Genesis, Mikez 41:1 – 44:17

Haftara: Könige I 3:15 – 4:1

ב“ה

3./4. Tewet 5784                                                    15./16. Dezember 2023  

Shabbateingang in Jerusalem:                                                         15:57

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                         17:17

Shabbateingang in Zürich:                                                                 16:17

Shabbatausgang in Zürich:                                                                 17:28

Shabbateingang in Wien:                                                                  15:43

Shabbatausgang in Wien:                                                                 16:54

Lesen wir weiter, wie es Josef, dem Träumer, weiter erging. Immer noch sitzt er im Gefängnis und hofft, dass die Welt ihn nicht vergessen hat. Da hat Pharao einen Traum, den weder er sich selbst erklären kann, noch seine besten Traumdeuter. Er verzweifelt und berichtet seinem Mundschenk, der sein Leben Josef verdankt, seine Sorgen wegen der Träume. Der holt Josef aus dem Gefängnis. Pharao bittet Josef, ihm seine Träume zu deuten, doch der weist bescheiden darauf hin, Gott würde ihm die Lösungen eingeben. Sieben fette Kühe, sieben magere Kühe, sieben pralle Ähren, sieben dürre Ähren, sie deuten auf zunächst sieben gute Jahre hin, Jahre des Überflusses, gefolgt von sieben Jahren mit Hunger und Leid. Der zweifache Traum steht für Gottes festen Entschluss, es genauso und schon bald geschehen zu lassen. Als Schlussfolgerung schlägt Josef vor, Pharao solle sich nach einem Verwalter umschauen, der die sieben Jahre des Überflusses gut nutzen und als Versicherung für die folgenden sieben mageren Jahre anlegen solle. Pharao gefällt diese Vorstellung und er ernennt Josef als seinen Verwalter. Er gibt ihm den Siegelring des ersten Mannes im Staat und stellt ihn überall als solchen vor. Die Tochter Potifers, des Priesters von On, Asenat, gibt er ihm zur Frau. Noch vor Beginn der mageren Jahre schenkt sie Josef die beiden Söhne Menasche und den zweiten Efraim. Als der grosse Hunger beginnt, lässt Josef die Speicher öffnen und beginnt, Getreide an die Ägypter und andere zu verkaufen. Auch Jakob leidet Hunger und schickt zehn seiner Söhne nach Ägypten. Nur Benjamin, seinen Jüngsten, lässt er zu Hause. Als die Brüder zu Josef kommen, erkennt er sie, aber sie erkennen ihn nicht. Josef erinnert sich an einen alten Traum und beschuldigt sie, Ägypten ausspionieren zu wollen. Sie stellen sich als ehrliche Kaufleute vor, als Kinder eines Vaters und erzählen ihm, dass einer von ihnen nicht mehr am Leben sei und der andere zu Hause beim Vater auf ihre Rückkehr warte. Da befiehlt Josef ihnen, zurückzukehren und den Jüngsten zu holen. Um seinen Worten mehr Gewicht zu verleihen, wirft er sie für drei Tage ins Gefängnis. Sie ahnen nicht, dass Josef ihrem Gespräch folgen konnte, denn er lässt sich alles von einem Dolmetscher übersetzen. So erfährt er, dass sie, die ihn einst so schmählich fortgegeben hatten, ja selbst seinen Tod in Kauf genommen hätten, nun glauben, dass das, was ihnen jetzt geschah, die Rache Gottes für ihren Frevel war. Josef befiehlt, ihnen die Säcke zu füllen, ihr Geld wieder dazuzulegen und ihnen Reiseproviant mitzugeben. Shimon aber lässt er fesseln und zurück in den Kerker bringen. Jakob weigert sich, ihnen Benjamin mitzugeben, muss sich aber dann, als der Hunger zu nagend wird, dem Wunsch Josefs unterordnen und ihnen Benjamin mitgeben. Er gibt ihnen Geschenke mit, die sie Josef überbringen sollten, um ihn milde zu stimmen. Um die Schulden aus dem letzten Kauf zu tilgen, gibt er ihnen auch den doppelten Geldbetrag mit. Als sie bei Josef ankommen und der sieht, dass seine Bitte erfüllt worden war, lässt er ein Festmahl auftragen. Sie fürchten sich vor Schikanen und stellen sofort klar, dass sie keine Diebe sind. Stattdessen werden sie verwöhnt, ohne zu wissen und zu erkennen, warum das geschah. Wieder lässt Jakob ihnen Getreide einfüllen, wieder legt er das Geld dazu. In den Sack von Benjamin legt er zusätzlich noch einen Silberbecher. Am nächsten Tag reisten die Brüder ab. Doch kaum waren sie unterwegs, folgte ihm der Hausverwalter und sagte ihnen auf den Kopf zu, den Silberbecher gestohlen zu haben. Natürlich leugnen sie das, weil sie ja nichts davon wussten und sich zu Recht als unschuldig fühlten. Sollte er jedoch den Becher finden, so sollte der, in dessen Sack er gefunden würde, sterben und sie alle sollten Sklaven Josefs werden. Im letzten Sack, so wussten sie bereits vorher, werden sie fündig. So kamen sie wieder zurück in das Haus Josefs, wo sie sich erneut als unschuldig bezeichnen. Josef behielt Benjamin bei sich und schickte die anderen fort, nach Hause, zu ihrem wartenden Vater. Hier bedient sich die Torah eines typischen ‚Cliffhangers‘, wir wollen wissen, wie die Geschichte weitergeht und müssen uns doch bis zum kommenden Shabbat in Geduld fassen. 

