Haftara: Hecheskel 45:18 – 46:15
ב“ה
26./27. Adar II 5784 5./6. April 2024
Shabbateingang in Jerusalem: 18:22
Shabbatausgang in Jerusalem: 19:39
Shabbateingang in Zürich: 19:44
Shabbatausgang in Zürich: 20:50
Shabbateingang in Wien: 19:13
Shabbatausgang in Wien: 20:20
Auch in dieser Torahlesung begleiten wir Aaron und seine beiden Söhne, wie sie das Weiheopfer darbringen. Es ist ein besonderes Opfer, denn Moses kündigt an, dass Gott sich „in der Herrlichkeit des Herrn“ zeigen wird“. (Waj 9:6). Nicht Gott als Gestalt wird sich zeigen. Kein Mensch würde dies überleben. Selbst Moses hatte nur einmal, nachdem Gott an ihm vorübergeschritten war, seinen Rücken gesehen. Und selbst in diesem Moment von grösstmöglichem Verbergen hatte Gott ihn aufgefordert, sich in eine Felsspalte zu stellen und hatte Moses Gesicht mit seiner Hand abgedeckt. (Ex 33:19 – 23) «Wenn ich meine Hand wegnehme, dann wirst du meinen Rücken, aber nicht mein Gesicht sehen.» Interessant ist, dass an dieser Stelle die Torah nicht den bekannten Begriff «gaf» גב, Rücken, sondern das weniger gebrauchte Wort «achori» אֶת-אֲחֹרָי, Rückseite wählt. Wie immer zeigt sich die hebräische Sprache hier als besonders komplex. Wir kennen im Deutschen den Begriff ‘Rücksicht nehmen’, Rücksicht auf den anderen und seine momentanen Bedürfnisse und Befindlichkeiten. Oder Rücksicht auf die Natur, die Umgebung, die wirtschaftlichen und die politischen Gegebenheiten. Rücksichtnahme ist ein Zeichen von höchster Sozialkompetenz und erfordert ein Zurücknehmen der eigenen Vorstellungen. Im Hebräischen hat ‘der Andere’ אחר, acher, die gleiche Wurzel, wie Verantwortung, achraijut, אַחְרָיוּ.
Nach dem Weiheopfer segnete Aaron das Volk und begab sich mit Moses in das Innere des Versammlungszeltes. Als sie wieder herauskamen, segneten sie nochmals das Volk und die Herrlichkeit Gottes erschien dem gesamten Volk und liess ihre Gesichter strahlen. Genauso, wie das Gesicht Moses jedes Mal von einem Strahlen erleuchtet war, wenn er unmittelbar mit Gott kommuniziert hatte.
Dann aber begehen die beiden Söhne Aarons, Nadab und Abihu einen folgenschweren Fehler. Sie bringen ein Opfer dar, das Gott nicht verlangt hatte, für das es keinen Anlass gab und das in seinen Augen einem Götzendienst gleichkam. Sie verbrannten vor den Augen der Gemeinde am göttlichen Feuer.
Gott scheint ihnen aber nicht gram zu sein, sondern er gibt einen Rat, der nur auf den ersten Blick nichts mit dem schrecklichen Irrtum der jungen Männer zu tun hat. In Waj 10:9 lesen wir «Trinkt keinen Wein und kein stärkeres Getränk, wenn ihr in das Versammlungszelt geht. Sonst müsst ihr sterben.» Zwischen gut und falsch, zwischen rein und unrein kann man nur mit einem nüchternen Kopf unterscheiden. Auch heute ist das ein mehr als wohlgemeinter Rat, teils sogar eine Vorschrift. Für viele Berufe, Berufschauffeure, Piloten, Ärzte gilt null Promille, bevor sie mit der Arbeit beginnen.
Dieser Rat gilt für alle, die temporär die Verantwortung für andere Menschen innehaben. Und das ist im Prinzip jeder von uns, ohne Ausnahme.

Die heutige Haftara, wiederum vom Propheten Hecheskel, ist die Haftara, die am Shabbat HaChodesh gelesen wird. Am kommenden Dienstagabend beginnt der neue Monat, Nissan. Am Abend des 14. Nissan, in diesem Jahr am Montag, 22. April, feiern wir Erew Pessach, den Beginn des Pessach Festes. Ezechiel zählt uns die Vorschriften auf, die Gott ihm für die Zeit der Vorbereitung auf das grosse Fest bekanntgemacht hat. Der erste Vers ist verwirrend. In heutiger Zeit ist es klar, dass das jüdische Jahr mit dem Monat Tishri im Herbst beginnt. Nach traditioneller Auffassung ist das der Monat, in dem Gott die Erde erschaffen hat. Früher galt der Monat Nissan als erster Monat des Jahres. Die Begründung war und ist auch durchaus nachvollziehbar, dass im Nissan das jüdische Volk aus der Sklaverei in Ägypten befreit wurde. Der Nissan gilt als die Geburtsstunde des jüdischen Volkes.
Diese Geschichte, die wir in der Haggadah Pessach lesen, hat auch Eingang in diese Haftara gefunden. Am ersten Tag soll man alle Bereiche des Tempels ‘entsündigen’, reinigen. Dazu ist das Sühneopfer notwendig. Wer den Termin, aus welchen Gründen immer, verpasst, keine Angst, der bekommt am 7. Tag eine zweite Chance, seiner Pflicht zu genügen!
Am Pessachfest selbst muss der Fürst für sich selbst und das gesamte Volk einen Bullen als Sühneopfer darbringen. An den folgenden Tagen, Chol HaMoed, soll er als Ganzopfer sieben Bullen und sieben Widder, dazu einen Ziegenbock täglich als Sühneopfer, sowie Speiseopfer in genau abgemessener Menge und Oel bereitstellen. Es ist nicht so, dass auf einmal der Fürst selbst am Opfertisch steht, er darf von der Türe aus zuschauen.
Sehr ähnliche Vorschriften werden hier für Sukkot vorweggenommen, das am 15. Tag des Monats Tishri, heuer am 16. Oktober, beginnt. Hecheskel gewichtet die beiden grossen Feiertage nach der Art und Menge der Opfertiere. An Sukkot, oder besser am Schlusstag des Festes, Simchat Torah, beenden wir die fünf Bücher Moses und freuen uns am jährlich wiederkehrenden Neubeginn.
Hecheskel hat Jerusalem fallen sehen und konnte uns doch die Hoffnung weitergeben, dass es einst noch schöner und prächtiger wieder aufgebaut werden würde. Heute schlägt er in seinem Prophetenwort den weiten Bogen von der spirituellen und realen Gründung des Volkes Israels bis hin zu Sukkot, dem tatsächlich ursprünglich landwirtschaftlich geprägten Erntefest. Beide Feiertage bilden als Wallfahrtsfeste einzeln und gemeinsam die Dreh- und Angelpunkte des jüdischen Jahres.
Übrigens, die Reinigung des Haushaltes vor Pessach ist durchaus eine ernstzunehmende Sache, aber noch sind es 18 Tage, bis zum 14. Nissan! Kein Grund zur Hektik.
Shabbat Shalom und Rosh Chodesh tov!
Kategorien:Religion
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