Krieg in Israel – Tag 195

10. Nissan 5784

Seit dem 25. Februar wird die kleine Haymanut Kasau aus Sfad vermisst. Niemand weiss etwas über ihr Schicksal, seit sie zum letzten Mal von einer Überwachungskamera des Aufnahmelagers der Jewish Agency aufgenommen wurde. Gestern wurde sie 10 Jahre alt. Bisher blieben alle Suchmassnahmen erfolglos. Jetzt haben ihre Eltern einen dringenden Appell an Freiwillige gerichtet, sich an der Suche zu beteiligen. Heute werden aus dem ganzen Land Freiwillige eingeladen, mit eigens eingerichteten Shuttle-Bussen nach Sfad zu reisen und eine intensive Suchaktion durchzuführen.

Die New York Times  berichtet heute, dass Israel erst wenige Minuten, bevor sie den Angriff auf das angebliche iranische Botschaftsgebäude in Damaskus flogen, die USA darüber informiert haben.

Unmittelbar nach dem Erhalt der Information wurden u.a der US-Sicherheitsberater Jake Sullivan, sein Stellvertreter Joe Finer und Nah-Ost-Koordinator Brett McGurck kontaktiert. Sie waren entsetzt und überzeugt, der Angriff werde schwerwiegende Folgen haben. Öffentlich betonten sie ihre Unterstützung für Israel, privat waren sie, ebenso wie US-Präsident Joe Biden, empört, dass sie nicht früher kontaktiert worden waren. «Die Israelis haben sich stark verrechnet und geglaubt, der Iran werde nicht energisch reagieren», war die einstimmige Meinung, eine Ansicht, die auch ein hochrangiger israelischer Beamter teilte. Als es klar war, dass der Iran reagieren werde, hoffte man, dass der Rückschlag sehr begrenzt sein werde. Immer wieder wurden die Vermutungen revidiert. Der Schlag ist vorbei, Teheran hat den ganzen Vorfall als beendet erklärt.

Doch Israel wird zurückschlagen. Im Fokus der Überlegungen steht jetzt die Frage, wie das geschehen wird und wie der Iran darauf reagiert.

«Wir sind in einer Situation, in der im Grunde jeder den Sieg erringen kann» , sagte Ali Vaez, der Iran-Direktor der International Crisis Group. «Der Iran kann sagen, dass er Rache genommen hat, Israel kann sagen, dass es den iranischen Angriff abgewehrt hat und die Vereinigten Staaten können sagen, dass sie den Iran erfolgreich abgeschreckt und Israel verteidigt haben.» Doch er zeigt auch Bedenken, dass, wenn es erneut in eine Konfrontationsrunde geht,diese leicht ausser Kontrolle und nicht nur regional, sondern weltweit gefährlich werden kann.

Der Schlag Israels gegen den Iran war von langer Hand geplant. Was sie falsch einschätzten, war die Stärke der iranischen Reaktion. Der Iran lieferte zwei Botschaften: Zum einen, dass es eine Reaktion geben werde und zum anderen, dass er keinen offenen Krieg mit Israel, geschweige den USA wolle. Die Frage ist aber nun, wie Israel reagieren kann, ohne die Situation eskalieren zu lassen und einen neuen Teufelskreis anzuheizen.

Das wäre in der Nacht nach dem Angriff fast passiert, hätte nicht US-Präsident Joe Biden Netanyahu zunächst gestoppt. Zu sehr zeigte er sich enttäuscht, dass Israel ihn nicht über den geplanten Angriff auf das angebliche Botschaftsgebäude vollumfänglich informiert hat. Auch sein VM Lloyd Austin beschwerte sich darüber bei seinem Amtskollegen Yoav Gallant. Der konnte keine Entschuldigung finden, mit dieser Unachtsamkeit auch US-amerikanische Ziele gefährdet zu haben.

Ägyptische Beamte informierten Nachrichtenagentur al-Araby al Jadeed aus Katar, dass die USA einen von Israel vorgelegten Plan für die Operation gegen Rafah akzeptiert hätten. Allerdings verlangen sie im Gegenzug, dass Israel auf einen grossangelegten Rückschlag gegen den Iran verzichtet. Es wird vermutet, dass sich in Rafah noch vier Bataillone der Hamas-Terror-Organisation aufhalten. Zusätzlich zu den eigentlichen Bewohnern der Stadt, haben mehr als eine Million Menschen dort Zuflucht gefunden, die vor einer Bodenoffensive evakuiert werden müssen. Es kann, so wird weiterhin vermutet, auch sein, dass sich in Rafah einige der noch lebenden israelischen Geiseln aufhalten. Allerdings scheint es als gesichert, dass Israel vor dem Ende des Pessach-Festes (inkl. Mimouna) am Abend des 30. April, den Iran nicht angreifen wird.

