Krieg in Israel – Tag 221

5. Ijjar 5784

Vier Soldaten wurden heute bei Kämpfen im nördlichen Gazastreifen schwer verwundet. Weitere fünf erlitten leichte Verletzungen. In Rafah wurde ein Soldat durch die Explosion einer Sprengfalle schwer verwundet.

Laut Zählungen der UNRWA haben in den vergangenen Tagen insgesamt schon mehr als 450.000 Menschen Rafah verlassen. Die meisten haben sich in die Region von Khan Younis begeben, wo die IDF eine ‘humanitäre Schutzzone’ eingerichtet hat. Einwohner berichten, dass israelische Panzer tiefer in die östlichen Stadtgebiete vordringen.

Wohnungsbauminister und im Privatleben vorbestrafter Immobilientycoon, Yitzhak Goldknopf, United Torah Judaism, hat in einer Videobotschaft dazu aufgerufen, sich dem heute um 12 Uhr in Or HaNer beginnenden Marsch nach Sderot anzuschliessen. Dort findet auch die Schlusskundgebung statt. Der Marsch, der auch von MK Limor Son Har-Melech, Otzmah Yehudit, unterstützt wird, hat das Ziel, auf die Bedeutung der Wiederbesiedlung des Gazastreifens durch Juden hinzuweisen. 2005 waren die jüdischen Siedlungen in Gush Katif mit 8.000 Bewohnern im Gazastreifen teils gewaltsam von IDF und Polizei geräumt worden, seither lebt kein einziger Jude mehr dort.

Der Marsch wird hauptsächlich vom ‘Nachala Settlement Movement’, einer radikalen Siedlerbewegung, unterstützt. Auch andere ultranationalistische und religiös-zionistische Gruppen zeichnen mitverantwortlich. Die Online-Anmeldungsseite registrierte bereits am Sonntagabend mehr als 4.000 Teilnehmer. Die Organisatoren hoffen auf mehr als 10.000 Demonstranten. Es wird, so wurde von den Organisatoren versprochen, keine gewaltsamen Versuche geben, den Grenzzaun zu durchbrechen und auf das Gebiet von Gaza vorzudringen. Die Veranstaltung werde ‘in Übereinstimmung mit dem Gesetz’ stattfinden und wurde mit Sicherheitskräften im Vorfeld koordiniert. Son Har-Melech betonte in einer Videobotschaft: «Eine Einigung ist das Gebot der Stunde. So gewinnen wir, so garantieren wir Sicherheit, so stärken wir das jüdische Volk. Heute gehen wir nach Hause.» Der Marsch spiegelt den Wunsch der rechtsextrem-nationalistischen Parteien von Ben-Gvir und Smotrich, die bei einer Konferenz im Januar festhielten: «So Gott will, werden wir uns niederlassen und siegen. Es ist Zeit, nach Gush Katif zurückzukehren.» Der Versuch, einen symbolischen Siedlungsblock innerhalb von Gaza aufzubauen, wurde von Sicherheitskräften schnell beendet. Dieser Marsch, vor allem heute, am 76. Unabhängigkeitstag, ist ein Brandbeschleuniger, der nicht zu unterschätzende Folgen haben kann.

Kurz vor der Schlussveranstaltung in Sderot wurden drei Raketen von Gaza aus auf die Stadt abgeschossen. Sie konnten abgefangen und zerstört werden.

Nach eigenen Angaben wird das Internationale Rote Kreuz heute ein weiteres Feldspital im südlichen Gazastreifen eröffnen. Bis zu 200 Patienten sollen hier täglich behandelt werden. Notoperationen können jederzeit vorgenommen werden und auch zahlreiche Verletzte nach Grossereignissen sollen keine besondere Herausforderung darstellen.

Das war wohl doch ein bisschen zu viel für den angeschlagenen Netanyahu. Er nahm weder gestern Abend an der offiziellen Eröffnungsfeier des Unabhängigkeitstages teil, noch erschien er heute zum traditionellen Bibelquiz. An die Teilnehmer des hochangesehenen Bibel Quiz schickte er eine Videobotschaft.: «Die Wurzeln eurer Identität liegen in der Bibel, ebenso wie sich das Recht des Staates Israel auf das Land daraus ableitet.» Die Ehrung der Soldaten, die sich durch besondere Verdienste im vergangenen Jahr hervorgetan haben, hatte er ebenfalls aus seiner Agenda gestrichen. Eine offizielle Begründung für sein Fernbleiben von den Veranstaltungen gab es nicht.

