USA, Mike Herzog, der Bruder des israelischen Präsidenten, Isaac Herzog, hat bereits an vier Treffen teilgenommen.  Weitere Treffen sind für die kommenden Tage und Wochen geplant. Die USA sind über die Besprechungen informiert und erwarten, dass ein Plan für die ‘Zeit danach’ vorgelegt wird. Netanyahus Plan, eine Pufferzone, die bis weit in das Gebiet des Gazastreifens hineinreichen soll, und einer de facto Annektierung des Gebietes gleichkommt, lehnen die USA ab. Auch über die Beteiligung der PA an der Verwaltung des Gazastreifens gibt es keine Einigkeit. Während diese von Netanyahu strikt abgelehnt wird, stellt sie in den Augen der USA die einzige Möglichkeit dar, die völlig vergessenen Friedensverhandlungen mit dem Ziel der palästinensischen Staatsgründung wieder aufzunehmen. Hanegbi soll die Meinung vertreten, «dass es sehr wahrscheinlich ist, dass der Tag danach die Zusammenarbeit mit Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten und den Aufbau von Infrastrukturen in Partnerschaft mit ihnen beinhalten muss, um einen zukünftigen Krieg zu verhindern.» Bis es zu einer allgemein anerkannten Lösung kommt, wird noch einige Zeit vergehen. Netanyahu, so wurde unter der Hand berichtet, vertritt die Ansicht, dass der einzige Unterschied, der zwischen der PA und der Hamas besteht, der ist, «dass die Hamas uns hier, jetzt und heute vernichten will und die PA das in kleinen Schritten tun will.»

Oppositionsführer Yair Lapid geht wieder einmal mit der Nicht-Regierung hart ins Gericht. Derzeit zielt ein Grossteil der Aktivitäten darauf, das für das Jahr 2023 beschlossene Budget abzuändern und neu von der Knesset absegnen zu lassen. Allerdings geht es bei dieser Neufassung nicht darum, kriegsnotwendige Posten abzudecken, sondern die ‘Ich-wünsch-mir-was’ Bedürfnisse der Koalitionspartner zu erfüllen. Unschlagbar mit ihren Forderungen sind vor allem die beiden religiösen Parteien, die immer mehr Gelder für ihre religiösen Yeshivot beantragen. Dicht gefolgt von Otzma Yehudit, wo Parteichef Ben-Gvir Gelder für seine privaten Schlägertruppen verlangt. Zitat: «Waffen retten Leben!» NIS 4.9 Milliarden werden in diesem Jahr umverteilt, im kommenden Jahr sollen es noch mehr werden. Er bezeichnet diese Neuverteilung als: «Aufteilung der Beute unter den politischen Parteien der Koalition und ein korruptes und politisches Budget, das uns während eines Krieges nach der grössten Katastrophe in der Geschichte des Landes ins Leere laufen lassen wird.» Doch damit nicht genug der Kritik: «Es gibt keine organisierten diplomatischen Bemühungen während des Krieges, es gibt kein einheitliches System der öffentlichen Diplomatie, es gibt keinen organisierten Wirtschaftsplan, um die Schäden in der Wirtschaft zu bewältigen. Es gibt niemanden, der sich mit den Reservisten befasst. Kurzum: Es gibt keine Regierung.»

Knesset-Sprecher Amir Ohana begleitete gestern eine Gruppe von EU-Parlamentariern durch das nahezu völlig zerstörte Dorf Kfar Aza. Hier waren mehr als 50 Menschen ermordet und mindestens 17 als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt worden. «Was wir hier in Kfar Aza gesehen haben, werden wir nie vergessen. Wir wissen, dass es auch unser Kampf ist. Man muss kein Israeli sein, man muss kein Jude sein, um zu spüren, dass hier die Menschheit angegriffen wurde. Wir werden es unseren Mitbürgern in Europa bezeugen, und wir werden nie vergessen, dass wir diesen Kampf gemeinsam führen», sagte die französische Delegierte. Ihr Kollege McAllister aus Deutschland fügte hinzu: «Es war wichtig, dass eine parteiübergreifende Delegation des Europäischen Parlaments die Gelegenheit hatte, Zeuge zu werden, damit wir verstehen, wie unglaublich brutal diese Gräueltaten waren.»

