Haftara: Richter 13:2 – 25
ב“ה
8./9. Siwan 5784 14./15. Juni 2024
Shabbateingang in Jerusalem: 19:06
Shabbatausgang in Jerusalem: 20:29
Shabbateingang in Zürich: 21:06
Shabbatausgang in Zürich: 22:27
Shabbateingang in Wien: 20:38
Shabbatausgang in Wien: 22:01

Der Torah-Abschnitt dieser Woche lehrt uns den ältesten Segensspruch in der ganzen Thora, Nasso 6:24-26, den jeder kennt und der, wie so vieles aus unserer uralten Religion, in die christliche Liturgie übernommen wurde.
Gott segne und behüte dich
Gott erleuchte dir sein Angesicht und begnade dich
Gott wende dir sein Angesicht zu und gebe dir Frieden!
(Übersetzung aus Hirsch, Die fünf Bücher der Tora, die Sprache ist leicht angepasst)
Gott hat Aaron aufgetragen, mit diesen Worten, die als Priestersegen bekannt wurden, das Volk Israel zu segnen. Wie alles, was Gott Aaron auftrug, stand auch dieser Segen im Zusammenhang mit den Tempelopfern.
Heute gibt es keinen Tempel und deshalb auch keine Tempelopfer mehr. Die ehemals so wichtige Rolle der Priester hat aufgehört zu existieren. Aber in ihrer Besonderheit erfüllen sie auch heute noch die Verpflichtung, das Volk Israel während der Gottesdienste, die an die Stelle der Tempelarbeit getreten sind, zu segnen.
Besonders beeindruckend ist der Priestersegen an der Kotel, der in jedem Jahr an Pessach und Sukkot durchgeführt wird. Hunderte Kohanim, Nachfahren der Kohanim und der Leviten versammeln sich dort, um sich des Tempeldienstes, der ihre Aufgabe war, an den Ort zu erinnern, an dem er bis zum Jahr 70 CE stattfand.
Es ist immer wieder eine Frage der Gelehrten, ob der Priestersegen Teil des Tempelkults oder Teil der Opferhandlungen war. Als Teil des Tempelkults wäre er heute obsolet, nachdem es den Tempel seit dem Jahr 70 CE nicht mehr gibt. Die Erklärung finden wir im 3. Buch Moses 9:22 «Aaron öffnete seine Hände zum Volk und segnete sie. Nachdem er so das Sündenopfer, das Ganzopfer und die Friedensopfer dargebracht hatte, stieg er hinab.» Das Opfer ist also bereits vollbracht, als Aaron die Israeliten im Namen und stellvertretend für Gottes segnen darf und sie dem Schutz und dem Frieden Gottes anvertraut. Eine wunderschöne Vorstellung.
Das Buch der Richter, aus dem die heutige Haftara stammt, gehört ebenfalls zu den Büchern der Propheten. Geschrieben wurde dieses relativ kleine Buch zu einer Zeit, als Richter das Land der Israeliten regierten und endet mit dem Beginn der Zeit der Könige. Das vierte Kapitel befasst sich mit der Richterin Dvora, das letzte und 14. Kapitel mit Shimshon, dem Nasiräer. Wir lesen heute das 13. Kapitel, das Avdon, dem 10. Richter zugeordnet wird und der aus dem Stamm Efraim stammt.
Richter, die Übersetzung des hebräischen Shoftim haben nicht nur ausschliessliche juristische, sondern auch politisch-militärische Aufgaben zu erfüllen.
Die heutige Haftara bezieht sich inhaltlich auf das dritte Kapitel des heutigen Torah-Abschnittes, der sich unmittelbar vor dem Priestersegen mit den Nasiräer Gelübde befasst.
Als Nasiräer wurden Menschen bezeichnet, die Gott gegenüber einen freiwilligen Eid geschworen haben. Die drei Bestandteile des Eides sind:
- Völliger Verzicht auf alkoholische Getränke
- Das Fernbleiben von jeder Leiche und jedem Grab
- Das Verbot, die Haare zu schneiden und den Bart zu stutzen.
Der Eid konnte ursprünglich für einen genau definierten Zeitraum oder später auch für das ganze weitere Leben geleistet werden.
Die Zeit, die Israel unter dem Richter Avdon durchlebt, ist für das Land eine dunkle. Die Israeliten haben sich wieder einmal von Gott abgewendet und beten den Götzen Ba’al an. Umliegende Völker greifen immer wieder an und wollen das Volk vernichten oder zumindest vertreiben. Besonders aggressiv gehen die Philister vor.
Und wie immer, wenn das Volk in grosser Not ist, wendet es sich an Gott und fleht ihn um Hilfe an.
Und wie immer, wenn Gott hört, dass sein Volk nach ihm ruft, fasst er einen Plan. Er sendet einen Engel, um der Frau von Manoach, aus dem Stamm Dan, die als unfruchtbar galt, zu prophezeien, dass sie einen Sohn haben werde. Dieser Sohn soll schon vor der Geburt durch den Verzicht der Mutter auf alkoholische Getränke und alles Unreine zum Nasiräer werden. Der Engel verlangte auch, dass das Kopfhaar des Knaben nicht geschoren werden darf. Nur so, so der Engel, sei sichergestellt, dass der Knabe vom ersten bis zum letzten Atemzug in einer besonderen Beziehung zu Gott stehen werde.
Tatsächlich wurde dem Ehepaar ein Sohn geboren, den sie Shimshon nannten und dessen Kraft so lange ungebrochen war und ihn unbesiegbar machte, wie er sein Haupthaar ungeschoren liess.
Ein schönes Beispiel, wie wenig es für jeden Einzelnen braucht, um etwas für andere, bestenfalls für sein Volk zu tun. Ein wenig Disziplin, ein wenig Verzicht und die Überzeugung, dass das, was wir tun, zielführend ist.
Manchmal braucht es nicht viel, um sich aus der bedrängenden Not befreien zu können. Manchmal braucht es nur Eigeninitiative und guten Willen. Und das Urvertrauen, das wir bestenfalls von unserer Mutter als grosses Geschenk erhalten haben.
Der ehemalige US-Präsident J.F. Kennedy formulierte es in seiner ersten Rede im Amt so: «Frage nicht, was dein Land für dich tun kann – frage, was du für dein Land tun kannst.»
Shabbat Shalom!
Kategorien:Religion
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