21. Aw 5784
Sie schaffen eine Wüste und nennen es Frieden.[1]








Einhundert israelische Kampfjets stiegen in der Nacht im Sekundentakt auf, um mehr als eintausend (!) Raketenwerfer, die allesamt auf Israel ausgerichtet waren, zu zerstören. Damit wurde gegen 5 Uhr in der Früh ein Angriff auf Tel Aviv vereitelt. Die IDF gab bekannt, dass es sich hierbei um einen Präventivschlag gegen Raketen gehandelt hat, die für einen Grossangriff auf Nord- und Zentral-Israel eingesetzt werden sollten.
Die Hisbollah selbst gab an, mehr als 320 Raketen und Drohnen gegen Israel abgeschossen zu haben. Die IDF präzisierte die Information und sprach von 210 Raketen und 20 Drohnen.
Einige konnten abgefangen und zerstört werden, während andere in offenen Gebieten einschlugen, andere aber auch direkte Treffer landeten, wodurch grosser Sachschaden entstand und es einige Verletzte gab.
In Manot wurde eine Hühnerfarm direkt getroffen und brannte völlig aus. In Israel herrscht bereits seit einiger Zeit ein Mangel an Eiern, nachdem wichtige Hühnerfarmen im Norden des Landes Opfer der Angriffe der Hisbollah wurden.
An einem Haus in Manot entstand ebenfalls grosser Schaden.
In Akko wurde eine Frau durch ein herabstürzendes Schrapnell leicht verletzt und wurde zur Behandlung ins Krankenhaus gebracht.
Ebenfalls in Akko wurde ein Haus durch einen direkten Treffer stark beschädigt. Die Familie konnte sich retten, indem sie in einem grossen Schrankraum Zuflucht suchte.
Die Hisbollah gab später bekannt, dass es sich bei der geplanten und nur teilweise durchgeführten Operation um einen ersten Vergeltungsschlag für die ‘Ermordung’ von Faud Shukr am 30. Juli handelte.
VM Yoav Gallant rief für Israel für die kommenden 48 Stunden den Ausnahmezustand für ganz Israel aus. Besonders für die Gebiete von Tel Aviv bis in den Norden galten umfassende Schutzmassnahmen. Einige Massnahmen wurden am Mittag wieder aufgehoben.
Der Flughafen Ben Gurion wurde kurzfristig komplett geschlossen, gegen Mittag wurde der komplette Flugbetrieb wieder aufgenommen.
Die Hisbollah kündigte an, dass der Vergeltungs-Angriff für heute vorbei sei und erst morgen fortgesetzt werde.
Es grenzt an ein Wunder, dass es bei diesen massiven Angriffen nur wenige Leicht- Verletzte gab. Eine Tatsache, die dem Umstand zu verdanken ist, dass der Norden Israels grossteils seit Oktober 2023 evakuiert ist.

Die Hisbollah lobte den ‘kräftigen und zielgerichteten’ Angriff. Dieser sei aufgrund der Verhandlungen in Kairo und Doha verspätet erfolgt. Man habe erfolgreich Ziele tief im ‘Land der Zionisten’ angegriffen. Am frühen Nachmittag veröffentlichte die Hisbollah ein Video, in dem all jene Ziele gezeigt werden, die heute Nacht getroffen worden seien. Die IDF hingegen hielt fest, dass kein einziges angepeiltes Ziel tatsächlich getroffen wurde. Die Raketen und Drohnen, die drohten, angepeilte Ziele zu erreichen, wurden erfolgreich abgeschossen und zerstört. Die Angriffswelle sei entsprechend der Hisbollah-PR ein Schlag in das Gesicht der israelischen Regierung. Bei der präventiven Angriffswelle durch die IDF heute Vormittag sind, so gab die Terror-Organisation bekannt, zwei Mitglieder der Terror-Organisation getötet worden.
Einige englisch-arabische X-Accounts machen sich über den misslungenen Angriff der Hisbollah auf Israel lustig, der hier gefällt mir am besten:

Netanyahu rühmte den Präventivschlag als ‘nicht das Ende der Geschichte’ und stellte weitere Überraschungsangriffe auf die Hisbollah in Aussicht. Ob die dann auch als ‘Präventivschläge’ gelten können, ist meiner Meinung nach fraglich.
Benny Gantz hingegen ist unzufrieden. Der Präventivschlag sei zu schwach gewesen. Er hätte so geführt werden müssen, dass die Bewohner des Nordens sicher nach Hause zurückkehren können. In der kommenden Woche beginnt das akademische Jahr und es ist unter diesen Umständen völlig unklar, wie die Schüler mit dem neuen Schuljahr beginnen können, nachdem sie bereits das vergangene Jahr mehr oder weniger verloren haben. Israel muss, so betonte er in einem Interview, Resultate liefern, statt nur auf Angriffe zu reagieren. Es dürfe nicht sein, dass der Norden immer mehr verödet.
Die Bürgermeister und Regionalräte der nördlichen Orte, Moschawim und Kibbutzim haben angekündigt, jeden Kontakt mit der Regierung zu kappen, bis ihnen ein kompletter Plan vorgelegt wird, wie die evakuierten Bewohner sicher in ihre Häuser zurückkehren können. «Wir waren 10 ½ Monate lang für Sie nicht interessant und von jetzt an interessieren Sie uns nicht mehr. Rufen Sie nicht an, kommen Sie nicht, schicken Sie keine Nachrichten. Wir haben es bisher allein geschafft, wir werden es auch weiterhin schaffen.» Die Botschaft folgt auf die Empörung gegen die Regierung darüber, dass Israels Präventivschlag gegen die Hisbollah heute Morgen darauf abzielte, Angriffe auf das Zentrum Israels zu verhindern, während das Militär keine solche Initiative gezeigt hat, obwohl ihre Gemeinden seit dem 8. Oktober ständig unter Beschuss stehen.


