BaMidbar, Chukat 19:1 – 22:1

Haftara: Richter 11:1 – 33

ב“ה

6./7. Tammus 5784                                                            12./13. Juli 2024 

Shabbateingang in Jerusalem:                                                          19:07

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                         20:28

Shabbateingang in Zürich:                                                                 21:03

Shabbatausgang in Zürich:                                                                22:19

Shabbateingang in Wien:                                                                   20:35

Shabbatausgang in Wien:                                                                  21:53

38 Jahre sind sie nun schon in der Negev-Wüste unterwegs und nähern sich langsam dem Ziel ihrer Reise. Chukat ist der Torah-Abschnitt der grossen Verluste. Gott hatte es angekündigt, dass niemand aus der Generation derer, die vor 38 Jahren aus Ägypten geflohen waren, das versprochene Land erreichen wird. Insofern ist es ein dramatischer Abschnitt, den wir heute lesen. Moshe muss sich von vielen Menschen verabschieden, die nicht nur seine Familie, sondern auch seine Weggenossen waren.

Die ersten zwei Verse heben die Bedeutung der folgenden Worte Gottes hervor: „Gott sprach zu Mosche und Aaron: Dies ist ein Grundgesetz der Lehre, das Gott geboten. Sprich zu Israels Söhnen, dass sie dir eine vollkommene ‚rote Kuh‘ nehmen, an welcher kein Fehler ist und auf welcher kein Joch gekommen.“  זֹאת חוקת הַתּוֹרָה– sot chukat hatorah – Fast scheint es, als ob Gott dieses Gesetz, das so fremd anmutet, über alle bisherigen stellt. In Stein gemeisselt wie die zehn Gebote. Kein Fehler darf an der Kuh sein, ein einziges weisses oder schwarzes Haar im Fell würde die Reinheit aufheben. Eine ‚rote Kuh‘, gibt es die tatsächlich? Noch dazu eine, deren Fell tatsächlich nur rot ist? Ja, es gibt sie, es ist die uralte Rasse der hornlosen Limousin-Rinder, die bereits auf Zeichnungen aus dem alten Ägypten auftauchen.

Was nun folgt, ist eine, für uns Laien schwer zu erfassende Anweisung. Wir wissen, dass das Berühren von Verstorbenen dazu führte, dass man unrein wurde. Während der Zeit der Unreinheit musste man sich von den anderen Menschen fernhalten und durfte erst nach entsprechenden kultischen Riten wieder in den Kreis des Stammes eintreten. Um das entsprechende ‚Reinigungswasser‘ herzustellen, muss zunächst die komplette Kuh verbrannt werden. Um den intensiven Gestank etwas zu mildern, wurden dem Feuer stark duftende Kräuter und Hölzer beigemischt. Die Asche wird sorgsam gesammelt und ausserhalb des Lagers aufbewahrt. Sie ist die Grundlage des ‚Reinigungswassers‘, mit dem sich unrein gewordene Menschen ‚entsündigen‘ müssen.

Mirjam, die Schwester von Moshe und Aaron, die einst Moshe das Leben gerettet hatte, verstirbt in der Wüste Zin. Nicht nur, dass sie Moshe gerettet hat, ihr gelingt es auch, der Prinzessin die leibliche Mutter des Knaben als Amme vorzuschlagen. Mirjam ist eine wichtige Person. Nicht umsonst wird sie als erste ‚Prophetin‘ bezeichnet. Nach der Durchquerung des Schilfmeeres bricht sie mit einem Tabu: Gemeinsam mit ihren Freundinnen singt sie eines der schönsten Lieder der Torah: ‚Shir haYam, das Lied des Meeres‘.

Doch sie ist nicht nur die liebevolle Schwester. Vor wenigen Wochen haben wir gelesen, dass sie gemeinsam mit Aaron die Autorität von Moshe in Frage stellte: «Hat Gott wirklich nur mit Moses gesprochen? Hat er nicht auch mit uns gesprochen?»

Unmittelbar nach dem Tod Mirjams’ erhebt sich das Volk erneut gegen Moshe und Aaron. Wieder machen sie sie verantwortlich dafür, dass es in der Wüste kein Wasser für sie gebe und stellten erneut die Frage, warum Moshe sie aus Ägypten geführt habe, nur um nun in der Wüste zu sterben.

Wieder wendet sich Moshe an Gott. Dieser gibt ihm eine klare Anweisung: «Nimm deinen Stab, versammle dich mit dem Volk Israel vor dem Felsen und sprich zu dem Felsen. Er wird genug Wasser geben, um die Menschen und das Vieh zu tränken.» Doch was macht Moshe? Er schlägt mit seinem Stab zweimal auf den Felsen. Hat er die Nerven verloren? War das genau das eine Mal zu viel, dass das Volk sich gegen ihn erhob? Zwar fliesst das Wasser wie versprochen, aber dieses Mal ist es auch für Gott das eine Mal zu viel, dass Moses und Aaron ihm nicht blindlings vertraut haben. «Ihr beide werdet das Volk nicht in das Land bringen, das ich euch versprochen habe!»

