Haftara: Jesaja 6:1 – 13
ב“ה
23./24. Shevat 5784 2./3. Februar 2024
Shabbateingang in Jerusalem: 16:34
Shabbatausgang in Jerusalem: 17:52
Shabbateingang in Zürich: 17:10
Shabbatausgang in Zürich: 18:18
Shabbateingang in Wien: 16:37
Shabbatausgang in Wien: 17:45
Heute treffen wir wieder Jitro, den Schwiegervater von Moses und Vater von Zippora. Moses hatte seine Frau dem Vater zurückgeschickt, nicht weil er sie nicht mehr liebte, sondern weil er sich den Aufgaben, die Gott ihm stellte und der Familie gleichzeitig nicht gewachsen sah. Auch ihre beiden Söhne, Gershom und Elieser, waren bei Zippora. Sie machten sich gemeinsam auf den Weg, um Moses am Gottesberg, dem Berg Horeb in der Wüste Sinai zu treffen. Moses muss glücklich gewesen sein, sie wieder zu sehen. Endlich konnte er einmal unbelastet alles erzählen, was ihn beglückt, gefreut, aber auch was ihn belastet und geärgert hatte. Leicht hatte er es nicht mit seiner grossen Wandergruppe! Am nächsten Tag musste Moses zu Gericht sitzen. Jeder, der ein Anliegen hatte, kam und Moses nahm sich für jeden einzelnen Zeit. Am Abend war er erschöpft. Jitro, ein kluger Mann, erteilte ihm eine Lehrstunde in Sachen Management, die erste ihrer Art. Er wies Moses an, Männer zu suchen, die nicht korrumpierbar waren, gerecht und gottesfürchtig. Sie sollte er zu Vorstehern für eine bestimmte Gruppe Menschen ernennen. Um sie mit ihrer Aufgabe vertraut zu machen, müsse er sie zunächst unterrichten. Sobald sie genug wussten, sollten sie mit der Arbeit beginnen.
Man kann den hierarchischen Aufbau durchaus mit dem Gerichtsaufbau von heute vergleichen, vom kleinen Bezirksgericht bis hinauf zum Bundesgerichtshof. Jeder Richter musste ab sofort selbstständig Recht in seinem Kompetenzbereich sprechen. Je umfassender der Fall, desto ‘höher’ ist die Stufe des Gerichts. Nur die ganz grossen, schwierigen Fälle sollen zu Moses gebracht werden. So blieb Moses wieder mehr Zeit für andere, ebenso wichtige Dinge des täglichen Zusammenlebens.
Nach genau drei Monaten näherten sie sich ihrem Siedlungsplatz in der Wüste gegenüber dem Horeb. Gott forderte Moses auf, zu ihm hinaufzukommen. Er bot Moses und dem ganzen Volk Israel einen Bund an. «Jetzt aber, wenn ihr auf meine Stimme hört und meinen Bund haltet, werdet ihr unter allen Völkern mein besonderes Eigentum sein. Mir gehört die ganze Erde. Ihr aber sollt mir als ein Reich von Priestern und als ein heiliges Volk gehören. Das sind die Worte, die du den Israeliten mitteilen sollst.“ Moses gab die Worte getreulich dem Volk weiter, und wie zu erwarten, beteuerten sie begeistert, alles tun wollen, was Gott ihnen vorschreiben würde. Oje, wir wissen aus der Geschichte, dass dem ganz und gar nicht so war. Am dritten Tag erschien Gott in einer Wolke und befahl dem Volk, sich ihm nicht zu nähern. Nur Moses durfte wieder hinaufsteigen. Aaron, sein Bruder, durfte ihn begleiten. Hier gab Gott den Israeliten die zehn Gebote, jenes Grundgesetz, das bis heute Gültigkeit in nahezu allen Grundgesetzen der demokratischen Welt hat. Die Israeliten waren so eingeschüchtert, dass sie sich zurückhielten und Moses baten, alles für sie zu wiederzugeben. Moses näherte sich der Wolke, aus der Gott sprach und sagte zu den Israeliten: „Fürchtet euch nicht! Gott ist gekommen, um euch auf die Probe zu stellen. Die Furcht vor ihm soll über euch kommen, damit ihr nicht sündigt.“
Für mich ist Furcht der Begriff, der immer wieder im Zusammenhang in der Beziehung zwischen Mensch und Gott verwandt wird, kein sehr passender. Ich möchte ihn lieber durch Respekt ersetzen. Furcht hat doch immer etwas mit Unterdrückung und Macht zu tun. Respekt beinhaltet keine Angst und keine Unterdrückung. Respekt basiert auf der Erkenntnis, dass der Gegenüber eine natürliche Autorität hat. Aus sich selbst heraus, nicht aus der Position.

