Haftara: Jehushoa 2:1 – 24
ב“ה
22./23. Siwan 5784 28./29. Juni 2024
Shabbateingang in Jerusalem: 19:09
Shabbatausgang in Jerusalem: 20:31
Shabbateingang in Zürich: 21:09
Shabbatausgang in Zürich: 22:28
Shabbateingang in Wien: 20:41
Shabbatausgang in Wien: 22:02

Langsam, langsam nähert sich das Volk Israel dem ihnen von Gott versprochenen Land. Männer aus jedem Stamm sollen sich als Kundschafter auf den Weg machen, das Land zu erkunden. Moshe benannte die Männer. Einer von ihnen, Hoschea, der Sohn Nuns aus dem Stamm Efraims, wurde von Moshe in Jehoshua umbenannt. Jehoshua wird später der Nachfolger von Moshe und das Volk Israel nach Kanaan führen. Doch bis dahin vergeht noch einige Zeit!
Das Auskundschaften des versprochenen Landes war offenbar keine Aufgabe für verzagte Menschen. In Schlach 13:20 steht: „Habt Mut und bringt Früchte des Landes mit!“
Was empfinden wir, wenn wir uns neuen Zielen, neuen Herausforderungen stellen? Ist nicht immer auch ein Gefühl der Unsicherheit dabei? Hesse hat in seinem wunderschönen Gedicht „Stufen“ geschrieben: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben.“ Jeder Anfang macht uns stark und verleiht uns den Mut, uns allen Herausforderungen entgegenzustellen.
Den jungen Männern wird es nicht anders ergangen sein. Hing es doch von ihren Beobachtungen und Erkenntnissen ab, was sie den Zurückgebliebenen berichten konnten. Ob es ein fruchtbares, reiches Land war oder eher dürr. Ob dort Menschen lebten, die schon länger dort siedelten, oder ob es ein einsames Land war? Und falls es dort bereits Menschen gäbe, wie würde sich das Zusammenleben mit ihnen gestalten? Eine Frage, die sich in vielen Regionen weltweit auch heute immer wieder stellt.
Vierzig Tage zogen die Kundschafter umher, dann kehrten sie, reich beladen mit Weintrauben, Granatäpfeln und Feigen zurück. Das Bild, das wir hier sehen, steht heute noch als Symbol für den israelischen Tourismus, für die Gastfreundschaft. Zwei Männer, die zwischen sich die Stange mit der prallen Weintraube tragen. Welch wunderbares Bild vom Überfluss des Landes!
Aber was sie dort gesehen hatten, liess Schlimmes befürchten. Sie erzählten von furchterregenden Menschen, die unbesiegbar dort lebten. Heute würde man von „fake news“ sprechen, die nur aus dem Grund verbreitet werden, um z.B. eine Regierung in Misskredit zu bringen.
Und genau das geschah auch hier. Das Volk murrte wieder einmal, lehnte sich gegen Moshe und Aaron auf und verlangte sogar Neuwahlen. Die Angst des Volkes Israel ging sogar so weit, dass sie Moshe und Aaron steinigen wollten. Da erschien Gott dem Volk Israel und klagte, wie lange es ihn trotz aller an ihnen vollbrachten Wohltaten noch anzweifeln werde.
Gott will drakonische Massnahmen gegen die Aufmüpfigen vornehmen, doch Moshe fleht ihn an, gnädig zu sein. So beschliesst Gott, dass niemand von jenen, die sich immer wieder gegen ihn wenden, das Land der Verheissung erreichen wird.
Zwei Männer behielten einen klaren Kopf und schilderten ausführlich, was sie gesehen hatten. Jehoshua und Kaleb, der Sohn Jefunnes, aus dem Stamm Juda. Beide Männer waren später die einzigen ihrer Generation, die das von Gott versprochene Land betreten durften, alle anderen Späher starben unmittelbar nach ihren falschen Berichten.
Ich wünsche uns, aber auch allen, die Meinungsbildner und Meinungsträger sind, einen klaren Blick auf die Realität und die Fähigkeit, sich dieser auch zu stellen.
