Wajikra, Mezora, 14:1 – 15:33

Haftara: Maleachi 3:4 – 24

ב“ה

11./12. Nissan 5784                                                        19./20. April 2024 

Shabbateingang in Jerusalem:                                                         18:31

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                        19:50

Shabbateingang in Zürich:                                                                 20:03

Shabbatausgang in Zürich:                                                                21:12

Shabbateingang in Wien:                                                                   19:33

Shabbatausgang in Wien:                                                                  20:43

Dieser Shabbat ist Shabbat HaGadol. Es ist der letzte Shabbat bevor das Pessach Fest beginnt. Diese Bezeichnung geht auf Raschi (1040 – 1105) zurück. Raschi ist einer der bedeutendsten Gelehrten des Mittelalters und massgeblicher Kommentator von Tanach und Talmud. Seine Texte werden bis heute in allen Yeschiwot studiert.

In traditionellen Synagogen sprechen die Rabbiner in ihrer Predigt ausschliesslich über die speziellen Speisegesetze zu Pessach.

Dieser Torah-Abschnitt beschäftigt sich zunächst mit der rituellen Reinigung eines Menschen, der vom Aussatz, wahrscheinlich ist damit Lepra gemeint, geheilt wurde. Es könnte auch sein, dass ‘mezora’ für Schuppenflechte steht. Beides ist heute heilbar.

Schon in Ex 4: 3-7lässt Gott Moses kurzfristig von der Krankheit befallen. «Als er sie aus dem Gewand herauszog, war seine Hand von Aussatz weiss wie Schnee».

Auch Mirijam, die Schwester Moses, wurde mit der Krankheit geschlagen, als sie gegen ihren Bruder zwar nicht aufmuckte, aber seinen alleinigen Führungsanspruch in Frage stellte. Moses setzte sich dennoch für sie ein, sie wurde geheilt, musste sich aber sieben Tage von den anderen absondern (Num 12:10-15). Was war der konkrete Anlass der Bestrafung? Mirijam hatte gegen Zippora, die Frau von Moses, gespottet und gelästert. Sich als etwas Besseres empfunden. Nichts anderes als üble Nachrede, lashon ha’ra! Und die ist, das wissen wir, fast so verwerflich, wie ein Mord!

Maimonides (1138 – 1204), der grosse Denker, Religionslehrer und Mediziner, schreibt in Mishne Torah, Tuma’at Tzara’t, Kapitel 16:10. Ein Text der ein wunderbares Bild auf die Vorstellungsvielfalt der damaligen Weisen wirft.

«Tzara’at ist ein Sammelbegriff für viele Leiden, die einander nicht ähneln. Denn das Bleichen der Haut einer Person wird tzara’at genannt, ebenso wie das Ausfallen einiger Haare auf dem Kopf oder Bart und die Veränderung der Farbe von Kleidung oder Häusern(!).

Diese Veränderung, die Kleidung und Häuser betrifft, die die Torah mit dem allgemeinen Begriff tzara’at beschrieb, ist kein natürliches Ereignis. Stattdessen ist es ein unter den Juden weitverbreitetes Zeichen und Wunder, sie vor lashon ha’ra, „üble Nachrede“, zu warnen. Wenn jemand lashon ha’ra spricht, ändern die Wände seines Hauses die Farbe. Wenn er bereut, wird das Haus gereinigt. Beharrt er jedoch auf seiner Bosheit, bis das Haus zerstört ist, verfärben sich die Ledergeräte in seinem Haus, auf denen er sitzt und liegt. Wenn er bereut, werden sie gereinigt. Wenn er auf seiner Bosheit beharrt, bis sie verbrannt sind, ändern die Kleider, die er trägt, die Farbe. Wenn er bereut, werden sie gereinigt. Wenn er auf seiner Bosheit beharrt, bis sie verbrannt sind, verändert sich seine Haut und er entwickelt tzara’at. Dies führt dazu, dass er isoliert wird und bekannt gemacht wird, dass er allein bleiben muss, damit er nicht in das Gerede der Bösen verwickelt wird, das Torheit und lashon ha’ra ist.»

