Wajikra, Tzaw 6:1 – 8:36

Haftara: Hesekiel 36:16 – 38

ב“ה

19./20. Adar II 5784                                                        29./30.März 2024 

Shabbateingang in Jerusalem:                                                         18:17

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                         19:34

Shabbateingang in Zürich:                                                                 18:34

Shabbatausgang in Zürich:                                                                19:39

Shabbateingang in Wien:                                                                   18:03

Shabbatausgang in Wien:                                                                  19:09

Die gesamte heutige Torahlesung beschäftigt sich mit zwei grossen Themen: den Opfervorschriften für die Priester und der Priesterweihe. Es handelt sich bei den Opfern um solche, die die Priester von sich aus spenden und nicht, wie in den Kapiteln zuvor um solche, die mit einem bestimmten Anliegen an Gott von der Gemeinde gespendet werden. In der letzten Torahlesung wurde geschildert, dass von den Opferbränden ein ‚wohlriechender Geruch aufstieg.‘ Heute wird an zwei Stellen 6:8 und 6:14 von ‚beruhigenden Gerüchen‘ gesprochen. Wer schon einmal an einem sehr heissen Tag durch die engen Gassen der Altstadt von Jerusalem oder über den Markt von Machane Yehuda spaziert ist, der kann sich vorstellen, dass der Geruch weder wohlriechend noch beruhigend war, der rund um den Altar aufstieg.

Ein Kapitel beschäftigt sich erneut mit dem Verbot, das Blut von Tieren zu geniessen. Wer es dennoch tut, so heisst es, „der wird ausgemerzt werden“. Woher kommt das mehrfach wiederholte und deshalb besonders strikte Verbot? Blut ist der Sitz der Seele, verliert der Mensch zu viel Blut, so kann er nicht überleben. Blut ist, so sind wir Juden überzeugt, der Träger des Lebens, aber auch der Seele, die den Menschen vom ersten bis zum letzten Atemzug begleitet. Im Judentum kennen wir drei ‚Seelen‘. „Neshama“, „Nefesh“ und „Ruach“.

Durch Neshama, dem Lebensatem, werden wir erst zu einem lebendigen Wesen. Neshama wurde uns durch Gott nach der Erschaffung des Adam in unsere Lungen eingeblasen. נִשְׁמַת חַיִּים (neshemet chajim)  Gen. 2:7

Nefesh ַנָּפֶשׁ ist die Kraft, die unser Leben ausmacht und die uns in der Sekunde unseres Todes wieder verlässt. Die jüdische Tradition sieht den Sitz der Nefesh im Blut des Menschen.

Ruach רוח steht, wenn man es für die Person definiert, für den Intellekt, aber auch für Entschlüsse, Gefühle und Willen. Es ist der Teil der Seele, der die Verbindung zu Gott herstellt. Im Gen. 1:2 lesen wir וְרוּחַ אֱלֹהִים, מְרַחֶפֶת עַל-פְּנֵי הַמָּיִם (der Geist [ruach] Gottes schwebte über dem Wasser)

Die Seele des Menschen wird Teil des Fötus im Moment der Zeugung und verlässt den Körper nach dem Tod. Daher bezeichnet man den physischen Tod auch als Weggang der Seele (Yetziat HaNeshama) יציאתהנשמה.

Das Problem eines jeden Menschen ist es, die drei ‚Seelen‘ miteinander im harmonischen Einklang zu halten.

Zürich im Nebelmeer

Die heutige Haftara ist auf Grund des Schaltjahres nicht die unmittelbar zur Torahlesung zugeordnete. Nicht mehr weit vor uns liegen besondere Tage: Shabbat HaChodesh unmittelbar nach dem Beginn des neuen Monats, heuer am 5. April, sowie der Shabbat HaGadol unmittelbar vor dem Pessachfest, das in diesem Jahr am Abend des 22. April beginnt und eben an diesem Wochenende Shabbat Parah, der sich unmittelbar an das Purim Fest anschliesst.

In diesem schweren Jahr wurde lange diskutiert, das Purim Fest in der bekannten Form mit Umzügen, ausgelassenen Partys und farbenfrohen Kostümen drastisch auf das Lesen der Megillat Esther in den Synagogen zu beschränken. Es war gut, diese Überlegungen zu stoppen und jedem die Möglichkeit zu geben, sich für einige Stunden der puren Lebensfreude hinzugeben.

Es ist sehr passend, dass wir in diese Haftara erneut einen Spiegel vorgehalten bekommen, in dem Gott uns seine Enttäuschung, aber auch seine unendliche Geduld und Liebe aufzeigt.

Wie eine Klammer finden wir im zweiten Vers die Anrede des Propheten durch Gott: „Menschensohn!“ Ben Adam, בן אדם. Ein einzelner Mensch. Auch in den beiden letzten Versen finden wir noch zweimal den Begriff אדם, Mensch. Hier aber als Versprechen, uns so zahlreich zu machen, wie eine ‚Herde von Schafen‘. Wir können erkennen, dass zwischen dem ersten und den beiden letzten Versen die gesamte menschliche Beziehung zu Gott dargestellt wird.

Wir haben uns, und das kennen wir nicht nur aus unserem ureigenen Erleben, immer wieder Gott gegenüber falsch benommen. Gott spricht es hier dem Propheten gegenüber klar aus: Wir haben sein Haus, seinen Namen verunreinigt und müssen es nun ertragen, dass er seinen „Zorn über uns ausgiesst, wegen des Blutes, das wir im Land vergossen haben und das wir durch unsere Gräueltaten verunreinigt haben.“ Wir wissen aus der Geschichte, dass wir auf Grund unseres eigenen Fehlverhaltens in alle Winde zerstreut wurden. Dort wurden wir immer wieder mit der völlig falsch interpretierten Aussage konfrontiert, dass wir als ‚auserwähltes Volk“ besonders hohe Moralansprüche erfüllen müssten. Immer wieder beten wir: אֲשֶׁר בָּֽחַר בָּֽנּו asher bachar banu – der du uns erwählt hast. Uns, die Menschheit. So wie es in der heutigen Haftara steht. Es ist nicht die Rede von Juden, es ist die Rede von Menschen: „Ich werde sie vervielfältigen wie eine Herde, als Menschen.“

Ein neues Herz verspricht Gott uns, statt des Herzens aus Stein, das uns so hart und uneinsichtig macht, schenkt er uns ein Herz aus Fleisch, ein ‚fühlendes Herz‘ (36:27). Gott verspricht uns, dass wir nach dieser Neugeburt ein besseres Leben führen können. Ein Versprechen, dass wir auch aus der tiefsten Fehlbarkeit nach dem Durchleben des Leidens im inneren und äusseren Exil zu ihm zurückkommen können. Das erwählte Menschenvolk kann, wenn es Gott vertraut, zur wirklichen inneren Freiheit und einem erfüllten Leben gelangen. ְרוּחַ אֱלֹהִים, מְרַחֶפֶת עַל-פְּנֵי הַמָּיִםder Geist Gottes schwebte über den Wassern. Das war der Beginn der Schöpfung, an deren die Menschheit stand.

Shabbat Shalom



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