In der Haftara treffen wir auf König Salomon, der gerade aus einem Traum erwacht. Der Text ist kurz und beschreibt das, was wir alle als ‚salomonisches Urteil‘ kennen. Als ein Urteil, das gerecht ist und unbestechlich in seiner Klarheit. Zwei Mütter, wahrscheinlich zwei Prostituierte und zwei Kinder. Eines stirbt den plötzlichen Kindstod. Die Mutter, die am plötzlichen Tod ihres Kindes nicht ganz unschuldig war, tauschte es gegen das lebende Kind aus. Die betrogene Mutter klagt die andere vor dem König an. Der König, offenbar ein guter Menschenkenner, schlug ihnen vor, das lebende Kind ‚zu halbieren‘ „sodass jede Frau etwas davon hat“. Schnell wurde die unschuldige Mutter erkannt, sie flehte den König an, das Kind zu schonen und der anderen zu geben. So konnte sie sicherstellen, dass ihrem Kind kein Leid geschah. Und Salomon sprach das völlig gerechtfertigte ‚salomonische‘ Urteil. 

Was haben nun Salomon und Josef miteinander zu tun? 

In der Torah finden wir heute einen kleinen Hinweis darauf. Josef erklärt, dass nicht er der Traumdeuter ist, sondern nur das Sprachrohr Gottes. Salomon ist gesegnet mit der Weisheit, die ihm Gott zuteilwerden liess. Er wurde während seiner Amtszeit berühmt für seine Rechtsauslegungen, die allgemein anerkannt wurden. Und noch eine Ähnlichkeit zwischen den Texten fällt auf: In der Josefsgeschichte ist es die Opferbereitschaft der Brüder, sich für den kleinen Bruder zu opfern, als Gefangene bei Josef zu bleiben, wenn er nur den Jüngsten verschont. In der Haftara ist es die echte Mutter, die auf das Kind lieber verzichtet, als es dem Tod auszusetzen. 

Eine weitere Gemeinsamkeit fällt auf. Salomon hatte es als Nachfolger Davids einfach, ein gerechter König zu sein, während seiner Regentschaft gab es keine Kriege, er konnte aus dem Vollen schöpfen, was sein Vater für ihn vorbereitet hatte. So musste er sich auch nicht korrumpieren lassen, seine Machtposition ermöglichte es ihm, nur nach seinem Gewissen zu urteilen. Auch Josef hatte diese hohe Machtposition erreicht, er hatte keinen Grund, sich an seinen Brüdern zu rächen. Im Gegenteil, er durfte sich an den Früchten seiner Loyalität dem Pharao gegenüber erfreuen. Beide, Josef und Salomon, richten ohne Ansehen der Personen. Beide lassen sich die Lebensgeschichten der ‚Angeklagten‘ erzählen. Wie ist es heute? Wie gehen wir, ohne Richter zu sein, einfach als Mitmenschen um, über die wir uns anmassen, ein ‚Urteil‘ fällen zu müssen? Wie gehen wir mit Bittstellern, mit Asylanten, mit Flüchtlingen um? Bringen wir jedem von ihnen die gleiche Empathie entgegen, die sie, die als Bittsteller zu uns kommen, erwarten dürfen? Vielleicht sind die langen Abende ein Anlass, einmal über unser eigenes gerechtes Rechtsempfinden nachzudenken. 


Shabbat Shalom



Kategorien:Israel

Hinterlasse einen Kommentar