9. Tevet 5784

Auch heute muss die IDF wieder den Verlust von drei Soldaten bekanntgeben. Sgt. Lavi Ghasi, 19, Lt. Yaacov Elian, 20, und Lt. Omri Shwartz, 21, s’’l, fielen während der andauernden Kämpfe im südlichen Gazastreifen. Acht weitere Soldaten wurden während der Kämpfe teils schwer verletzt.


Eine kleine Gruppe von einigen Dutzend Frauen versuchte am Morgen, die Zufahrt zum Kerem Shalom Übergang nach Gaza zu blockieren. Ihr Argument, es handele sich um militärisches Sperrgebiet, in das keine LKWs einfahren dürfen. Übrigens, militärisches Sperrgebiet dürfen auch keine Zivilisten betreten! Die Polizei stoppte die Gruppe etwa 25 km vom Übergang entfernt, eine weitere Gruppe versucht, über die Strasse 10, entlang der ägyptischen Grenze nach Kerem Shalom zu gelangen. Ziel der Proteste ist es, LKWs mit humanitären Hilfsgütern für Gaza an der Kontrolle und anschliessender Einfahrt via Rafah zu hindern. Auf Plakaten beschuldigen sie die Regierung: «Jede Hilfe für den Feind, tötet unsere Soldaten.» Die Demonstranten sind Mütter von IDF-Soldaten, die derzeit in Gaza kämpfen. Sima Hasson, eine der Organisatorinnen des ‘Marsches der Mütter’ hält fest: «Wir werden keine Hilfe für den Feind zulassen, der unseren Kämpfern, unseren Söhnen, Schaden zufügt.» Mit dieser Aussage widerspricht sie einer klaren Doktrin der IDF und der Regierung, die besagt, dass die Hamas unser Feind ist, aber nicht die Gazaner. Die Zivilbevölkerung leidet am meisten unter der Terror-Organisation, die sich jedes Transportes widerrechtlich bemächtigt, den sie erreichen können. Die berechtigte Angst der Mütter darf nicht ausser Acht lassen, dass es ein Akt der Menschlichkeit ist, Hilfe für die Zivilbevölkerung zuzulassen.

