Krieg in Israel – Tag 323

20. Aw 5784

© Amos Bidermann

Wenn ich die Wochenend-Kolumne meines Lieblings-Kolumnisten, Yossi Verterim Ha’aretz hier als Ganzes vorstellen wollte, so würde ich locker drei weitere Seiten füllen. Ich zitiere deshalb hier nur einige kurze Abschnitte:

Zur Übernahme von Verantwortung: «Nachdem er sich von dem anfänglichen Trauma des 7. Oktobers erholt hatte, hat Netanyahu sein Hauptziel nie aus den Augen verloren: überleben, überleben, überleben, selbst um den Preis eines nicht enden wollenden Krieges. Er hat eine kluge Formulierung gewählt: ‘Nach dem Krieg wird jeder schwierige Fragen beantworten müssen. Auch ich’.»

Nach der Wahl im November 2022: «Die Übergabe des halben Königreichs an Bezalel Smotrich und Itamar Ben-Gvir? Ben-Gvir hat alles bekommen, was er gefordert hat. Netanyahu hat nicht einmal den Anschein erweckt, sich zu wehren. Er sehnte sich so sehr danach, wieder in das Amt des Premierministers zurückzukehren, dass er ein Bündnis mit dem Teufel eingegangen wäre. Und genau das hat er auch getan.»

Nach der Begnadigung von Naama Isssachar: «Während des Wahlkampfs für die Knesset von März 2020 bis März 2021, als er glaubte, von der Freilassung von Naama Issachar (die mit Drogen auf einem Moskauer Flughafen erwischt wurde) politisch profitieren zu können, übergab er Wladimir Putin begehrte Jerusalemer Immobilien[1], von denen dieser seit vielen Jahren geträumt hatte, und flog sofort zum teuersten Fototermin der Geschichte. Es war zweifelsohne das teuerste Propagandavideo, das je in Israel produziert wurde.»

Das Geschenk für Putin: der Alexander-Komplex unmittelbar neben der Grabeskirche

Zur Planung der staatlichen Zeremonie zum Jahrestag des Massakers vom 7. Oktober: «Es würde niemanden überraschen, wenn ein Video gezeigt würde, in dem Sara Netanyahus Arbeit verherrlicht wird – sie begleitete Noa Argamani ins US-Kapitol, umarmte die Frauen der rechtsgerichteten Gvura- und Tikva-Foren, tourte mit Zaka-Freiwilligen und vergoss Krokodilstränen, die mit Photoshop hundertfach retuschiert wurden.»

Nachdem Yair Netanyahu wieder nach Miami geflogen ist: «Der Abgang von Netanyahu Junior sollte nicht auf die leichte Schulter genommen werden.

Erstens kann der Premierminister nun jeden Abend nach Hause gehen, ohne dort diese Quelle des Menschenhasses vorzufinden, die ihn ausschimpft, anschreit und gegen den Verteidigungsminister und den Generalstabschef der IDF aufhetzt und seinen Kopf mit verrückten Verschwörungstheorien füllt. Dies wird sicherlich ein Gewinn für das Land sein.

Zweitens: Während der Junior hier war, wurde erneut über die Bemühungen zur Schwächung der Justiz gesprochen. Justizminister Yariv Levin, der dem dunklen Prinzen nahesteht, äusserte öffentlich seine Absicht, „Reformen“ durchzuführen.»

Ich empfehle dringend, den ganzen Artikel zu lesen!

Ägypten hat bei den Gesprächen in der vergangenen Woche in Kairo einen israelischen Vorschlag abgelehnt, wonach entlang des Philadelphi-Korridors acht Wachtürme errichtet werden sollen. Auch ein Vorschlag der USA, die vorsahen, zwei solche Türme zu errichten, wurde abgelehnt. Angeblich hat sich Netanyahu bereiterklärt, einem Vorschlag von US-Präsident Joe Biden zu folgen, der einen Teilabzug aus einem begrenzten Gebiet vorsieht.