COGAT, das für die zivilen Angelegenheiten der Palästinenser zuständige Gremium des Verteidigungsministeriums fordert die UNO dringend auf, die Abwicklung der Lieferung mit Hilfsgütern am Grenzübergang Rafah deutlich zu beschleunigen. «Wir haben unsere Möglichkeiten zur Inspektion der nach Gaza gelieferten Hilfsgüter erweitert. Kerem Shalom soll geöffnet werden, so dass sich die Zahl der Inspektionen verdoppeln wird. Aber die Hilfsgüter warten weiterhin am Eingang von Rafah.» Wie lang der Rückstau

an der Grenze zwischen Ägypten und dem Gazastreifen ist, zeigt dieses Bild.

Im Gegensatz zu den vergangenen Tagen, an denen es in der Nacht relativ ruhig blieb, gab es in der Nacht auf heute immer wieder Alarme rund um den Gazastreifen. Verletzte oder Sachschäden wurden zunächst nicht bekannt. In den frühen Morgenstunden beschoss die IAF Ziele in Khan Younis. Der Palästinensische Islamische Djihad verkündete, es sei ihnen gelungen, ein Haus zu sprengen, in dem Soldaten der IDF nach Tunneleingängen suchten. Diese Behauptung wurde zunächst von der IDF nicht kommentiert. Mindestens acht Raketen wurden vom südlichen Libanon auf israelisches Gebiet abgeschossen, sechs von ihnen konnten abgefangen werden, zwei landeten in unbewohntem Gebiet.

Am Mittag nahm der Beschuss aus dem Gazastreifen auf den Grossraum Tel Aviv wieder stark zu. Insgesamt wurden 17 Alarme ausgelöst. Es gab keine unmittelbaren Berichte über Verletzte oder Sachschäden. Mittlerweile wurde bekannt, dass eine der Raketen einige Fahrzeuge und eine Strasse beschädigt hat. Ein Mann wurde durch ein Schrapnell leicht verletzt. In Holon wurde ein Haus direkt getroffen und entgegen ersten Berichten entstand grosser Sachschaden. Ein Mann wurde mit leichten Verletzungen zur Behandlung ins Spital

eingeliefert.

Mit gezieltem Beschuss durch die IAF und den Einsatz von Drohnen wurden während der letzten 24 Stunden zahlreiche Ziele im nördlichen Gazastreifen, u.a. in Jabaliya und Shejaiya zerstört. Eine Gruppe von Terroristen kam schwer bewaffnet aus einer Klinik, wurden von Drohnen aufgespürt und eliminiert. Ein Waffenlager in einem privaten Wohnhaus wurde ebenfalls beschossen und zerstört. In einem anderen Waffenlager fanden die Soldaten erneut Waffen, die in Säcken versteckt waren, die das Logo der UNRWA trugen. Ein Lastwagen, der eine grosse Menge an Langstreckenraketen geladen hatte, stand unmittelbar neben einer Schule und konnte ohne Schaden am Gebäude zerstört werden. Weiters zerstört wurde eine teilweise geladene Abschussrampe für 50 Raketen.

Die gestern gefallenen Soldaten (s. ganz oben) wurden Opfer eines direkten Angriffs von schwerbewaffneten Terroristen. Diese hatten das Feuer aus einer Schule heraus eröffnet. Als ein Sprengsatz in unmittelbarer Nähe der Soldaten explodierte, verursachte die Explosion den Tod der fünf Soldaten und verletzte vier weitere. Die angreifenden Terroristen wurden eliminiert, das Gebäude zerstört. 



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