Wajikra, Bechukotai, 26:3 – 27:34

Haftara: Jirmeyahu 16:19 – 17:14

Tag 39 und 40 des Omerzählens

ב“ה

23./24. Ijjar 5784                                                        31. Mai/1. Juni  2024 

Shabbateingang in Jerusalem:                                                          19:00

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                         20:22

Shabbateingang in Zürich:                                                                  20:56

Shabbatausgang in Zürich:                                                                 22:15

Shabbateingang in Wien:                                                                    20:28

Shabbatausgang in Wien:                                                                   21:49

In der vergangenen Woche haben wir im Torah-Abschnitt gelesen, dass Gott uns besonders belohnen wird, wenn wir uns an seine Vorschriften halten. Wir haben vom Schmitta-Jahr und vom Jubel-Jahr gelesen. Damit wurde uns die besondere Bedeutung der Hege und Pflege des Landes, das uns Gott geliehen hat, bewusst gemacht.

Der Torah-Abschnitt dieser Woche beginnt mit den Worten «wenn ihr meinen Gesetzen folgen und wenn ihr sie einhalten werdet …» Es ist dies wieder einer der uns wohlbekannten Kausalsätze, wie wir sie schon oft gelesen haben. Es heisst ‘wenn’ und nicht ‘falls’. Erst wenn wir aktiv geworden sind und unseren Beitrag zum Bund mit Gott geleistet haben, erst dann gibt Gott uns die Belohnung bekannt. In diesem Fall ist fast so etwas wie ein erneutes Paradies.

Leider hat es bei uns nicht funktioniert mit dem Einhalten unserer Versprechen an Gott. In Vers 26.6 verspricht uns Gott, dass ewiger Frieden sein wird, keinerlei Gefahr wird uns drohen. Weder von Menschen noch von Tieren. Gott selbst wird sie allesamt abwehren.

Unsere aktuelle Welt ähnelt mehr und mehr der negativen Utopie, die Aldous Huxley 1931 veröffentlichte. Das haben wir uns selbst zuzuschreiben. Unser Drang, alles immer schneller, besser, schöner, effizienter zu gestalten, hat uns den Blick auf das Wesentliche verstellt. Auf die Beziehung zueinander und auf die Beziehung zu Gott.

Doch es scheint, als sei Gott gewillt, den Reset-Knopf zu drücken und uns alle bisherigen Sünden zu verzeihen.

Aber Gott kennt uns, er weiss, dass er uns klipp und klar sagen muss, was geschieht, wenn wir nicht an seine Vorschriften halten. In Vers 26:14 steht «Wenn ihr nicht alle meine Gebote ausführen werdet.» Alle? Meint Gott wirklich alle? Jedes Einzelne? Das, so werden viele Menschen sagen, ist doch unmöglich! Die Liste der Strafen ist lang, zwischen Vers 26:16 und 26:38 steht detailliert, womit wir jeweils rechnen müssen. Am Ende steht der Untergang des Volkes Israel. Die Strafen sind so drastisch, dass diese Textstelle in den Synagogen oftmals nur sehr leise und sehr schnell gelesen wird. Siebenfach wird er uns strafen. Sieben, die Zahl der Vollendung.

Wer das alles überlebt, umkehrt und sich Gott wieder zuwendet, der wird erneut von ihm angenommen werden. Die Menschen müssen sühnen für alles, was sie selbst gefehlt haben, aber auch für die Sünden ihrer Väter. Gott wird immer an sie denken und sie schützen, wie es am Ende des ersten Kapitels steht: «Ich Gott bleibe ihr Gott, ich gedenke des Bundes mit denen, die ich aus Ägypten geführt habe vor den Augen anderer Völker.»

Gott gibt uns die Chance, hoffen zu dürfen, dass er uns nicht auf Dauer straft. Wenn wir uns intensiv bemühen, wird er zu unseren Gunsten entscheiden. Betrachten wir die Worte des heutigen Wochenabschnittes so, dann dürfen wir weiter auf die Güte und Gnade Gottes hoffen.

Die heutige Haftara stammt wiederum aus der Feder des Propheten Jirmeyahu

Schon der erste Vers stellt eindeutig die Verbindung zum heutigen Torah-Abschnitt her. Am Ende der Tage oder in Tagen der höchsten Not werden «die Völker von den Enden der Erde zu dir kommen und sprechen….»

Jirmeyahu hat miterlebt, wie sich die Zeichen für den kommenden Untergang Jerusalems und des Tempels häuften. Doch die Worte, die er für uns aufschreibt, sind keine klagenden. Im Gegenteil, er erhebt sich über die trübe Gegenwart in die visionäre Zukunft.

Die Menschen erkennen, dass das, was ihnen von den Vätern tradiert wurde, ‘Nichtiges und Unbedeutendes’ war. Sie erkennen aber auch, dass das nicht der Fehler ihrer Väter war, sondern auf den Lügen basierte, die deren Väter ihnen bereits vererbt hatten.

Wir wissen heute aus vielen Bereichen, dass eine Lüge nie zur Wahrheit wird, auch wenn man sie immer wieder zitiert.

Propaganda, fake News und gezielte Fehlinformationen sorgen dafür, dass unser Gehirn beginnt, irgendwann auf die immer vertrauter werdenden Aussagen zu reagieren. Sind wir zunächst auch vielleicht davon überzeugt, dass a ≠ b ist, so taucht irgendwann doch der Gedanke auf, dass an dieser für uns offensichtlichen Fehlinformation etwas sein könnte. Der Gedanke wird vertraut, aber nicht wahr.

In unserer mehr 3.000 Jahre alten Geschichte haben wir immer wieder gehört, dass Götzen nach wie vor angebetet wurden, auch als wir schon lange einen Vertrag mit Gott hatten.

Terach, der Vater Abrahams, verkaufte Götzenfiguren, die von Abraham eines Tages zerschlagen wurden. Jitro, der Vater Zipporas, und Schwiegervater Moses, war ein Priester der Midianiter, die ebenfalls einen Götzen in ihrem Kult verehrten. Und dann war da noch die Geschichte mit dem goldenen Kalb. Bei der kleinsten Frustration glaubten die Israeliten wieder, dass ihnen dieses Kalb allen Frust, alle Ängste, alle Plagen abnehmen könne.

Heute sind es zumeist virtuelle Götzen, denen wir huldigen. Unsere Nachfolge-Generationen müssen sich dann auch eingestehen, dass das, was wir ihnen vererbt haben, ‚Nichtiges und Unbedeutendes‘ war. In Vers 17:5 lesen wir: „Fluch lastet auf dem Mann, der auf den Menschen vertraut (…) und dessen Herz von Gott sich entfernt.“ Und zwei Verse später „Gesegnet aber ist der Mann, der auf Gott vertraut und dem Gott der Quell seiner Zuversicht bleibt.“

Wenn wir uns der prophetischen Wahrnehmung und Zukunftsvision des Jeremias anschliessen, dann müssen wir uns von unseren Götzen verabschieden. Den Blick wieder schärfen für das, was jeder Prüfung standhält. Im Zweifelsfall zurückgehen bis zu den Quellen.

Das kann durchaus auch eine spannende Reise zu sich selbst werden.

Shabbat Shalom!



Kategorien:Religion

Schlagwörter:

Hinterlasse einen Kommentar