Krieg in Israel – Tag 333

30. AW 5784

„Wie war ich? Was ich gut bis zum Schluss?“ © Guy Morad, Facebook

Die beiden rechtsextremen Minister des Kabinetts, Ben-Gvir und Smotrich applaudierten ihrem Zampano und gaben in einer gemeinsamen Erklärung bekannt, dass sie «Premierminister Benjamin Netanyahu öffentlich unterstützen, nachdem dieser auf einer Pressekonferenz in Jerusalem öffentlich seine Absicht erklärt hat, im Philadelphi-Korridor an der Grenze zwischen dem Gazastreifen und Ägypten zu bleiben.» Beide fordern: «Wir dürfen nicht einem leichtsinnigen Deal zustimmen und den Philadelphi-Korridor aufgeben, und genauso wenig wie wir den Philadelphi-Korridor aufgeben dürfen, dürfen wir die anderen Prinzipien aufgeben, die unseren Sieg im Krieg sichern werden. Jetzt ist es an der Zeit, den militärischen Druck auf die Hamas zu erhöhen und ihr einen sehr hohen Preis für die Ermordung unserer Geiseln abzuverlangen.»

Der ehemalige Verteidigungsminister Avigdor Liberman, um den es in der letzten Zeit recht ruhig geworden war, meldete sich nach der Pressekonferenz Netanyahus in gewohnter Härte zu Wort.

«Dein Vermächtnis als PM ist die Zustimmung zum Rückzug aus dem Gazastreifen im Jahr 2005 und die Genehmigung des Transfers von ‘10 Millionen Dollar’ in bar jeden Monat an die Hamas über Jahre hinaus.

Dein Vermächtnis ist die Freilassung von Scheich Ahmed Jassin, dem Gründer der Hamas-Organisation, den du am 30. September 1997 freigelassen hast.

Dein Vermächtnis ist die Freilassung von Yahya Sinwar und 1.026 anderen Terroristen im Oktober 2011.

Dein Vermächtnis ist die Abstimmung über den Abzug und das Verlassen des Philadelphi-Korridors am 26. Oktober 2004.

Dein Vermächtnis ist das schwerste Sicherheitsversagen in der Geschichte Israels am 7. Oktober 2023, das im-Stich-lassen der Bewohner des Nordens und die Bildung einer Regierung, die für Generationen als die am meisten gescheiterte Regierung in der Geschichte des jüdischen Volkes in Erinnerung bleiben wird.» Kol HaKavod, Avigdor!

Die Partei ‘National Unity’ und ihr Vorsitzender Benny Gantz bezichtigte Netanyahu nach seiner Pressekonferenz der Lüge, als er behauptete, die Rückkehr der Geiseln sei eines der wichtigsten Kriegsziele. Auch seine Behauptung, die Rückkehr der aus dem Norden evakuierten Menschen gehöre ebenfalls zu den Kriegszielen, sei gelogen. Netanyahu hat wiederholt die Forderung von Benny Gantz und MK Gadi Eisenkot abgelehnt, dies zu den Kriegszielen hinzuzufügen. Bis heute sind auch keinerlei Bemühungen erkennbar, diese Rückkehr in irgendeiner Form zu unterstützen.

Oppositionsführer Lapid verurteilte die Pressekonferenz als «unbegründeten politischen Blödsinn» und bezeichnet die Aussagen Netanyahus zum Philadelphi-Korridor als «keinerlei Bezug zur Realität.» Mit Bezug auf das schöne Plakat, welches Netanyahu präsentierte, schrieb er: «Kein einziger Fachmann kauft ihm dieses Geschwätz ab. Nicht das Sicherheitspersonal, nicht das internationale System, nicht die Kämpfer, die tatsächlich in Gaza sind und die Realität dort kennen. Ich habe keine Präsentation mit Bildern, aber es gibt Fakten. Israel hat den Philadelphi-Korridor vor 19 Jahren geräumt, und Netanyahu hat dafür gestimmt. Sowohl in der Regierung als auch in der Knesset. Netanyahu war 15 Jahre lang Premierminister. Es kam ihm nicht in den Sinn, den Philadelphi-Korridor zurückzuerobern.» Acht Monate, seit dem 7. Oktober, hätte ihn der Philadelphi-Korridor nicht interessiert. «Alles, was er heute beschreibt, ist sein eigenes Versagen. Die Frage des Korridors ist nicht Netanyahus Sache, sondern der Ben Gvir-Smotrich-Korridor. Dies ist sein neuer Trick, um den Zerfall seiner Koalition zu verhindern. Es geht um Politik, und nur um Politik. Netanyahu sprach heute so, als ob der 7. Oktober nicht unter seiner Verantwortung geschehen wäre. Als wäre er nicht verantwortlich und schuldig an der schrecklichsten Katastrophe und dem schlimmsten Massaker in der Geschichte des Landes. Zumindest hat Netanyahu eine Wahrheit gesagt: dass er den Krieg nicht beenden will. Er hat es dreimal gesagt, dass er den Krieg nicht beenden will – was bedeutet, dass er keinen Geiseldeal machen will; er will den Krieg für immer. Seine Worte heute Abend hatten eine schreckliche Bedeutung: Er wird keinen Deal machen. Er wird unsere Kinder nicht nach Hause bringen.“ Es schloss in direkter Anklage gegen Netanyahu. «Nicht die Histadrut hat Millionen von Dollar in Koffern an die Hamas überwiesen – Sie, der PM, haben es getan. Es war nicht die Opposition, die erklärt hat, dass die Hamas gestärkt werden muss – Sie haben es getan. Es waren nicht die Familien der Geiseln, die Sinwar im Rahmen eines Shalit-Deals aus dem Gefängnis befreit haben – Sie waren es. Es war eine beschämende Pressekonferenz eines Premierministers ohne Seele.»

