Haftara: Hoshea 14:2 – 10
ב“ה
2./3. Tishrei 5785 4./5. Oktober 2024
Shabbateingang in Jerusalem: 17:40
Shabbatausgang in Jerusalem: 18:55
Shabbateingang in Zürich: 18:41
Shabbatausgang in Zürich: 19:42
Shabbateingang in Wien: 18:09
Shabbatausgang in Wien: 19:11

«Möge das alte Jahr mit seinen Flüchen enden und das neue Jahr mit seinen Segen beginnen!»
In diesem Sinne wünsche ich euch und uns allen «L’shana tova u metuka!» Nach dem dramatischen und traumatisierenden vergangenen Jahr ist unser Aller grösster Wunsch Frieden für Israel und die Rückkehr der noch in Gaza festgehaltenen lebenden und toten Geiseln.
Ha’asinu – höre oh Himmel! Moshe beginnt sein zweites und zugleich letztes Lied mit einer nachdrücklichen Aufforderung an den Himmel und die Erde, weil er noch einmal das Wort ergreifen will. Wir beten oder singen, je nach der Tradition, das erste grosse Lied, ‚Shirat HaYam‘ (Ex 15:1–18), meist voller Freude und Zuversicht beim Morgengebet.
Wie anders ist das zweite grosse Lied, das wir heute lesen! Es sind nicht die Worte von Moshe, sondern die Worte Gottes, die letzten, die er Moshe eingegeben hat, um sie uns zur ewigen Bezeugung und Erinnerung des Bundes fest in unserem Bewusstsein zu verankern.
Es ist die Geschichte, die Zeitlinie des Volks Israel, und die Aufforderung, sich der Geschichte zu erinnern und sie den kommenden Generationen weiterzugeben. Man könnte fast sagen: „Erinnere dich der guten alten Tage, verinnerliche die Erfahrungen vieler Generationen. Wenn du dich nicht erinnern kannst, frag deinen Vater, frag die Älteren der Familie, sie werden dir alles erzählen.“ (Dwarim 32:7)
Wir erlitten am 7. Oktober 2023 das grösste Trauma seit der Shoah. 1.200 Zivilisten verloren auf grausame Weise ihr Leben beim Massaker, das die palästinensische Terror-Organisation Hamas ausübte. Von den 251 verschleppten Geiseln wissen wir noch nicht, wie viele noch am Leben sind. Dazu Hunderte gefallene Soldaten und Zivilisten, und Tausende Verletzte in einem Krieg, der noch lange nicht zu Ende ist.
Einer der Wahlsprüche, der weltweit bekannt wurde, lautet: „Niemals wieder ist jetzt!“ Er geht zurück auf eine Forderung von Theodor von Adorno „Das Auschwitz nicht noch einmal sei!“[1] Die Erinnerung daran darf ebenso wenig verloren gehen, wie an die der Shoah.
Zurück zum Wochenabschnitt. Das Lied ist in drei Abschnitte geteilt. Der erste Teil berichtet, teilweise mit virtuell hochgezogenen Augenbrauen, die Vergangenheit der Beziehung zwischen Gott und den Menschen. Die folgenden Absätze beschreiben die damalige Gegenwart, die für Gott alles andere als befriedigend war.
In Deut 32:15 steht zu lesen: „Israel wurde fett und ungeduldig.“ Das war der Moment, in dem sich das Volk Israel von Gott abwandte und einer traurigen Zukunft entgegenblickte. Gott bürdete ihnen immer mehr Lasten auf, um sie davon zu überzeugen, dass ihr Leben mit ihm weitaus besser für sie wäre als ein Leben gegen ihn oder ohne ihn. Doch immer wieder schwingt auch Hoffnung mit, die in Vers 32:43 ihren Höhepunkt in der Verheissung findet „Denn er erzwingt die Strafe für das Blut seiner Söhne und entsühnt das Land seines Volkes.“
Als Moshe das Lied beendet hatte, wandte er sich nochmals mit eigenen Worten an das Volk. „Das ist kein leeres Wort, das ohne Bedeutung für euch wäre, sondern es ist euer Leben. Wenn ihr diesem Wort folgt, werdet ihr lange in dem Land leben, in das ihr jetzt über den Jordan hinüberzieht, um es in Besitz zu nehmen.“
Betrachten wir das Leben als Zeitlinie, so hat jeder Mensch seine ureigenste. Die zwei bedeutendsten Augenblicke, die uns mit dem grossen Unbekannten verbinden, erleben wir selten bei vollem Bewusstsein. Zum einen, wenn wir aus der symbiotischen Beziehung mit unserer Mutter hineingleiten in eine Welt und zum anderen, wenn wir diese Welt, hoffentlich nach einem langen intensiv gelebten Leben, wieder verlassen.
Unser Leben verläuft zunächst in völliger Abhängigkeit von anderen. Dann kommt der Tag, an dem wir beginnen, selbst Verantwortung zu übernehmen. Mal mehr und mal weniger erfolgreich. Mal in der Hoffnung, dass Gott da ist, um uns beizustehen und zu unterstützen. Aber wie oft auch in völliger Vernachlässigung unseres Glaubens.