Bei diesem Anlass betonte Generalstabschef Herzi Halevi in Richtung der ultra-orthodoxen Gemeinschaft, «…, dass sich der Militärdienst und ein religiöses Leben nicht gegenseitig ausschliessen.» Er richtete sich dann an die 120 ausgezeichneten Soldaten und beschrieb sie als den Querschnitt der israelischen Gesellschaft. «Ihr steht für die Geschichte der vielfältigen israelischen Gesellschaft, die Geschichte der IDF als der Armee des Volkes. Unter euch sind Stadt- und Dorfbewohner, in Israel Geborene und Einwanderer aus sechs Kontinenten, Vertreter aller Religionen und Hintergründe und auch die, die in der Haredi-Gemeinschaft aufgewachsen sind und in der IDF dienen.»

Präsident Isaac Herzog, der mit seiner Frau Michal die Veranstaltung besuchte, betonte, dass die Feierlichkeiten in diesem Jahr mit Trauer und Schmerz gemischt sind. «Dieses Jahr begehen wir einen anderen Unabhängigkeitstag. Wir sind stolz auf unsere Unabhängigkeit, auf das Wunder, das der Staat Israel ist, aber unsere Herzen sind voller Trauer und Schmerz.» und er bekräftigte: «Es gibt kein grösseres Gebot, als die Befreiung von Gefangenen, und wie ich bereits sagte, müssen wir mutig handeln. Wir müssen uns für das Leben entscheiden. Wir werden nicht ruhen oder schweigen. Wir werden nicht ruhen oder schweigen – bis unsere Söhne und Töchter in ihre Heimat zurückkehren.» Er habe gemeinsam mit anderen darüber nachgedacht, die Veranstaltung in diesem Jahr nicht abzuhalten. Die Entscheidung, sie dennoch durchzuführen, sei aber die richtige: «Eure Entschlossenheit, eure Kameradschaft und eure Liebe zum Volk, zur Nation und zum Heimatland sind die Quelle unserer Kraft und Inspiration.»

Demonstrationen gehören zur freien Meinungsäusserung. Stimmt, solange sie innerhalb der Rechtsvorschriften und vor allem gewaltfrei verlaufen. Am Kontrollpunkt Tarqumiya, Judäa, nordwestlich von Hebron, setzten jüdische Extremisten zwei LKWs in Brand, die mit Hilfsgütern beladen unterwegs von Jordanien nach Gaza waren. Zuvor waren die Fahrzeuge geplündert worden. Die Polizei nahm vorübergehend vier Extremisten fest, zog sich dann aber vom Tatort zurück und ermöglichte es so den Extremisten, zu den Fahrzeugen zurückzukehren und sie in Brand zu setzen.

Ein skandalöser Vorfall! Anschliessend beschuldigten sich IDF und Polizei gegenseitig der Fahrlässigkeit. Die Polizei erklärte, die IDF sei verantwortlich, während die IDF die Polizei beschuldigte, weil der gesamte Vorfall auf der israelischen Seite des Kontrollpunktes stattgefunden hat. Ein hochrangiger, anonymer Beamter des Sicherheitsapparates stellte fest, dass «die Polizei ein Auge zudrückt, wenn Gesetzesbrecher randalieren, die Hilfsgüter plündern und verbrennen, nachdem sie Insiderinformationen über die Bewegung der Lastwagen erhalten haben.» Nachdem die Polizei dem rechtsextrem-nationalistischen Polit-HoolinganBen-Gvir unterstellt ist, liegt der Verdacht nahe, dass die Polizei so handelt, um ihm zu Gefallen zu sein. Das ist nicht nur ein schändliches, sondern auch ein gefährliches Verhalten und belegt erneut, dass Ben-Gvir keinerlei Fähigkeit hat, Mitglied einer demokratischen Regierung zu sein.