Tzara’at ist also nichts anderes als die Strafe Gottes, die Sichtbarmachung des Übels. Und darum muss der Weg des Erkrankten auch zum Priester führen, der die Ursache der Bestrafung erkennen und entsprechend handeln wird. Bei Maimonides lesen wir weiter unten im Text, dass neben lashoh ha’ra auch Hochmut zu dieser Strafe führen kann.  Die Torah warnt davor in Deut. 24:89: «Gebt acht auf einen Tzara’at-Fehler … Denkt daran, was Gott, euer Herr, Mirjam angetan hat.»

Bleibt noch zu hinterfragen, warum Häuser mit tzara’at befallen werden können? Hier hilft es zu erkennen, dass für das Volk Israel der Begriff «Haus Israel» steht. Sozusagen als schützende Hülle um das gesamte Volk, aber auch um den Einzelnen. Im Sinne von «pars pro toto» erkrankt die Hülle, das Haus und alles, was darin ist, wenn auch nur ein Stein, ein Stück «krank», also baufällig geworden ist. Manchmal ist es ausreichend, nur kleine Renovierungsarbeiten vorzunehmen, manchmal ist es aber auch notwendig, das ganze Bauwerk einzureissen und neu zu gestalten.

Wir leben derzeit in einer Zeit des wirtschaftlichen und politischen Umbruchs, radikale Kräfte versuchen, sich in der Gesellschaft einzunisten und von innen heraus Schaden anzurichten. Der vielleicht irgendwann nicht mehr reparabel ist.

Die heutige Haftara thematisiert die von vielen erhoffte messianische Erlösung, die, so der Volksglaube, im gleichen Monat wie der Auszug aus Ägypten stattfinden wird. Mit dem heutigen Prophetenwort endet der Reigen des Buches der Propheten und der gesamte Tanach. An diesem besonderen Shabbat schliesst sich der Bogen, den Gott einst mit der Aufforderung an Moses begann «das Volk (Haus) Israel ‘mir zum Volke’» zu führen, das Versprechen Gottes auf Erlösung. Die letzte Mahnung Gottes lautete: «Bleibet der Lehre meines Dieners Moses eingedenk, da ich ihm für ganz Israel Gesetze und Rechtsordnungen gebot.» So schreibt Rav Samson Raphael Hirsch in seiner Übersetzung zur Torah.

Im Prophetenwort erfahren wir heute, wie Gott sich denen, die gegen seine Anweisungen handeln, entgegenstellen wird. Gott hat sich in den unendlich langen Jahren nicht verändert, er ist immer er selbst geblieben, zuverlässig und treu. Uns aber, den Menschen, wirft er vor, dass wir uns seit den Tagen der Vorväter immer wieder von ihm abgewandt haben. Gott fordert uns auf, zurückzukehren zu ihm, weil er uns immer seine Hand entgegenstrecken wird.

Das Volk murrt, so wie wir heute oft murren, Steuern, Abgaben, finanzielle Verpflichtungen werden uns oft zu viel. Vor allem, weil wir keinen realen Gegenwert sehen, nicht wissen, wohin die Gelder fliessen.

Das Vertrauen in Gott ist nicht grösser geworden, im Gegenteil, auch wenn er uns anbieten würde, seinen Segen auf uns kommen zu lassen, und selbst, wenn es Manna in der Wüste wäre, wir würden es nicht erkennen.

Die heutige Gesellschaft ist, was den Glauben angeht, oft sinnentleert. Wir haben unsere Ohren verstopft und können das Wort, die Angebote Gottes nicht von den falschen Angeboten der schnellen, hektischen Neuzeit unterscheiden. 

Doch auch hier weiss Gott Rat. Er wird die stützen, die ihm nach wie vor treu folgen und diese werden die, deren Augen und Ohren verschlossen sind, Schritt für Schritt überzeugen.

Nach allen düsteren Worten ist das doch ein versöhnlicher Schluss des Tanachs. Einer, der uns hinüberbegleiten kann in die Freude des Pessachfestes.

Shabbat Shalom, ve Chag Pessach kasher ve sameach



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