BaMidbar, Pinchas 25:10 – 30:1

Haftara: Jirmija  1:1 – 2:3

ב׳׳ה

20./21. Tammus 5784                                                     26./27. Juli 2024 

Shabbateingang in Jerusalem:                                                         19:00

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                        20:19

Shabbateingang in Zürich:                                                                 20:49

Shabbatausgang in Zürich:                                                                22:01

Shabbateingang in Wien:                                                                   20:20

Shabbatausgang in Wien:                                                                  21:34

In der vergangenen Woche haben wir vom Drama um den blinden Seher Bileam gelesen, der erst nach mehreren ‘Auseinandersetzungen’ mit seinem gescheiten Esel erkannte, dass er sich verrannt hatte und sich auf dem Holzweg befand. Gegen Ende des Torah-Abschnittes prophezeit er dem König Balak: «Ein Stern geht in Jakob auf, ein Zepter erhebt sich in Israel. Er zerschlägt Moab die Schläfen und allen Söhnen Sets den Schädel.»

Doch ganz so perfekt, wie Gott sich das vorgestellt und gewünscht hatte, waren die Israeliten immer noch nicht. Sie verbanden sich mit dem Dämonen Ba’al Peor, beteten ihn an und vergnügten sich mit den Midianiterinnen.

Gott jedoch war so enttäuscht und zornig, dass er befahl, alle Anführer des Volkes Israel pfählen zu lassen. Ein grausamer Tod! Und jeder, der sich dem Dämon zugewandt hatte, sollte ebenfalls getötet werden. Als Simri, Sohn des Salus aus dem Stamm Shimons, sich erdreistete, seine midianitische Geliebte mit ins Lager zu bringen, wurden sie beide vom Priester Pinchas, dem Enkel Aarons, mit einem Speer getötet. Mord? Oder Durchsetzung des göttlichen Gebotes?

Gott lobte Pinchas für seinen Einsatz und bot ihm als Friedensvertrag an, dass er und seine Nachfahren ewig seine Priester sein werden. Den Israeliten aber befahl er, die Midianiter zu zerschlagen. Warum auf einmal diese Ablehnung? Zippora, die erste Frau von Moshe, war die Tochter des midianitischen Priesters Jitro. Und Ruth, die später zur Urgrossmutter von König David wurde, war eine Moabiterin.

Wieder einmal liess Gott die Zahl der wehrpflichtigen Männer erheben. Anschliessend setzte Gott die Erbfolge ein, die von nun an gelten sollte. Entsprechend der Zahl der wehrpflichtigen Männer in jedem Stamm sollte das Land, das er ihnen versprochen hatte, als Erbbesitz aufgeteilt werden. Wer welchen Landesteil erhalten sollte, würde das Los entscheiden. Das Land sollte jeweils den Namen der Stammesväter erhalten, die wir noch heute in den Namen der Regionalgebiete lesen.

Ausser Moshe, Kaleb aus dem Stamm Juda und Joshua aus dem Stamm Ephraim, lebte niemand mehr, der aus Ägypten geflohen war. Damit hatte sich ein Gotteswort erfüllt, dass nur wenige das versprochene Land erreichen würden.

Machla, Noa, Hogla, Milka und Tirza, die letzten Überlebenden aus dem Stamm Menashe, dem Sohn Josefs, fühlten sich als Töchter um ihr Erbe betrogen. Ihr Vater Zelofhad war ohne Söhne gestorben, er war „nur“ mit fünf Töchtern gesegnet. Wer sollte für sie sorgen, wenn sie ohne Erbbesitz bleiben würden? Sie brachten ihr Anliegen vor Moshe und die Priester.