Schon wieder hat die Hamas ihre Bedingungen für einen möglichen Austausch von palästinensischen Gefangenen gegen israelische Geiseln geändert. Während der letzten humanitären Feuerpause waren 240 Gefangene gegen 105 Geiseln ausgetauscht worden. Die nächste Forderung besagte, dass alle in israelischen Gefängnissen einsitzenden Palästinenser freigelassen werden müssten. Nun gibt es, wie die libanesische Nachrichtenagentur ‘al-Akhbar’ berichtete, eine neue Forderung. Die neue Formel lautet 10:1, wobei die Liste der Gefangenen erst von der Hamas abgesegnet werden muss. So will die Terror-Organisation den Druck auf Israel erhöhen, sich auf eine längere Feuerpause einzulassen, die Truppen bis hinter eine von der Hamas definierte Grenze zurückzuziehen und vermehrte Hilfslieferungen nach Gaza zu bringen. Nach nur wenigen Stunden veröffentlichte die Hamas eine erneute Bedingung für eine Feuerpause. Bis zum definitiven Ende der Kämpfe werden sie, das ist der letzte Stand, weder einer weiteren Freilassung von Geiseln zustimmen, und auch keine weiteren Verhandlungen führen. Eine Feuerpause steht ebenfalls nicht zur Diskussion.
Das Ende einer mehr als 24 Stunden andauernden Ruhe wurde heute Vormittag mit erneutem Beschuss auf die südlichen Gemeinden Israels beendet. Drei Salven mit etwa 30 Raketen wurden kurz hintereinander abgeschossen, die Raketen konnten abgefangen werden, landeten noch im Gazastreifen oder kurz hinter der Grenze auf unbebautem Gebiet. Der Beschuss reichte bis in die Region um Tel Aviv. Sogar in Kfar Saba, rund 80 km nördlich von der Grenze zu Gaza, wurden zahlreiche Raketen abgefangen. In Tel Aviv fielen Teile von abgefangenen Raketen auf eine Schule und einige Strassen. Die Schüler hatten sich zu dem Zeitpunkt bereits in den Schutzräumen befunden. Es gab Sachschäden, aber keine Verletzten.
Im südlichen Libanon wurde eine Frau durch israelischen Beschuss getötet. Ihr Mann und sie befanden sich in ihrem Haus, das von einer Rakete getroffen wurde. Ihr Mann erlitt Verletzungen unbestimmten Grades. Das Haus lag in unmittelbarer Nähe der Grenze. Die IDF hatte in der Stadt Maroun al-Ras verschiedene terroristische Infrastrukturen sowie Abschussrampen zerstört, nachdem sie in der Nacht von der Hisbollah heftig unter Beschuss genommen worden war. Einige Raketen richteten in Kiryat Shmona grossen Sachschaden an, verletzt wurde niemand. Eine Panzer-Abwehr-Rakete setzte in Avivim einige Fahrzeuge in Brand. Zwei Personen wurden verletzt.
Während der letzten 24 Stunden flog die IAF Angriffe auf 230 Ziele der Hamas im gesamten Gazastreifen. Obwohl die IDF die Operationen im nördlichen Gazastreifen für beendet erklärt hatte, kam es dort wieder zu heftigen Kämpfen zwischen Hamas und IDF. In Jabaliya räumten die Soldaten eine Schule, in der Zivilisten Zuflucht gesucht hatten, nachdem sie erneut ein grosses Waffenlager im Gebäude entdeckt hatten. Um eine Gruppe von Terroristen zu neutralisieren, die sich in Shati, einem kleinen Ort an der Küste, versteckt hielten, forderte die IDF Luftunterstützung an. Luftunterstützung gab es auch bei der Zerstörung eines Gebäudes in Khan Younis, in dem die Hamas Büros und Informationszentren unterhielt. Jener Tunnel, in dem am 17. Dezember drei Soldaten in eine Sprengstoff-Falle gerieten und bei Explosionen getötet worden waren, wurde heute von der IDF zerstört.
Bei einem Luftangriff, der bisher nicht bestätigt wurde, kamen laut Berichten der Hamas der gazanische Chef des Übergangs Kerem Shalom, Bassem Ghaben, sowie drei weitere Personen ums Leben.
Der nationale Sicherheitsberater der Regierung, Tzachi Hanegbi, schrieb heute in der liberalen saudi-arabischen Nachrichtenseite ‘Elaph’, die in London erscheint, dass Israel seine starre Haltung gegenüber dem ‘Tag danach’ etwas aufgeweicht habe. Israel sei jetzt entschlossen, den Gazastreifen gemeinsam mit den Palästinensern, der internationalen Gemeinschaft und der Privatwirtschaft wieder aufzubauen. «Israel hat kein Interesse daran, die zivilen Angelegenheiten im Gazastreifen zu kontrollieren, und es wird eine gemässigte palästinensische Regierung geben müssen, die eine breite Unterstützung und Legitimität geniesst. Es ist nicht an uns, zu entscheiden, wer das sein wird.» Diese Aussage ist völlig der bisherigen Haltung von Netanyahu entgegenlaufend, der sich strikt geweigert hatte, auch nur über eine Beteiligung der PA an der Verwaltung des Gazastreifens nachzudenken. Für ihn sind die PA und die Hamas zwei Seiten einer Medaille. Inwieweit diesen Worten Hanegbis Vertrauen geschenkt werden kann, ist fraglich, obwohl er als enger Vertrauter von Netanyahu gilt. Kritik kam von Zvi Sukkot, einem der Scharfmacher von Otzma Yehudit, der festhielt, Hanegbi habe keinerlei Recht, im Namen der Regierung zu sprechen. «Wir haben keine Verantwortung dafür, dass die Menschen im Gazastreifen ‚mit grosser Hoffnung in die Zukunft blicken‘. Vielmehr sollten sie mit der Angst in die Zukunft blicken, sich wieder mit uns anzulegen. Wir schulden dem ‚Wiederaufbau von Gaza‘ nichts. Sind wir verrückt geworden? Und auch eine Palästinensische Autonomiebehörde, die zu Toleranz und Akzeptanz erzieht, existiert nur in den Köpfen der ganz Gestörten.» Auch der vielleicht nicht ganz so radikale, aber deshalb nicht weniger gefährliche Smotrich prangerte die Aussage von Hanegbi auf Schärfste an: «Es gibt hier Leute, die gedanklich immer noch am 6. Oktober leben. Diese Position entspricht nicht der Position der israelischen Regierung, und der PM muss ihn zur Ordnung rufen. Die PA ist nicht die Lösung, sie ist ein wesentlicher Teil des Problems.» Es ist beruhigend, dass die Mitglieder dieser rechtsextremen-nationalistisch-faschistischen Parteien kurz nach dem Krieg, spätestens aber bei den nächsten Wahlen, von den Regierungsplätzen abgewählt werden.
Der Hauptscharfmacher von Otzma Yehudit, Itamar Ben-Gvir, fordert nicht zum ersten Mal, das Kriegskabinett, bestehend aus dem PM, VM Yoav Gallant, Benny Gantz als stimmberechtigte Mitglieder und den Ministern Ron Dermer und Gadi Eisenkot als Beobachtern, sofort aufzulösen und dessen Befugnisse an das grössere Sicherheitskabinett zu übergeben. In diesem Gremium ist Ben-Gvir selbst Mitglied. «Wenn jemand, Gott bewahre, beabsichtigt, die IDF zu stoppen, bevor die Hamas besiegt ist und alle Geiseln zurückgegeben wurden, sollte er bedenken, dass Otzma Yehudit nicht auf seiner Seite sein wird. Die Idee, die Aktivitäten in Gaza einzuschränken, ist ein Versagen des Kriegs-Kabinetts. Es sollte sofort aufgelöst werden. Es ist an der Zeit, dem Sicherheits-Kabinett die Zügel wieder in die Hand zu geben.»
Als hätte er derzeit keine anderen Probleme! Netanyahu, ich habe bereits davon berichtet, gefällt der Name ‘Swords of Iron’ für den derzeitigen Krieg nicht mehr. Jetzt muss sich tatsächlich ein Regierungskommitee in der kommenden Woche mit der Frage auseinandersetzen, welchen neuen Namen sie dem Krieg geben werden. Zur Diskussion stehen ‘Genesis War’, ‘Simchat Torah War’, ‘Gaza War’ oder ‘War oft the winds’. Mit der Lesung von ‘Genesis’, dem ersten Buch Moses beginnen wir an ‘Simchat Torah’. ‘War of winds’ bezieht sich das Gebet um Regen, das wir ebenfalls an Simchat Torah beten. Netanyahu selbst schwankt noch zwischen zwei Namen: Genesis, weil das auch im Englischen gut klingt oder einfach Gaza War. Davor waren ihn allerdings seine Berater. Das Haus, in dem sich die Familie Netanyahu derzeit aufhält, steht in der Aza-Strasse, der hebräischen Bezeichnung für Gaza. Vielleicht denkt er mal über ‘Mein Kampf’ nach? Seinen Kampf um das politische Überleben nämlich,.

