Krieg in Israel – Tag 175

19. Adar II 5784

In den vom Krieg gegen Hamas und Hisbollah am meisten betroffenen Gebieten rund um den Gazastreifen und in der Nähe der libanesischen Grenze sind die Bewohner weitgehend evakuiert. Nur langsam dürfen die ersten Menschen im Süden wieder in ihre Häuser zurückkehren. Viele von ihnen haben nichts mehr, ihre Häuser sind unbewohnbar geworden oder gänzlich zerstört. Viele der Kibbutzim und Moshawim sind landwirtschaftlich geprägt.

Während der ersten Kriegswochen wurden die Felder von wenigen Freiwilligen, die dort blieben, gewässert, auch allfällige Ernten wurden von Freiwilligen organisiert und durchgeführt. Die Ställe der Tiere mussten gereinigt, die Tiere betreut werden. Ganz ähnlich schaut es im nördlichen Israel aus.

Im grossen Kibbutz Snir im Norden des Landes, in der Mitte der Karte, lebt nur mehr ein Mensch. Dort werden Kühe und Hühner gezüchtet, Gemüse und Avocados gepflanzt. Lior Shelef ist Mitglied der Reservistengruppe ‘Brothers in Arms’, und hier eingeteilt, sich um die Tiere zu kümmern. Durch den andauernden Raketenbeschuss aus dem Libanon sind die Tiere völlig verstört. Die Ställe wurden durch verschiedene Angriffe teilweise zerstört. Bisher wurden mehr als 2.000 (!) Raketen auf israelisches Gebiet abgeschossen.

Durch die Evakuierungen wurden einige der landwirtschaftlichen Gemeinden zu Geisterstädten, Lieferanten kommen schon lange nicht mehr. Ein Drittel der Gesamtfläche im Norden Israels ist landwirtschaftliche Nutzfläche, 73% der Eierproduktion kommt von hier.

Im Süden wurden Gewächshäuser und Milchviehbetriebe zerstört, vielleicht das vorläufige Ende des Traums von Ben-Gurion, der «die Wüste zum Blühen» bringen wollte.

Ganz oben im Norden, in Kiryat Shmona, hat sich ein innovatives Unternehmen, ‘Fresh Start’ angesiedelt, das sich mit neuen Lebensmitteltechnologien befasst. Mit Ausbruch des Krieges ist es abgewandert. Zu gefährlich ist der Aufenthalt unter den Augen der Hisbollah, die jede Bewegung kontrolliert und jederzeit erneut zuschlagen kann.

© Amos Bidermann, Screenshot Facebook, links im Bild Deri und Ganfi, rechts Goldknopf mit seiner Louis Vuitton Tasche

Der OGH hat mit seiner noch gestern erfolgten Entscheidung den PM endlich einmal in seine Schranken gewiesen. Nach zwei erfolglosen Anträgen um eine durch nichts zu begründende Fristverlängerung hatte er gestern Nachmittag um eine unfassbare weitere Verlängerung um ganze 30 Tage (!) angesucht.

GStA Gila Baharav-Miara hat das Ansuchen gottseidank abgelehnt und einen wirklich historischen Schritt eingeleitet. Ab Montag, dem 1. April wird die IDF mit der konkreten Rekrutierung von Haredim im wehrpflichtigen Alter beginnen. Die Zahlungen für jene ‘Vollzeitstudenten’, die sich weigern, den Wehrdienst aufzunehmen, werden ab diesem Tag gestoppt. Um diese Entscheidung durchzusetzen, erliess der OGH noch gestern eine einstweilige Verfügung, die es der Regierung untersagt, weiterhin Mittel zur Unterstützung freizugeben.

Gesellschaftlich und politisch ist dieser Entscheid ein Wirbelsturm. Während die Opposition sich damit sehr zufrieden zeigt, kritisierte Yitzhak Goldknopf, United Torah Judaism, ihn als «schweren Schaden für diejenigen, die sich für die Tora abmühen und als Schande und Schandfleck.» Auch der Vorsitzende der Shas Partei, Arye Deri zeigte sich empört: «Sie ist eine beispiellose Misshandlung des Torahstudiums im jüdischen Staat.»

