Wajikra, Tasria 12:1 – 13:59

Haftara: Könige II 4:42 – 5:19

ב“ה

4./5. Nissan 5784                                                           12./13. April 2024

Shabbateingang in Jerusalem:                                                          18:26

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                          19:44

Shabbateingang in Zürich:                                                                 19:53

Shabbatausgang in Zürich:                                                                21:01

Shabbateingang in Wien:                                                                   19:23

Shabbatausgang in Wien:                                                                  20:32

Dieser Abschnitt der Torah, den wir heuer zehn Tage vor Erew Pessach lesen, behandelt das Thema „Reinheit“. Die „Unreinheit“, die hier im ersten Teil der Sidra angesprochen wird, bezieht sich auf die Zeit nach der Geburt eines Kindes.

Während der Wüstenwanderung muss es schwierig gewesen sein, Kind und Mutter nach der Geburt sorgfältig zu reinigen und zu pflegen. Doch auch damals muss es die Möglichkeit gegeben haben, einige Momente der Ruhe für die von der Geburt geschwächte Mutter zu schaffen. Heute, wo eine Geburt normalerweise unter hygienisch einwandfreien Bedingungen stattfindet, ist die vorsichtige Reinigung die erste liebevollen Zuwendung, die die junge Mutter und ihr Kind erfahren. Ein ganzes Team von Hebammen, Ärzten, meist auch der junge Vater oder eine Freundin begleiten die Frau durch den gesamten Geburtsprozess. Das Verständnis für diesen völlig normalen Vorgang hat sich in den letzten Jahrzehnten gewaltig verbessert.

Heute lesen wir in diesem Torah-Abschnitt etwas für uns heute völlig Unbegreifliches. Die Mutter gilt nach der Geburt eines Knaben sieben Tage als ‚unrein‘. Bringt sie ein Mädchen auf die Welt, so dauert die Zeit der ‚Unreinheit‘ sogar 14 Tage.

Für den Sohn endet am achten Tag nach der Geburt die ‚Unreinheit‘, er wird mit der Beschneidung in den Bund mit Gott aufgenommen. Die Mutter jedoch gilt für weitere 33 Tage als ‚unrein‘. Insgesamt dauert die Zeit, in der sie abgeschieden von den anderen leben muss und selbstverständlich auch nicht zum Tempel gehen darf, 40 Tage. Bei einem Mädchen beträgt Zeitraum sogar 80 Tage und ist damit doppelt so lang, wie bei einem Jungen. Diese Ungleichbehandlung der Mutter ist für mich schwer fassbar und nicht erklärbar.

Aber ist es wirklich ein Zustand, in dem sie, quasi wie ausgestossen separiert von der restlichen Familie leben ‚muss‘? Oder ist es, wenn wir die Anweisungen einmal völlig auf den Kopf stellen, nicht eher ein ‚dürfen‘?

In den ersten Wochen durfte die junge Mutter ganz für sich, vielleicht gemeinsam mit einer guten Freundin nur für ihr Kind da sein. Versteht man die Abgeschiedenheit unter diesem Aspekt, so darf man sich ruhig einen hellen und sonnigen Ort vorstellen. Nicht voller Trauer über die auferlegte Trennung von der Familie, sondern durchaus voller Vorfreude auf das Kommende.

Heute weiss man, dass die ersten gemeinsamen Wochen prägend für die zukünftige Verbindung zwischen der Mutter und dem Kind sind. Hier wird das Urvertrauen des Kindes ausgebildet, das eines Tages, wenn alles gut läuft, darin gipfelt, dass das Kind die frühe Bezugsperson auch einmal ‚aus den Augen lassen kann‘ und sich trotzdem auf ihre Liebe und Fürsorge verlassen darf. Jean Piaget, ein Schweizer Entwicklungspsychologe hat dazu den Begriff der ‚Objektkonstanz‘ gewählt. Diese wird während der ersten acht Lebensmonate gebildet. Im späteren Leben ist sie die Grundlage, dass ein Mensch Beziehungen eingehen und aufrechterhalten kann, auch wenn das ‚Objekt‘ nicht permanent anwesend ist.

Man weiss, dass diese erste Bezugsperson nicht zwingend die Mutter sein muss. Auch der Vater kann diese erste und wichtigste Person sein. Daher ist es heute auch ganz normal, dass er in „Vaterschafts-Karenz“ gehen kann, ohne von den Kollegen oder Vorgesetzten schräg angeschaut zu werden, wie noch im Jahr 1972 der Ehemann meiner damaligen Deutschlehrerin am Gymnasium. Auch die Betreuerinnen in den Kinderhäusern der klassischen Kibbuzim, die auch über Jahre hinweg ‚ihre Kinder‘ betreute, nahmen diese Rolle ein.

Wie aber können wir aus heutiger Sicht die Aussagen dieses Torah-Abschnittes verstehen? Ist er einer der Abschnitte, die wir nicht verstehen können, aber trotzdem befolgen?  Können wir uns noch vorstellen, dass Töchter in der Gesellschaft weniger wert sein sollen, als Söhne?

