Krieg in Israel – Tag 102

6. Shevat 5784

Auch heute musste die IDF leider wieder den Tod von zwei Soldaten bekanntgeben. Sgt. Maj. (res.) Noam Ashram, 37, s’’l, war am 29. Dezember bei einem Kampf schwer verwundet worden und verlor gestern den Kampf um sein Leben. Sgt. First Class (res.) Nitzan Schessler, 21, s’’l, verlor gestern sein Leben im Kampf im südlichen Gazastreifen.

Präsident Isaac Herzog wird morgen nach Davos reisen, um am dort stattfindenden Welt-Wirtschafts-Forum (WEF) teilzunehmen. In seiner Begleitung fliegen Familienangehörige von Geiseln, die immer noch im Gazastreifen festgehalten werden. Ihre gemeinsamen Auftritte während der Konferenz sollen die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf die Massaker vom 7. Oktober und die Dringlichkeit der derzeitigen Situation lenken. Dazu gehört die Forderung, alle Geiseln sofort freizulassen, da jeder Tag, den sie weiterhin in den Fängen der Terroristen festgehalten werden, ihr Leben gefährdet. Herzog möchte auch den Fokus auf die Bemühungen Israels, die humanitäre Lage in Gaza zu verbessern, lenken. Das dritte grosse Thema ist die Sicherheitsgefährdung Israels und der Region, solange die Hamas noch am Ruder ist. 

Generalstabschef Herzi Halevi hat die Bildung eines Untersuchungsausschusses angeordnet. Dieser soll feststellen, ob Zivilisten und Geiseln, die während des Massakers oder der Geiselhaft gestorben sind, als Kriegsteilnehmer anerkannt werden können. Der Ausschuss ist die Reaktion auf verschiedene Anfrage von betroffenen Familien, deren Angehörige entweder an den Kämpfen während des Massakers teilgenommen haben oder sich in einer ‘besonderen Situation’ befanden. Das betrifft u.a. die drei irrtümlich von der IDF erschossenen Geiseln. Die Überlegungen gehen dahin, sie als ‘gefallene Soldaten’ anzuerkennen und zu ehren, auch wenn sie Zivilisten waren. 

Thomas Hand, Vater der 9-Jahre alten Emily, die während 50 Tagen in Gaza festgehalten wurde, hat in einem Interview mit Piers Morgan, UK, eine heftige Anklage gegen Kritiker von Israel geführt. «Sie haben keine Ahnung! Wir leben jeden Tag damit, OK? Sie haben kein Recht, überhaupt mit mir zu sprechen. Seid ihr jemals in Israel gewesen, irgendjemand von euch, der sagt ‚das ist unverhältnismässig‘, irgendjemand von euch, der kommt, um ‚Apartheid‘ in diesem Land zu sehen? Es gibt sie nicht, ihr Idioten.» Er weist darauf hin, dass alle Beschriftungen in Israel an Bussen, Strassen etc. dreisprachig sind. «Wenn es Apartheid gäbe, würden sie das nicht tun; sie würden ihr Geld nicht verschwenden. Kommen Sie in ein beliebiges Krankenhaus in diesem Land, kommen Sie in eine beliebige Schule in diesem Land, kommen Sie in eine beliebige Stadt in diesem Land, Sie werden Araber finden, Frauen, weibliche Araber, Professoren in Krankenhäusern, überall.» Emily sitzt während des Interviews neben ihm. Sie wirkt immer noch sehr verstört. In einer berührenden Geste versucht sie sogar, so scheint es, ihren Vater beruhigen zu wollen. Nein, gut geht es ihr, auch 50 Tage nach der Freilassung, nicht. Man spürt es deutlich, wie sehr sie noch von ihren fruchtbaren Erlebnissen in der Geiselhaft gezeichnet ist. 

Jordanien beklagt sich, dass Israel sie immer wieder bei der Lieferung von Hilfsgütern in den Gazastreifen behindert. Das betonte der jordanische Aussenminister Ayman Safadi in einer Pressekonferenz mit seiner australischen Amtskollegin. Diese Behinderungen würden dazu führen, dass nur 10% der notwendigen Lieferungen im Gazastreifen ankommen. Israel hingegen betont, dass die Abwickelung der Transporte, sowohl in Nitzana nach Rafah als auch in Keren Shalom schneller vor sich gehen, als es der UNO gelingt, sie zu transportieren. 

Nachdem die Hamas vorgestern ein Video veröffentlicht hat, in dem drei Geiseln, Noa Argamani, 26, Yossi Sharabi, 53 und Itai Svirsky, 38 sich als lebend präsentierten, wurde gestern Abend ein zweites Video veröffentlicht, indem die 26 Jahre alte Noa ihre beiden Mitgeiseln als tot bezeichnete. Noa Argramani berichtet darin: «Wir waren alle in einem Gebäude, das von F-16 Jets bombardiert wurde. Drei Raketen wurden abgeschossen, zwei explodierten. Wir waren dort zusammen mit al-Qassam-Soldaten. Wir wurden nach dem Beschuss unter Schutt begraben. Die al-Qassam-Soldaten retteten mein Leben und das von Itai, aber wir waren nicht in der Lage, Yossi zu retten. Einige Tage später wurden Itai und ich an einen anderen Platz gebracht. Es gab einen weiteren Beschuss, bei dem Itai getroffen wurde. Er hat nicht überlebt.» Die IDF versicherte, dass die entsprechenden Gebäude nicht angegriffen worden seien, und dass der Tod der Geiseln also nicht im Zusammenhang mit Angriffen stünde.

