4. Siwan 5784

Nicht nur Benny Gantz trat gestern Abend aus dem Kriegskabinett aus, sondern auch sein Parteikollege Gadi Eisenkot, der keinen Ministerposten hatte, sondern als Beobachter im Kabinett sass. Mit dem Austritt der beiden oppositionellen Politiker ist das Kriegskabinett Geschichte. Eisenkot begründete seinen Rückzug mit klaren Worten an Netanyahu: «Trotz der Bemühungen vieler, neben denen meines Kollegen, wurde das von Ihnen geleitete Kabinett lange Zeit daran gehindert, massgebliche Entscheidungen zu treffen, die notwendig waren, um die Kriegsziele zu verwirklichen und Israels strategische Position zu verbessern. Äussere Erwägungen und Politik haben sich in die Diskussionen eingeschlichen. Deshalb ist es an der Zeit, dass wir die Regierung verlassen.»
Benny Gantz fand ausführlichere Worte, insbesondere für VM Yoav Gallant. «Yoav, wir kennen uns schon seit vielen Jahren. (…) Ich habe dich immer respektiert und geschätzt. In diesem Krieg habe ich dich noch mehr zu schätzen gelernt. Du bist ein mutiger und entschlossener Führer und vor allem ein Patriot. In dieser Zeit bedeuten Führung und Mut nicht nur zu sagen, was richtig ist, sondern auch zu tun, was richtig ist.»
Gantz entschuldigte sich bei den Familien der Geiseln, die sich immer noch in Gaza befinden, während der Geiselhaft ermordet wurden oder verstorben sind. «Wir haben viel getan, aber wir haben versagt, wenn es um Ergebnisse ging. Wir haben es nicht geschafft, viele von ihnen wieder nach Hause zu bringen. Die Verantwortung liegt auch bei mir.»
Er versicherte, dass er auch von der Oppositionsbank aus jeden vernünftigen Plan zur Geiselbefreiung unterstützen wird.
Auf die Frage eines Reporters, ob sein Rücktritt nicht nur den Einfluss der Rechtsextremen in der Koalition stärken werde, antwortet Gantz nicht direkt, sondern sagte: «Ich fürchte um den Staat Israel. Wir wissen, dass die Kämpfe noch lange andauern werden… viele Jahre. Wir müssen also die richtigen Prioritäten setzen, die richtigen Kampffronten, die richtigen militärischen Kampagnen und die richtige Einheit.»
Abschliessend sprach er sich nochmals für die schnelle Durchführung von Neuwahlen aus.
Einen Satz aus seinem Statement würde ich ausser ihm nur noch einem der derzeitigen Koalitionspolitiker, Yoav Gallant, glauben: «Ich verspreche Ihnen eines: Ich bin bereit, für Ihre Kinder zu sterben.»
Benny, danke und jischar koach!
Oppositionsführer Yair Lapid gratulierte den beiden Politikern zu ihrem vollzogenen Austritt aus dem Kriegskabinett. »Es ist an der Zeit, diese Regierung, die extremistisch ist und noch dazu versagt hat, durch eine Regierung abzulösen, die die Sicherheit für alle Israelis wieder sicherstellt. Die die Geiseln heimholt, die Wirtschaft wieder aufbaut und das internationale Ansehen wieder herstellt.»

Wie bereits gestern berichtet, verlor der rechtsextrem-nationalistische Ben-Gvir keine Zeit, sich bei Netanyahu als Neubesetzung im Kriegskabinett zu empfehlen. In seinem Selbstempfehlungs-Schreiben beklagte er, dass «das Kabinett bisher nur aus Ministern bestand, die der vom Militär akzeptierten, konzeptionellen Weisheit folgten, während der Rest ignoriert und ausgegrenzt wurde. Es ist an der Zeit, Minister hinzuzuziehen, die in Echtzeit vor dem Konzept und dem Standpunkt gewarnt haben, den heute jeder als falsch anerkennt.» Woher er diese Weisheit nimmt, blieb im Dunklen. Immerhin, an Selbstbewusstsein fehlt es dem politischen Rabauken nicht: «Es ist an der Zeit, eine entschiedene und mutige Entscheidung zu treffen.» Die dann unweigerlich Israel in den Abgrund reissen wird. Ben-Gvir betonte noch: «Es ist an der Zeit, die humanitären Aktionen für Gaza zu überdenken.» Klar, um damit Israel weltweit endgültig zu diskreditieren!
Mittlerweile wurde als gesichert festgestellt, dass die drei männlichen Geiseln in der Privatwohnung von Abdallah Aljamal, einem Hamas-Terroristen und Journalisten festgehalten wurden. Ein weiterer Beweis, dass die palästinensische Terror-Organisation Zivilisten als menschliche Schutzschilde missbraucht. De UNO will es immer noch nicht zur Kenntnis nehmen! Bei der Befreiungsaktion wurden sowohl er als auch seine Eltern getötet. Während diesem Schusswechsel erlitt auch Arnon Zmora, s’’l, die Verletzungen, denen er noch vorgestern erlag.

