Wo fanden am 7. Oktober im Gedenkfeiern an das Massaker statt? – Ein Auszug

6.Tishri 5785

Mitglieder des vom Massaker am schlimmsten betroffenen Kibbutz Be’eri forderten bei einer Gedenkveranstaltung, dass alle Geiseln sofort nach Hause zurückkehren müssen. 95 Mitglieder des Kibbutz wurden am 7. Oktober ermordet, 30 weitere wurde in den Gazastreifen verschleppt. Einige Frauen und Kinder wurden im November freigelassen, jedoch befinden sich noch zehn Geiseln in den Fängen der Hamas. Wie viele von ihnen noch leben, weiss derzeit niemand.

Die Kibbutznikim zogen gestern schweigend durch die Strassen, die rechts und links von Ruinen gesäumt sind. Anschliessend versammelten sie sich zur eigentlichen Kundgebung, wo sie eine grosse Flagge mit der Aufschrift «Be’eri kann nicht heilen, bis alle zu Hause sind!» Ein nahezu wortgleich von Präsident Isaac Herzog gegebenes Versprechen.

Der Bürgermeister von Jerusalem, Moshe Lion und Netanyahu entzündeten Kerzen an der Gedenkstätte in Jerusalem für die 87 Zivilisten und Soldaten, die seit dem 7. Oktober 2023 ihr Leben verloren. «Wir gedenken unserer Gefallenen, unserer Geiseln – die wir nach Hause bringen müssen – und unserer Helden, die bei der Verteidigung des Heimatlandes und des Landes gefallen sind», sagt Netanyahu. «Vor einem Jahr haben wir ein schreckliches Massaker erlebt, und wir haben uns als Volk erhoben, wie Löwen.» Lion ruft zur Einheit auf. «Aus Jerusalem, einer Stadt, die das Symbol der Einheit ist, kommt die Botschaft der Einheit, und jeder Einzelne von uns hat die Aufgabe, gemeinsam weiterzumachen und als Einheit zu handeln, den gemeinsamen Nenner für uns alle, für Jerusalem, die Hauptstadt Israels, für den Staat Israel zu sehen. Wie uns die Monate des Krieges gelehrt haben, liegt unsere Stärke in unserer Einheit. Nur gemeinsam werden wir gewinnen.» Worte, die wirklich zu Herzen gehen! Tatsache aber ist, dass die Gesellschaft und die Politik Israels zutiefst gespalten ist.

Hunderte Familienangehörige und Freunde fanden sich in Re’im ein, an dem das Massaker am 7. Oktober seinen Anfang nahm. 360 Menschen wurden von den Terroristen der Hamas, des Islamischen-Djihads, Zivilisten und Mitarbeitern der UNWRA grausam ermordet, 251 wurden verschleppt. Shimon Buskila, Vater von Yarden, der beim Nova-Festival ermordet wurde, verlas ein Gebet, das er zum Gedenken an die Getöteten, zum Wohl der Soldaten, die im Krieg kämpfen, und zur Genesung all derer, die am 7. Oktober und danach verletzt wurden, verfasst hat. Dvir Neeman, dessen Bruder David ebenfalls beim Festival ermordet wurde, verlas ein Kaddish, das speziell für die Opfer des Massakers geschrieben worden war.

Das Europäische Parlament, das nicht unbedingt bekannt für seine Affinität zu Israel ist, erhob sich gestern nach einer Rede von Parlaments-Sprecherin Roberta Metsola, in der sie der Massaker vom 7. Oktober gedachte zu einer Schweigeminute: «Es gibt nichts, das jemals den Massenmord, die Vergewaltigungen, Entführungen und Folter rechtfertigen, die vor einem Jahr geschehen sind.» In der Sitzung anwesend waren auch Familienangehörige von Geiseln, die immer noch in Gaza festgehalten werden.EU-Präsidentin Ursula von der Leyen nahm an einer Gedenkveranstaltung in der Hauptsynagoge von Brüssel teil, wo sie die Zunahme des «Antisemitismus als Krebsgeschwür in der Gesellschaft» bezeichnete.

Das Brandenburger-Tor in Berlin erstrahlte gestern Abend sowohl in den Flaggen der israelischen Nationalflagge, als auch mit dem Symbol und Wahlspruch für die Heimkehr der Geiseln, der gelben Schleife und dem Spruch: «Bring them home now!» Der israelische Botschafter in Berlin bezeichnete Deutschland als einen Unterstützer Israels seit der ersten Stunde im Kampf gegen Antisemitismus. «Wir werden nicht eher ruhen, bis wir alle Geiseln heimgeholt haben»

Veranstaltungen und Mahnwachen fanden in ganz Berlin zwischen 7 und 23 Uhr statt. Nicht alle waren pro-israelisch. Am Südstern, im Stadtteil Kreuzberg-Friedrichshain, war von 17 bis 23 Uhr eine pro-Palästina Demonstration unter dem Titel ‘Solidarität mit Palästina’ angesagt. Es war keine der grössten Veranstaltungen dieser Art, im Gegenteil, mit weniger als 600 Teilnehmern blieb sie weit hinter den Erwartungen der Initiatoren zurück. Dafür war es wohl eine der gewalttätigsten. Flaschen wurden als Wurfgeschosse eingesetzt, ein Fernsehteam wurde mit einer unbekannten Flüssigkeit übergossen, später wurden Autoreifen angezündet, Feuerwerkskörper wurden auf Polizeiautos geworfen. Es kam zu 52 Festnahmen und  zu mindestens 20 Anzeigen wegen schwerem Landfriedensbruchs. Auch die Ikone der pro-palästinensischen Demonstranten, Greta Thunberg, war dabei. «From the river to the sea, Palestine will be free», in Deutschland verboten, war zu hören.