Sie bekamen Recht! Gott regelte an dieser Stelle die neue Erbfolge. Stirbt ein Mann ohne Söhne, aber mit Töchtern, so sind sie seine rechtlichen Erben. Stirbt er ohne Kinder, so geht sein Besitz an seine Brüder. Hat er auch keine Brüder, so fällt das Erbe an die Brüder seines Vaters. Hat der auch keine Brüder mehr, so fällt der Besitz an den nächsten lebenden Verwandten. Wir kennen dieses umgekehrte Springbrunnenprinzip noch heute! Ich bin sicher, nach der Entscheidung zu Gunsten der Töchter Zelofhads sind heute selbstverständlich auch die Töchter in der Erbfolge begünstigt. Das Hebräische nennt in der Pluralform immer dann die männliche Form, wenn es sich um eine „gemischte“ Gruppe handelt. Korrekt gegendert, muss man heute von „erbenden Personen“ sprechen …

Kurz vor dem Ende der 40-jährigen Wüstenwanderung muss Gott noch einiges regeln. Moshe darf das verheissene Land nicht betreten und bittet Gott inständig, einen Nachfolger für ihn zu wählen. Gott wählte Joshua und fordert Moshe auf, ihn zu den Priestern zu führen, wo er sich zukünftig den Entscheidungen von ‚Urim und Tummim‘[1], den Lossteinen des Hohen Priesters, unterwerfen soll. Diese kamen immer dann zum Einsatz, wenn es für Menschen nicht eindeutig war, zu entscheiden, ob etwas in Gottes Augen gut oder schlecht war.

Für Moshe ist das keine einfache Situation. Er, der von Gott gewählte, aber von seinem Volk nicht immer unangefochtene Führer, musste damit leben, einen Teil seiner Kompetenz abzugeben. Wie sich die Wahl Joshuas auf die Kommunikation mit den Israeliten auswirken wird, wird die Zeit zeigen. «Lass Gott, der alle Spielarten menschlichen Lebens kennt, denjenigen zum Anführer wählen, der gleichzeitig vor ihnen geht und doch in ihrer Mitte verbleibt, der sie aus der Gefahr führt und immer wieder vereint. Das Volk des Herren darf nicht Schafen ähneln, die kein Leittier haben.»

Der ideale Chef, der ideale Politiker, der ideale Teamplayer. Es ist durchaus den Versuch wert, sich aus der grossen Schar der Schafe zu lösen und zumindest teilweise zum Leittier zu werden!

Die heutige Haftara stammt aus der Feder von Jirmija. Jirmija gehört zu den ‘grossen Propheten’ und schrieb seine Prophezeiungen ab 627 BCE. Der Schwerpunkt seiner Prophezeiungen ist die Umkehr zu Gott und der Untergang des Tempels, der im Jahr 585 BCE durch den babylonischen König Nebukadnezar II. zerstört wurde. Er lebte im Südreich Juda und seine Schriften sind ein Abbild der sozialen und politischen Verhältnisse des Landes.

Die beiden Kapitel der Haftara haben klar voneinander getrennte Inhalte. Kapitel 1 beschreibt die Berufung des noch blutjungen Jirmija zum Propheten. Jirmija beschreibt, wie Gott mit ihm spricht, ihm seine Aufgaben erklärt und Zweifel von ihm nimmt, diesen Aufgaben nicht gewachsen zu sein. 

Wer sich bisher, so wie ich auch, Propheten immer als durch das Leben gereifte, wenn auch nicht immer altersweise und in sich ruhende Männer vorstellt, erfährt hier in Vers 1:7, dass Jirmija sich selbst als ‘so jung’ bezeichnet. Doch Gott nimmt ihm seine Angst: «Wohin ich dich auch sende, dahin sollst du gehen, und was ich dir auftrage, das sollst du verkünden.» Es ist viel, was Gott von Jirmija erwartet!«Am heutigen Tag setze ich dich über Völker und Reiche; du sollst ausreissen und niederreissen, vernichten und einreissen, aufbauen und einpflanzen.» Was zunächst nach einer destruktiven Aufgabe aussieht, trägt auf den zweiten Blick auch Konstruktives in sich. Nicht nur zerstören soll Jirmija, sondern anschliessend auch wieder aufbauen.

