14. Shevat 5784
Die USA, Ägypten und Katar bemühen sich weiterhin, eine längere Feuerpause zu erreichen. Diese soll einen Monat dauern und primär die Freilassung aller israelischen Geiseln im Gegenzug zur Freilassung von palästinensischen Häftlingen ermöglichen. Während dieser Zeit soll auch die vermehrte Lieferung von Hilfsgütern in den Gazastreifen organisiert werden. Das berichtete die Nachrichtenagentur Reuters gestern. Das grosse Problem bei den Verhandlungen sei das Erreichen eines dauerhaften Endes der Kämpfe in Gaza. Bereits vor wenigen Tagen war bekannt geworden, dass die Freilassung der israelischen Geiseln in drei grossen Gruppen, beginnend bei den noch festgehaltenen Frauen und Kindern, über die restlichen Zivilisten, bis zu den Soldaten erfolgen soll. Zunächst schien es so, dass die Mediatoren auf das Einverständnis, sowohl von Israel als auch von der Hamas hoffen konnten. Jetzt wiederum versucht die Hamas erneut, die Bedingungen zu ändern. Sie hielten fest, erst weiter verhandeln zu wollen, wenn eine Einigung nicht nur über die Feuerpause, sondern über einen völligen Waffenstillstand erreicht sei. Die Mediatoren versuchen nun, ein Paket anzubieten, das den Forderungen beider Seiten gerecht wird. Eine der zur Diskussion stehenden Vorschläge kam von Mossad-Chef David Barnea und beinhaltet, dass sechs Führer der Hamas, inklusive Yahya Sinwar und Mohamed al-Deif, den Gaza-Streifen ungehindert verlassen dürfen. Das Kriegskabinett hingegen betonte am Montag, dass der Krieg bis zum ‘absoluten Sieg’ weitergeführt werde. Das klingt noch nicht nach einer baldigen Einigung. Doch gerade die ist dringend notwendig, wenn wir das Leben der Geiseln retten wollen. Jeder Tag mehr in den Fängen der Terror-Organisationen stellt für sie eine Gefahr dar.

War die Katastrophe von gestern, bei der 21 Soldaten auf tragische Weise ihr Leben verloren, das Resultat einer tatsächlich notwendigen Operation? Die IDF plante die gezielte Zerstörung der beiden Gebäude, um mit der Bildung einer Pufferzone zu beginnen. Ohne diese, so die allgemeine Überzeugung, wäre die sichere Rückkehr der evakuierten Bewohner der Orte rund um den Gazastreifen nicht sicher. Aber hätte es keine andere Möglichkeit gegeben? Hätte man nicht die Zerstörung aus der Luft durch die IAF vornehmen lassen können? Kein Politiker spricht davon, aber die Einrichtung einer Pufferzone war von Anfang an eines der Hauptziele des Krieges. Nur so kann verhindert werden, dass die Hamas noch einmal einen Überraschungsangriff auf Israel durchführt. Die Operation am Montag fand in der Nähe von Kissufim statt, in einem besonders schwierigen Gelände. Warum wurden keine Flugzeuge eingesetzt? Das Zerstören von Gebäuden ist Aufgabe des Ingenieurkorps, bei niedrigen Gebäuden mit Bulldozer oder mit Minen. Die Bulldozer werden bei der Zerstörung von Häusern beschädigt, insbesondere wenn sie gegen Hochhäuser eingesetzt wurden. Deshalb beschloss die IDF, einen Teil der Sprengungen auf Minen umzustellen, die effektiver, aber auch gefährlicher sind. Auch wenn es sehr schwerfällt, wir müssen nach vorne schauen, es wird noch einige solcher Einsätze geben und die IDF muss ihre Lehren ziehen, damit es nicht noch einmal zu so einem tragischen Ende einer Operation kommt.
Am kommenden Sonntag wird im internationalen Kongresszentrum in Jerusalem eine Veranstaltung unter dem Motto «Nur eine Siedlung bringt Sicherheit» stattfinden. Neben zahlreichen Ministern und MKs der Likud Partei werden auch Mitglieder von Otzmah Yehudit (Ben-Gvir) und Religious Zionism (Smotrich) daran teilnehmen. Eines haben die Teilnehmer gemeinsam: Sie sind Verfechter der Besiedlung des Gazastreifens durch Israel und der Machtübernahme dort. Mit ihren schon mehrfach vorgestellten Plänen haben sie vor allem das Interesse jener Siedler geweckt, die im Jahr 2005 aus dem Gazastreifen entfernt wurden. In einer Erklärung, in der er die kommende Konferenz lobte, sagte Tourismusminister Katz, dass die Wiederherstellung der Siedlungen «eine klare Botschaft an unsere mörderischen Feinde sein wird, dass wir niemals gebrochen werden. Die Räumung der 16 Siedlungen in der Region von Gush Katif im südlichen Gaza und von Siedlungen im nördlichen Samaria war ein politischer Fehler.» Er fuhr fort, dass diese Räumungen ‘das Nazimonster’ in Gaza gefördert und eine Welle des Terrors aus Samaria ausgelöst haben. Obwohl sich im Dezember 56% der Israelis gegen die Wiederbesiedlung aussprachen, behauptet er frech, dass ‘die Mehrheit’ dafür sei.

