Dwarim, Ve’etchanan 3:23 – 7:11

Haftara: Jeshajahu. 40:1 – 26

ב“ה

12./13. Aw 5784                                                        16./17. August 2024

Shabbateingang in Jerusalem:                                                         18:41

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                        19:58

Shabbateingang in Zürich:                                                                 20:17

Shabbatausgang in Zürich:                                                                21:24

Shabbateingang in Wien:                                                                   19:48

Shabbatausgang in Wien:                                                                  20:55

Dieser Abschnitt der Torah beginnt mit dem namensgebenden Wort וָאֶתְחַנַּן ve’etchanan, was übersetzt heisst «ich flehte [Gott] an». Der Stamm des Verbes lautet חנן. Wir finden den Stamm nicht nur im Verb anflehen, sondern auch im Wort begnadigen. Man darf also die ersten Worte auch frei übersetzen: «ich flehte um Vergebung».

„Lass mich, ich flehe dich an, hinübergehen und das gute Land jenseits des Jordans sehen, dieses gute Land mit seinen Bergen und dem Libanon.“ (3:25)

So hatte Moshe Gott angefleht, als dieser ihm mitteilte, dass er das dem Volk Israel versprochene Land nicht selbst betreten dürfe. Und so flehte er auch heute noch einmal.

Wird Gott Moshe vergeben und ihm seinen sehnsüchtigen Wunsch erfüllen? Hier bleibt Gott hart. Moshe soll auf das Pisga Gebirge hinaufsteigen und von dort das versprochene Land sehen. Gott versprach ihm einen 360° Rundumblick. Eine kleine Entschädigung für den Mann, der doch alles getan hatte, um das Volk Israel sicher aus Ägypten zu führen und sich dabei immer an die Anweisungen Gottes gehalten hatte.

Nur einmal hatte er wütend, nicht auf Gott, sondern auf das sturköpfige Volk, entgegen den Anweisungen Gottes auf einen Felsen eingeschlagen, statt ihn nur zu berühren. Das versprochene Wasser war trotzdem geflossen, der Durst des Volkes Israel war gestillt. Es hatte doch schon einmal eine ähnliche Situation gegeben. Mit einem Unterschied. Damals, noch zu Beginn der Wüstenwanderung, kurz nach dem Durchschreiten des Schilfmeeres, hatte Gott ihn sogar ausdrücklich aufgefordert, auf den Felsen zu schlagen, um das Wasser sprudeln zu lassen. Er wollte, dass Moshe dem Volk zeigt, dass er sogar die Felsen beherrscht, also tatsächlich ein starker Mann ist, dem man sich unterzuordnen hatte. Oder, dass das Volk erkannte, dass mit Gottes Hilfe alles möglich war.

Was ist der Unterschied zwischen der ersten und der zweiten Situation?

Vielleicht liegt er darin, dass zwischen den beiden Situationen mehrere Generationen liegen. Die erste Generation war die der ehemaligen Sklaven, die keine Erfahrung mit demokratischen Strukturen hatten und daher den autoritären Führungsstil „brauchten“. Moshe ist, unterstützt von Gott, dieser starke Anführer und zugleich Manager, Richter und Tour-Guide.

Beim zweiten Mal leidet die letzte Generation der Wüstenwanderer erneut unter Wassermangel. Es ist eine erwachsen gewordene Gruppe, die im Laufe der Jahre alle politischen Mittel und Kniffe erlernt hat. Sie hat gelernt, zu diskutieren und zu verhandeln. Statt nahezu willenlos Moshe zu folgen, sind sie jetzt Partner in einem ständigen Dialog. Zu Moshe sprechen sie fast auf Augenhöhe. Sie streiten mit ihm, sie stellen ihn infrage, einmal wollen sie ihn gar gegen einen anderen Anführer austauschen. Heute nennt man dieses Verhalten in der Politik ein Misstrauensvotum, dem schon viele Regierungschefs zum Opfer gefallen sind.

War das Verhalten von Moshe in der Situation wirklich so schlimm, dass Gott dafür gleich drei Strafen aussprach?

  • Moshe darf selbst nicht in das gelobte Land kommen.
  • Ebenso darf aus der ersten Generation der ehemaligen Exilanten niemand ausser Jehoshua und Kalev dorthin gelangen.
  • Und statt in nur noch wenige Wochen die Wüste zu durchqueren, muss Moshe mit seinem Volk vierzig mühsame Jahre in der Wüste verbringen.

Gott forderte Moshe auf, jetzt seine Nachfolge an Jehoshua weiterzugeben und alles Wichtige mit ihm zu regeln. Moshe ist in dem Moment wieder der verantwortungsbewusste Seniorchef des Unternehmens „Gelobtes Land“, und erfüllt auch diese Anweisung Gottes nach dessen Wunsch.

Viele Manager würden in der Situation alles versuchen, um für sich „das Beste“ herauszuholen, sie würden endlos verhandeln und vielleicht sich am Ende sogar als korrupt erweisen.

