Dwarim, Shoftim 16:18 – 21:9

Haftara: Jeshayahu 51:12- 52:12

ב“ה

3./4. Elul 5784                                                          6./7. September 2024 

Shabbateingang in Jerusalem:                                                         18:16

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                         19:32

Shabbateingang in Zürich:                                                                 19:37

Shabbatausgang in Zürich:                                                                 20:40

Shabbateingang in Wien:                                                                   19:07

Shabbatausgang in Wien:                                                                  20:10

Im 19:9 Psalm heisst es פִּקּוּדֵי יְהוָה יְשָׁרִים, מְשַׂמְּחֵי-לֵב Die Gesetze Gottes sind gerecht und erfreuen das Herz. Im Zusammenhang mit dem Torah-Abschnitt in dieser Woche ist es nicht einfach zu akzeptieren, dass die Gesetze Gottes gerecht sind. Zu tief verwurzelt ist noch das Trauma der Unterdrückung im ägyptischen Exil.

Gott fordert das Volk Israel auf, in jedem Ort Richter und dazu Polizisten zu benennen. Die Richter sind die Vertreter der Justiz und sollen auf Basis der Gesetze und Gebote Gottes Recht sprechen. Die Polizisten übernehmen die Funktion derer, die die Urteile durchsetzen.

Das System kennen wir bereits von der Zeit der Sklaverei in Ägypten, als der Pharao seine Exekutivbeamten, die Polizei losschickte. (Ex 5:6), um seine Anweisungen bei den damals noch Hebräer genannten Kindern Israels durchzusetzen. Damals war es unmöglich von Gerechtigkeit zu sprechen, es war die persönliche Anmassung Pharaos, die durchgesetzt wurde.

Unser Wochenabschnitt konkretisiert die Anforderungen noch. In Vers 16:19 lesen wir: «Du sollst das Recht nicht beugen. Du sollst kein Ansehen der Person kennen. Du sollst keine Bestechung annehmen; denn Bestechung macht Weise blind und verdreht die Fälle derer, die im Recht sind.»

Gott verlangt von den Richtern und Polizisten, dass sie über ganz bestimmte Charaktereigenschaften verfügen müssen. Unbestechlich müssen sie sein, nicht korrumpierbar, fair, empathisch und sicher in der Kenntnis der Gesetze. Unbeeinflussbar müssen sie sein, ohne jegliche Bevormundung durch den Staat, unparteiisch und unabhängig. Das galt damals und das gilt noch heute. Leider gibt es heute immer wieder Versuche, die Grundsäulen der Demokratie zu zerstören, indem Politiker versuchen, die Gerichtsbarkeit der Politik unterzuordnen.

Für manchen Polizisten ist es schwer, zu entscheiden, wie er z.B. den Teenager, den er gerade dabei erwischt hat, wie er den Diebstahl einer vom Geldwert her kleinen Sache begangen hat, behandeln soll. Angenommen, er ist bisher nie aufgefallen. Schickt er ihn mit einer Verwarnung heim? Bittet er die Eltern auf die Wache? Oder führt er ihn sofort dem Jugendrichter vor? Natürlich hat er einen gewissen Spielraum, aber wo endet dieser? Dann, wenn es sich um den Sohn des Nachbarn handelt? Oder um den besten Freund seiner Kinder? Oder wenn er der Sohn vom Lehrer seines lernschwachen Sohnes ist? Ist er um seine eigene Reputation besorgt? Ich höre den armen Staatsbeamten schon aufseufzen! Dabei wäre alles ganz einfach, es gelten die Buchstaben des Gesetzes, ohne Ansehen und Stellung der Person.

Der Richter hat anschliessend mehr Möglichkeiten, den Fall abzuwägen und ein Urteil zu sprechen. Auch hier gibt es klare Gesetze. Damit sich Politik und Gerichte nicht in die Quere kommen, haben sie sich gegenseitig klare Zulassungskriterien gegeben. Wer darf Politiker werden? Wer darf Richter werden? Darf ein angeklagter Politiker weiterhin sein Amt ausüben, oder muss er es zumindest bis zur Urteilsfindung ruhen lassen? Darf er andere dazu auffordern, entsprechende Gesetzesänderungen zur Abstimmung zu bringen, um den eigenen Kopf aus der Schlinge zu ziehen? Der Staat, der solches zulässt, verliert den Anspruch darauf, als demokratisch gelten zu dürfen. Betroffene Politiker müssen sich das immer wieder vor Augen führen….

Richter und Polizisten sind als Menschen nicht unfehlbar. Sie wissen, dass Recht und Gerechtigkeit nicht immer das Gleiche sind. Absolute Gerechtigkeit beruht auf absoluter Gleichheit der Menschen. Es gibt keine Gesellschaft, in der das zu 100 % gelingt. Es liegt aber in unser aller Interesse, dass Recht und Gerechtigkeit sich an den gültigen Gesetzen orientieren.