Die IDF musste gestern leider erneut dem Tod von vier Soldaten bekanntgeben. Sgt. First Class (res.) Danil Pechenyuk, 27, Sgt. First Class (res.) Nitai Metodi, 23, Sgt. Maj. (res.) Yaniv Itzhak Oren, 35, und Staff Sgt. Amit Tsadikov, 20, s’’l. Pechenyuk und Metodi verloren ihr Leben bei der Explosion, durch die bereits Sgt. First Class (res.) Evyatar Aturar am Freitag getötet wude. Oren wurde bei einem Bodenkampf mit einem palästinensischen Scharfschützen getötet. Tsadikov wurde Opfer einer Explosion in Khan Younis.

Heute verlor Sgt. David Moshe Ben Shitrit, 21, s’’l, sein Leben bei einem Kampf im Norden des Landes. Er wurde bei einer Patrouillenfahrt mit seinem Schnellboot vor der Küste von Nahariya von einem herabstürzenden Schrapnell getroffen.

Bei einer Pressekonferenz bestand Verkehrsministerin Miri Regev erneut darauf, die staatliche Veranstaltung zum Jahrestag des 7. Oktobers durchzuführen. Diese Aufgabe war ihr von der Regierung zugewiesen worden. Jedoch wurde ihr sofort vorgeworfen, bei den Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag Netanyahu eine ungeplante Bühne zur Selbstpräsentation gegeben zu haben. Sie kritisierte das Angebot von Präsident Herzog, die Veranstaltung in seiner Residenz abzuhalten. Er hätte, so klagte sie, den Vorschlag zuerst mit ihr erörtern müssen. «Die staatliche Zeremonie wird nicht in der Residenz des Präsidenten abgehalten, das kann nicht sein. Sie muss im Süden stattfinden.» Regev gab bekannt, dass sie sich heute mit Netanyahu treffen wird, um die Thematik mit ihm zu besprechen. Sie ist sicher, dass sich an ihrem Auftrag nichts ändern wird. Die Veranstaltung, die ohne Publikum stattfinden wird, wird aufgenommen und kann später individuell angeschaut werden. Damit soll sichergestellt werden, dass sie zeitlich nicht mit anderen, regionalen oder privaten Zeremonien kollidiert. Diese Art der Durchführung hatte es bereits im Mai beim Yom HaSikaron und beim Yom Ha’atzma’ut gegeben, die auch ohne Publikum aufgenommen und später ausgestrahlt wurden.

Die rechtsextreme Partei ‘Otzma Yehudit’ unter der Führung des rechtsextrem-nationalistischen Ben-Gvir hat eine bezahlte Anzeige geschaltet. Vor dem Kopf vom Chef des Shin Bet, Ronen Bar, steht zu lesen: «Ronen Bar hat am 7. Oktober versagt und führt Israel in eine weitere Katastrophe. Sagen Sie Nein zu einem rücksichtslosen Deal.» Oppositionsführer Yair Lapid antwortete prompt: «Nur ein labiler Clown wie Ben Gvir ist in der Lage, mitten im Krieg, während die Bewohner des Nordens in Schutzräumen sind und Soldaten getötet werden, eine bezahlte Anzeige gegen den Chef des Shin Bet zu veröffentlichen, einen Patrioten und echten Kämpfer, wie es Ben Gvir nicht war und nie sein wird.»
Ben-Gvir forderte mehrfach, dass Ronen Bar entlassen wird und stürmte empört aus einer Kabinettssitzung, in der Ronen Bar von Netanyahu und anderen Ministern verteidigt wurde.
In der NZZ stand vorgestern ein hervorragender Artikel zu diesem Thema, den ich wärmstens als Sonntags-Lektüre empfehle.

Der Chef des Mossad, David Barnea, und der Chef des Shin Bet, Ronen Bar, sind heute zu weiteren Verhandlungen nach Kairo aufgebrochen. Auch wenn die Chancen für ein Abkommen nicht hoch sind, zeigen sie sich optimistisch und werden die Verhandlungen, solange es noch eine Funken Hoffnung gibt, weiterführen.
Durch einen direkten Angriff auf ein Fahrzeug in Khiam im südlichen Libanon kam heute am Vormittag ein Mensch ums Leben. Weitere Informationen wurden noch nicht bekannt gegeben.