Bereits am Sonntag war eine pro-Palästina Demonstration ‘Gegen den Genozid in Gaza‘ in Berlin von der Polizei abgebrochen worden. Die öffentliche Sicherheit sei gefährdet, mit mehr als 3.000 Teilnehmern war die Zahl der angemeldeten Teilnehmer weit überschritten.

Die offizielle Gedenkveranstaltung der Bundesrepublik fand gestern in der Gedächtniskirche in Berlin-Charlottenburg statt. Zutritt hatte nur, wer sich als eingeladener Gast ausweisen konnte. In der Kirche Sicherheitsleute und auf den Dächten ringsum Scharfschützen. Der Platz vor der Kirche war abgesperrt, ebenso wie der sonst quirlige Ku’Damm. Geplant war ein interreligiöser Gottesdienst und Ansprachen von Präsident Frank-Walter Steinmeier, Rabbiner Andreas Nachama und dem evangelischen Bischof Christian Stäblein. Weitere prominente Gäste haben sich eingefunden. Rabbiner Nachama bezieht sich auf David Ben-Gurion: «Wer in diesem Land nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist. Und in diesem Sinne bin ich ein jüdischer gläubiger Realist und hoffe und bete. So sei es.»

Im Hof der Jüdischen Gemeinde in der Fasanenstrasse ergreift Gideon Joffe, Vorsitzender der Gemeinde, das Wort: «Jeden Tag habe Gott seine Schöpfung betrachtet und gesehen, dass sie gut war. Als er den Menschen schuf, sagte er nicht, dass es gut war. Er sagte aber auch nicht, dass es schlecht war. Gott hat es den Menschen überlassen, ob sie gut oder schlecht sein wollen.» Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner bringt es auf den Punkt: « Was mir Angst macht, ist, dass so ein Marsch von der Polizei massiv geschützt werden müsse. Gespenstisch.»

Der israelische Präsident Isaac Herzog bezog sich in seiner Rede anlässlich der vor einiger Zeit aufgezeichneten staatlichen Gedenkzeremonie auf das Rosh HaShana Gebet ‘Unetaneh Tokef’:  «Die Israelis  haben ein Jahr lang geweint: die einen durch Feuer und die anderen durch Strangulation; die einen durch Schwerter und die anderen durch Bestien; die einen vor ihrer Haustür und die anderen in ihrem Schutzraum; die einen im Gewächshaus und die anderen auf Strasse; die am Aussenposten und die auf dem Schlachtfeld; die an der Bushaltestelle und die auf der Polizeistation; die im Auto und die im Schutzraum; die auf den Wegen des Kibbuz und die auf dem Musikfestival; die durch Raketen, die in Tunneln und die im Versteck», und er fuhr fort «Wir müssen das höchste menschliche, jüdische und israelische Gebot erfüllen: sie nach Hause zu bringen. Einige zur Genesung und Heimkehr, andere für ein angemessenes Begräbnis.» An die Hinterbliebenen gewandt sagt Herzog: «Ich verneige mich in Dankbarkeit und Ehrfurcht und hoffe, dass Sie noch Heilung und Trost erfahren werden.»

Gemeinsam mit seiner Frau Michal nahm Herzog gestern an einer Gedenkzeremonie im Kibbutz Re’im teil. Diese Zeremonie war der Auftakt einer dreitägigen Tour des Präsidentenpaares durch die besonders von der Hamas und anderen Terroristen zerstörten Kibbuzim, Orte und Militärbasen rund um den Gazastreifen.

US-Präsident Joe Biden und seine Frau Jill entzündeten im ‘Blue Room’ des Weissen Hauses eine Gedenkkerze und gedachten gemeinsam mit Rabbiner Aaron Alexander des Massakers vom 7. Oktober 2023.

US-Vizepräsidentin Kamala Harris hat gemeinsam mit ihrem Ehemann Doug Emhoff im Garten des Forschungsinstitutes der US-Marine einen Granatapfelbaum, der im Judentum für Hoffnung und Rechtschaffenheit steht, gepflanzt.

Den Vogel der Geschmacklosigkeit schoss, nicht zum ersten Mal, der ehemalige und hoffentlich nie wieder US-Präsident Donald Trump ab. Er besuchte eine angebliche Gedenkveranstaltung in Miami, die er aber sofort zu einer Wahlveranstaltung machte. Begleitet wurde er von seiner neuen Dauerbegleitung Dr. Miriam Adelson, die zu den reichsten Frauen der Welt gehört. Die Veranstaltung begann mit dem Entzünden einer Gedenkkerze, die Trump, assistiert von Rabbiner Yeshua Kaploun, zu einem Tanz nutzte. Am Vormittag hatte Trump das Grab vom Lubavitcher Rebbe Menachem Schneerson besucht. Später am Nachmittag veranstaltete er seine ganz private Gedenkstunde in seinem Golfresort, wo jüdische Gemeindevorsitzende, republikanische Kongressabgeordnete und Überlebende der Shoa Gedenkkerzen anzünden ‘durften’.

Kfir und Ariel Bibas, beide entführt aus dem Kibbutz Nir Oz. Mit acht Monaten wurde Kfir entführt, jetzt ist er ein Jahr und acht Monate alt. Ariel war vier Jahre alt, als er entführt wurde. Im August wurde er fünf Jahre. Never forget!



Kategorien:Israel, Politik

Schlagwörter:

Hinterlasse einen Kommentar