Der stellvertretende Chef der palästinensischen Terror-Organisation Hamas für den Gazastreifen, Khalil al-Hayya, wird zu neuen Verhandlungen mit Ägypten nach Kairo reisen. Hayya leitete bereits unter der Kontrolle von Ismail Haniyeh das Verhandlungsteam. Ebenso wie andere hochrangige Hamas Führer lebt er in Doha. «Die Delegation wird mit hochrangigen ägyptischen Geheimdienstmitarbeitern zusammentreffen, um über die Entwicklungen in der laufenden Runde der Waffenstillstandsgespräche im Gazastreifen informiert zu werden… dies bedeutet jedoch nicht, dass sie an den Verhandlungen teilnehmen wird.» Das erklärte ein nicht namentlich genannter Informant. Der Ha’aretz berichtet, dass die palästinensische Delegation am Mittag bereits in Kairo angekommen ist. Wahrscheinlich wird auch der katarische PM Sheikh Mohammed bin Abdulrahman Al Thani an den Gesprächen teilnehmen.

Im Gegensatz zu früheren Arbeitspapieren verlangt Israel jetzt, dass in der ersten Phase des Waffenstillstands fünf lebende Geiseln pro Woche freikommen sollen. Bisher war die Zahl immer mit drei angegeben worden. Das wird von der saudischen Zeitung ’Asharq News’ bekannt gegeben. Ein zweiter offener Punkt betrifft die Freilassung der palästinensischen Gefangenen. Israel verlangt ein Vetorecht für 65 Namen und den Anspruch, weitere 150 Gefangene auszuschaffen. Berichten zufolge wurde diese Forderung bereits abgelehnt.

Ganz so ‘angenehm’, wie es gestern noch beschrieben wurde, ist das Treffen mit den drei ehemaligen Geiseln wohl doch nicht verlaufen. Mittlerweile wurden Einzelheiten bekannt.

Gestern nach dem Gespräch bei den Netanyahus

Yocheved Lifshitz, 86, zeigte sich enttäuscht. Netanyahu wurde mehrfach gefragt, warum die IDF und Sicherheitskräfte so spät kamen, um Hilfe zu bringen. Netanyahu wusste darauf keine Antwort. «Nir Oz war die Hölle. Ich habe immer noch keine Antwort darauf bekommen, warum die IDF uns vernachlässigte und nicht kam. Erst als die Entführer, Vergewaltiger und Plünderer ihre Arbeit beendet hatten, kam die IDF. Darauf hatte Netanyahu keine Antwort.»

Immer wieder wurde er nach den Fortschritten in den Verhandlungen gefragt. Seine redundante Antwort war: «Welches Abkommen? Welcher Deal?» Irgendwann ruft eine der Frau laut aus: «Und sie sterben und jeden Tag tötet ihr eine weitere Geisel», worauf
Netanyahu abwiegelt: «Wer auch immer Ihnen gesagt hat, dass ein Geisel- und Waffenstillstandsabkommen auf dem Tisch lag und dass wir es aus diesem oder jenem Grund, oder aus persönlichen Gründen, nicht angenommen haben, es ist einfach eine Lüge.»

Später forderte eine andere Frau: «Ich will nicht, dass die humanitäre Hilfe zu ihnen kommt, ich will die Geiseln hier haben!» Netanyahus Antwort spiegelt die Respektlosigkeit wider, die er den Frauen und den noch in Gaza befindlichen Geiseln entgegenbringt: «Es gibt viele Dinge, die wir wollen und die schwer zu bekommen sind, zum Beispiel würde ich gerne zu Fuss in einer geraden Linie nach Italien laufen… wenn wir das tun müssen, bedeutet das, dass wir den Ozean austrocknen müssen, also lasst uns den Ozean austrocknen, wo ist das Problem?» So spricht man mit einem Kind, das störende Fragen stellt….

Im Ton-Mitschnitt, der von Kanal 12 ausgestrahlt wurde, hört man Sara Netanyahu, die sich ebenfalls an den Diskussionen beteiligt. Sie beklagt sich, seit ihrer Hochzeit mit Netanyahu ständig falsch zitiert wird, was vorher nie geschehen sei, da sei sie einfach Sara Ben Arzi gewesen und habe ein normales Leben geführt. Natürlich kam prompt die Replik einer ehemaligen Geisel, die einwarf, auch ihr Leben sei ‘normal’ gewesen, bis sie gemeinsam mit ihrem Mann entführt wurde.