76 Jahre nach der Staatsgründung ist es nun endlich an der Zeit, dass auch die bisher gehätschelten und geschonten ‘Frommen Männer’ in der Welt von 2024 ankommen!

Kol HaKavod Frau GStA!!!!!

Der Dekan der Slabodka-Jeshiwa in Bnei Brak, Rabbiner Moshe Hirsch, hat den Abgeordneten von Degel HaTorah (Die Flagge der Torah), die Teil von United Torah Judaism (UTJ) sind, geraten, sich derzeit nicht aus der Koalition zu verabschieden. Sie sollen stattdessen innerhalb der Regierung «alle möglichen Abhilfemassnahmen» verfolgen. Mit diesen Massnahmen ist eine alternative Unterstützung jener Vollzeit-Studenten gemeint, die ab Montag keine staatliche Unterstützung mehr erhalten werden. Vom Partner innerhalb von UTJ, der Agudat Israel, kam Zustimmung zu seinen Empfehlungen. Damit hat Netanyahu wieder einmal Zeit für die Fortführung seiner eigenen politischen Karriere gewonnen. Und wie wir ihn kennen, wird er von Finanzminister Smotrich verlangen, einen Geldtopf zu öffnen, der eigentlich gar nicht da ist, um sich die haredischen Politiker gefügig zu machen. 

Der ehemalige Generalstabschef Gadi Eisenkot, der im Kriegskabinett einen Beobachterstatus hat, legte einen Alternativplan zu dem von Netanyahu ausgearbeiteten Vorschlag vor. Der Plan sieht vor, dass nach der Entmachtung der Hamas und der vollständigen Freilassung der Geiseln eine lokale palästinensische Einheit die Verantwortung für die zivile Bevölkerung im Gazastreifen übernimmt. Diese müsse unter die Aufsicht einer Koalition von arabischen Staaten und den USA gestellt werden.

Voraussetzung sei, dass sie, ebenso wie ein zukünftiger palästinensischer Staat, völlig entmilitarisiert wird. Des Weiteren müsste sie sich aktiv für die Beendigung des Terrorismus gegen Israel einsetzen, das Bildungssystem grundsätzlich reformieren, damit es nicht mehr zum Terror gegen Israel aufruft, und die Politik der Bezahlungen von Terroristen und deren Familien beenden.

Nach Australien, Kanada, Schweden und anderen Staaten hat sich nun auch Japan entschlossen, die kurzfristig eingestellten Zahlungen an die UNRWA zu re-aktivieren. Im Gegensatz zu anderslautenden Aussagen von UNRWA-Chef Philippe Lazzarini gibt es jetzt noch Gelder bis Ende Mai, um die Aufgaben der UNRWA zu erfüllen. Seine ersten Angaben waren, dass nur mehr Geld für einen Monat da sei. Der japanische Aussenminister Yoko Kamikawa und Lazzarini hatten sich gestern in Tokio getroffen. Kamikawa betonte dabei, dass Japan ‘volle Transparenz und Verfolgbarkeit der Gelder, sowie ‘strikte Objektivität der Mitarbeiter’ verlange.

Jene Mitarbeiter der UNRWA, die an den Massakern und den Entführungen beteiligt waren, haben dies sogar selbst zugegeben. Es gibt ausreichendes Bild- und Videomaterial, sowie Aussagen von freigelassenen Geiseln. Dennoch behauptete die UNO, dass Israel keinerlei Beweise für die Anklage gegen die UNRWA-Mitarbeiter vorgelegt habe.

Und wieder glaubt man der UNO und bezichtigt Israel indirekt der Lüge, es ist eine Schande!

Bei den gestrigen internen Wahlen zur Position des Parteiführers von Yesh Atid. gewann Oppositionsführer Yair Lapid mit 52.5% gegen seinen Herausforderer Ram Ben Barak, der immerhin 47.5% erzielte. Die beiden trennten nur 29 Stimmen, was einen erstaunlichen Erfolg für Ben Barak bedeutet. Lapid bedankte sich bei seinem Herausforderer für den fair geführten Wahlkampf: «Ram, gemeinsam mit dir hat Yesh Atid dem Staat Israel erneut gezeigt, dass es möglich ist, anders zu sein. Das es so etwas wie eine andere Politik gibt. Die Vorwahlen sind vorbei, aber unser Krieg hat gerade erst begonnen. Denn es gibt niemanden ausser uns, der diesem Land eine andere Vision und eine andere Richtung bietet. Alle anderen haben aufgegeben und sich Netanyahu zugewandt, nur wir blieben, also werden wir die Änderung herbeiführen.»