Gott fragt ihn, was er gerade sieht und Jirmija antwortet: «Einen Mandelstock.» Was versteht er unter einem Mandelstock? Wir kennen den Mandelbaum, עץ שקדים, etz shkadim. Doch das hier verwendete Wort ist ‘מקל’, makal, wie beim Spazierstock, מקל הליכה. Warum gerade lässt Gott Jirmija einen Mandelbaum sehen? Mandelbäume blühen sehr früh, ihre Blüten sind wunderschön mit einem zarten Duft und lassen nicht vermuten, dass die aus ihnen entstehende Frucht so schwer zu öffnen, im Sinne von zerstören ist. Ist es die Mandel, von der Blüte bis zur Frucht, die hier als Sinnbild für Jirmija steht? Aber warum ‘makal’ und nicht ‘etz’? Mir fällt dazu der Stab/Stock von Moshe ein. Mit diesem versuchte er, Pharao zu überzeugen, die Kinder Israel ziehen zu lassen, mit ihm befahl er dem Schilfmeer, sich zu öffnen und mit ihm entlockte er zweimal einem Felsen Wasser. Steht der Stock für die Kraft, die Gott Jirmija verleiht? Die Kraft, aber auch die Standfestigkeit aufrecht zu stehen, auch wenn äussere Einflüsse ihn ins Wanken bringen?

Gott fragt noch einmal, was Jirmija sieht. Jirmija sieht einen dampfenden Kessel, dessen Rand im Norden leicht nach innen geneigt ist.  Gott gibt hier selbst die Deutung: «Von Norden her ergiesst sich das Unheil über alle Bewohner des Landes.» Der dampfende Kessel steht für die Stadt Jerusalem. Dorthin wird Gott die Stämme des Nordens rufen und über sie zu Gericht sitzen. Und Gott sprich Jirmija Mut zu: «Du aber gürte dich, tritt vor sie hin und verkünde ihnen alles, was ich dir auftrage. Erschrick nicht vor ihnen, sonst setze ich dich vor ihren Augen in Schrecken. Ich selbst mache dich heute zur befestigten Stadt, zur eisernen Säule und zur ehernen Mauer gegen das ganze Land, gegen die Könige, Beamten und Priester von Juda und gegen die Bürger des Landes. Mögen sie dich bekämpfen, sie werden dich nicht bezwingen; denn ich bin mit dir, um dich zu retten – Spruch des Herrn.»

Damit endet das erste Kapitel. Ob es dazu beigetragen hat, dem jungen Propheten Mut zu machen?

Vom zweiten Kapitel lesen wir heute nur die ersten drei Verse. Sie scheinen zunächst eine Hommage an die frühe Liebe Gottes zu Jerusalem zu sein. Er erinnert sich an die bedingungslose Treue und Hingabe, dem Vertrauen in ihn, den Gott Israels. Doch schon im dritten Vers zeichnet sich wieder neues Unheil ab. «Heiliger Besitz war Israel dem Herrn, Erstlingsfrucht seiner Ernte. Wer davon ass, machte sich schuldig, Unheil kam über ihn – Spruch des Herrn.»

So, wie der junge Jirmija an sich zweifelt und zögert, vielleicht auch Angst hat, angesichts der grossen Aufgabe, die Gott für ihn vorgesehen hat, so zweifeln wir alle immer wieder. Jirmija weiss Gott an seiner Seite, der ihn auffangen wird, wenn er stolpert, stützen wird, wenn er müde wird. Wir haben nicht in allen Augenblicken und Situationen unseres Lebens jemanden neben uns, der so unverbrüchlich zu uns steht.

Vielleicht haben wir schon einmal in unserem Leben einen Menschen fortgeschoben, ignoriert oder gekränkt und uns so auf immer seine helfende Hand, sein offenes Ohr und seine liebevolle Zuwendung verwirkt. Versuchen wir doch, in Zukunft besser hinzuschauen und hinzuhören, damit das nicht noch einmal geschieht.

Shabbat Shalom!


[1] Die Urim und Tummim sind auch ein Bestandteil der Religion der Mormonen.



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