BaMidbar, Behaalotecha 8:1 – 12:16

Haftara: Sacharja 2:14 – 4.7

ב“ה

15./16. Siwan 5784                                                          21./22. Juni 2024 

Shabbateingang in Jerusalem:                                                         19:08

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                        20:30

Shabbateingang in Zürich:                                                                 21:08

Shabbatausgang in Zürich:                                                                22:29

Shabbateingang in Wien:                                                                   20:41

Shabbatausgang in Wien:                                                                  22:03

In diesem Abschnitt der Torah machen wir uns mit dem Volk Israel aus dem Sinai auf und beginnen endlich, den langen Weg nach Norden zu ziehen. Es ist der zwanzigste Tag im zweiten Monat des zweiten Jahres, seit wir durch das Schilfmeer hindurch aus der Gefangenschaft in Ägypten geflohen sind.

Unsere Tage werden bestimmt durch die Wolke Gottes, die mit dem Volk zieht und die die Dauer der Etappen bestimmt. Bewegt sie sich, so wandert das Volk, lässt sie sich an einem Platz nieder, so wissen die Menschen, dass es Zeit ist, das Lager aufzustellen. Während des Tages spendete die Wolke über dem Lager Schatten, in der Nacht wurde sich durch einen inneren Feuerschein erhellt.

Jeder begab sich an den für ihn vorgesehenen Platz, um zu ruhen. In unserer oft hektischen Zeit wäre so eine Regelung, an der man sich orientiert, ohne sie zu hinterfragen, manchmal hilfreich.

Interessant ist es, dass wir in diesem Torah-Abschnitt erneut einen ganz praktischen Hinweis finden. Die Leviten, die den Dienst im Offenbarungszelt leisten, sind ab dem 50. Jahr davon befreit. Danach können sie, wenn sie wollen, Hilfsdienste leisten, haben aber keine besondere Funktion mehr. Erinnert uns das an die derzeit in Israel hochemotional geführte Diskussion, ob das Alter der Dienstpflicht für die Reservisten hinaufgesetzt werden soll? Wir lesen hier nicht von 26 oder 21 Jahren, sondern von 50 Jahren!

Zuvor hatte Gott ein neues Kommunikationsmedium eingerichtet, das von den Männern des Stammes Levi betätigt werden sollte. Eine Posaune, welche mit verschiedenen Signaltönen Gottes Befehle an die Menschen weitergab. Wir haben uns bereits vorgestellt, wie lang und breit der Zug der Menschen gewesen sein muss. Vielleicht konnten nicht alle jederzeit die Wolke sehen, aber die lauten Töne der Posaunen schallten so weit, dass auch die letzten Menschen sie hören konnten. Welch genialer Schachzug, denn so konnte niemand behaupten, er habe die Botschaft nicht empfangen.

Noch immer lebte das Volk vom Manna, das Gott jeden Tag vom Himmel zu ihnen schickte. Sie aber sehnten sich nach Fischen und Fleisch, Nahrung, die sie in Ägypten jeden Tag genossen hatten. Das Manna schmeckte nach Koriandersamen und hatte die Konsistenz von Bdelliumharz. Das Volk klagte so lange und beschwert sich bei Moses, dass dieser sogar des Lebens überdrüssig wurde und Gott bat, ihn sterben zu lassen. „Ich kann dieses ganze Volk nicht allein tragen, es ist mir zu schwer.“

Gott hat sofort eine Lösung; er will etwas von der auf den Schultern von Moses liegenden drückenden Last auf das Volk verteilen. Er will sie also in die Pflicht nehmen, damit zu beginnen, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Das Volk Israel, welches er schon aus der Knechtschaft befreit und zu freien Menschen hat werden lassen, soll nun auch damit beginnen, sich aus seiner väterlich-umfassenden Anleitung zu befreien. „Ich nehme etwas von dem Geist, der auf dir ruht, und lege ihn auf sie [die 70 Ältesten aller 12 Stämme]. So können sie mit dir zusammen an der Last des Volkes tragen und du musst sie nicht mehr allein tragen.“ Gott verspricht, dem Volk so lange Fleisch zu geben, bis es sich davor ekelt. Dass Moses sich das nicht vorstellen kann, ist verständlich! Gott schickte Wachteln in unglaublicher Zahl, so viele dass man sie um das Lager herum zum Dörren auslegen konnte.

Doch, oje, der erste selbstbestimmte Versuch, sich kritisch zu äussern, ging ziemlich daneben… Ältere Geschwister, vor allem ältere Schwestern, neigen gerne dazu, die Jüngeren, vor allem jüngere Brüder zu bemuttern oder gar, vor allem in späteren Jahren, anstelle der oftmals vorverstorbenen Mutter zu bevormunden. Mirijam überzeugt hier sogar Aaron, sich an der heftigen Kritik zu beteiligen. Mirijam hatte sich einiges Recht für eine Kritik erworben. War sie es doch immerhin gewesen, die Moses aus dem Nil gerettet hatte.

Was aber war das Ziel der Kritik? Moses hatte sich, so lesen wir in Num 12:1 nach Zippora eine zweite Frau genommen. Eine, wie es steht Kuschit. Wir wissen aber gar nicht sicher, ob es sich tatsächlich um eine zweite Frau handelte, was die Frage aufwirft, was mit seiner ersten Frau Zippora, einer dunkelhäutigen Midianiterin geworden war. Oder ob die Rede von Zippora selbst ist. Kann es denn sein, dass Mirijam und Aaron tatsächliche rassistische Charaktereigenschaften zeigten? Aaron, den Gott zu Priester und damit zum Verwalter des Mischkan gewählt hatte und Mirijam, die als erste Frau in der Thora als Prophetin bezeichnet wird?

