Haftara: Jirmejahu 2.4-28
ב“ה
27./28. Tammus 5784 2./3. August 2024
Shabbateingang in Jerusalem: 18:55
Shabbatausgang in Jerusalem: 20:13
Shabbateingang in Zürich: 20:40
Shabbatausgang in Zürich: 21:50
Shabbateingang in Wien: 20:11
Shabbatausgang in Wien: 21:22
Heute beenden wir mit zwei Torah-Abschnitten das vierte der fünf Bücher Moses. Am Ende eines jeden Buches sagt man: „Chasak, chasak we’nitchasek». Diese Worte sollen an die Aufforderung erinnern, die Moses kurz vor seinem Tod an das gesamte Volk «chisku ve’imtzu» «Seid stark und mutig!» (Dwarim 31:6) und später an Joshua richtet «Chasak ve’ematz» «Sei stark und mutig!» (Dwarim 31:7 und 31:23).
«Chasak ve’ematz» ist auch der Leitspruch der jüdischen Jugendbewegung «HaShomer Ha’tzair» ‘Der junge Wächter’.
Dieser Torah-Abschnitt handelt von Gelübden. Bis zu Yom Kippur dauert es noch einige Wochen. In diesem Jahr beginnt unser höchster Feiertag am Abend des 11. Oktobers. Vor dem Abendgebet hören wir das „Kol Nidrei“ was nichts anderes als „Alle Gelübde“ bedeutet. Das „Kol Nidrei“ bezieht sich ausschliesslich auf Gelübde, die wir gegenüber Gott ausgesprochen haben. Sie müssen unwissentlich oder unüberlegt ausgesprochen worden sein, also keinen „Handel“ mit Gott beinhalten. Die Interpretation, die wir immer wieder von Antisemiten hören, ist völlig falsch. Nie dürfen Gelübde gegenüber Nichtjuden „einfach so“ aufgelöst oder als nichtig bezeichnet werden. Auch Meineide vor Gericht sind hiervon nicht betroffen!
Doch heute geht es um weltliche Gelübde und Eide. Wie oft hören wir: „Ich komme dich bald mal besuchen.“ Meist kann man lange darauf warten, dass dieser geplante Besuch auch tatsächlich stattfindet. In Israel muss man besonders hellhörig sein. Wie oft hört man „bli neder“ und muss dann wissen, dass die Zusage bestenfalls eine sehr vage ist. Die Kunst des Unverbindlichen, nur keine Verpflichtung eingehen! Also aufpassen, wenn der Installateur verspricht, einen Termin einzuhalten, „bli neder“ selbstverständlich.
Ein Mann muss, wenn er ein Gelübde oder einen Eid abgelegt hat, diesen halten. Lieber vorher nachdenken, bevor man etwas verspricht, das man dann schlussendlich lieber rückgängig machen würde.
Eine Frau hingegen hat es vermeintlich einfacher. Lebt sie noch unverheiratet bei den Eltern, so obliegt es dem Vater, falls er von Versprechungen seiner Tochter hört, dazu zu schweigen, sie also zu billigen. Oder er verweigert die Zustimmung, dann werden ihre Gelübde hinfällig und Gott wird es verzeihen.
Ist sie bereits verheiratet, so gilt das Gleiche, nun aber für den Ehemann. Schweigende Zustimmung oder Ablehnung, es liegt in seiner Entscheidung. Doch hier kommt ein neuer Aspekt hinzu. Ihre Bindung an ein Gelübde kann auch durch ein „voreiliges Wort“ entstanden sein. Auch das kann der Ehemann akzeptieren oder auflösen.
Als Witwe gibt es niemanden mehr, der für sie bei Gott erreicht, dass Gelübde hinfällig werden.
Wie so oft in der Torah, gibt es unterschiedliche Anweisungen und Auslegungen für Frauen. Vor 2.000 Jahren war das noch kein Problem, heute hätten die Gerichte viel zu tun, um entsprechende Ansprüche durchzusetzen. Ist man als Frau bei Gott weniger wert? Ist unser Wort geringer zu schätzen als das eines Mannes? Wenn man liest, mit welcher Akribie hier beschrieben wird, wie die Gelübde und Eide von Frauen aufgehoben werden können, so liegt der Verdacht nahe.