Die heutige Haftara stammt aus der Feder des Propheten Jehoshua. Er ist nicht zu verwechseln mit dem im heutigen Torah-Abschnitt genannten Kundschafter. Der Zusammenhang zwischen Torah-Abschnitt und Haftara ist offensichtlich. Das Volk Israel steht kurz vor der Grenze zum ihm versprochenen Land. Jehoshua, der mittlerweile zum Nachfolger von Moshe geworden ist, scheint ein Mann klarer Entscheidungen zu sein. Er schickt erneut Kundschafter los mit dem Auftrag: «Zieht hin und seht euch das Land an und Jericho!» Im Gegensatz zu Moshe, der genaue Angaben gemacht hatte, was die Kundschafter anschauen sollten, ist sein Auftrag kurz und knapp. Damit überlässt er den beiden Ausgewählten die Eigenverantwortung. Und er zeigt Vertrauen, dass sie alles an Informationen bringen werden, was für sie von Bedeutung ist.
Vor uns entwickelt sich eine zunächst unverständliche Geschichte. Wie jeder Wanderer es tun würde, suchen sie sich ein Quartier für die Nacht und fanden es im Gasthaus von einer Frau namens Rachaw. Rachaw wird hier als Hure bezeichnet. Bei Josephus Flavius hingegen wird sie als Wirtin beschrieben, eine Beschreibung der auch der Targum Jonathan folgt. Der die Prophetenbücher als Erzählungen umschreibt.
Wie die Kunde ihrer Ankunft zum König von Jericho kommt, bleibt unklar. Jedenfalls schickt der König Boten zu Rachaw und fordert von ihr, ihnen die beiden Männer auszuliefern. Die Begründung: «Sie wollen das Land auskundschaften.»
Rachaw aber versteckt ihre Gäste auf dem Dach und behauptet, sie wisse nicht, wer sie sind und wohin sie gegangen sind. Denn kurz vor Einbruch der Dunkelheit seien sie verschwunden. Das geheimnisvolle Kommen und Gehen ist typisch für Kundschafter, die in der Anonymität ihre Nachforschungen anstellen wollen.
Die Boten des Königs verfolgten sie bis zum Jordan und fanden sie nicht. Der Weg zurück in die Stadt aber war versperrt, weil das Tor während der Nacht geschlossen war.
Rachaw ging hinauf zu den Kundschaftern und erklärte, sie wisse, dass Gott ihnen dieses, ihr Land versprochen hatte, allen sei bekannt, wie Gott das Volk der Israeliten immer wieder geschützt, gerettet und begleitet hat. Sie beschrieb die Angst ihres Volkes, von ihnen ausgelöscht zu werden. Sie beteuert: «Gott, euer Gott, er ist Gott im Himmel und unten auf Erden.»
Ein spontanes Bekenntnis zu Gott? Nicht nur, Rachaw setzte einerseits ihr gesamtes Vertrauen in den Gott der Israeliten, witterte aber gleichzeitig auch eine grosse Chance, das Leben ihrer gesamten Sippe zu retten. Sie handelt klug und vorausschauend. Ein rotes Band soll den Eroberern zeigen, dass sie ihre ganze Familie in ihrem Haus versammelt hat. Drei Tage sollen sich die Kundschafter im Gebirge vor den Schergen des Königs verstecken, danach sollen sie frei von jeder Verpflichtung sein.
Später, als Jericho tatsächlich von den Israeliten eingenommen wird, wird Rahaw samt ihrer gesamten Familie in das Lager der Israeliten gebracht und verbleibt dort bis zu ihrem Tod.
Und so geschah es, nach drei Tagen zogen die Kundschafter zurück zu Jehushoa und berichteten alles, was sie gesehen hatten. Sie wussten nun, dass die Kanaaniter vor ihnen zitterten.
Wir sollten uns auch manchmal ein Beispiel an Rahaw nehmen. Unbeeinflusst von gesellschaftlichen Zwängen unserer Intuition folgen und vorausschauend handeln. So wie Rahaw, die die Späher Jehushoas rettete und selbstsicher als ‘Gegenleistung’ das Leben ihrer Familie forderte.
Shabbat Shalom!
Kategorien:Religion
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