Moshe hat sein Leben gelebt. Im Glauben an Gott und seine liebevolle Führung. Am Ende dieses Wochenabschnittes kündigt Gott ihm an, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen ist, an dem er ihn heimholen wird. Ich stelle mir vor, dass Moshe seinen Frieden mit Gott gemacht hat und nun in Ruhe seine letzten Schritte tun kann.
Er muss das Volk Israel, das ihm während der langen Jahre der Wüstenwanderung mal mehr und mal weniger vertraut hat, loslassen. Joshua wird es über den Jordan führen. Ab dem Moment muss es erwachsen werden und selbst Verantwortung für sich übernehmen.
Warum bezeichnet die Torah diese letzten Worte von Moshe als Lied? Es ist die Musik, die uns in Erinnerung bleibt, ganze Melodien, kurze Sentenzen, die uns an eine Situation erinnern. Die wir automatisch mitsummen, auch wenn die Worte nicht präsent sind. Emotionen, die tief in uns wurzeln. Es sind die vertrauten Melodien der Gottesdienste, die Teil unserer jüdischen Identität sind und die uns immer wieder an Gottes Vorschriften und seine Güte erinnern.
Mit dem heutigen Wochenabschnitt stehen wir fast am Ende der Torah. Wir müssen lernen, auf unserer kollektiven und vor allem auf unserer individuellen Zeitlinie weiterzugehen. Wir dürfen es in der Sicherheit tun, dass die Melodien, die wir verinnerlicht haben, uns dabei nie verlassen werden.
Die heutige Haftara stammt aus der Feder von Hoshea, einem sehr jungen Propheten, der von etwa 750 – 725 BCE im Nordreich lebte und schrieb.
Im Prophetenbuch steht im Vers 14:1, also jenem Vers, der der heutigen Haftara vorausgeht: „Samaria verfällt seiner Strafe, weil es sich aufgelehnt hat gegen seinen Gott. Seine Bewohner fallen unter dem Schwert, seine Kinder werden zerschmettert, die schwangeren Frauen werden aufgeschlitzt.“ Es ist zu vermuten, dass dies nur Strafandrohungen waren, die nie durchgeführt wurden.
Mit den heutigen Versen fleht Hoshea die Israeliten an, sich wieder Gott zuzuwenden, von dem sie durch ihre eigene Schuld abgefallen sind. Wie eindringlich er diese Aufforderung meint, wird klar, wenn wir lesen, sie sollen sich «ad – bis hin zu Gott begeben» und nicht nur «אל al – sich Gott nähern» wieder unter seinen Schutz stellen.
Oft genug haben wir gezögert, wie Gott sich uns gegenüber verhalten wird, wenn wir wie Kinder, die einen schlimmen Streich gespielt haben, nur zögernd aus dem Versteck hervorkommen, wenn wir gerufen werden. Den Kopf zwischen die Schultern gezogen und nur mit langsamen Schritten, bis sich uns endlich eine einladende Hand entgegenstreckt. Wie gut tat es dann, das Gewissen zu erleichtern.
Die Situation ist gerade in den kommenden Tagen bis zu Yom Kippur eine ganz ähnliche. Da treten wir auch, alle gemeinsam, wie wir in der vergangenen Woche im Wochenabschnitt gelesen haben, kollektiv vor Gott, bekennen unsere Schuld und bitten um Vergebung.
So heisst es denn auch im folgenden Vers, dass wir ihn bitten, alle Sünden von uns fortzunehmen und hier heisst es dann אל al.
Warum dieser Unterschied? Hoshea fordert uns auf, etwas zu tun, ohne zu zögern, ganz, ohne stillzustehen. In Vers drei wird ein Anfang markiert, der noch unvollkommen ist, gepaart mit einem Kausalsatz, den wir aus der Torah kennen: «Wenn du uns retten willst, dann erleichtere uns bitte um jede Sünde.» Ein Satz der impliziert, dass wir allein zu schwach dazu sind. Wir können nur versprechen, dass wir versuchen werden, das Unsrige dazu beizutragen.
Gott gibt seinem Volk erneut ein Versprechen durch den Mund des Propheten: «Ich will ihre Untreue heilen und sie aus grosser Liebe wieder aufnehmen. Denn mein Zorn hat sich von Israel abgewandt.
Zwischen Rosh HaShana und Yom Kippur, das am kommenden Freitagabend beginnt, wünschen wir uns nicht nur ‚L’Shana tova u metuka‘, sondern auch ‚Gmar chatima tova‘ „Mögest du eingeschrieben sein in das Buch des Lebens.“ Wenn wir unsere Sünden ehrlich bereut haben, werden wir an Yom Kippur, wenn das Buch geschlossen wird, von ihnen durch Gott befreit sein.

In diesem Sinne: „Shana tova be metuka, gmar chatima tova!“
[1] Theodor von Adorno, Erziehung nach Auschwitz (1966) Vorträge und Gespräche mit Hellmuth Becker 1959 bis 1969, Hrsg. Gerd Kadelbach. Frankfurt a./Main 1970, S: 92 – 109
Kategorien:Religion
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