Der Kommandant der Gaza Division, Brigade General Avi Rosenfeld, trat gestern mit sofortiger Wirkung von seinem Posten zurück. «Ich habe in der wichtigsten Aufgabe meines Lebens versagt, als es mir nicht gelang, die Grenze zu Gaza zu schützen. Ich verspreche, meiner Aufgabe bis zu meiner Ablösung in verantwortungsbewusster Form nachzukommen.»

Sami Abu Zuhri, hochrangiger Sprecher der palästinensischen Terror-Organisation Hamas fordert US-Aussenminister Antony Blinken auf, Druck auf Israel auszuüben, um den Krieg zu beenden. «Wir fordern die US-Regierung auf, Druck auf die Besatzungsmacht auszuüben, damit sie den Krieg gegen den Gazastreifen beendet. Die Hamas-Bewegung ist bereit, jeder Initiative, die ein Ende des Krieges sicherstellt, positiv gegenüberzustehen.» Abgesehen davon, dass in dieser Sache von der Hamas noch nie eine zuverlässige Aussage zu hören war und sie ausgesprochen gut im Erfinden und Verbreiten von Lügen ist, klingt es diesmal doch danach, als würde sich ein winzig kleiner Hoffnungsschimmer am Horizont zeigen.
Gesundheits- und Innenminister Moshe Arbel, Shas, hat sich bei einem Interview zum Thema: ‘Einberufungspflicht für Haredim’ geäussert: «Eine schwarze [nur von ultra-orthodoxen Juden getragene] Kippa ist kein Grund, von der Wehrpflicht befreit zu werden.» Heute am späten Abend wird in der Knesset über ein Gesetz abgestimmt, das festlegt, ob Haredim automatisch vom Wehrdienst befreit werden sollen oder nicht. Die automatische Befreiung ist seit einigen Monaten nicht mehr gültig. Während die IDF darauf plädiert, auf Grund des Krieges mehr Soldaten zu brauchen, hat die Partei United Torah Judaism und ihr Oberrabbiner, Yitzhak Josef, angedroht, das Land zu verlassen, falls die jungen Haredim zum Wehrdienst einberufen werden. Die Frage ist, werden sie in Israel fehlen?


Die humanitären Lieferungen über den temporären Landungssteg vor Gaza wurden erneut aus Sicherheitsbedenken eingestellt. Das teilte das ‘UN-World-Food-Program’ gestern mit. Während der heftigen Kämpfe vom Wochenende gerieten mehrere Lager des Hilfswerkes unter Raketenbeschuss und es gab Verletzte bei den Mitarbeitern. Die USA haben die Lieferungen von humanitären Hilfsgütern und Lebensmitteln via Luftabwurf indessen wieder aufgenommen. Gestern wurden 22 Paletten, das entspricht 3.96 Tonnen abgeworfen, das entspricht pro Tonne Tausenden von Fertigmahlzeiten.
Die IDF teilte mit, dass während der letzten Stunden bei Luftangriffen im Zentrum des Gazastreifens mehrere Hamas-Terroristen neutralisiert wurden. Darunter waren auch solche, die an den Massakern vom 7. Oktober aktiv beteiligt waren. Gleichzeitig wurden auch einige Tunneleingänge in der Region von Deir al-Balah gesprengt.


