Haftara: Jeremiah 32:6 – 22
32. und 33. Tag des Omerzählens
ב“ה
16./17. Ijar 5784 24./25. Mai 2024
Shabbateingang in Jerusalem: 18:55
Shabbatausgang in Jerusalem: 20:17
Shabbateingang in Zürich: 20:49
Shabbatausgang in Zürich: 22:06
Shabbateingang in Wien: 20:21
Shabbatausgang in Wien: 21:40

Während langer Wochen haben wir uns intensiv mit den Vorschriften für den Shabbat, die Feiertage und den Opfern, aber auch mit allen Regeln, die nur für die Priester gelten, beschäftigt. Heute lesen wir im Torah-Abschnitt zunächst über den sorgsamen Umgang mit landwirtschaftlich genutztem Boden. Für das Volk Israel, das in weiten Teilen ein Volk der Landwirte und Viehzüchter war, stellte der Boden die Grundlage des Erwerbs dar. Gott verlangt, dass wir, auch heute noch, nach sechs Jahren intensiver Pflanzung und Ernte, dem Boden ein Ruhejahr, man kann es auch Shabbatjahr nennen, gönnen. Heute, wo wir mit Hilfe der Chemie die Böden mit notwendigen Nährstoffen, Mineralien etc. versorgen, wo wir wissen, dass eine ausschliessliche Monokultur den Boden zu einseitig auslaugt, ist die Ruhepause nicht mehr unbedingt nötig.
Aber ganz so, wie auch wir Menschen präventiv etwas Gutes für unseren Körper tun sollen, bevor er krank wird, so tut auch das brach liegen lassen, dem Boden grundsätzlich gut. Doch wovon ernährt sich im ‘Schmitta-Jahr’ der Mensch? Geerntet werden darf nichts, auch nicht das, was ohne unser Zutun wächst. Heute ist das kein Problem, dem Tiefkühler sei Dank, kann man sich einen ansehnlichen Vorrat anlegen. Damals musste man bei nicht-jüdischen Kollegen einkaufen …
Nach sieben mal sieben Jahren findet im 50. Jahr das Jubeljahr statt. Es bringt Freiheit für alle Bewohner des Landes, sozusagen eine Generalamnestie. Noch ausstehende Schulden werden erlassen, israelitische Sklaven werden freigelassen, verpachteter Grund fällt an den Eigentümer zurück.
Wir lesen hier auch erneut, welch grossen Wert Gott auf das soziale Miteinander legte. Der in Not geratene Bruder oder Mitmensch soll am Wohl anderer teilhaben, nötige Darlehen dürfen nicht mit Zins belegt werden. Sollte das aber unumgänglich sein, so darf der Zins nie so ausfallen, dass er zum Wucher gerät. Sklaven aus dem eigenen Stamm dürfen keine Sklavenarbeit verrichten, sondern sollen als einfache Arbeiter gelten und zu Beginn des Jubeljahres freigelassen werden.
Das letzte Schmitta-Jahr endete am 25. September 2022, also nach dem jüdischen Kalender im Jahr 5782. Das nächste beginnt am 21. September 2028.
Die heutige Haftara stammt vom Propheten Jeremias. Jeremias wirkte entsprechend der historischen Zuordnung zu den von ihm genannten Königen etwa zwischen 626 und 585 BCE. Den von ihm prophezeiten Untergang Jerusalems dürfte er nicht mehr selbst erlebt haben. Diesen Untergang hatte er, verbunden mit der dringenden Aufforderung zur Umkehr zu Gott, jahrelang gepredigt. Jerusalem und der Tempel gingen, verursacht durch den babylonischen König Nebukadnezar, im Jahr 586 BCE unter.
Im zweiten Vers des heutigen Torah-Abschnitts werden wir erinnert, dass das Land, auf dem wir leben, das uns von Gott gegebene ist. Gott ist der Eigentümer, wir sind die Besitzer. Gott hat das Nutzungs- und Verfügungsrecht, wir nur das Nutzungsrecht. Nicht umsonst endet der Torah-Abschnitt mit der wiederholten dringenden Aufforderung, den siebten Tag, den wöchentlichen Ruhetag zu halten. Hier erinnert er uns an die Verantwortung, die Gott uns übertragen hat, das uns überlassene Land optimal zu verwalten.
Jeremias, hier im Original Hebräisch Jirmijahu genannt, berichtet, dass Gott ihm den Auftrag gab, ein bestimmtes Stück Land zu kaufen. Um es tatsächlich in sein Eigentum zu übergeben, versieht Gott den Propheten gleichzeitig mit dem Recht, es im Jubeljahr wieder zurückzuerhalten, falls er es verpachtet hätte. Das Land, ein völlig wertloser brachliegender Acker, befand sich damals im Eigentum eines entfernten Neffen.
Der Neffe kam zu ihm und bot ihm das Grundstück zum Kauf an, so wie es Gottes Wille war. Der Kauf wurde mit Brief und Siegel vor Zeugen abgeschlossen, zu einem weitaus überhöhten Preis. Doch Jeremias war gottgläubig und beugte sich seinen Wünschen, ohne sie zu hinterfragen.
Wir können es nur vermuten, dieser Landkauf war vielleicht der erste, der im vom Gott versprochenen Land stattfand. Jeremias, der so oft über den kommenden Untergang Jerusalems geschrieben hat, schaut in diesem Text rückwärts. Er begibt sich gedanklich in die Zeit, in der nach vierzig-jähriger Wanderschaft das Volk Israel endlich in der neuen Heimat ankam.
So kann Vers 32:14 „Nimm diese Briefe, den versiegelten Kaufbrief und diesen offenen Brief, und lege sie in ein irdenes Gefäss, auf dass sie viele Jahre erhalten bleiben“, als ein in die Zukunft gerichteter Vertrag verstanden werden. Das Versprechen Gottes, uns nicht nur das Land „wo Milch und Honig fliessen“ zu schenken, sondern auch als Versprechen, aus magerem Ackerboden ein fruchtbares Land zu machen. Jeremias beendet mit diesem Versprechen in Vers 32:22 seine Worte, die tief zurück in die Vergangenheit und weit voraus in die Zukunft reichen.
Es ist nicht der Garten Eden, den Gott uns ursprünglich zugedacht hatte (1.Moses, 2:15ff) in dem wir uns heute befinden. Schon damals hatte er uns die Verpflichtung auferlegt, das Land zu bebauen und mit Sorgfalt zu behandeln. Wir haben diese Pflicht nicht erfüllt und wurden aus dem Paradies vertrieben.
Mit der Vertreibung kam die Verantwortung. Die Verantwortung, die Erde nicht auszubeuten, sondern alles zu tun, um sie lange von Generation zu Generation weitergeben zu können. Zum Nutzen aller, die nach uns kommen. Eine alte indianische Weisheit sagt: „Wir haben die Erde nicht von den Eltern geschenkt bekommen, sondern wir haben sie nur von unseren Kindern geliehen.“
Ein schöner Gedanke, der uns dabei helfen kann, vieles kritisch zu hinterfragen, was wir als selbstverständlich gedankenlos hinnehmen. Bewusst und vorsichtig mit den Ressourcen umgehen und keinen Raubbau zu betreiben, um immer mehr Luxus anzuhäufen.
Vielleicht auch, um wieder ein bisschen bescheidener und demütiger zu werden vor diesem grossartigen Geschenk, das Gott uns gegeben hat.
Shabbat Shalom!
Kategorien:Politik
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