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30. Tishri/ 1. Cheshwan 5785 1./2. November 2024
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Shabbatausgang in Jerusalem: 17:26
Shabbateingang in Zürich: 16:50
Shabbatausgang in Zürich: 17:54
Shabbateingang in Wien: 16:17
Shabbatausgang in Wien: 17:22

Der Wochenabschnitt der vergangenen Woche endet fast mit einer Katastrophe. Dass Gott mit dem
Prototypen der Menschen, mit Adam und Eva ziemlich unglücklich war, hatte sich bereits früher abgezeichnet. Er hatte Ihnen verziehen, hatte ihnen eine zweite Chance gegeben. Es scheint, als ob in dem Augenblick, in dem ‚Menschentöchter‘ auf die Welt kamen, die ‚Gottessöhne‘ sich von diesen verführen liessen. Eine frühe Form von antifeministischem Verhalten? Nein, das dürfen wir Gott nicht unterstellen. Er war so, dass der Prototyp des liebevoll designten Menschen eine echte Fehlplanung war und Gott sich entschloss, alles noch einmal neu zu beginnen.
Das Negative in ihrem Verhalten nahm überhand und so beschloss er, sie mitsamt den meisten Tieren wieder von der Erde zu nehmen.
Die Erde, einst von Gott so liebevoll und voller Hoffnung erschaffen, verdorrte, die Tiere litten, weil ihre Pflege die Menschen offensichtlich nicht mehr interessierte. Müssen wir nicht Ähnlichkeiten mit heute erkennen?
Menschen machen Fehler, das liegt in ihrer Natur. Nicht jeder erste Versuch, etwas Neues zu erfinden, neue Wege zu gehen, wird erfolgreich sein, manchmal bedarf es lange Phasen des Ausprobierens. „Heureka!“ soll Archimedes ausgerufen haben, als er nach vielen Versuchen endlich bei einem genüsslichen Vollbad auf das Prinzip der Wasserverdrängung stiess. Nehmen wir die fossile Energienutzung als Beispiel für einen der grössten Verursacher der heutigen Klimakrise. Als der Mensch erkannte, dass man mit Kohle hervorragend heizen konnte, verbesserte sich die Lebensqualität in den Städten schnell. Was er nicht wusste, war, dass durch die Verbrennung grosse Mengen von gesundheitsschädlichen Schadstoffen in die Atemluft gelangen. Die Erde hat durch menschliches Versagen und Veruntreuung dieses grossen göttlichen Geschenkes Schaden genommen. Jetzt, um „Fünf Sekunden (!) vor zwölf“, ist es das globale Thema!
Gott revidiert seine Meinung ein zweites Mal, nach der Vertreibung von Adam und Eva aus dem Garten Eden. Er wird alles Leben auf der Erde durch eine grosse Überflutung zerstören, sie wieder in den Urzustand zurücksetzen: (Ber. 1:2) וְהָאָרֶץ הָיְתָה תֹהוּ וָבֹהוּ «und die Erde war wüst und leer».
Wenn, ja wenn es da nicht Noach gegeben hätte!
Gott gab Noach eine genaue Anweisung, damit mit dem Ende der Flut das Leben weitergehen kann. Noachs Familie und von jedem Tier ein Paar sind es, die in der Arche eine vorübergehende Heimstatt finden sollen. Die Erfüllung dieses Plans ist der erste Bund, der von Gott mit den Menschen geschlossen wird.
Vierzig Tage wird der Regen dauern. Und nochmals 150 Tage, an denen die Erdoberfläche völlig vom Wasser bedeckt war. Vierzig Tage der Erneuerung, so wie für Generationen später eine andere «Erneuerung» vierzig Jahre dauern wird, um die Kinder Israel fort aus der Sklaverei in Ägypten in ein neues Leben zu führen. Und noch etwas ist bedeutsam, auch bei dieser Erneuerung stand am Anfang des langen Weges Wasser, das Schilfmeer, das sich teilte, um die Kinder Israels passieren zu lassen. Wasser hat im Judentum eine besondere Bedeutung. Denken wir auch an den Besuch der Mikwe, dem Ritualbad, das aus «lebendigem Wasser» gespeist werden muss.
Als eine Taube, von Noach ausgeschickt, nicht mehr zurückkehrte, wusste er, dass die Erdoberfläche wieder trocken war. Noach brachte als Dank das erste Brandopfer, von dem wir wissen, dar.
An dieser Stelle steht ein interessanter Satz. (Ber. 8:21) »Ich will die Erde wegen des Fehlverhaltens des Menschen nicht mehr verfluchen. Die Absicht des Menschen ist von Anfang an schlecht. Ich will auch nicht mehr alles Lebendige vernichten, wie ich es getan habe.» Bei Gott geschieht nichts ohne Absicht, er hat auch ganz sicher keinen Fehler in seiner Überlegung, wie er den Menschen schaffen wollte, gemacht. So kann dieser Teil des menschlichen Charakters nur als der gewertet werden, der uns die Entscheidung, ob wir «gut» oder «schlecht» handeln, ermöglicht. Ein perfekter Mensch würde diese Möglichkeit gar nicht brauchen, doch eben den gibt es nicht!
Als Zeichen des völlig neuen Anfangs gibt Gott den Menschen das Recht, Fleisch zu essen. Aber auch hier ist er schon weit hinausschauend! Fleisch ja, aber kein Blut. Der erste Gedanke des Schächtens ist geboren.
Als Sinnbild des ‘Neuen Bundes’ zwischen Gott und den Menschen schenkt er uns ein wunderbares Bild. Nein, es ist nicht der Turm zu Babel, der am Ende des Wochenabschnitts beschrieben wird und der ein neues Chaos auslöst.