Die jemenitische Terror-Gruppe der Houthis hat zwei weitere Frachter im Golf von Aden durch Raketenbeschuss beschädigt. Es handelt sich dabei um die ‘Tavvishi’, einen im Besitz der Schweizer MSC-Gruppe befindlichen und unter liberianischer Flagge segelnden Containerfrachter und um die ‘Norderney’ der deutschen Reederei Lauterjung, die unter der Flagge von Antigua & Barbuda segelt. Beide Schiffe wurden von Raketen getroffen und beschädigt, Menschen kamen nicht zu Schaden. Die Schiffe konnten ihre Fahrt fortsetzen.
Eine von der Hisbollah abgeschossene gelenkte Panzer-Abwehr-Rakete ist in ein Haus im Grenzort Yir’on eingeschlagen und hat dort erheblichen Sachschaden angerichtet. Das entstandene Feuer konnte von der lokalen Feuerwehr gelöscht werden. Die Hisbollah übernahm die Verantwortung, behauptete jedoch fälschlicherweise, dass sie eine Militärbasis angegriffen hat. Nur, dass sich dort weit und breit keine solche befindet… Auch ein Gebäude im Kibbutz Menara fing durch einen direkten Treffer Feuer.
In der New York Times wurde gestern ein Bericht veröffentlicht, der einige Fragen im Zusammenhang mit Informationen zum Aufenthalt von Geiseln beantwortet. Unmittelbar nach dem 7. Oktober haben sich israelische und US-amerikanische Geheimdienst- und Militäranalysten zusammengetan. Sie tauschen regelmässig sämtliche Informationen von Drohnen- und Satellitenbildern aus, dazu alle ihnen zugespielten oder von ihnen abgefangenen Informationen, die Hinweise auf den aktuellen Aufenthaltsort der Geiseln geben. Diese werden regelmässig innerhalb Gazas verschoben. Die Bedeutung der Geiseln ist enorm. Für die Hamas sind sie ein menschliches ‘Verhandlungsinstrument’, für Israel der Grund, alles zu tun, um sie heimzuholen. Längst nicht alle Geiseln können aufgespürt werden, In vielen Fällen ist eine Rettung derzeit unmöglich. Viele der Geiseln, sofern sie noch leben, werden möglicherweise nach der Rettungsoperation vom Samstag in das Tunnelsystem verlegt. Von den offiziell 251 verschleppten Geiseln wurden 105 im November freigelassen, von den übrigen 146 sind offiziell 43 für tot erklärt worden, drei wurden bei einer Befreiungsaktion irrtümlich erschossen, vier wurden am Wochenende befreit. Die IDF geht davon aus, dass weniger als 60 der Geiseln noch leben. Die Hamas hat einen einen Dauerbefehl ausgegeben, dass jene Geiseln in dem Moment, in dem eine Rettungsaktion bekannt wird, ermordet werden.





Die USA gehen davon aus, dass sich derzeit noch fünf US-amerikanische Bürger in Gaza in Geiselhaft befinden: Edan Alexander, Sagui Dekel-Chen, Hersh Goldberg-Polin, Omer Neutra and Keith Siegel. Die sterblichen Überreste von drei weiteren, am 7. Oktober ermordeten US-Amerikanern werden im Gazastreifen zurückbehalten. Unbestätigte Quellen vermuten, dass die Administration von US-Präsident versuchen wird, einen von Israel unabhängigen Deal mit der Hamas auszuhandeln und abzuklären, was man der palästinensischen Terror-Organisation im Gegenzug anbieten könne. Diese Vereinbarung würde sich ausschliesslich auf die Freilassung der oben genannten US-amerikanischen Bürger beziehen.





Die gute Nachricht: Mia Regev, 21, die am 7. Oktober vom Musik-Festival in Re’im in den Gazastreifen verschleppt worden war, gehörte zu den Geiseln, die im November freigelassen wurden.
Durch eine Schussverletzung war ihr rechter Fuss schwer verletzt. Er wurde in Gaza in einer unsachgemäss durchgeführten Operation wieder fixiert, stand aber in einem völlig falschen, unnatürlichen Winkel ab.
Unmittelbar nach ihrer Freilassung wurde der Fehler in Israel korrigiert. Monatelang musste sie eine Beinschiene tragen. Heute wurde sie nach langen Monaten endlich nach Hause entlassen.
In einer fröhlichen Zeremonie, an der neben den Mitarbeitern des Spitals selbstverständlich auch ihre Familie und Freunde teilnahmen, wurde das Identifikations-Armband des Spitals aufgeschnitten.
Am 5. März, sprach sie bei einer Sondersitzung in der Knesset anlässlich des Welt-Frauentages. Sie erzählte ihre traumatischen Erlebnisse während ihrer Geiselhaft. «Die Frauen, die sich jetzt noch in Gaza befinden, sind vielleicht die stärksten, die man sich vorstellen kann. Sie durchleiden bis heute 151 Tage andauernder und nie endender Albträume. Ihre Befreiung muss bei jedem ganz oben auf der Prioritätenliste stehen.» Im April, kurz vor Beginn der Pessach- Pause in der Knesset sprach sie anlässlich einer Dringlichkeitssitzung des Ausschusses für Frauenrechte. Mia und andere im November freigelassene Geiseln, männliche und weibliche (!), berichteten über die Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt, die sie in Gaza erleiden mussten. «Ich hatte Glück und wurde nach 50 Tagen befreit. Ich kann damit umgehen. Aber ich möchte nicht darüber nachdenken, wie es jenen geht, die immer noch in dieser Hölle leben. Sie warten darauf, täglich, stündlich, minütlich, dass jemand kommt und sie rettet. Sie verlassen sich auf euch, die Regierung!»
Ich wünsche Mia, dass sie von heute an langsam wieder in die ‘normale Welt’ eintauchen kann, dort ihren Platz findet mit der liebevollen Unterstützung ihrer Familie und ihrer Freunde! Kol HaKavod, Mia!
Kategorien:Israel
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