© Guy Morad, Facebook

Auf die Frage eines Journalisten am Ende der Pressekonferenz, wie er sich zu den aktuellen Vorwürfen von US-Präsident Joe Biden stellt, antwortete Netanyahu: «Welche Vorwürfe?» Biden hatte gestern (siehe dort im Blog)  beklagt, dass für sein Verständnis Netanyahu zu wenig tue, um die Freilassung der Geiseln zu erreichen. Statt sich konkret dazu zu äussern, führte Netanyahu an, wie oft er in den vergangenen Monaten genau wegen seiner energischen Haltung von den USA gelobt worden sei, und schliesst: «Ich glaube nicht, dass Präsident Biden das wirklich gesagt hat.»

Zwei Tage nach dem Bergen der sechs Geiseln aus dem Gazastreifen hat Netanyahu die Familie von Alex Lobanov, s’’l, in ihrem Haus in Ashkelon besucht. Während Oksana und Gregory, die Eltern von Alex, Netanyahu empfingen, weigerte sich seine Witwe Michal ihn zu empfangen oder auch nur am Telefon zu sprechen. Er benutzte seine Standardentschuldigung: «Ich möchte euch sagen, wie leid es mir tut und ich bitte um eure Vergebung, dass es mir nicht gelungen ist, Sasha lebendig heimzubringen…» 

So oft wie er diese Floskel in den vergangenen Tagen verwendet hat, die ihm in den Monaten zuvor niemals über die Lippen gekommen wäre, hat er sie durch und durch verwässert und jeglicher Ernsthaftigkeit beraubt.

Bei Geiseldemonstrationen vor dem Haus des PM in Jerusalem ging die Polizei mit bekannt aggressiver Gewalt vor. So drückte ein Polizist einem Vertreter der Times of Israel die Hand auf den Hals und drängte ihn so etwa 30 m zurück. Der Mann war klar als Pressemitarbeiter erkennbar. Demonstranten wurden auf der Azza Strasse gewaltsam vom Haus des PM verdrängt. Wenn sie sich widersetzten, wurden sie zu Boden geworfen und gewaltsam weggezerrt. Ein Mann mit einer stark blutenden Wunde an der Stirn musste nach einer Erstversorgung vor Ort in ein Krankenhaus gebracht werden. Die Demonstranten skandierten «Möge ihr Andenken eine Revolution sein!»[1]

Nicht weniger laut ging es bei einer Demonstration vor der Villa der Netanyahus in Caesarea zu. Caesarea ist zwar ein Ort, an dem sich Villa an Villa reiht, aber die Strassen, abseits der Traversale sind eng und verwinkelt. Bis alle 5.000 (!) Demonstranten vor der Netanyahu Villa angekommen waren, dauerte es seine Zeit. Sie nutzen die ganze Zeit, um laut auf sich und ihre Anliegen «Ihr habt das Sagen, ihr tragt die Verantwortung!» und «Fuck this shit! Stoppt den Krieg. Befreit Gaza von der Hamas, befreit uns von Bibi!» aufmerksam zu machen. Einer der Nachbarn beteiligte sich an der Demonstration, er hatte riesige Poster aufgestellt auf denen wechselweise zu lesen war: «Genug!» und «Der Pflichtvergessene».