Unter dem Palestine Square, einst das lebendige Zentrum von Gaza City, graben derzeit Soldaten das grösste bisher entdeckte Tunnel-Netzwerk aus. Hier im Zentrum von Gaza haben sich die Anführer der Hamas Terror-Organisation eingegraben. In dem beliebten und teuren Wohnquartier lebten ihre Familienangehörigen oberhalb in luxuriösen Appartements und Penthäusern. Unterhalb lebten die Anführer in der ‘unterirdischen Terrorstadt’. Ein aufgefundener Rollstuhl lässt vermuten, dass sich auch die beiden meistgesuchten Terroristen, Muhammad Seif (siehe mein Bericht von gestern) und Yahya Sinwar immer wieder länger dort aufgehalten haben. Wohnungen, Büros, mehrstöckige Tunnelanlagen, sogar ein Lift machten das unterirdische Leben so angenehm wie möglich.

In der Mitte des Platzes weht die Israel-Fahne, eine überdimensionale Chanukkia erinnert noch an die Feiertage. Die umliegenden Häuser sind schwer beschädigt oder eingestürzt. Die räumliche Nähe zwischen Hamas-Bauten und denen der Zivilisten zeigt, wie stark verzahnt beide Gruppen miteinander sind. Es kann nicht verborgen geblieben sein, dass mitten im Zentrum der Stadt eine enorme Bautätigkeit herrschte. Zivilisten? Die gibt es in der Gegend wohl kaum. Die Untersuchungen der Tunnelanlagen durch die IDF gestaltet sich extrem gefährlich. Überall sind Sprengstoff-Fallen installiert.