Als eine der ehemaligen Geiseln Netanyahu aufforderte, endlich Verantwortung für die Fehler im Zusammenhang mit dem Massaker vom 7. Oktober zu übernehmen, griff Sara erneut in die Diskussion ein: «Die Armee ist mitverantwortlich für den Terror-Angriff», so ist sie im Ton-Mitschnitt gut zu hören, «Wie soll Premierminister Netanyahu etwas wissen, wenn die Armee ihm nichts sagt?»

Konfrontiert mit der Frage, warum Netanyahu sich bisher nicht um die freigelassenen Geiseln bemüht hätte und sie nie angerufen oder besucht habe, kam von beiden die Antwort: «Wir wenden uns nie persönlich an Einzelpersonen. Ein Treffen kann aber organisiert werden.»

Eine umfassende Antwort kam, wir haben uns schon daran gewöhnt, aus dem Büro des PM: «Premierminister Netanyahu geht nicht auf die telefonische Kommunikation ein. Er sagte, er habe sich mit Hunderten von Familienangehörigen der Geiseln getroffen. Was das angebliche Zitat von Frau Netanyahu betrifft, so sagte sie, dass es ein operatives und nachrichtendienstliches Versagen gegeben habe, das untersucht werden müsse, und dass jeder Vorfall in dieser Angelegenheit untersucht werden wird.»

Erneut wurden Bewohner von einigen Gebieten Deir al-Balah und Maghazi aufgefordert, sich in die als ‘humanitäre Schutzzone’ ausgewiesene Region zu evakuieren. Die Evakuierung wurde notwendig, damit die IDF einen 500 m langen Tunnel des Palästinensisch-Islamischen Djihad zerstören konnte. Sie zerstörten auch zahlreiche Gebäude, die von den Terroristen genutzt wurden. Zahlreiche bewaffnete Terroristen wurden bei den Operationen, die noch andauern, ausgeschaltet.

Die humanitäre Zone umfasst derzeit etwa 42 km2 was in etwa 11,5 % der gesamten Fläche von 360 km2 des Gazastreifens entspricht. Die IDF schätzt, dass sich derzeit etwa 1.9 Millionen Palästinenser dort aufhalten. Das entspricht einer Dichte von 45.000 pro qkm. Zum Vergleich: die weltweit höchste Bevölkerungsdichte hatte im August 2023 Mogadischu mit 33.000. pro qkm, Jerusalem lag bei 7.000, Berlin und Wien bei 4.000, Zürich bei 1.000.

Die IDF eliminierte mit einem gezielten Angriff während der Nachtstunden Taha Abu Nada, der mitverantwortlich für die Waffenproduktion im Gazastreifen war. Bei weiteren Angriffen wurden erneut Waffenlager, Abschussrampen und Sprengstoffe aufgespürt und unbrauchbar gemacht.

Die offizielle palästinensische Nachrichtenagentur ‘WAFA’ behauptete, dass beim Beschuss von  Rafah und dem al-Nuseirat Lager gestern mindestens neun Personen, darunter zwei Kinder und eine Frau, zu Tode gekommen seien.


[1] Im Dezember 2019 übertrug das israelische Justizministerium den historischen Alexander-Komplex in Jerusalem von der konkurrierenden Imperial Orthodox Palestine Historic Society an die mit Putin verbündete Imperial Orthodox Palestine Society. Viele Kommentatoren brachten die Gesellschaft mit der Aushandlung von Issachars Freilassung in Verbindung. Am 29. Januar 2020 unterzeichnete Präsident Putin ihre Begnadigung. Ihr Anwalt hatte zuvor angemerkt, dass noch nie zuvor ein verurteilter Ausländer von einem russischen Präsidenten begnadigt worden sei.



Kategorien:Israel, Politik

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