Krieg in Israel – Tag 125

29. Shevat 5784

Die ehemalige US-Aussenministerin Hillary Clinton kritisierte in einem Interview mit MSNBCs ‘Alex Wagner Tonight’: «Netanjahu sollte gehen. Er ist kein vertrauenswürdiger Führer. Der Anschlag am 7. Oktober fand unter seinen Augen statt. Er muss gehen, und wenn er ein Hindernis für einen Waffenstillstand ist, wenn er ein Hindernis dafür ist, zu erkunden, was am Tag danach zu tun ist, muss er unbedingt gehen.» Es war nicht ganz klar, wie sich Clinton zu einem andauernden Waffenstillstand stellte. «Wir wünschten, es gäbe einen. Und wir sind sicher, wenn die Hamas dem endlich zustimmen würde und nicht immer wieder alle Voraussetzungen nach ihren Vorstellungen verschärfen würde, dann gäbe es schon einen Waffenstillstand.» Auch ihre Einstellung gegenüber dem derzeitigen US-Präsidenten und seiner Haltung zu Israel ist durchaus positiv: «Es ist ganz klar, Biden tut alles, um Netanyahu positiv zu beeinflussen.»

Bei einem Angriff mit einer Panzer-Abwehr-Rakete aus dem südlichen Libanon wurde heute Vormittag ein Offizier der IDF schwer verletzt und zwei Soldaten mittelschwer verwundet. Der Vorfall fand in der Nähe von Kiryat Shmona statt, die IDF reagierte mit sofortigem Beschuss auf die Ortschaft Khiam, von wo aus die Raketen abgefeuert worden waren. Weitere Raketen wurden von der Hisbollah in Richtung einer Militärbasis in Biranit und dem Berg Hermon auf dem Golan abgeschossen. Durch eine Anti-Panzer-Rakete wurde ein Haus in Metula, nahe der libanesischen Grenze, getroffen und beschädigt. Es gab keine Verletzten. Bei einem Vergeltungsschlag für die heutigen Angriffe wurde ein Fahrzeug der Hisbollah durch eine Drohne in Brand gesetzt. Der Fahrer, ein Hisbollah-Anführer, der beim Aufbau von Abfangeinrichtungen in Syrien aktiv beteiligt war, wurde dabei getötet. 

Heute wurde die Familie von Manny Godard, 73, s’’l, informiert, dass seine sterblichen Überreste im Gazastreifen festgehalten werden. Bisher war nur bekannt, dass er beim Massaker vom 7. Oktober in seinem Heimatkibbutz Be’eri von den Hamas-Schlächtern ermordet wurde. Ayelet, 63, s’’l, hatte den Mord an ihrem Mann beobachten müssen und hatte ihre Kinder noch telefonisch darüber informieren können, bevor sie selbst dem Massaker zum Opfer fiel. Zunächst war man davon ausgegangen, dass sein Leichnam sich noch in Be’eri befinden würde, allerdings gab es dazu bis heute keine endgültige Bestätigung. 

Minister Gadi Eisenkot, Beobachter im Kriegskabinett und ehemaliger Generalstabschef kritisierte gestern bei einer Fraktionssitzung seiner Partei [Nationale Einheit] Netanyahu. Das völlige Verweigern einer Entscheidung für den ‘Tag danach’ würde der Hamas in die Hände spielen. «Netanjahu entscheidet nicht, wer an die Stelle der Hamas tritt, und das führt dazu, dass etwa 60 % der Hilfsgelder in den Händen der Hamas landen. Während der PM sich Zeit lässt und keine Entscheidungen in wichtigen Fragen trifft, stellt die Hamas einige ihrer Fähigkeiten wieder her, kehrt in den Norden des Gazastreifens zurück und übernimmt die humanitäre Hilfe. Ich spreche die Verteilung der humanitären Hilfe immer wieder an, aber es gibt keine Ergebnisse.» Die hier von Eisenkot angesprochenen Beobachtungen sind nachweisbar. Die IDF hatte sich bereits aus dem Norden des Gazastreifens zurückgezogen und dort sozusagen nur mehr eine ‘Stallwache’ hinterlassen. In den letzten Tagen war es jedoch wieder vermehrt zu Kampfhandlungen in dem Gebiet gekommen, was dafür spricht, dass die Hamas dort wieder versucht, ihren Einfluss auszubauen. 