Die Kritik währt nur kurz, tatsächlich scheint es sich um einen Anfall von Neid zu handeln, weil die beiden es als ungerecht empfinden, dass Gott, wie es scheint, immer nur mit Moses spricht und sich nie an sie wendet. Gott wird zornig und wendet sich ab.

Er bestraft Mirijam mit einem schneeweissen Aussatz – krasser könnte der Gegensatz zwischen der kritisierten dunklen Frau und der nun mit weissem Aussatz geschlagenen Schwester nicht sein.

Wie gross die Liebe von Moses für seine Geschwister ist, wird klar, als er sich für beide bei Gott einsetzt. „Ach heile sie doch!“ ruft er in Num 12:13. Gott war wiederum gnädig, Mirijam wurde nur für eine Woche aus dem Lager ausgesperrt, erst dann war sie geheilt.

Dieser Wochenabschnitt ist ein Lehrstück dafür, wie schnell wir rücksichtslos mit der Würde und Einzigartigkeit unserer Mitmenschen umgehen, wie schnell wir Kritik üben und verurteilen. Ohne zu erforschen, welche Gründe ein Mensch für sein Handeln hat. Nicht umsonst wird in Israel ‚Laschon hara‘, die üble Nachrede bestraft. Rabbi Jisrael Meir Kagan verfasste Ende des 19. Jahrhunderts ein Standardwerk zum Thema, worin er schreibt: „Es ist verboten, schlecht über jemanden zu sprechen, selbst wenn die Aussagen korrekt sind. Man soll nichts, was man über jemanden gehört hat, weitererzählen. Man soll nicht anderen zuhören, die sich negativ über einen Dritten äussern. Hört man doch etwas, darf man es nicht glauben. Auch ist es verboten, Geschichten anonym zu erzählen, wenn es für den Hörer möglich ist, darauf zu kommen, von wem die Rede ist.“

Die heutige Haftara stammt vom Propheten Sacharja. Seine Werke entstanden um 520 BCE. Er wird zu den ‚Kleinen Propheten‘ gerechnet. Er stammt aus einer Priesterfamilie und war daher wahrscheinlich selbst Priester. Die Kapitel, die wir heute lesen, stammen aus dem ‚Visionszyklus‘.

Die ersten Verse reflektieren die Vision eines befreiten und wieder besiedelten Zions, also Jerusalems. Sie sind gerichtet in eine noch weit voraus liegende Zukunft. Gott verspricht, dass er, so wie er bei der Wüstenwanderung unter ihnen gewohnt hat, auch dann wieder unter ihnen wohnen wird. In Vers 2:16 heisst es: „Gott nimmt Jehuda, in Besitz auf dem Boden des Heiligtums. Hierfür wählt er auf ewig Jerusalem.“  Jehuda steht hier natürlich für das gesamte Volk Israel.

Sacharja hat eine Vision: Er sieht Jehoshua, den Hohepriester, der gemeinsam mit Serubawel den zweiten Tempel aufbauen soll. Ein Mann Gottes und ein Baumeister, ein gutes Team. Jehoshua stand vor einem Engel, als wolle der verhindern, dass ‚der Hinderer‘, oftmals als Satan identifiziert, Macht über Jehoshua gewinnen könnte. Diese Textstelle ist die Wiedergabe eines göttlichen Gerichts. Denn was auch immer Satan dem Jehoshua vorwerfen will, es fehlt an Wahrheit. Gott scheucht Satan hinfort und Jehoshua wird einer Reinigungszeremonie unterzogen und neu eingekleidet.

Danach verspricht Gott, mit einem Federstrich das Volk zu entsühnen und alle Schuld zu tilgen. Friede soll zwischen den Stämmen sein.“ An jenem Tag – ist der Spruch Gottes der Schöpfungsscharen- ladet ihr einer den anderen ein unter dem Weinstock und unter dem Feigenbaum.

Damit endet die Vision. Der Engel kehrt zu Sacharja zurück und mit ihm auch die Gegenwart. Er sieht den Leuchter mit seinem sieben Armen, ganz so, wie Gott es angeordnet hat, dass er gestaltete werden soll. Ganz so, wie wir es im heutigen Torah Abschnitt gelesen haben. Sacharja versteht im ersten Moment die Bedeutung nicht und lässt sie sich vom Engel erklären. „Dies ist ein Gotteswort an Seruwabel, um ihm zu sagen. Nicht mit Heeresmacht und nicht mit Leibeskraft, sondern mit Meinem Geist – spricht der Herr der Heere.“

Nicht immer ist die physische Kraft das, was uns ans Ziel bringt. Auch wenn in früheren Zeiten immer noch die physische Überlegenheit dazu führte, Zwiste und Kriege zu entscheiden. Oftmals ist der gleichzeitige Einsatz von Kraft (Seruwabel) und Intellekt (Jehoshua) viel zielführender. Bevor man zu blindwütendem Zuschlagen als Mittel der Wahl greift, sollte man immer zuerst den gesunden Menschenverstand oder auf einer höheren Ebene die Diplomatie sprechen lassen!

Shabbat Shalom



Kategorien:Israel, Religion

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