Die heutige Haftara knüpft an das Schicksal von König Usija an, der etwa von 786 bis 758 BCE König von Judäa war. Der historische Usija taucht in Schriften um 740 BCE auf, er wird dort als ein König beschrieben, der sich Land unrechtmässig angeeignet hatte und vom assyrischen König festgenommen worden war. Bereits mit 16 Jahren war er König geworden und seine Regierungszeit wird zunächst als gottgefällig beschrieben. Dann aber beginnt er sich Rechte herauszunehmen, die ihm nicht zustehen. Gott ermahnte ihn, er jedoch ging weiter seinen starrköpfig gewählten Weg.
Daraufhin schlug ihn Gott mit einem unheilbaren Ausschlag, so dass er sich zurückziehen und seinem Sohn Jotam die Regierungspflichten überlassen musste. Jesaja schreibt: „im Todesjahr“ was nur bedeuten kann, dass es sich um die Zeit handelt, in der Usija erkrankt war. Das Bild welches Jesaja uns beschreibt, besagt, dass „nur noch die unteren Säume seines Gewandes den Tempel ausfüllten“. Usija hat sich das Recht der Priester angemasst, sich im Innersten des Tempels aufzuhalten. Nun muss er dafür büssen. Wie im Wochenabschnitt, als Gott sich auf dem Berg Horeb in einer dichten Wolke den Israeliten näherte und von Donner und Blitz begleitet zu ihnen sprach, so nähert er sich hier mit einer dichten Rauchwolke, die den Tempel füllt und lässt die Serafim zu Usija und Jesaja sprechen.
Jesaja bekommt Angst, er fühlt sich unwürdig und doch spürt er, dass Gott ihn auserwählt, sein Prophet zu werden. Es folgt ein wunderschönes Bild: „Da flog einer der Serafim zu mir; er trug in seiner Hand eine glühende Kohle, die er mit einer Zange vom Altar genommen hatte. Er berührte damit meinen Mund und sagte: Das hier hat deine Lippen berührt: Deine Schuld ist getilgt, deine Sünde gesühnt.“ In der fast schon verglühten Kohle ist noch ein feuriger Kern, das Bild für das den heiligen Funken, den Gott auf Jesaja übergehen lässt. Auf die Frage, wer sein Prophet sein kann, wer dafür die Kraft in sich spürt, antwortet Jesaja, der neue Prophet, schlicht „hineni“ – hier bin ich, und begibt sich damit gänzlich in die Hand Gottes.
Die abschliessenden Verse sind jedoch ganz anders als die bisher gelesenen von bedrückender Prophetie. Jesajas Aufgabe wird es nicht sein, die Israeliten zur Erkenntnis zu führen, sondern sie auf ihrem Weg in die Verdammnis zu begleiten. Sie sollen weiterhin die Worte der zahlreichen Propheten hören und doch nicht verstehen, weiterhin die Ergebnisse von Gottes Handlungen sehen und nicht erkennen. Kurz, sie haben genügend Chancen bekommen, sich Gott zuzuwenden und sie haben sich immer wieder abgewandt. Damit nimmt Jesaja etwas vorweg, was wir in den kommenden Wochen in der Torah lesen werden. Immer wieder muckt das Volk auf und weigert sich, sich den Anweisungen, die Gott ihnen durch Moses gibt, zu folgen. Den Schlussvers bildet nochmals ein Bild aus der Natur. Erst, wenn alles abgestorben ist, bis auf die nackte Wurzel kann aus dieser Neues entstehen. Erst dann, wenn alle Menschen, die nicht hören und verstehen wollten, vertrieben sind, wenn ihre Felder und Gärten brach liegen, die Städte verlassen und dunkel sind, erst dann kann sich eine kleine Gruppe, von Gott unterstützt, zu neuer Grösse entwickeln.
Shabbat Shalom!
Kategorien:Religion
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