Dwarim, Re’eh 11:26 – 16:17

Haftara: Jeshajahu 54:11-55:5

ב“ה

26./27. Aw 5784                                                         30./31. August 2024 

Shabbateingang in Jerusalem:                                                         18:25

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                         19:41

Shabbateingang in Zürich:                                                                 19:51

Shabbatausgang in Zürich:                                                                 20:55

Shabbateingang in Wien:                                                                   19:21

Shabbatausgang in Wien:                                                                  20:25

Segen und Fluch, das sind die beiden Gegensätze, die Moshe zu Beginn des heutigen Abschnittes der Torah dem Volk Israel aufzeigt.

Bisher haben wir Moshe fast ausschliesslich als Sprachrohr Gottes kennengelernt. Kurz vor dem Ende der Wanderung und kurz vor seinem Tod spricht er mit seinen eigenen Worten. Aus ihm spricht die jahrelange Lebenserfahrung. Er kennt seine Grenzen.

Heute setzt er die Reihe der „wenn … dann“ Sätze fort. Grammatikalisch sind dies Kausalsätze. „Wenn du das und das tust (oder auch nicht tust), dann wird das und das geschehen.“ Gott hat eine genaue Vorstellung, was er von seinem Volk erwartet. Er ist überzeugt, dass sich das Volk, nachdem es sich oft genug aufgelehnt hat, nun davon überzeugt ist, dass das genaue Befolgen seiner Gesetze gut ist. Deshalb sagt er hier: „Den Segen, weil ihr auf die Gebote……“ etwas Anderes kommt gar nicht infrage. Sollten ganz besonders Starrköpfige unter seinem Volk allerdings immer noch nicht überzeugt sein, dann stellt Gott den Fluch in Aussicht: „Den Fluch für den Fall, dass ihr …..“. Was allerdings Fluch und Segen sein werden, und welche Folgen sie haben, das erklärt er nicht.

Es folgt eine ganze Reihe von Vorschriften, die für uns, aus heutiger Sicht unverständlich sind. Ist es wirklich so, dass wir Heiligtümer, Statuen und Altäre zerstören sollen, die für Menschen anderer Religionen wichtig sind?

Einer meiner Lieblingsorte in Israel ist „Tel Megiddo“[1]. Der historisch wichtige Ort gehörte zum Stammesgebiet von Menashe, einem der Söhne Josefs. Die Besiedlung Megiddos ist seit etwa 8.300 BCE gesichert. Immer wieder fanden dort Kämpfe statt. Wer in Meggido das Sagen hatte, war auch „Marktführer“. Immerhin lag der Ort genau am Kreuzungspunkt verschiedener bedeutender Handelsstrassen. Es war kein Wunder, dass die Pharaonen hier einfielen und später sogar Napoleon versuchte, den strategisch wichtigen Ort zu erobern.

In der Mitte der Ausgrabungen sieht man den nahezu kreisrunden ‚Kanaanitischen Tempel‘, der auf den Mauern früherer Tempelanlagen um 2.00 BCE entstand. An den Felsabbrüchen rund um den antiken Tempelbezirk kann man sehr gut die Schichten der einzelnen Besiedlungszeiten erkennen. Man darf vermuten, dass sich unter der sichtbaren Tempelruine weitere, viel ältere Heiligtümer befanden. Niemand hat sie zerstört, niemand hat die Aufforderung Gottes beachtet.

Erinnern wir uns auch an die zweimalige Zerstörung unseres Tempels in Jerusalem. Was geschah damals mit uns?

Wir verloren unsere Heimat, mussten fliehen und wieder als Fremde unter Fremden leben. Nach der ersten Zerstörung dauerte das Exil weniger als einhundert Jahre. Die zweite Vertreibungswelle begann mit der Zerstörung des zweiten Tempels und endete erst mit der Gründung des Staates Israel. Jahre, die geprägt waren mit Verfolgung, Ausgrenzung und mit der grausamen Shoa. Wir verloren nicht nur unsere äussere Heimat, sondern auch unsere gemeinsame Identität.

