18. Tevet 5784
Ich habe von 1957 bis 1974 in Dortmund gelebt. Dort habe ich meine 13 Schuljahre absolviert und bin nach der Matura fortgegangen. Seither bin ich nur einige Male als Touristin zurückgekommen.
In diesen 13 Schuljahren lernt jeder Schüler alles Mögliche und Unmögliche, Wichtiges und Unwichtiges, Nachhaltiges und Überflüssiges über seine Heimatgemeinde. Das Unterrichtsfach nennt man zunächst ‘Heimatkunde’, später fliesst es in verschiedene andere Fächer ein.

Das Erste, was mir aus der jüdischen Vergangenheit von Dortmund bekannt wurde, war eine Gedenktafel auf dem Vorplatz des modernen Opernhauses an der Ecke Hansastr. /Hiltrop Wall. Sie erinnert an die alte Synagoge, die bereits vor dem grossen Pogrom vom 9. November 1938 teilweise zerstört worden war. Seit 1900 war sie die geistige Heimat der Dortmunder Juden. 1966 wurde die Gedenktafel eingeweiht.

Bei der Eröffnung der Synagoge am 8. Juni 1900 betonte der damalige Oberbürgermeister Karl Wilhelm Schmieding: «Sie ist Zierde für die Stadt, für Jahrhunderte erbaut.» Tatsächlich wurde das Gebäude nur 38 Jahre alt. Seit 1988 heisst der Platz vor dem Opernhaus «Platz der alten Synagoge».


1300 Sitzplätze, davon 750 reservierte Plätze für Männer im Erdgeschoss und 450 auf der Empore für Frauen, machten die Synagoge zu einer der grössten in Deutschland. Der Bau folgte nicht dem damaligen Geschmack der Architektur, die den maurischen Stil bevorzugte, sondern folgte dem neugotischen Stil der gegenüberliegenden Oberpostdirektion.
Die Nationalsozialisten begannen bereits am 21. September 1938 mit dem Entkleiden der vergoldeten Kuppel, die kurz darauf weggesprengt wurde. Ende November war die ‘Alte Synagoge’ bereits völlig dem Erdboden gleichgemacht. Mehr als 2.000 jüdische Seelen wurden während der Shoa von den Nazis ermordet.

Bereits 1945 kehrten 50 Juden nach Dortmund zurück. Sie feierten gemeinsam Rosh Hashana. Einige ertrugen die alt-neue Heimat nicht mehr und gingen fort, einige blieben. Neue Juden kamen dazu. 1956 wurde das neue Gemeindezentrum an der Prinz-Friedrich-Karl-Strasse eingeweiht.
Unmittelbarer Nachbar gegenüber waren die Freimaurer, die dort von 1979 bis 1999 ihr Logenhaus «Zur Alten Linde» hatten..
1947 bis 1952 war die Loge in einem Haus im Ortsteil Aplerbeck zu Gast
1952 bis 1979 im Haus der Arbeitgeberverbände an der PFK-Strasse 13
1979 bis 1999 im Altenheim der jüdischen Gemeinde in der PFK-Srasse 9
Durch den Zuzug vieler Juden aus dem ehemaligen Russland wurde der Platz in der jüdischen Gemeinde eng und das Altersheim musste reaktiviert werden.

Heute leben die Freimaurer in einem alten, umgebauten Hochbunker an der Landgrafenstrasse/Ecke Wittelsbacherstrasse.
In diesem Bunker sind wir, als Oberstufenschülerinnen oft, meist ohne Wissen und Bewilligung unserer Eltern oft nächtelang gehockt, haben Franz-Josef Degenhardt, Hans-Dieter Hüsch, Hannes Wader und anderen gelauscht. Ob die Luft mehr geschwängert war von Rauch (na ja, nicht immer nur Tabak) oder verschüttetem Bier, ist nicht mehr erinnerbar. Aber es war toll.
Die Gebäude an der Prinz-Friedrich-Karl-Strasse sind mir wohlbekannt. Mal waren es die Freimaurer, die einen Tag der offenen Tür abhielten und dazu auch weibliche Wesen zuliessen, mal war es in Tag der offenen Tür in der jüdischen Gemeinde. Beides war für mich gleichermassen faszinierend. Heute befindet sich im Gemeindehaus ein kleines koscheres Lädelchen. Das gab es damals noch nicht.


Die Festschrift meines Gymnasiums, des Goethe Gymnasiums, an dem ich 1974 maturierte, zum 100-jährigen Bestehen verzeichnete für den ersten Jahrgang 1874 nur wenige ‘israelitische Schülerinnen’:
- Fischbein, Henriette
- Melchior, Adele
- Baruch, Auguste
- Davids, Bertha
- Frankenstein, Emilie
- Heymann, Emma


Somit waren 6 von 122 Schülerinnen Jüdinnen, eine war katholisch, alle anderen waren evangelisch. Der jüdsche Religionsunterricht wurde von Max Rothschild übernommen (1878 bis 1906), später von Rabbiner Dr. Benno Jacobs (1906 bis 1926). Danach sind keine jüdischen Lehrer mehr genannt, was darauf schliessen lässt, dass es keine jüdischen Schülerinnen mehr gab.
Das war es, mehr wusste ich nicht über das jüdische Dortmund. Bis mit gestern in einer israelischen Online-Zeitung ein kleiner Hinweis auffiel: «Dortmund erinnert sich an seinen einzigen jüdischen Bürgermeister und seine Geschichte.»

