Haftara: Jeremias 34:8 – 22
ב“ה
30./Shevat / 1. Adar I 5784 9./10. Februar 2024
Shabbateingang in Jerusalem: 16:40
Shabbatausgang in Jerusalem: 17:58
Shabbateingang in Zürich: 17:21
Shabbatausgang in Zürich: 18:28
Shabbateingang in Wien: 16:48
Shabbatausgang in Wien: 17:56

In der vergangenen Woche haben wir gelesen, wie Jitro seinem Schwiegersohn Moses eine Lehrstunde in modernem Management gab. Moses strukturierte entsprechend seiner Anweisung das Gerichtswesen neu und setzte Richter ein. Heute lernen wir die Rechtsvorschriften kennen, die sich mit grundlegenden und offensichtlich auch immer vorkommenden und möglichen Rechtsbrüchen beschäftigen. Es geht um das Recht im Umgang mit Sklaven, es geht um Mord und Todschlag, um Misshandlung und Entehrung der Eltern und Menschenraub. Es folgen Verletzungen, die durch Menschen zugefügt werden, aber auch durch Haustiere.
Hier finden wir auch den Satz, der uns immer wieder von Antisemiten vorgeworfen wird. Rachsüchtig seien wir, zu keiner Einsicht, zu keiner Vergebung fähig «Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuss für Fuss,…“ Dabei soll hier genau das Gegenteil von dem ausgedrückt werden, was man uns vorwirft. Nämlich keine Strafe zu verlangen die höher ist, als der entstandene Schaden. Auch wenn das Opfer eines Vergehens ein Recht auf Wiedergutmachung hat, er darf den Täter nicht übervorteilen. Gerechtigkeit ist das Gebot der Rechtsprechung.
Auch die Möglichkeit, das Vieh eines anderen zu Schaden zu bringen, wird angesprochen. Der Umgang mit fremdem Eigentum nimmt einige Kapitel in Anspruch, sei es, der Schaden entsteht durch leichtsinnigen Umgang mit Feuer, Haftungsfragen oder ‘einfachem’ Diebstahl. Interessant ist es, dass man zwar jeden vor Ausbeutung und Unterdrückung schützt, nicht aber den Sklaven, der doch per se genau diesen immer wieder ausgesetzt ist. Wehe dem, der eine Jungfrau verführt, er muss den Brautpreis zahlen und sie heiraten, ob er will oder nicht! Gottes- und Majestätsbeleidigung sind strafbar und werden in einem Satz genannt, was nicht unspannend ist. Und so geht es weiter, bis am Ende noch einmal die Vorschriften für die verschiedenen Opfer im Tempel und die Feiertage aufgelistet werden.
Moses wird erneut aufgefordert, sich auf den Berg Horeb zu begeben. Diesmal aber nicht nur in Begleitung seines Bruders, sondern auch mit den Söhnen Aarons und siebzig der Ältesten Israels. Moses, der Gott am nächsten kommen durfte, empfing die Rechtsvorschriften und gab sie an sein Volk weiter. In einer emotionalen Mischung aus eingeschüchtert und glücklich versprachen sie, jede Vorschrift genau einhalten zu wollen. Moses stieg erneut auf den Berg, um dort die Steintafeln, auf denen alle Bundesvorschriften von Gott selbst geschrieben wurden, zu empfangen. Moses blieb 40 Tage und Nächte auf dem Berg.
Die heutige Haftara von Jeremias handelt von der Freilassung von Sklaven, also etwas, was auch in den Rechtsvorschriften der Torahlesung ausgiebig behandelt wurde. Wir befinden uns kurz vor der Eroberung Jerusalems durch Nebukadnezar. Zwar waren die Feinde noch einmal abgezogen, aber das bedeutete nicht, dass Jerusalem gerettet ist. Den Untergang der Stadt und die Festnahme des Königs hatte Jeremias bereits prophezeit. Zidkija, der hier genannte König, war der letzte König des Südreichs, der von etwa 598 bis 586 BCE regierte. Eingesetzt worden war er von Nebukadnezar und war demzufolge von ihm abhängig. Das Volk mochte ihn nicht, es liebte immer noch seinen verbannten Onkel und Vorgänger. Zidkija sah sich wohl in dem Moment befreit von der Gefahr, versklavt zu werden. War es eine Sekunde der Einsicht oder der Versuch, Gott ihm gegenüber milde zu stimmen, wir wissen es nicht. Jedenfalls erliess er den Befehl alle hebräischen Sklaven freizulassen. Doch nur kurz darauf fingen sie ihre freigelassenen Sklaven wieder ein und plagten sie schlimmer als zuvor.
Das war nicht nur eine grausame Behandlung jener, die glaubten frei zu sein, um nun ein selbstbestimmtes Leben führen zu können, sondern auch, und das war noch viel schlimmer, ein Hohn für Gott und seine Gesetze. Ein Verhalten, das Gott nicht akzeptieren konnte.
Gott macht Zidkija eindringlich darauf aufmerksam, dass er mit dem Volk Israel vor vielen Generationen, als er sie aus der Sklaverei in Ägypten befreit hatte, einen Bund geschlossen hat. Wir haben es zuvor in der Torahlesung gelesen: Alle sieben Jahre sollen alle hebräischen Sklaven freigelassen werden.
Wie hatten die Israeliten zu dieser und anderen Rechtsvorschriften gesagt: Jede Vorschrift wollten sie genauestens einhalten. Und jetzt das!
Der Sklave selbst, und nur er, darf nach sieben Jahren entscheiden, ob er bei seinem Herrn bleiben möchte oder nicht. Das Recht der persönlichen Freiheit steht über der Pflicht der Freilassung. Der Sklave kann entscheiden, der Sklavenhalter muss befolgen.
Gott hat beschlossen, dass sein Mass an Geduld überstrapaziert ist. Er wird die Hand von den Menschen und auch vom König abziehen und sie dem babylonischen König Nebukadnezar ausliefern. Jerusalem wird, wie prophezeit, eingenommen und zerstört werden.
Die Freiheit des Menschen, die Freiheit, über sein eigenes Schicksal entscheiden zu können, das ist vielleicht eines der grössten persönlichen Geschenke für den Menschen. Darin liegt eine grosse Verantwortung. Und der, auch wenn sie nicht immer angenehm ist, müssen wir uns bewusst sein.
Shabbat Shalom, Chodesh tov!
Kategorien:Religion
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