Es gibt eine klare Entscheidung des OGH, vertreten durch GStA Gali Baharav-Miara, dass orthodoxe Wehrpflichtige zukünftig in den Dienst bei der IDF eingezogen werden müssen und dass allfällige Zahlungen an jene, die weiterhin in den Yeshiwot studieren wollen, gestoppt werden. Der OGH forderte von der Regierung, zu dieser Entscheidung Stellung zu nehmen. Gestern hat sich bei einer Kabinettssitzung die Nicht-Regierung gegen die Umsetzung der beiden Entscheidungen entschieden und unterzeichnete ein entsprechendes Positionspapier. Darin heisst es: «Das Fehlen einer normativen Grundlage für eine pauschale Befreiung von der Wehrpflicht bedeutet keine allgemeine Wehrpflicht. Die GStA interpretiert das Gesetz daher in einer Weise, die ‘die Ermessensbefugnis, die der Gesetzgeber der IDF gewährt hat, zunichte macht’. Die Armee soll zunächst die Vorbereitungen für die Aufnahme der Yeschiwa-Studenten prüfen.» Diese Haltung ist diametral entgegengesetzt der von der GStA und dem OGH eingenommen. «Die Rechtslage ist derzeit klar: Gemäss den Bestimmungen des Verteidigungsdienstgesetzes und unter Berücksichtigung des Urteils des OGH gibt es seit dem 1. April keine verlässliche Quelle, die Jeschiwa-Studenten eine allgemeine Befreiung von der Einberufung zum Militärdienst gewähren könnte. Das Verteidigungsministerium muss handeln, um sie per Gesetz zum Militärdienst zu verpflichten.» Die ‘Nicht-Regierung’ verlangt eine Übergangsfrist bis zum Jahresende. Mit diesem Winkelzug hat sich Netanyahu wieder einmal Zeit gekauft und die Religiösen beschwichtigt, die bereits gedroht hatten, die Koalition zu verlassen.

Meir Porush, Minister für Jerusalem und Mitglied der ultra-orthodoxen Partei United Torah Judaism macht sich erstmalig Sorgen um das Wohlergehen der Geiseln. Das ist schön. Aber wie sich diese Sorge äussert, kann nur einem weltfremden, theozentrierten Hirn entspringen. Er fordert den UN-Special Coordinator for the Middle East, Tor Wennesland, dringend auf, «jeder Geisel Wein und Mazzot zu bringen. Wenn sie bis zum Feiertag nicht nach Hause zurückkehren, können sie den Feiertag feiern, wenn auch nur symbolisch, in der Erwartung, dass dies ihre Stimmung hebt und ihnen erlaubt, ihre schwierige Situation bis zu ihrer baldigen Freilassung zu ertragen.» Schon klar, aber wenn wer auch immer jeder Geisel ein Care-Paket persönlich überreicht, dann muss er wissen, wo er sie findet. Und dann kann er sie doch auch gleich mit nach Hause nehmen. Dieser Vorschlag von Porush zeigt, dass seine Partei in keiner Weise regierungstauglich ist.

Über die Zahl der noch lebenden Geiseln und deren Aufenthaltsorte wird immer wieder spekuliert. US-Beamte sagten gegenüber NBC, dass wahrscheinlich ein Viertel der 133 Geiseln nicht mehr lebt, deutet aber an, dass es auch weitaus mehr Tote geben kann. Diese Ansicht wird auch von israelischer Seite geteilt. Auch die aktuellen Aufenthaltsorte der Geiseln können nicht bestimmt werden, weil sie immer wieder an andere Orte gebracht werden.

Das Mittelmeer hat bereits angenehme 23° Wassertemperatur und auch die Lufttemperatur in Sderot und Ashdod liegt zwischen 25° und 30°. Zwei Gründe für die Bevölkerung von Gaza, sich am Strand ein paar entspannte Stunden zu gönnen. Doch was in Tel Aviv, Netanya oder Caesarea zu keinem Hochziehen der Augenbrauen führen würde, ist den Gazanern offensichtlich nicht gegönnt. Angesichts der vollen Strände von Gaza mehren sich in Israel die Stimmen, dass die Regierung nicht genügend Druck auf die Hamas ausübt, um die Geiseln freizulassen. Die IDF hatte heute berichtet, eine Operation in Beit Hanoun abgeschlossen zu haben. In den letzten Tagen hatten sie bei zahlreichen Angriffsflügen nicht nur strategische Ziele der verschiedenen Terror-Organisationen zerstört, sondern auch einige Terroristen eliminiert. Die Angriffe wurden verstärkt, nachdem die ersten ‘Strandbilder’ in den Medien auftauchten. Bisher hatte ich immer verstanden, der Krieg richte sich «ausschliesslich gegen die Hamas und nicht gegen die Zivilbevölkerung von Gaza.» Die Bilder lösten nicht nur Kritik an der Regierung aus, sondern auch hämische Kommentare, dass die humanitäre Situation im Gazastreifen wohl nicht so prekär sei, wie immer behauptet werde.



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