Unter Berufung auf nicht namentlich genannte, aber hochstehende Informationsquellen, schreibt NBC, dass Israel bereit sei, im Gegenzug zur Freilassung aller Geiseln ohne weitere Vorbedingungen durch die Hamas, den in Gaza meistgesuchten Mann, Yahya Sinwar, ins Exil gehen zu lassen. Einer der Informanten ist ein Berater von Netanyahu. Entgegen den zu Beginn des Krieges geäusserten Zielen, alle Hamas-Führer entweder zu töten oder gefangen zu nehmen, wurde in der vergangenen Woche in Paris scheinbar eine neue Absichtserklärung vorgelegt. Diese sieht vor, neben Sinwar auch Mohammed Deif, sowie vier weitere Hamas-Führer ausreisen zu lassen. Laut NBC wurde der Plan von der Hamas unbesehen abgelehnt. 

Die gute Nachricht: Unbeachtet von den Medien helfen die VAE Kindern und Jugendlichen aus dem Gazastreifen. Auf dem Flughafen von al-Arish an der Mittelmeerküste des ägyptischen Sinai wartet ein Flugzeug der Emirates Airways. Normalerweise ist diese Fluglinie für guten Service und hohe Preise bekannt. 

Hier wird sie eingesetzt, um schwer verletzte Kinder und Jugendliche, meist in Begleitung ihrer Mutter, nach Abu Dhabi zu fliegen. Bisher sind knapp 500 junge Patienten ausgeflogen worden, 1.000 sollen es bald sein. Auch 1.000 krebskranke Kinder sollen bald in den Emiraten behandelt werden. 

Normalerweise ist die Grenze zwischen Ägypten und dem Gazastreifen dichter als die zwischen Israel und Gaza. Nur wenige dürfen sie passieren. Vorzugsweise diejenigen, die einen zweiten Pass haben und von denen Ägypten weiss, dass sie nur als Transitland dienen. Die grösste Befürchtung der Ägypter ist, dass sich geflohene Gazaner im Sinai niederlassen und von dort auch nicht mehr weggehen werden. 

Am Flugzeug wartet ein Arzt aus Abu Dhabi. Er wird gemeinsam mit Pflegerinnen die jungen Patienten und deren Mütter begleiten. Immer wieder muss er hören, dass die in den Gazastreifen gelieferten Hilfsgüter nicht bei den Empfängern ankamen. Zur teils unprofessionellen Versorgung der Wunden kam der Mangel an Verbandsmaterial. Unhygienische Zustände führten zu Infektionskrankheiten. 

Wer zur Behandlung ausreisen darf und wer nicht, hängt auch davon ab, ob der Patient transportfähig ist. 

Wenn ein Kind oder Jugendlicher keine Begleitperson aus der Familie mehr hat, darf er nicht mitfliegen. Nach internationalem Recht würde das als Menschenhandel gelten. Das möchten die VAE nicht riskieren, 

In Absprache mit Israel haben die VAE eine Entsalzungsanlage und ein Feldlazarett im Gazastreifen installiert.

Warum machen die VAE das? Warum leisten sie so grosszügig Hilfe? Vielen arabischen Staaten war die Annäherung der VAE an Israel suspekt, nun können sie zeigen, wie besorgt sie um die Palästinenser sind. 

Der Zweck heiligt die Mittel! Jedes gerettete Kind ist ein Gewinn.

(Bilder in diesen Abschnitt NZZ vom 7.2. © Emil Ducke)



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