Die Houthi-Rebellen haben gestern erneut ein US-amerikanisches Schiff angegriffen. Der ‘Gibraltar Eagle’, der zum Zeitpunkt des Beschusses bewaffnete Kräfte an Bord hatte, transportiert Schüttgut. Das Schiff segelt unter der Flagge der Marshall Inseln und befindet sich im Eigentum einer amerikanischen Reederei. Die durch die Rakete verursachten Schäden sind minimal, das Schiff ist weiterhin seetüchtig. Zwei weitere Raketen fielen unweit des Schiffes ins Wasser.

Am frühen Nachmittag wurde bekannt, dass die Houthis erneut ein Schiff, die ‘Zografia’, angegriffen und getroffen haben. Der Frachter, der einer griechischen Reederei gehört, segelt unter der Flagge von Malta. Der Vorfall fand etwa 100 nm nordwestlich der jemenitischen Stadt Saleef statt. Das Schiff befindet sich auf dem Weg von Colombo in Richtung Suez-Kanal.

Gegen Mittag wurden etwa 50 Raketen aus dem Gazastreifen auf den Süden Israel abgeschossen. Mehr als 20 von ihnen wurden abgefangen. Mindestens eine Rakete verfehlte nur knapp eine Gruppe von Arbeitern, die im Freien in der Nähe der Stadt Netivot arbeiteten. In der Stadt wurde ein Geschäftshaus direkt getroffen und weitgehend zerstört. 

Die Hamas hat sich auch in Khan Younis wieder in einem Spital eingegraben. Aus dem Nasser Spital wurden heute Raketen auf im Gebiet operierende Soldaten abgeschossen. Auch hier wird die zivile Bevölkerung wieder als Schutzschild missbraucht. 

Die gute Nachricht: First Sgt. (res.) Stav Netta – Chaim dient derzeit beim ersten Zug des 8111 Infanterie Bataillons im Gazastreifen. Er sorgt sich dort nicht nur darum, dass seine Männer in ihm einen verantwortungsbewussten Ansprechpartner haben, sondern auch, dass sie einen angenehm gefüllten Magen haben. Natürlich werden die Soldaten ausreichend verpflegt, aber die gelieferten Lebensmittel sind selten das, was man unter einer wohlschmeckenden Mahlzeit versteht. Warme Mahlzeiten gibt es nicht, alles ist einfach zu verspeisen. Die Nahrungsmittel sind zumeist Instant Riegel, Fläschchen und Beutel. Stav nutzt seine eigene Berufserfahrung als Koch, um auch aus dem Wenigen eine schmackhafte Mahlzeit zu zaubern und damit die Moral der Soldaten zu heben. In der letzten Woche verwandelte er die improvisierte ‘Bar zum Tunnelschacht’ in Kfar Younis in eine ‘Humuseria’. Dabei musste er improvisieren. Die Kichererbsen kochte er in aufgeschnittenen Wasserflaschen in Wasser und Soda auf einem Campingkocher. Nach zwei Stunden waren sie gar, er zerstampfte sie mit einer Ölflasche zusammen mit Knoblauch, Zwiebeln und Zitronenschale. Gewürzt wurde mit allem, was sich fand. Pitot, die Fladenbrote wurden auf dem Gasbrenner geröstet und fertig war ein perfektes, warmes Gericht. Salzgurken und Oliven dienten als Garnitur. Yoaz Hendel, 48, ehemaliger Kommunikationsminister aus der Oppositions-Partei ‘Neue Hoffnung’ (Gideon Sa’ar) dient in der gleichen Einheit und empfiehlt das improvisierte Restaurant auf das Wärmste. Stavs Einfallsreichtum sind nur dann Grenzen gesetzt, wenn er kein passendes Material findet. Er servierte den hungrigen Soldaten schon eine koschere Version von Spaghetti Carbonara und Sabih, ein irakisch-jüdisches Sandwich mit Auberginen, hartgekochtem Ei, Thunfisch und allen möglichen Salaten. Stav hat am ersten Shabbat nach dem 7. Oktober auch schon Challa, das traditionelle Shabbatbrot serviert. Damals war die Einheit abkommandiert, um den Kibbutz Kissufim zu schützen. Der Teig ging 12 Stunden und wurde in einem Ofen gebacken, der unbeschädigt in einem Hinterhof stand. Salz und Oregano, den er im Garten fand, dienten als Gewürze. Die Segenssprüche zum Shabbat liessen die Soldaten ein wenig zur Ruhe kommen. 



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