Im Buch der Frauen in der Mischna, „seder nashim“ finden wir das Kapitel „nedarim“. Dort wird in den Absätzen 10 und 11 der heutige Wochenabschnitt noch genauer definiert. Das Mädchen, das verlobt ist und noch beim Vater lebt, muss ein gewisses Alter haben, um zu verstehen, was ein Gelübde oder ein Eid ist. In dem Fall braucht es Vater und Bräutigam, nur gemeinsam können sie den Willen des Mädchens aufheben.
Der Vater hat ein Vorrecht über den Bräutigam, verstirbt dieser, kann er wieder allein verfügen, stirbt aber der Vater, so fällt das Recht nicht an den Bräutigam. In dem Fall gilt Frau als selbstbestimmt, wie eine Witwe oder eine verlassene Frau. Verlässt sie ihr Vaterhaus, so löst der Vater alle bis anhin getätigten Gelübde auf, das gleiche Ritual kommt vom zukünftigen Ehemann unmittelbar vor der Chuppa.
Allein schon die Menge der Einschränkungen, die wir in der Mischna finden, zeigt, wie schwer sich die Weisen damit taten, festzustellen, unter welchen Umständen die Frau dem Mann nicht gleichgestellt ist.
All diese ausgetüftelten Regeln sind in der heutigen modernen Welt nicht mehr angepasst. Frauen haben sich ihre Gleichberechtigung mühsam erstritten, auch dem konservativsten Mann ist das klar geworden.
Nehmen wir also diesen Wochenabschnitt als wunderbares Beispiel für die klassische Literatur, die wir in der Torah immer wieder finden. Die Richtschnur für unser Leben, an der wir uns festhalten können, die uns aber nicht zu Sklaven macht. Sondern im Gegenteil, zu freien Menschen mit dem Recht selbst entscheiden zu können.

Die heutige Haftara stammt aus der Feder von Jirmijahu. Das zweite Kapitel des Prophetenwortes wendet sich gegen den Götzendienst.
Gott wendet sich an das Haus Jakob, das heisst an alle Familien des Volkes Israel. Er beklagt, dass die Väter und Vorväter jener Menschen, die kurz vor der Zerstörung Jerusalems dort lebten, was natürlich noch niemand wusste. Er fragt, welchen Fehler er gemacht hat, dass sie sich von ihm, und das nicht zum ersten Mal, angewandt haben. „Und dem Nichtigen nachgingen und selbst der Nichtigkeit verfielen.“ Das ist die präziseste und kürzeste Beschreibung dessen, was charakteristisch für Generationen von Menschenist. Nichtig, beliebig, austauschbar.
War doch in den vielen Jahren zuvor die Bindung an Gott der Massstab alles Lebens gewesen, so war der Massstab zur Zeit des Jirmijahu verloren gegangen. Die Menschen hatten den Kompass verloren und suchten nun Gott vergebens.
Friedrich Nietzsche lässt in seiner Parabel 1882, 3. Buch § „Die fröhliche Wissenschaft“ den ‚tollen Menschen‘ auftreten. Der ruft: „Wohin ist Gott?“ und dann: „Ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet, ihr und ich. Wir sind alle seine Mörder.“ Nietzsche beschreibt die Grundkrise der Gesellschaft, den Nihilismus. Eben das Phänomen, das Jirmijahu in dieser Haftara beschreibt. Wir müssen erkennen, dass sich die Menschheit in den letzten fast 2.500 Jahren nicht geändert hat.
Doch Gott gibt uns nicht auf. In Vers 9 des Kapitels verspricht er: „Ich streite noch lange mit euch, und ich werde noch mit euren Kindeskindern streiten.“
Allein das darf uns Hoffnung geben. Gott wird uns nicht aufgeben.
Solange wir es immer wieder schaffen, voller Vertrauen zu ihm zurückzukehren.
Shabbat Shalom!
Kategorien:Israel
Hinterlasse einen Kommentar