Dwarim, Ekew 7:12 – 11:25

Haftara: Jeshayahu 49:14 – 51:3

ב“ה

19./20. Aw 5784                                                         23./24. August 2024 

Shabbateingang in Jerusalem:                                                         18:34

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                         19:50

Shabbateingang in Zürich:                                                                 20:05

Shabbatausgang in Zürich:                                                                21:09

Shabbateingang in Wien:                                                                   19:35

Shabbatausgang in Wien:                                                                  20:40

Wieder einmal beginnt unser Abschnitt der Torah mit einer „Wenn……dann“- Bedingung. Wenn wir, die Menschen, die Rechtsvorschriften Gottes achten und einhalten, dann wird Gott den Bund einhalten, den er mit unseren Vätern geschlossen hat. Und er wird uns seine Huld, die Moshe in den nächsten Versen aufführt, zukommen lassen. (7:13-21)

Interessant ist es, dass Moshe in diesem Kapitel wieder die Worte Gottes an sein Volk weitergibt und nicht seine eigenen, wie in den Kapiteln zuvor. Gott lässt vor den Augen des Volkes Israel die letzten 40 Jahre Revue passieren. Noch einmal verpflichtet Gott sie, alle Gebote, die er ihnen mit auf den Weg gegeben hat, wortgetreu einzuhalten. Nur dann wird er ihnen das ihren Vätern versprochene Land wirklich zum Besitz übergeben. Warum nur Besitz und nicht Eigentum? Gott kennt die Menschen, er weiss, wie stur sie sein können, immer schon waren und auch heute, so viele Generationen später, immer noch sind. Im Kapitel 9 dieses Torah-Abschnittes, Vers 8:19, lesen wir, dass Gott nochmals betont, dass er jederzeit seine Hand von uns abziehen kann, wenn wir vergessen, unseren Teil des Vertrages mit ihm einzuhalten.

Während der Wanderung stand das Volk Israel immer wieder kurz davor, ausgelöscht zu werden, und immer wieder war es Moshe, der mit seinem unerschütterlichen Glauben und seiner Zuversicht Gott anflehte, ihnen nochmals eine Chance zu geben. Es ist nicht so viel, was Gott von uns verlangt und doch scheint es für viele Menschen zu viel. So war es damals, und so ist es heute.

Was können wir aus diesem Wochenabschnitt für unser Leben ableiten? Im Abschnitt Dwarim 10:18-19 lesen wir „Er liebt die Fremden und gibt ihnen Nahrung und Kleidung, auch ihr sollt die Fremden lieben, denn ihr seid Fremde in Ägypten gewesen.“

Werden nach den Flüchtlingsströmen aus Afrika, Syrien und der Ukraine bald solche aus dem Nahen Osten kommen? Aus dem Libanon und aus Gaza, Menschen, die von Terror-Gruppen misshandelt wurden. Und wenn sie ankommen, in dem Land, von dem sie sich Sicherheit erhoffen, dann werden sie oft als Menschen zweiter Klasse angesehen.

Stopp! Wer so denkt, der leidet unter einer stark verzerrten Wahrnehmung. Die meisten Menschen, die kommen, die mit letzter Kraft hoffen, bei uns Sicherheit zu finden, haben ein Märtyrium hinter sich. Sie mussten versuchen, im Bombenhagel einen sicheren Ort zu finden, von wo aus sie ihre Flucht organisieren konnten. Ein sicherer Ort in Gaza?

„Denkt dran, dass ihr Fremde in Ägypten wart.“ Jeder Flüchtling, der bei uns ankommt, muss sich von Grund auf umorganisieren. Er muss sich völlig neu orientieren, er muss die Sprache lernen, die Möglichkeiten herausfinden, wie er sich eingliedern kann und wie er vor allem auch seine Kinder eingliedern kann in die für sie fremden Welt.

Die heutige Haftara stammt wieder aus der Feder von Jeshayahu. Die Verse 40 bis 55 stammen aus dem zweiten Buch Jeshayahus, das wahrscheinlich zur Zeit des babylonischen Exils entstanden ist.