Im Jabotinsky -Park in Shouni bei Binyamina fand gestern Abend eine ‘alternative Veranstaltung zum Unabhängigkeitstag’ statt. Auf der Bühne standen, ebenso wie bei der offiziellen Feier in Jerusalem, 12 Fackeln. Aber sie brannten bereits, jede einzelne wurde im Laufe der Veranstaltung gelöscht. Die Organisatoren hielten fest, dass eine traditionelle, feierlich-fröhliche ‘Geburtstagsparty’ in diesem Jahr der Trauer keine Berechtigung hat. Insbesondere die ‘Nicht-Regierung’, der es bisher immer noch nicht gelungen ist, die noch immer in Gaza festgehaltenen Geiseln zu befreien, habe keine Legitimität, eine Gedenkfeier zu leiten. Im Amphitheater war keine einzige Israel-Fahne zu sehen, stattdessen hielten die 1.400 Teilnehmer schwarze Schilder hoch, auf denen mit gelben Buchstaben stand «Keine Geiseln, keine Unabhängigkeit». Zu den Rednern gehörten Angehörige von Geiseln, Eltern von Ermordeten und gefallenen Soldaten und aus ihren Häusern evakuierte Personen. Die Veranstaltung stand trotz aller Trauer unter dem hoffnungsvollen Titel «Unsere Hoffnung ist noch nicht verloren», der aus der Nationalhymne, der Hatikva stammt.

Nicht alle Teilnehmer dieser oder ähnlicher Veranstaltungen stimmten darin überein, dass das Anzünden einer Flamme, ein Hoffnungszeichen schlechthin, in diesem Jahr nicht opportun sei. Yaron Dor, dessen Sohn Avinatan, 30, sich immer noch in den Fängen der palästinensischen Hamas-Terroristen befindet, empfindet das Auslöschen von Fackeln als ‘schockierende’ Geste: «Wenn das Anzünden von Fackeln die Erfolge feiert, dann ist das Löschen das Gegenteil. Wir löschen keine Fackeln. Schütten Sie das Kind nicht mit dem Bade aus.» Eine Meinung, der ich mich völlig anschliesse!

Der Hisbollah gelang es heute Vormittag, einen Beobachtungsballon an der Grenze zum Libanon zu zerstören. Infolge eines Treffers mit einer Rakete stürzte er über libanesischem Gebiet ab. Es besteht laut IDF keine Gefahr, sensible Daten auszulesen. Die noch anwesende Bevölkerung von Kiryat Shmona wurde aufgefordert, sich dringend in sichere Schutzräume zu begeben und bis zur Entwarnung dort zu bleiben. Beim fortgesetzten Beschuss durch Panzer-Abwehr-Raketen kam es zu einem direkten Treffer in Adamit nahe der libanesischen Grenze. Alle Mitteilungen über Sachschäden oder Verletzte wurden zurückgehalten.

In Jabaliya kam es in der Nacht auf heute zu den intensivsten Kämpfen seit Januar. Nachdem die IDF am Wochenende nach Jabaliya zurückgekehrt war, gelang es ihnen erst in der Nacht, eine grosse Zahl von neuen Terrorzellen auszuheben und zu neutralisieren. Aufgrund der intensivierten Kampfhandlungen in Jabaliya wurden in einigen Quartieren die Bewohner aufgefordert, sich in sichere Schutzzonen ausserhalb der Stadt zu begeben.

In Nuseirat im zentralen Gazastreifen flog die IAF einen gezielten Angriff auf eine UNWRA Schule. Im Gebäude befand sich eine Kommandozentrale der palästinensischen Hamas Terror-Organisation. Mehr als 15 Terroristen, grossteils zur Hamas gehörend, wurden neutralisiert. Unter ihnen befanden sich auch Terroristen der Nukhba-Truppe, die massgeblich am Massaker vom 7. Oktober beteiligt war. Der Angriff erfolgte aufgrund von Informationen des Shin Bet. «Der Angriff wurde sorgfältig geplant und mit präziser Munition durchgeführt, wobei die Zivilbevölkerung so weit wie möglich geschont wurde.»



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