Kurze Zeit später verstirbt Aaron und das Volk Israel trauert 30 Tage um ihn.

Der zentrale Punkt dieses Wochenabschnittes ist das Wasser. Wasser als Sinnbild des Lebens. Und damit auch als Sinnbild für die Torah. Mirjam hatte Moshe gerettet, indem sie ihn dem Nil übergab. Das Schilfmeer hatte sich geteilt und so die Israeliten gerettet. Als es sich wieder schloss, verschlang es die feindlichen Ägypter. Als in der Wüste das Volk an Durst litt, liess Gott Wasser aus dem Fels sprudeln. Mirjam stirbt und eine grosse Dürre bricht aus.

Das Volk Israel ist müde geworden während der langen Wanderung. Die Beziehung zwischen ihnen und Gott scheint gestört. Gott schickt Giftschlangen, deren Biss tödlich ist. Das Volk verzweifelt und kann endlich Moshe gegenüber zugeben, dass sie sich gegen ihn und damit gegen Gott aufgelehnt hatten. Gott schickt wiederum die Rettung. In der Nähe der Grenze zu Moab kamen sie an einen Ort Be’er. Dort sagte Gott «Versammele dein Volk hier, ich werde ihnen Wasser geben.»Voll Glück und mit Freude, dass es von jetzt an besser werden würde, stimmten die Menschen erneut ein Lied an: «Brunnen breche hervor!»

Wasser ist Leben, Wasser ist immer in Bewegung. Wasser kann vernichten, aber auch Schutz geben. Wasser verändert die Landschaft. Das kann man vor allem in Wüstengebieten oder entlang von Wasserläufen erkennen. Gerade in den letzten Wochen haben wir in Europa gesehen, welche Macht vom Wasser ausgeht, wenn es sich seine alten Wege zurückerobert, die wir zubetoniert haben.

Wasser ist auch ein Sinnbild in der Torah. Wenn wir uns das immer wieder vor Augen halten, werden wir vielleicht die von ihr ausgehende Kraft leichter erkennen und verstehen können.

Die heutige Haftara stammt wieder aus dem Buch der Richter.

Wir lesen die tragische Geschichte von Yiftach. Er ist Sohn von Gilead und einer Dirne und wird deshalb von seinem Stamm nach dem Tod seines Vaters als nicht erbberechtigt vertrieben. Yiftach floh in das Land Tov, hier als ארץ טוב ‚eretz tov‘ bezeichnet. Wahrscheinlich ist mit diesem Begriff aber hier kein Land im Sinne von Staat zu verstehen, sondern ein kleiner in sich geschlossener Distrikt. Dort umgab er sich mit anderen Vogelfreien und zog mit ihnen gemeinsam zu Beutezügen aus.

Nach einiger Zeit begannen die Ammoniter einen Krieg gegen die Gileaditer, die Teil des Volkes Israel waren. Die Stammesältesten, die ihn einst vertrieben hatten, flehten Yiftach an, als ihr Anführer zurückzukommen. Nach einigem Zaudern stellte er eine Bedingung. Sollte er den Sieg erringen, so müsste man ihn nicht nur zum Kriegsherrn, sondern zum Stammesoberhaupt machen. Die Gileaditer stimmten dem Handel zu.

Yiftach versuchte zunächst, mit den Königen der Ammoniter und der Edomiter zu verhandeln, um einen Krieg zu vermeiden. Der Kampf war unerlässlich. Doch Gott stand auf der Seite von Yiftach und seinem Heer.

Yiftach legte ein folgenschweres Gelübde vor Gott ab. „Wenn du uns wirklich den Sieg über die Ammoniter schenkst und wenn ich wohlbehalten heimkomme, so werde ich, egal was es ist, was mir als erstes aus meinem Haus entgegenkommt, Gott weihen und als Empor-Opfer darbringen.“

Damit endet die Haftara, man möchte sagen, spontan. Wieder einmal ein Cliffhanger. Wie sich die Sache weiterentwickelt, bleibt abzuwarten. Die Israeliten mit Yiftach an der Spitze haben die Ammoniter haushoch besiegt. Damit endet die 18 Jahre andauernde Unterdrückung der Israeliten durch die Ammoniter.

Noch weiss Yiftach nicht, was auf ihn zukommt, es ist aber sicherlich nicht verfrüht, hier schon einmal vor unbedachten, übereilten und verpflichtenden Versprechen zu warnen. Yiftach hatte zu wenig Vertrauen in Gott, als dass er sich ohne Handel oder Versprechen einfach auf ihn eingelassen hätte.

Wie wird das für ihn und für den noch Unbekannten, der als Erster aus der Tür tritt, ausgehen?

Shabbat Shalom und mazal tov, Yannick, le yom huledet!



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