Einige Gedanken nach Yom Kippur – inspiriert von Rabbiner Jonah Sievers, Berlin

11. Tischri 5785

Gestern Morgen sprach Rabbiner Jonah Sievers bei seiner Rede davon, dass es doch manchmal im Leben leichter sein könnte, wenn wir nach dem ‘don’t care’-Prinzip leben würden.

Er brachte einige Beispiele, wie wir uns damit das Leben, scheinbar, leichter machen: Wenn ich mich nicht um andere kümmere, habe ich weniger Probleme; wenn mich jemand verbal angreift und ich eine emotionale Teflon-Haut trage, dann lässt mich das ziemlich kalt; wenn ich jemandem weh-tue, der mir egal ist, wird es mich kaum beunruhigen; wenn man niemandem traut, so kann es einen nicht verletzten, wenn ein anderer mich hintergeht und wenn man niemanden wertschätzt, so wird man nicht eines Tages um den Verlust eines Menschen weinen müssen.…

Wenn ihr euch jetzt wundert, dass ein Rabbiner mit so einem unglaublichen Vorschlag kommt, die Korrektur folgte sofort. Sievers betonte, dass das natürlich nichts mit der jüdischen Wertehaltung zu tun habe! Die ja genau das Gegenteil von uns erwartet, die Sorge und Empathie für den anderen. Unsere Liebe soll bedingungslos sein, wir stellen an sie keine Forderungen. Das ist nicht immer einfach!

In einer kurzen Rede nach Mincha am Nachmittag wies er auf eine, wie er sie nannte, Lieblingsstelle im Buch Jonah hin.

Als der starke Sturm das Schiff, mit dem Jonah versuchte, vor Gottes Auftrag, nach Ninive zu gehen, zu fliehen, frugen ihn die Schiffer, wer er eigentlich sei, antwortete er: «Ein Ibri [Hebräer] bin ich und HaSchem, den Gott des Himmels fürchte ich, der das Meer und das Trockene gemacht hat.» (1:9).

Noch einmal wurde in der Torah ein Mann als ‘Ibri’ bezeichnet: Unser Erzvater Abraham wird im ersten Buch Mose 14:13 als ‘Avram der ibri’ bezeichnet.

Ich möchte noch eine dritte Stelle anführen, in der ebenfalls eine wichtige Person der Torah als ‘Ibri’ bezeichnet wird. Im ersten Buch Moses 39:14 lesen wir, dass Potiphars Frau, die Josef verführen wollte, was ihr nicht gelang, sich bei ihren Dienern beschwerte: «Er hat uns einen hebräischen Mann, einen ‘isch ibri’ gebracht…»

Alle drei Stellen, so erläuterte Rabbiner Sievers, stellen Grenzsituationen dar, in der sich die drei Männer Jonah, Avram und Joseph befinden.

Jonah stand auf der ‘anderen Seite’ wie die Schiffsleute, die um ihr Leben fürchteten und Jonah deshalb töten mussten, um sich zu retten.

Avram erhielt von Gott den Befehl, seine Heimat zu verlassen und ‘auf die andere Seite des Flusses’ zu ziehen. Er war es, mit dem Gott seinen ewigen Bund, der Grundlage zu unserem Glauben, schloss.

Joseph legte indirekt die Grundlage, dass wir, ‘ha ibrim’ zwar zunächst in die Sklaverei Ägyptens gerieten, dann durch das Schilfmeer in die Freiheit fliehen konnten.

Alle drei Männer standen also auf der anderen Seite zur sie umgebenden Welt.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen den beiden Reden? Dem ‘don’t care’ und den ‘anshei ibri’?

Rabbiner Sievers berichtete von ganz persönlichen Empfindungen. Angesichts des gerade hinter und liegenden ersten Jahrestages des Massakers vom 7. Oktober 2023 und des danach ausgebrochenen Krieges gegen die Hamas im Süden und der Hisbollah im Norden fragt er sich, wie es mit seiner Empathie, in der jüdischen Philosophie zutiefst verankert, steht. Er erzählte und ich kann das für mich völlig unterschreiben, er müsse sich manchmal zur Empathie zwingen für die, die nicht auf unserer Seite stehen, die Menschen, die auch unter dem schrecklichen Krieg leiden. Dieses ‘sich zwingen müssen’, diesen Verlust der angeboren und im Judentum zutiefst verankerten Empathie, empfindet er als schrecklich. Er beschreibt damit, was ich auch tagtäglich spüre. Was ich in Gesprächen mit anderen erlebe und gegen das ich mich kaum wehren kann.

Rabbiner Sievers betont, dass es noch völlig offen ist, wie lange diese schreckliche Situation noch andauern wird, oder, und das finde ich besonders erschreckend, dass sie so lange andauert, dass wir es lernen, mit ihr umzugehen. Eine schreckliche Vorstellung!

Wir dürfen, und das ist sein dringender Appell an uns, eines nicht aufgeben, nie und unter keinen Umständen, unsere Menschlichkeit und unsere Fähigkeit zur Empathie.

Nur so können wir auf der anderen Seite zu diesen hasserfüllten Terroristen stehen!



Kategorien:Israel, Religion

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