Will Gott das, was er am Ende der Wüstenwanderung von uns verlangte, tatsächlich auch heute, im Jahr 2024 noch? Steht doch in Vers 13:1 „Nehmt von den Geboten nichts hinweg und fügt nichts hinzu.“

Damals hatten diese strikten Anweisungen durchaus Sinn. Noch war das Volk umgeben von feindlichen Völkern, die ihnen den Durchzug in das versprochene Land schwer machten und eine Bedrohung für sie darstellten. Sie, die im Umgang mit anderen Religionen keinerlei Erfahrung hatten, mussten erst lernen, sich im vielfältigen religiösen Umfeld zu positionieren und ein gesundes Selbstbewusstsein aufzubauen.

Diesen Prozess haben wir heute abgeschlossen. Wir haben gelitten und Rückschläge hinnehmen müssen. Mehr als sechs Millionen unseres Volkes wurden Opfer des Genozides durch die Nazis. Doch mitten in der tiefsten Dunkelheit entstanden Signale der Hoffnung.

Durch zwischenmenschliche Beziehungen, die über Jahrzehnte hielten, durch Musik, Literatur und Malerei.

Wir müssen auch keine Menschen töten, nur weil sie «anders» sind als wir. Im Gegenteil, gerade weil wir selbst so oft unterdrückt und gequält worden sind, müssen wir andere Lösungen finden, wenn es Probleme gibt.

Wir haben überlebt. Wir haben bittere Erfahrungen gemacht und eine neue Sicherheit gewonnen. Wir können uns besser wehren und vor allem, wir haben eine Heimat, in die wir jederzeit gehen dürfen. In dem Land, das Gott unseren Vorvätern versprochen hat und in das Moshe das junge Volk Israel geführt hat.

Die heutige Haftara stammt erneut aus der Feder des uns schon bekannten Propheten Jeshajahu. Jerusalem liegt vor dem Propheten, hilflos den Naturgewalten ausgesetzt, ohne dass irgendjemand ihr Trost bietet. Und doch dämmert bereits ein Hoffnungsschimmer am Horizont, Gott verspricht, es prächtiger aufzubauen, als es jemals war. Und, wenn sich die Söhne in Pflichttreue üben, wird ein langdauernder Frieden ihr Lohn sein. Das, was der Prophet hier als Pflichttreue bezeichnet, צַדִיק spiegelte das Einhalten der Gebote, wie wir es heute im Abschnitt der Torah gelesen haben. Nicht das Einhalten der weltlichen Gesetze, sondern der göttlichen Gebote ist es, von dem der Prophet im Auftrag Gottes spricht. Eine zweite Aufforderung lautet: «Halte dich fern vom Unrecht», nicht ‘begehe kein Unrecht’, sondern lasse es erst gar nicht in deiner Nähe zu. Wir kennen den Spruch: «Das Recht des Stärkeren». Er besagt nicht, dass der Stärkere a priori derjenige ist, der das Recht auf seiner Seite hat. Nein, aber er kann es besser durchsetzen. Wir dürfen uns also nicht täuschen lassen und den Schwächeren abtun als den, der sich mit unrechten Mitteln und Methoden durchs Leben schlängelt. Das muss gar nicht sein, er kann sich nur eben nicht so gut präsentieren. Wir sollen, und das ist manchmal mühsam, genau hinschauen, wer sich hinter welchem Auftreten verbirgt. Gott fordert von uns, unsere Geradlinigkeit auch in Krisenzeiten zu bewahren. Diese Vorschrift hat unserem Volk geholfen, die Verfolgungen und Demütigungen, die Misshandlungen vieler Jahrhunderte zu überleben. Heute sind wir in der Lage, zurückschauen zu können und aus Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Das Prophetenwort, entstanden in der Zeit des Exils in Babylon war vorausschauend. Gott verspricht uns, dass keine gegen uns gerichtete Waffe und kein gegen uns gerichtetes Wort uns nachhaltig schaden können.

Der heute wieder aufflammende Antisemitismus, der sich leider nicht nur verbal, sondern auch physisch zeigt, verunsichert zutiefst und ist sehr schmerzhaft. Doch wir dürfen sicher sein, auch diese Auswüchse des Unrechts werden wir überstehen.

Shabbat Shalom!


[1] Tel Megiddo oder Har Megiddo Berg Megiddo) wurden im Christentum in den Prophezeiungen des Johannes in Armageddon, dem Ort des Weltuntergangs.



Kategorien:Israel, Religion

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