Der israelische Botschafter bei der UNO, Danny Danon, hat einen Eilantrag an den UN-Sicherheitsrat geschickt. Erstmals seit dem 7. Oktober wird eine offizielle Diskussion zum Thema der immer noch in Gaza befindlichen Geiseln abgehalten werden. «Der Sicherheitsrat braucht 11 Monate, um diese Sitzung einzuberufen. Und das erst nach dem kaltblütigen Mord der sechs Geiseln durch die Hamas. Der Sicherheitsrat muss die Nazi-Terror Gruppe verurteilen und eine sofortige Freilassung der Geiseln fordern.» Eine schöne Geste, aber mehr leider auch nicht.

Ein Kommandant der palästinensischen Terror-Organisation Hamas, Ahmed Nasser Muhammad Wafiyya, wurde gestern mit einem gezielten Angriff eliminiert. Er führte jene Terroristen-Gruppe an, die am 7. Oktober den Ort Netiv Ha’assera überfallen hatte. Sie hatten für ihren Überfall Paraglider benutzt. Mit ihm starben sieben weitere Terroristen.

Kampfjets haben gestern Abend mindestens zehn Abschussbasen der Hisbollah zerstört. Diese Abschussbasen stellten eine grosse Bedrohung für den Norden Israels dar. Nach dem Angriff erfolgte als Gegenschlag der Beschuss der Grenzgemeinde Arab-al-Aramshe. Die Raketen konnten grossteils abgeschossen werden, andere schlugen in offenem Gelände ein, ohne Schaden zu verursachen.

Die IDF konnten in der Nacht einen Tunnel zerstören, der auf einer Länge von 1 km mittels einer Schiene als Transportweg im Gebiet von Beit Lahiya im nördlichen Gazastreifen diente. Der Tunnel war vor einigen Wochen entdeckt und untersucht worden, bevor die Truppen ihn nun zerstörten. Im Tunnel fanden die Soldaten Waffen, elektrische Infrastrukturen und sorgfältig verlegte Schienen.

Die Houthi-Terroristen haben erneut zwei Ölfrachter, die griechische ‘MV Blue Lagoon I’ und die saudische ‘MV Amjad’ angegriffen. Die Amjad hat etwa 2 Millionen Barrel Rohöl gebunkert, das ist mehr als das Doppelte, als die am 21. August manövrierunfähig geschossene und seither brennende ‘MV Delta Sounion’.

Die gute Nachricht des Tages:  Israels neues Raketen-Abwehr System, der ‘Iron BeamTM, soll schneller als geplant, d.h. im Jahr 2025 einsatzbereit sein. Seine Reichweite von wenigen Hundert Metern bis zu mehreren Kilometern macht ihn zu einer idealen Ergänzung des bewährten ‘Iron Dome’.

Der Laser identifiziert selbstständig die zu zerstörenden Waffen. Die eingesetzte Energie beträgt 100 kWh, so viel, wie notwendig ist, um ein durchschnittliches Einfamilienhaus mit Energie zu versorgen.

‘Iron beam’ ist ein Laserwaffensystem, welches mit Lichtgeschwindigkeit arbeitet und nahezu keine Kollateralschäden verursacht. Das System kann in die meisten Verteidigungsanlagen eingebaut werden. Zwei der grössten Vorteile sind:

  • Kein Nachladen, es stehen unbegrenzte Abschüsse zur Verfügung
  • Sehr niedrige Kosten, da es keinen Materialeinsatz verlangt
  • Ein Nachteil ist, dass der Iron Beam bei einem Einsatz immer nur ein Ziel anpeilen und zerstören kann, wohingegen der Iron Dome oder Davids’ Sling mehrere Objekte gleichzeitig abschiessen können.

Jeder Einsatz des Iron Domes kostet in etwa US$ 50.000 bei einer Trefferquote von etwa 80 %. Der Iron Beam schlägt pro Einsatz nur mit US$ 2-3 zu Buche mit einer nahezu 100%-igen Trefferquote.

Eingesetzt werden kann das System gegen Raketen, Drohnen und Granaten. Die Laserstrahlen treffen mit unglaublicher Genauigkeit das Ziel. Das System ist bestens geeignet, am Boden operierende Truppen zu schützen, aber auch Gebäude von strategischer Bedeutung zu eliminieren.


[1] In oft gehörten Sprüchen nach dem Tod eines Bekannten heisst es: «Möge ihr Andenken ein Segen sein.»



Kategorien:Israel, Politik

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