Viele Fragen, die in ganz aktuellen Fällen zur Diskussion stehen, könnten ganz einfach beantwortet werden, wenn sich die Politiker wieder einmal auf die Torah beziehen würden.

Auch die heutige Haftara stammt aus der Feder des Propheten Jeshayahu, den wir bereits kennen. Die Haftara beginnt mit dem nur Gott zugeschriebenen Personalpronomen ‘anochi’ אנכי. Der erste Vers lautet «Ich [euer Gott] bin es, der euch tröstet. Ihr dürft euch nicht fürchten, auch nicht vor dem aggressiven Menschen, der doch auch sterben wird.» Was bedeutet die Formulierung ‘Ihr dürft euch nicht fürchten’? Wer will es uns verbieten? Gott, denn er ist sich so sicher, dass wir keinerlei Veranlassung dazu haben. Wir sollen uns selbstbewusst zeigen, uns entwickeln unter seinem Schutz, sodass wir uns jedem Angreifer gestärkt entgegenstellen können, dass wir schliesslich fragen können, ‘wo sind die, die uns seit Generationen immer wieder vergeblich bedrängt haben’?

Ich bin fast geneigt, mit kindlicher Freude zu rufen: «Nu, wo bist du denn nun, ist dir die Lust vergangen, mich anzugreifen?» Gott hat sie alle untergehen lassen, oder sie waren uns im Kampf unterlegen.

Im kommenden Vers treffen wir auf ein widersprüchliches Wortpaar: «Rasch geht auch der langsam Schreitende seiner Befreiung entgegen und stirbt nicht dem Verderben preisgegeben und er wird auch nicht verhungern.» Auch dieser scheinbare Widerspruch lässt sich leicht erklären. Zion, Jerusalem, das Volk Israel stürmte nicht so schnell der Befreiung entgegen wie andere Völker. Jedoch lag das genau in Gottes Plan, es immer wieder zu prüfen, rasch hier im Sinne von zielorientiert, den Erfolg immer vor dem inneren Auge. Eingegeben von Gott und stets sicher unter dessen ausgestreckter Hand.

Doch zu der Zeit, in der der Prophet das Wort an uns richtet, wird die Zeit des Leidens für Jerusalem bald vorbei sein. Jerusalem, die Mutter der Kinder Israel, musste die Zeit der Dunkelheit, gemeint ist die Zeit des Exils in Babylon durchstehen, sie musste um den Verlust der Kinder weinen und war dem inneren Verfall anheimgefallen. Auch in diesem Moment hat Gott seinen Kindern zugerufen: «Ich bin es, der dich trösten wird.»

Das nächste Kapitel führt uns bereits in den Beginn des neuen, glücklicheren Zeitalters. Gott verspricht uns durch den Propheten, dass kein ‘Sittenloser und Unreiner’ mehr die Stadt Jerusalem betreten wird. Die Jahre des Exils, die normalerweise aus jungen, blühenden Menschen verbitterte Greise machen, hat Jerusalem ’verjüngt’ und neu erstarkt gemacht.

Die nächsten Verse schildern die Folgen der Prophezeiung. Schönheit und Jubel gehen von Jerusalem aus, Gottes Wirken und seine Wohltaten werden von Jerusalem ausgehend, in der ganzen Welt erkannt werden.

Doch ach, wie schön wäre es, wenn die Haftara hier in dieser überbordenden Fröhlichkeit und Zuversicht enden würde! Wir alle, die wir uns Tag für Tag redlich bemühen müssen, unser Ziel zu erreichen, könnten für einmal tief durchatmen und uns von allen Zwängen, denen wir so oft ausgesetzt sind, befreien.

Aber Gott hat noch einmal anderes mit uns vor. Einhalten sollen wir, auf Lauterkeit bedacht sein und uns der Aufgaben bewusst sein, mit denen wir täglich konfrontiert werden.

Der Schlussvers zeigt uns deutlich unsere Grenzen auf:

«Geht nicht in übergrosser Eile und Hast, denn vor euch her geht Gott, der euch in seinem Rücken deckt.»

Es scheint, als sollte diese Haftara ein Lehrstück für uns sein, uns zwar einerseits nicht unter unserem Preis zu verkaufen, und gering schätzen, aber auch nicht in blinder Hast etwas nachlaufen, was ein zu geringes Ziel für uns ist. Das ist nicht immer leicht, aber es hilft uns, einen Weg einzuschlagen, an dem wir uns entwickeln und reifen können.

Shabbat Shalom



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