Die Hamas-Terror-Organisation scheint sich mit Hilfe der Hisbollah und dem Iran auf das Ende des Krieges vorzubereiten. Die Zahl der direkten Konfrontationen mit der IDF hat in den vergangenen Tagen deutlich abgenommen. Die in London erscheinende pro-saudische Tageszeitung Asharq al-Awsat berichtet, dass ein völliger Wechsel der Kriegs-Taktik zu beobachten sei. Das lässt vermuten, dass die Hamas Menschen und Kriegsmaterial schonen und bis zum Ende des Krieges aufbewahren will. Allerdings sei, so wird einer ranghoher Hamas-Terrorist zitiert, «ein Einmarsch nach Rafah eine ganz andere Sache.» Das Ziel sei es jedoch, ausreichend Kräfte für den ‘Tag nach dem Krieg’ zur Verfügung zu haben, um dann sofort wieder die Hoheit im Gazastreifen zu übernehmen. Die Hamas wird es als Sieg über Israel werten, wenn ein ansehnlicher Teil ihrer Kräfte den Krieg überlebt. Was dann auch so ist, denn in dem Fall ist das Ziel Israels, die Hamas völlig zu zerstören, nicht erreicht. Vor Kurzem rief der Chef des militärischen Arms der Terror-Organisation, Mohammed Deif, dazu auf «den Marsch nach Palästina zu beginnen und sich an der Befreiung der Al-Aqsa-Moschee zu beteiligen».

Jossi Verter, Kolumnist im Haaretz schreibt heute unter dem Titel: Apokalypse Now! Netanyahu has nothing left to offer, but endless lies and temper tantrums. Ich zitiere hier nur einige wunderbar passende Sätze und lege euch den ganzen Text dringend ans Herz!

  • Der israelische Premierminister konnte diese Woche nicht aufhören zu lügen – gegenüber den Amerikanern, den Ultra-Orthodoxen und den Familien entführter Israelis – aber sein Schweigen zur Situation im Norden schreit am lautesten.
  • Panik ergriff das Büro des PM am Mittwochabend, nachdem der Haufen Inkompetenter, der es besetzt, feststellte, dass sie keine weiteren Kaninchen unter ihren Hüten oder Taschenspielertricks hatten, mit denen sie den Obersten Gerichtshof und/oder den Generalstaatsanwalt und/oder den Verteidigungsminister auf der anderen Seite des Ozeans täuschen konnten.
  • Wieder einmal geschieht etwas Schlimmes unter Netanjahus Aufsicht. Es gibt keine weiteren Verzögerungen, Verdrehungen oder übelriechende Tricks.
  • Die selbstgefälligen Führer der ultraorthodoxen Parteien, Goldknopf, Deri und Gafni, die in den fünfzehn Monaten der jetzigen Regierung keinen solchen Aufschwung erlebt haben, haben die tiefen Unterströmungen, die die israelische Gesellschaft im letzten Jahr erfasst haben, nicht erkannt.
  • Sie wollten die Kleptokratie als untrennbaren Bestandteil der israelischen Regierungen für die kommenden Generationen verankern.
  • Israel muss Netanjahu sagen: Nimm deine groteske Regierung und hau’ ab!
  • Und zum genüsslichen Drüberstreuen. Der Antrag Gideon Sa’ars, doch bitte ins Kriegskabinett hineingenommen zu werden wurde abgelehnt. Verter nennt einen ganz besonderen Grund: «Die Puffmutter: Von ihrem improvisierten Büro im Armeehauptquartier in Tel Aviv aus, direkt neben ihrem Mann, sagte Sara Netanjahu: ‘Das ist für mich nicht akzeptabel’.» Selbst, wenn das nicht stimmen sollte, so ist es gut erfunden und kommt der Wahrheit sicher sehr nahe!


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