Es ist noch gar nicht so lange her, dass diese Vorstellung auch in aufgeklärten Gesellschaften verwurzelt war. In anderen Kulturkreisen gilt sie bis heute. Kommt es zu Versorgungsengpässen, so findet man immer noch mehr unterernährte Mädchen als Buben.

Wir Frauen haben es zwar ein Stück weit geschafft, uns innerhalb der Gesellschaft von der Bevormundung der Männer zu emanzipieren, haben dabei aber unsere Töchter nicht immer miteinbezogen.

Es muss daher unser wichtigstes Anliegen sein, für unsere Kinder, gleich ob Tochter oder Sohn, bereits in den ersten Lebenswochen einen Grundstein für die Fähigkeit zu legen, sich innerhalb der Gesellschaft durch stabile Beziehungen einen gleichberechtigten und selbstbestimmten Platz zu schaffen.

ֵElisha weist die Gaben zurück

Die heutige Haftara beschäftigt sich mit der Reaktion auf den Aussatz, der Na’aman, den syrischen Heerführer des Königs von Aram, Ben Hadad, befallen hatte.

Es war die Zeit, in der der Prophet Elisha in Shomron als Prediger und Wanderarbeiter tätig war. Von seinen vielfältigen Wundern wird im Buch der Könige II an einigen Stellen berichtet.

Eine junge Frau war in die Gefangenschaft der Aramäer geraten und musste die Frau von Na’aman bedienen. Die junge Frau sorgte sich, obwohl sie dessen Gefangene war, um Na’aman und schlug seiner Frau vor, sich an Elisha zu wenden, in der Überzeugung, dass dieser Na’aman von seinem Aussatz heilen werde.

König Ben Hadad war damit einverstanden, dass sich sein geschätzter und verdienstvoller Heerführer an den Propheten wenden solle und schrieb ein, heute würde man sagen ‚Empfehlungsschreiben‘ an den israelischen König Joram. Als Bezahlung für die erwartete Vermittlung gab er Na’aman 10 Kikar Silber, sechstausend Goldstücke und zehn komplette Kleider mit. Der Wert dieses alten Masses lässt sich nicht rekonstruieren, muss aber einen bedeutenden Wert dargestellt haben.

Joram erschrak, als Na’aman mit diesen Gaben zu ihm kam, zerriss sich die Kleidung und klagte, dass es sich nur um eine Falle handeln könne. Er hätte, so klagte er, nicht die Gabe, Kranke zu heilen. Das wiederum erfuhr Elisha und forderte Joram auf, den Kranken zu ihm zu schicken, denn „es gibt noch einen [wundertätigen] Propheten in Israel.“

Na’aman erreichte mit allem seinem Pomp, seinen Wagen und Pferden den Ort, an dem der Prophet lebte. Und, sich der Bedeutung seiner Position bei König Ben Hadad, aber auch der Problematik seiner Erkrankung durchaus bewusst, blieb vor der Türe stehen und wartete auf den Propheten.

Doch der schickte nur einen Diener, mit der Aufforderung: „Gehe hin und bade sieben Mal im Jordan, so wird dein gesundes Fleisch dir wiederkehren und werde rein.“

Na’aman wurde wütend, weil er sich zu wenig geachtet fühlte. Er hatte ein spektakuläres Gotteswunder erwartet und nun das! Bäder im Jordan, wo doch seine Heimat in seinen Augen die viel besseren Gewässer hatte. Als der sich gerade abwenden und fortgehen wollte, hinderten ihn seine Diener daran. Sie hatten erkannt, dass diese einfache Anweisung Na’aman zu gering vorkam. Sie konnten ihn aber überzeugen, wie angeraten die Bäder im Jordan zu nehmen und, siehe da, sein Fleisch war rein, wie das eines Knaben.

Na’aman kehrte zu Elisha zurück, bot ihm seinen Dank an und betonte, er habe erkannt, es gebe keinen anderen Gott als den Gott Israels. Elisha wies alle Gaben empört zurück.  

Der letzte Vers weist eine kleine, leicht zu übersehende Besonderheit auf. Elisha verabschiedet Na’aman nicht mit dem Gruss: „Gehe in Frieden!“ sondern, „Gehe zum Frieden!“ Wir dürfen das interpretieren als den Wunsch, Na’aman möge seinen Weg so fortsetzen, dass er eines Tages den Frieden finden wird. Wenn er seine Ziele erreicht und seine Lebenspläne erfüllt hat.

Wie so oft, ergänzen sich der wöchentliche Torah-Abschnitt und die Haftara auf zunächst nicht unmittelbar erkennbare Weise. Und doch gibt es den Zusammenhang. Zunächst die Grundlage des Urvertrauens und der zwischenmenschlichen Beziehungen, die uns überhaupt erst befähigt, auch bei Gegenwind unseren Weg zu gehen.

Shabbat Shalom!



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