Das Dortmunder Rathaus wurde gerade einer umfassenden Renovierung unterzogen. Der weitläufige Platz davor heisst nun Friedensplatz, ich kannte ihn noch als Neuer Markt, auf dem jede Woche die Wochenmärkte stattfanden. An einer Seite wurde ein grosses Bild angebracht, Paul Hirsch, ehemaliger Bürgermeister von Dortmund blickt wohlwollend lächelnd auf das kleine Grüppchen seiner Nachfahren, die sich dort eingefunden haben, um eine Ausstellung zu eröffnen. Sie soll Daten weitergeben, die über den einzigen jüdischen Bürgermeisters Dortmunds, Paul Hirsch, gesammelt wurden. Er war von 1925 bis 1932 Bürgermeister, bevor ihn seine Gesundheit zwang, zurückzutreten. Es gilt aber als sicher, dass er sich antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt sah, und ihm deshalb die Entscheidung, sein Amt niederzulegen leichtgemacht wurde.
Hirsch war selbst kein Dortmunder. Von 1918 bis 1920 war er Ministerpräsident des Freistaates Preussen. Er hatte in Berlin sehr erfolgreich einige Reformen durchgeführt und war deshalb vom Dortmunder Bürgermeister Ernst Eichhoff ins Revier geholt worden. Die Arbeitslosigkeit stieg unaufhörlich. Hirsch wurde gegen den Druck von rechts und aus dem Zentrum zum Bürgermeister ernannt. Dortmund erstickte im eigenen Kohlenstaub. Es gelang Hirsch, 22 Gemeinden einzugemeinden. Dortmund wurde zur grünsten Stadt des Ruhrpotts.
Wir haben uns in den späten 60er und frühen 70er Jahren jährlich die Füsse wundgelaufen, wenn wir, Ehrensache, an den alljährlichen 49% Märschen in Dortmund teilnahmen. Dass das nur dank des Einsatzes eines unserer ersten Bürgermeister möglich war, das hat uns natürlich niemand erzählt! Damals sollten 49% Dortmund grün gewesen sein, heute sind es mehr als 63%. Wir haben damals immer gespottet, die grünen Gartenzäune würden mitgezählt.
Im Jahr 1933 lebten 4.108 Juden in Dortmund, das insgesamt 540.000 Einwohner hatte. Heute leben wieder etwa 2.600 Juden in der Stadt.



Hirsch zog mit seiner Frau Lucie nach Berlin, wo er 1940 im Alter von nur 71 Jahren an Altersschwäche und Unterernährung starb. Die Nazis hatten ihm, der seinem Land immer treu gedient hatte, ab 1934 die Rente verweigert. Seine Frau folgte ihm nur ein Jahr später in den Tod, nachdem sie den Deportationsbeschluss erhalten hatte. An seinem Haus gibt es eine Gedenktafel, vor dem Haus einen Stolperstein.
Den Töchtern von Paul und Lucie gelang es rechtzeitig zu fliehen, Eva floh über England und Südafrika nach Kalifornien, Thea gelang die Flucht nach Peru. Beide gründeten in ihrer jeweils neuen Heimat eine Familie. Die beiden Töchter haben die Geschichte ihres Vaters weitergegeben, seine Erinnerung ist in den Familien allgegenwärtig. So wurden die ersten Verbindungen zwischen Dortmund und Israel geknüpft.
Seine Urenkelin Amit lebt in Israel. Sie hat die Massaker vom 7. Oktober, so wie jeder Jude weltweit, wenn auch aus der Ferne miterlebt. «Dass wir hier in Deutschland etwa 90 Jahre nach der Machtergreifung der Nazis und 80 Jahre nach Pauls Tod zusammenstehen, um ihn zu würdigen und seiner Taten zu gedenken, ist für mich ein Lichtblick, angesichts der schrecklichen Realität, die wir seit dem 7. Oktober erleben.»
Das Banner mit seinem Porträt soll bis Ende Januar hängen bleiben, die Stadt Dortmund überlegt, eine dauernde Ehrung Hirschs einzurichten. Eine erste Idee ist, einen jährlichen Preis in seinem Namen auszuloben, nähere Einzelheiten sind aber noch nicht bekannt.
Die jüdische Gemeinde und der derzeitige Bürgermeister Tomas Westphal sind der Meinung, dass diese Erinnerung eine «grossartige Gelegenheit ist, über die Vergangenheit aufzuklären und eine positive Wirkung zu erzielen, um eine bessere Zukunft zu schaffen.»
Vom 29. November bis 1. Dezember fand in Dortmund das «1. Europäische Gipfeltreffen gegen Antisemitismus» statt, an dem mehr als 260 Gäste aus 20 Staaten teilnahmen. Besprochen wurden Massnahmen gegen den sich verstärkenden Antisemitismus, der seit dem 7. Oktober signifikant zugenommen hat.
Möge sein Name und seine Erinnerung nur ein Segen sein!
Kategorien:Israel
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