Der erste Vers ist eine klagende Frage, die Ungläubigkeit ausdrückt. Nach alldem, was bisher geschehen ist, nach der Rückkehr der Exilanten aus Babylon nach Zion, nach dem wunderbaren Versprechen, grösser und mächtiger zu werden als jemals, jetzt die Frage: „Verlassen hat mich Gott und mein Herr hat mich vergessen?“ Gott gibt dem Fragenden die Antwort: „Eher wird eine Mutter ihre Kinder vergessen, als dass ich dich vergesse. Auf meine Hände habe ich dein Bild gezeichnet, deine Mauern sind mir stets gegenwärtig.“ Der Prophet wählt hier mit Bedacht nicht das Wort ידייםHände, sondern כפים, Handflächen. Ich stelle mir vor, dass er damit zum Ausdruck bringen will, nicht mehr das ja bereits vollständig neu errichtete Jerusalem mit seinen Händen zu erweitern oder zu verändern. Vielmehr will Gott seine Hände schützend um seine Stadt legen und sie erhalten. Das wird auch durch den Hinweis „deine Mauern sind mir stets gegenwärtig“ ausgedrückt. In diesen sicheren Mauern, die Gott schützt, können sich im Exil verloren gegangene Schätze, wie die Torah wieder beleben und ihre Worte mit Leben zu füllen.

Deshalb wird es möglich sein, was wir in den folgenden Versen lesen. Alle die, die nach der Zerstörung des Tempels ins Exil nach Babylon verschleppt wurden, kehren zurück nach Zion. Sie sind gereift, seit sie in Babylon von der scheinbar unerreichbaren Heimat träumten.

Sie werden, so die Hoffnung und Prophetie, dazu beitragen, dass Zion wächst und erhaben wird. Gott wird sich zu ihnen begeben, nachdem er die ins Exil vertriebenen mit offenen Armen wieder aufgenommen hat.

Jeshayahu wendet sich an dieser Stelle nochmals der bedrückenden Realität zu, die beschreibt, wie verlassen und öde Zion ohne seine Kinder ist. Im dritten Vers gipfelt das dunkle Bild in der Klage: „Ich kleide die Himmel in Schwärze und mache ein Gewand aus Sackleinen.“

Die nächsten Verse 50:4-9 werden in der Literatur als 3. Lied vom Gottesknecht beschrieben. Jeshayahu formuliert, nun wieder seine eigenen Worte, das Lied als lyrischen Text. Er beschreibt einerseits, mit welchen speziellen Fähigkeiten Gott ihn ausgestattet hat und wie glücklich er ist, Gottes Wort an seine Schüler weitergeben zu können. Er beschreibt aber auch seine Leiden und Qualen, die er ertragen musste, um den Ungläubigen zu widerstehen und nicht unter ihrem Druck zusammenzubrechen. Hierin ähnelt er den Erfahrungen des Volkes Israel, die sie erdulden mussten, während sie auf dem Weg von Ägypten waren. Oder später, als sie untereinander Zwist hatten, den Nebukadnezar ausnutzte, um den ersten Tempel zu zerstören. Aber, wie wir es vor wenigen Wochen gelesen haben, nicht Nebukadnezar trägt die Schuld an ihrer Qual, sie selbst sind es, die Schuld auf sich geladen haben. Mit der Aufforderung, auf ihn, den Gottesknecht zu hören und sich nicht erneut von Gott abzuwenden, endet dieses Kapitel.

In den letzten drei Versen der heutigen Haftara wiederholt der Prophet erneut die Worte Gottes. Diese Worte richten sich an die Weisen unter dem Volk Israel, deren höchstes Bestreben es ist, alle Rechtsvorschriften wortgetreu einzuhalten. Ganz so wie es im letzten Torah-Abschnitt heisst: „Du sollst ihnen nichts wegnehmen und nichts hinzufügen.“

Mit diesem Vers wird der Bogen zum heutigen Torah-Abschnitt geschlagen. Es ist klar, dass in den vergangenen etwa 3.000 Jahren, die seit dem Empfang der Torah vergangen sind, vieles sich geändert hat. Viele Änderungen waren gut, andere waren untauglich. Wenn wir auf unser inneres Ohr hören, so wie es der Prophet uns vorgelebt hat, dann können wir durchaus schneller erkennen, wenn eine neue Vorschrift eine Sackgasse ist und ihr noch früh genug gegensteuern.

Shabbat Shalom



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