Die drei Geiseln, die bei einem Vorfall, der gerade von der IDF untersucht wird, am 15. Dezember ihr Leben verloren, sind offensichtlich einer tragischen Verkettung von Umständen zum Opfer gefallen. Bereits einige Tage vorher hatten die Soldaten einen Hund eingesetzt, um zu erspüren, ob sich im Gebäude Menschen befanden. Die versteckten Terroristen schossen auf den Hund und wurden daraufhin von der IDF eliminiert. Es gelang den Soldaten zunächst nicht, den Hund zu befreien, auch nachdem er seinen Wunden erlag, funktionierte seine Body-Cam noch einige Zeit. Sie nahm Bilder von den flüchtenden Geiseln auf. Es gelang der IDF nicht, tiefer in das Haus einzudringen, den Hund zu bergen und seine Kamera-Aufnahmen auszuwerten. Dies gelang erst am 18., drei Tage nach dem schrecklichen Vorfall. Die Soldaten hatten wohl die Hilferufe in Hebräisch gehört, waren aber sicher, es handele sich um eine Falle. Die Analyse ergab, dass sich zwischen der IDF und den Geiseln, die sich jetzt versteckten, jedoch später erschossen wurden, etwa ein km befand. Das, was von den Geiseln als Hoffnung, dass sie befreit würden, gewertet wurde, erwies sich als zweiter Fehler. Die IDF bewertete mit Lebensmittelresten aufgemalten ‘SOS’ und ‘Hilfe, 3 Geiseln’ fälschlicherweise ebenfalls als Falle. Es war Vorschrift, sich von derartig gezeichneten Häusern fernzuhalten. Einer der Scharfschützen, die die tödlichen Schüsse abgaben, hatte zu Beginn seiner Schicht die Information erhalten «Dieses Gebiet ist Kampfgebiet, Feuer darf jederzeit auf alles, was verdächtig ist eröffnet werden.»Die IDF war nicht darauf vorbereitet, Geiseln zu sehen, die sich frei und unbewacht in der Region bewegen. Generalstabschef Herzi Halevi unterrichtete nochmal seine Soldaten: «Wenn ihr Menschen sehr, die mit blossem Oberkörper die Hände über den Kopf halten, stoppt und nehmt euch zwei Sekunden. Was tut ihr, wenn Gazaner mit einer weissen Fahne kommen und sich ergeben. Erschiessen wir sie? NEIN! Wir schiessen nicht, wir nehmen sie gefangen.»

Iris Haim, die Mutter von Yotam, der zu den drei Geiseln gehörte, hat ein Video für die Soldaten aufgenommen. «Ich weiss, dass alles, was passiert ist, absolut nicht eure Schuld ist. Es ist die Schuld der Hamas, möge ihr Name ausgelöscht und ihr Gedächtnis von der Erde getilgt werden. Ich möchte, dass ihr euch um euch selbst kümmert und die ganze Zeit denkt, dass ihr das Beste in der Welt tut, das Beste, was passieren kann, was uns helfen kann. Denn das gesamte israelische Volk und wir alle brauchen euch gesund. Und zögert nicht eine Sekunde, wenn ihr einen Terroristen seht. Denkt nicht, dass ihr eine Geisel absichtlich getötet habt. Ihr müsst euch um euch selbst kümmern, denn nur so könnt ihr euch um uns kümmern.»
Netanyahu hat sich bereits am Dienstagabend mit einigen Familienangehörigen getroffen. Welche der betroffenen Familien dazu eingeladen worden waren, hatte sein Adlatus, Gal Hirsch, bestimmt. Das letzte Treffen vom 5. Dezember war spannungsgeladen und artete in ein Schreiduell aus, in dem mehrere freigelassene Geiseln seinen Rücktritt forderten. Aus seinem Büro war zu hören, dass ein Treffen mit weniger Teilnehmern effektiver sei und mehr Raum für persönliche Gespräche liesse. Weitere Treffen seien für die nahe Zukunft geplant. Netanyahu betonte, die Befreiung der Geiseln sei ein (!) priorisiertes Ziel. Danny Elgarat, dessen Bruder in Gaza festgehalten wird, reagiert wütend: «Drinnen sitzen Vertreter von 15 Familien und hier draussen protestieren 105 Familien. Er macht das schon wie Yahya Sinwar: Hier eine Tranche und dort eine Tranche. Niemand weiss, ob und wann er an der Reihe ist. Er möchte nur ein paar nette Bilder, die dann zeigen, was für ein gutes Treffen es diesmal war. «
Kategorien:Israel
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