Acharej mot, Wajikra 16:1 – 18:30

Haftara: Amos 9:7 – 15

11. und 12. Tag des Omer Zählens

ב“ה

25./26. Nissan 5784                                                              3./4. Mai 2024

Shabbateingang in Jerusalem:                                                         18:41

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                         20:01

Shabbateingang in Zürich:                                                                 20:23

Shabbatausgang in Zürich:                                                                21:35

Shabbateingang in Wien:                                                                   19:54

Shabbatausgang in Wien:                                                                  21:07

Ganz am Anfang der Torah-Lesung heisst es: «Acharej mot» – «nach dem Tod». Ein kurzer Blick zurück auf den tragischen, selbstverschuldeten Tod der Söhne Aarons, Nadav und Avihu. Sie hatten sich mit einem unerwünschten, von Gott nicht geforderten «Feuer» dem Altar genähert und waren durch das Feuer gestorben. Tragisch. Vor allem für den Vater Aaron, dem Gott aber keine Zeit liess, um die Söhne zu trauern.

Den ersten Abschnitt kennen wir von Yom Kippur. Yom Kippur ist der Tag, an dem wir Gott bitten, uns von unseren Sünden zu befreien. Zur Zeit von Aaron und seinen Nachfolgern waren es die Hohen Priester, die stellvertretend für das ganze Volk Israel das Sühneopfer erbrachten. Heute sind es die Vorbeter in Synagogen, die Gott darum bitten, dies stellvertretend für die Gemeinde tun zu dürfen.

Nur an einem Tag darf der Hohe Priester das Allerheiligste betreten. Als Vorbereitung muss er eine spezielle Kleidung tragen und muss sich vorher rituell gereinigt haben. Die weisse Kleidung für Männer und Frauen an Yom Kippur hat auch heute noch Tradition in vielen Gemeinden. Die rituelle Reinigung für Männer als auch Frauen geschieht heute, indem sie am Tag vor Yom Kippur die Mikwe aufsuchen, auch wenn sie sonst im alltäglichen Leben kaum noch eine Bedeutung für sie hat.

Yom Kippur ist der Tag, an dem wir uns dem Richtspruch Gottes unterwerfen. Es ist der einzige Tag, an dem wir unser Knie vor Gott beugen. Unsere Gebete sind das, was uns nach der Zerstörung des zweiten Tempels geblieben ist. Zu den Gebeten gehören auch das kollektive Schuldbekenntnis, das die Gemeinde im Laufe des Tages mehrmals spricht. Damals schien doch alles ein bisschen einfacher gewesen zu sein. Das Volk Israel, so viele Sünden jeder Einzelne auch begangen haben mochte, konnte sie abwälzen. Abwälzen? Auf wen?

Davon lesen wir in den kommenden Absätzen.

Zwei Ziegenböcke sollten als Sühneopfer ausgesucht werden, «einer für Gott» und «einer für Asasel [ein Wüstendämon]». Der Ziegenbock, der als «Sündenbock» durch das Los bestimmt wurde, wurde «in die Wüste gejagt». Ob er tatsächlich nur in die Wüste gejagt wurde oder über ein Kliff gestossen wurde, bleibt unklar.

Wie praktisch! Wir projizieren alle unsere Sünden auf den «Sündenbock», den wir dann noch «in die Wüste schicken». Damit sind wir aller Verantwortung ledig. Nicht wir haben gesündigt, nein, es war der «böse Trieb» in uns, der uns verführt hat, der uns manipuliert hat. Der böse Trieb, der uns Zeit unseres Lebens plagt. Gegen den wir zwar Tag für Tag ankämpfen, aber der uns eben doch manchmal übermannt.

Der zweite Ziegenbock diente als Sühneopfer für die Menschen bei Gott.

Mit Yom Kippur ist nicht alles vergeben und vergessen, was wir im Laufe eines Jahres unserer Familie, unseren Freunden und Kollegen oder auch gänzlich Fremden angetan haben. Um Kränkungen, Beleidigungen oder Tricksereien wieder ins Lot zu bringen, braucht es Beziehungsarbeit. Beziehungsarbeit ist eine der schwersten Herausforderungen im zwischenmenschlichen Bereich. Oft sind es kleine Missverständnisse, die aufgebläht wurden und die bei ein wenig gutem Willen schnell zu klären sind. Oft wurzeln die negativen Befindlichkeiten tief zurück in der Vergangenheit, vielleicht sogar als ‚Familientradition‘, wobei niemand mehr den Auslöser kennt. Auch das kann man recht einfach klären, wenn man die Sinnlosigkeit solcher Dinge erkennt. Problematisch aber wird es, wenn Absicht, Bosheit oder Neid dahinterstecken. In den Fällen muss man erst sein eigenes Verhalten genau analysieren. Was oftmals weh tut!

Die heutige Haftara stammt aus dem recht kleinen Buch des Propheten Amos, der im 8. Jahrhundert BCE im Nordreich lebte. Amos gilt als sozialkritischer Prophet, der sich gegen Korruption und Ausbeutung durch Priester, Richter und Grossgrundbesitzer wandte.

In diesem letzten Kapitel des Amos-Buches lesen wir innerhalb von wenigen Versen negative und positive Prophezeiungen für das Volk Israel. „Seid ihr mir nicht gleich den Söhnen der Kuschim, Kinder Israel? Habe ich nicht Israel herausgeführt aus dem Lande Mizrajim, die Plischtim aus Kaftor und Aram von Kir? Siehe die Augen Gottes, des Herrn, richten sich auf das sündige Reich und ich tilge es hinweg von der Oberfläche des Erdbodens…“

Haben wir uns nicht immer sicher im Gedanken gefühlt, dass Gott uns mit seinem Bund, den er mehrmals erneuert hat, besonders schützen wollte? Oft haben wir sogar die Formulierung „wir sind das auserwählte Volk“ benutzt. Doch auserwählt, um was zu tun? Nicht um von Gott besonders bevorzugt zu werden, sozusagen einen Freifahrtschein zu haben, der alles vergibt und verzeiht. Im Gegenteil. Auserwählt, nach einem strikten, nicht verhandelbaren Verhaltenskodex, an den wir uns halten sollen, zu leben. Auserwählt zu sein ist keine Bevorzugung, es ist Verpflichtung!

Dann aber bekommen wir das Versprechen: „… Nur dass ich nicht austilge das Haus Jakobs.“ Wir dürfen aufatmen!

Gott verspricht uns durch seinen Propheten, die ‚Hütte Davids‘ wieder aufzubauen und instand zu setzen. Mehr noch als das: Gott verspricht uns, alle die, die verschollen sind, abtrünnig wurden, verstossen und verbannt waren, alle die werden zurückkommen und Gott wird sie wieder integrieren und sie mit neuer Kraft und Hoffnung stärken.

Um uns wieder von Gott angenommen und geschützt zu fühlen, braucht es gar nicht so viel. Wir müssen nur erkennen, was von uns erwartet wird und uns daran zu halten. Nur? Das ist schwer genug. Aber wenn es uns gelingt, dann darf auch der Sündenbock überleben, dann sind wir durchaus bereit, die Verantwortung für unser Tun selbst zu übernehmen.

Bis zum Yom Kippur sind es noch einige Monate, er beginnt am Abend des 11. Oktober. Zeit genug, das Ziel, ausgewählt zur Eigenverantwortung zu sein, ins Auge zu nehmen.

Shabbat Shalom!



Kategorien:Israel

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