Nicht so Moshe. Er akzeptiert, dass Gott ihn als Führer seines Volkes in der Wüste auserwählt hat, und dass seine Zeit nun abgelaufen ist. Die Zeit der Verhandlungen und Widersprüche ist für ihn vorbei. Moshe weiss, dass es keinen Raum mehr für Diskussionen gibt, stattdessen ruft er das Volk Israel noch einmal zusammen und fasst die Lehren der letzten 40 Jahre zusammen.

Noch einmal hebt er die besondere Bedeutung der göttlichen Gebote hervor (4:2)„Ihr sollt zu diesen [Geboten] nichts hinzufügen und nichts von ihnen wegnehmen. So werdet ihr leben und das Land besiedeln können, das Gott euren Vätern versprochen hat.“

Als Moshe mit den Kindern Israel, lange bevor sie zu einem Volk zusammenwuchsen, aus Ägypten floh, musste er ihnen mühsam jeden Schritt vom Individuum zur Gemeinschaft beibringen. Er musste ihr Lehrer sein.

Das Volk Israel verstand die Idee einer ausgeklügelten „Erziehung“ oft nicht, brauchte oft strenge Richtlinien. Deshalb übernahm Moshe die Verantwortung für sie, führte sie 40 Jahre lang durch die Wüste und vereinte sie nach jedem Rückschlag aufs Neue. Das Volk Israel zweifelte so oft an ihm, aber er brachte sie trotzdem an die Grenzen zum versprochenen Land. Von dort aus konnten und mussten sie ohne ihn weitergehen. Von diesem Tag an war eine neue Art von Führung nötig, ein Paradigmenwechsel von einer autoritären zu einer demokratischen.

Moshe hat es ihnen nicht immer leicht gemacht. Der grösste Prophet und Lehrer, den wir jemals hatten. Ob es jemals wieder einen geben wird, der von Gott ausgewählt wird, ist unwahrscheinlich. Längst schon ist das Volk Israel wieder zerfallen in ein Volk von Individualisten. Mit allen guten, aber auch mit allen schlechten Seiten, die dem Menschen inne sind. Ein Volk, so wie alle anderen Völker auf der Welt.

Die heutige Haftara stammt wieder aus der Feder von Jeshajahu. Das 40. Kapitel des grossen Jeshajahu-Buches, das man in Qumran aufgefunden hat und das im ‚Shrine of the book‘ im Israel Museum zu bewundern ist, beschreibt die Erlösung aus dem babylonischen Exil.

Die ersten Verse (40:1-11) sind die jauchzenden Versprechungen, dass das Exil bald vorbei sein wird. Nicht nur, dass das Volk zurückkehrt, es erhält auch das Versprechen, dass alle Sünden, alle Vergehen beglichen sind. Offensichtlich wird die Zeit im Exil als ausreichende Strafe anerkannt. Es ist, als ob der Prophet versucht, mit den Versen dieses Kapitels das Volk einzustimmen auf ein Leben, das einem irdischen Gan Eden schon sehr nahekommt. Die Worte zeigen aber auch, dass es in Gottes Macht allein liegt, das pralle Leben, die Blüten, Gräser und Blumen allein durch seine Worte verdorren zu lassen.

Ich verstehe das als einen Hinweis auf die heutige Torah-Lesung, wo wir davon lesen, dass Gottes Wort, darüber bestimmt, ob wir leben dürfen oder verdorren wie ein Gras. In Vers 40:7 steht nämlich: „Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, wenn der Atem des Herrn darüber weht. Wahrhaftig, wie Gras ist das Volk.“

Ganz ähnliche Worte finden wir in Psalm 90, Verse 5 und 6: „Von Jahr zu Jahr säst du die Menschen aus; sie gleichen dem sprossenden Gras. Am Morgen grünt es und blüht, am Abend wird es geschnitten und welkt.“

Die kommenden Verse 40:12-20 beschreiben den dramatischen Weg, den das Volk Israel, von Jeshajahu gerne als ‚Jakobsvolk‘ bezeichnet, gehen muss, bevor es das Geschenk der Rettung und der Rückkehr nach Zion annehmen darf. Jeder Einzelne ist dabei aufgefordert, seinen Beitrag zu leisten. In der Form und in dem Umfang, wie es ihm möglich ist. Damals wurden die Beiträge zur Erfüllung, zur Weiterentwicklung durch die Art der Tempelopfer gemessen.

Die Zeit der Tempelopfer ist vorbei. Heute sind wir aufgefordert, anders zur Entwicklung der Menschheit beizutragen. In unserer durch Vieles übersättigten Welt sind es unser Verhalten und unsere Bemühungen, stark auch gegen Widrigkeiten anzukämpfen, und so dazu beizutragen, dass die Welt etwas lebenswerter wird. Dass wir dort leben können, wie es in Vers 40:22 steht: „Wie einen Schleier spannt er den Himmel aus, er breitet ihn aus wie ein Zelt zum Wohnen.“ Es wird kein moderner, neuer Gan Eden sein, aber eine friedlichere Welt.

Shabbat Shalom!



Kategorien:Israel, Religion

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