Auch heute möchte ich wieder auf ein Gustostück aus der israelischen Presse eingehen. Dan Netanyahu, beschreibt seine Erinnerungen und Gedanken für seinen Cousin Bibi, mit dem er «denselben Familiennamen teilt, der von unserem Grossvater, Rabbi Nathan Milikowsky[2]-Netanyahu, überliefert wurde.» Das klingt nicht danach, als wäre er besonders stolz auf diese Verwandtschaft mit dem PM.
Bis zum Jahr 2015 scheint das Verhältnis der Cousins noch gut gewesen zu sein. Dan schreibt, er habe sich mit ihm über seine Siege gefreut und seine Niederlagen bedauert.
Doch dann ist etwas geschehen. «Meine Eltern haben mir beigebracht, dass die Aufrechterhaltung eines demokratischen Staates eine Gewaltenteilung und Unabhängigkeit der Exekutive, Legislative und Judikative erfordert. Es erfordert auch eine unvoreingenommene Presse und unparteiische Politiker.»
Der damals amtierenden GStA Avichai Mandelblit erhob nach jahrelangen Ermittlungen gegen den amtierenden PM, ein Novum in der israelischen Politik. Es ging um Betrug und Vertrauensbruch.
Dan erkannte, dass auch er jahrelang von seinem Cousin belogen worden war. Netanyahu lebte immer nach dem Prinzip: «Ich bin der Staat». Und den, so musste Dan erkennen, bekämpfte er mit allen Mitteln.
Dan zitiert Sara: «Wenn es sein muss, lass den Staat brennen.» Den Satz, schlage ich vor, muss man mehrfach langsam lesen, um das, was dasteht, zu begreifen. Wenn man ihn nur ein wenig umformuliert ist er eine Aufforderung zum Hochverrat: «Wenn du es nicht anders erreichst, dann tue alles, um den Staat zu zerstören!» Wundert es uns noch, dass Yair so ist, wie er ist, nachdem er in dieser aufgeheizten und zerstörerischen Umgebung aufgewachsen ist?
Nach dem 7. Oktober hat das unbeherrschte, aggressive und zerstörerische Element in Netanyahu die Oberhand gewonnen. Sein Ziel ist Zerstörung. Einerseits im Krieg die Zerstörung der Hamas, und dann, viel tiefer reichend, die Zerstörung der Demokratie in Israel. Immer mehr entwickelt er sich zu einer Inkarnation von Kaiser Nero (37 – 68 BCE), dem Enkel von Kaiser Augustus. Dessen Lebensstil und Rücksichtslosigkeit gipfelte in seinen Allmachtsphantasien, die seine Unfähigkeit zu regieren kaschierten.
Dan beschreibt, wie akribisch Netanyahu bei seinen Zerstörungsplänen vorgeht, er nennt es eine ‘gut geölte Giftmaschine’. Die, die dem PM loyal gegenüberstehen, die dürfen sich fast alles erlauben, die, die gegen ihn sind, werden bestraft.
Besonders die GStA Gali Baharav-Miara und sein VM Yoav Gallant müssen das spüren.
Dan schlägt einen weiten Bogen über die Vergehen seines Cousins und seine Aktivitäten, die letztlich den Staat Israel zerstören. Ich zitiere den letzten Absatz: «Sind ihm die Geiseln und die Zerstörung des Staates egal? Sie sind ihm wirklich egal. Sein einziges Ziel ist es, seine Herrschaft auf unbestimmte Zeit auszudehnen und eine staatliche Untersuchungskommission zu den Ereignissen zu vermeiden, die die Demokratie geschwächt und zum Ausbruch des Krieges geführt haben.»
[1] Tacitus, 55 bis 115 CE, zitiert den römischen Heerführer Calgacus vor der Schlacht am Mons Graupius im Jahr 83 CE. Im lateinischen Original lautet der Satz: «Solitudinem faciunt, pacem apellant.», wobei das Verb ‘pacere’ den gleichen Wortstamm hat wie das Wort «pax». Das lateinische Zitat habe ich hier entnommen: Kapitel 30, letzter Satz.
[2] Von einem anderen Cousin, Nathan Milikowsky, erhielt B. Netanyahu u.a US$ 270.000, die vom OGH als unerlaubtes Geschenk für einen aktiven Politiker – auch unter Verwandten- angesehen wurde. Er musste es auf Gerichtsbeschluss hin an den Nachlassverwalter des 2021 verstorbenen Nathan, s’’l, zurückgeben. Das Geld diente dazu, dass das Ehepaar Netanyahu Anwaltskosten für diverse Rechtsfälle bezahlen konnte. Netanyahu stand bereits damals und steht noch heute u.a. wegen solchen finanziellen Vergehen vor Gericht. Die damalige Koalition hatte vorgeschlagen, einen Gesetzesentwurf zu lancieren, um die Annahme von Geldern zur Deckung von Arzt- und Anwaltskosten zu legalisieren. Dieses genau auf die Bedürfnisse von Netanyahu zugeschnittene Gesetz wurde aber nicht angenommen.
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