Shlomo Mendelovich, 59, Israels prominentester Psychiater und Psychoanalytiker hält fest: «Die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) ist kein rauer Hals. Sie ist eine ernsthafte und sehr komplexe Störung.» Je nach Betrachtungsweise schätzt er, dass zwischen 60.000 und 600.000 Israelis darunter leiden. «Wenn jemand weder im Negev war, noch von dort evakuiert wurde, aber psychisch fragiler ist als andere, und nachts seit dem 7. Oktober nicht mehr schlafen kann, ist er dann ein Patient? Auch wenn er irgendwo im Zentrum des Landes wohnt?» Man kann PTBS nicht allgemeingültig beschreiben, es zeigt sich bei jedem Betroffenen anders und betrifft die ganz tiefen psychischen Schichten in uns. Er berichtet aus seiner eigenen frühen Jugend, in der er den Unterschied zwischen dem Gedenktag für die gefallenen Soldaten und die Opfer des Terrors (13. Mai) und dem Holocaust Gedenktag (6. Mai) nicht verstand. Später verstand er, dass der Gedenktag für die Soldaten und Opfer des Terrors traurig, schwer zu ertragen und schmerzhaft ist. Aber man kann den Hintergrund verstehen. Den Holocaust hingegen kann man nicht verstehen. So ergeht es auch den Menschen, die ein Trauma wie das vom 7. Oktober erlitten haben. Sie können es nicht in ihre Gedankenwelt integrieren. Je dichter die Menschen am Auslöser des Traumas waren, desto intensiver wird es. Wenn dann noch dazukommt, dass sie jemanden aus dem engeren Umfeld verloren haben, dann verstärkt sich das PTBS noch viel weiter. Das Trauma auslösende Moment ist noch nicht vorbei, wir sind immer noch im Krieg und werden es noch länger sein. Mendelovich zeigt sich besorgt, dass einige der in anderen Fällen hilfreichen Therapieformen nicht greifen. «Eine Gruppentherapie ist bei PTBS kontraproduktiv. Wenn man sich auf das Risiko einlässt, dann muss die Gruppe unglaublich eng beobachtet und geführt werden. Sonst kann alles entgleisen. Nur einer, der, der spricht, profitiert von der Gruppe, die anderen sind einer Wiederholung ungeschützt ausgesetzt und ihr Trauma kann sich verstärken.»

Am Freitag wird vom ICC in Den Haag eine noch nicht abschliessende Beurteilung der Klage von Südafrika gegen Israel erwartet. Mit dieser ersten Aussage soll vorläufig entschieden werden, ob Massnahmen zur sofortigen Beendigung des Krieges eingeleitet werden. Weder von Südafrika, noch von Israel konnte der vorläufige Termin bestätigt werden. Die Vorwürfe des Völkermordes, begangenen durch Israel an den Palästinensern, bleiben derzeit noch völlig offen, ihre Beurteilung könnte sich über Jahre hinweg erstrecken.


Verschiedene Frauengruppen blockieren seit den Morgenstunden wichtige Kreuzungen in ganz Israel, um für eine sofortige Vereinbarung über die Freilassung der noch in Gaza festgehaltenen Geiseln zu demonstrieren. Am Abend wird es eine Abschlussveranstaltung in Tel Aviv geben.
Seit dem 18. Januar befinden sich die für die Geiseln bestimmten Medikamente im Gazastreifen. Seither ist die Spur über den Verbleib verloren gegangen. Netanyahu hatte vollmundig angekündigt, «Israel wird darauf bestehen, dass alle Medikamente ihre Empfänger erreichen.» Vor zwei Tagen hat Netanyahu sich bei dem französischen Verteidigungsminister über den Verbleib erkundigt. Noch immer steht die Bestätigung aus, ob sie jemals von der Hamas ‘freigegeben’ wurden. Die Organisation der von im Staat angestellten Ärzte fordert das Kriegskabinett auf, dringend von Katar und Ägypten die Beweise zu verlangen, dass die Medikamente ihre Empfänger auch erreicht haben. Nach der Weigerung des IRK, sich mit der Lieferung zu befassen, hatte Katar die Garantie für die Lieferung übernommen. Vielleicht gibt es überhaupt keine Empfänger mehr…
Die UNRWA berichtet, dass es in Khan Younis zu einer Eskalation der Kämpfe zwischen der Hamas und der IDF gekommen sei. In einem Ausbildungslager, in dem Zehntausende aus dem Norden evakuierte Zuflucht gefunden hatten, sei nach einem Beschuss durch die IAF ein Feuer ausgebrochen. Die Menschen seien in den Flammen eingesperrt, der Zugang zu den Gebäuden wäre für die kommenden zwei Tage verboten worden. Weitere Einzelheiten wurden bisher nicht bekannt.
Kategorien:Israel
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