Es ist der Regenbogen. Jenes Zeichen, das sich uns bei entsprechender Wetterkonstellation als vollkommener Halbkreis am Himmel zeigt.
Gibt es jemanden unter uns, der nicht die Geschichte kennt, die uns unser Vater oder unsere Mutter erzählt hat? Die Geschichte vom grossen Schatz, der am unteren Ende des Regenbogens versteckt ist? Gibt es jemanden unter uns, der nicht versucht hat, das Ende des Regenbogens zu erreichen, um dort den Schatz zu finden?
Keiner von uns hat ihn je gefunden. Und doch ist der Schatz da. In Ber 9:16-17 lesen wir, dass der Bogen Gott auf immer daran erinnern wird, dass er einen ewigen Bund mit den Menschen geschlossen hat.

Ich komme noch einmal auf den ersten Abschnitt der ‘Sprüche der Väter’ aus der vergangenen Woche zurück, der mit den Worten
«Moshe empfing die Tora am Sinai und übergab sie Jehoshua. Jehoshua den Ältesten. Die Ältesten den Propheten. Und die Propheten übergaben sie den Männern der grossen Versammlung. Diese sagten drei Dinge: Seid bedächtig im Entscheiden, bildet viele Schüler aus und schützt das Gesetz.»
beginnt und mit einem Wort von Shimon dem Gerechten[1], der der letzte der Grossen Versammlung war, endet.
«Auf drei Dingen steht die Welt: auf der Torah, auf dem Gottesdienst und auf der Liebestätigkeit.»
Zu Beginn jedes ‘Spruches’ steht in den ersten Kapiteln, wer wem etwas gegeben oder wer etwas erhalten hat. Die dabei genannten Personen sind immer chronologisch gewählt.
Die ‘Grosse Versammlung’ über die hier geschrieben wird, stammt aus der Zeit nach dem Exil in Babylon und wird weniger als Gerichtshof, sondern als gesetzgebende Körperschaft angesehen. Zur Zeit von Shimon dem Gerechten hatte er alle religionsbezogenen Befugnisse und war gesetzgebend auf religiösem und sozialem Gebiet. Mit dieser Information im Hintergrund ist es relativ einfach, zu verstehen was mit den Aufforderungen:
«Seid bedächtig im Entscheiden, bildet viele Schüler aus und schützt das Gesetz.» gemeint ist. Es sind jene Eigenschaften, die jeder gute, gerechte Richter mitbringen soll und die auch uns, den Laien, im Umgang mit unseren Mitmenschen selbstverständlich sein sollten. Ein vorbildlicher Lehrer hat einmal zu mir gesagt: «Entscheide wichtige Dinge nie aus dem Bauch, schlaf einmal darüber und dann überprüfe deine erste, spontane Entscheidung.» Wie oft lesen wir «Das Gericht vertagt sich auf…» Kein Urteil wird aus dem Bauch gesprochen.
Bildet viele Schüler aus, behaltet euer Wissen und eure Erfahrung nicht für euch, es sind keine Geheimwissenschaften, es sind Erfahrungsschätze, die nicht verloren gehen dürfen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden müssen.
Schützt das Gesetz, lasst nicht zu, dass es verwässert wird, weil Menschen, die es nicht verstehen (wollen) es geringschätzen und seinen Wert nicht anerkennen wollen.
Shimon der Gerechte ergänzte abschliessend: «Auf drei Dingen steht die Welt: auf der Torah, auf dem Gottesdienst und auf der Liebestätigkeit» Die Torah als Grundlage unserer Entscheidungen, als verbindliche Richtlinie ist der Weg, der uns sicher während unseres gesamten Lebens begleitet.
Der Gottesdienst, der in der Zeit nach der Zerstörung des zweiten Tempels die Opferdienste ersetzte und damit uns, den einfachen Israeliten mehr Verantwortung übergab, die Kommunikation mit Gott aufrecht zu erhalten. Nicht mehr der Hohepriester sprach mit Gott über die blutigen und übelriechenden Opfer, es waren unsere Gebete und unsere Zwiesprache mit Gott, die den Tempeldienst abgelöst hatten.
Doch was könnte mit dem Begriff der ‘Liebestätigkeit’ gemeint sein? Zur Zeit der Propheten hatte die ‘Liebestätigkeit’ noch einen recht bedeutenden Stellenwert im Alltag. Danach verschwand sie zugunsten eines nüchternen Weltbildes. Liebestätigkeit kennen wir auch heute noch in Form der allgegenwärtigen blauen KKL-Sammelbüchsen. Heute wird mit Geld abgegolten, was zur Zeit der Hebräer ganz andere Ausformungen hatte. Denken wir an unseren Stammvater Avraham, der die drei Männer in Mamre empfing. Denken wir an das wunderschöne Lied ‘eschet chajil’ in dem es heisst. «Ihre Hand bricht Brot dem Armen und ihre Hände streckt sie nach dem Bedürftigen aus.» Denken wir an das Verbot, im Schmitta-Jahr, unsere Felder zu pflegen. Jeder durfte das ‘ernten’, was das Feld ohne Hilfe hervorbrachte. Denken wir daran, dass es verboten war, ein Feld noch einmal ‘nachzuernten’. Was aus Versehen oder in voller Absicht am Rand des Feldes stehengeblieben war, das gehörte den Bedürftigen. Und schliesslich, warum werden wir immer wieder daran erinnert, dass wir Sklaven in Ägypten waren? Um uns immer wieder an unsere Schmach zu erinnern? Ich denke eher, dass es hier darum geht, unser Verständnis für jene zu erwecken, denen es nicht so gut geht wie uns heute.
Der erste Absatz dieses ungeheuer spannenden Buches ist noch recht einfach zu entschlüsseln. Und nimmt uns doch schon mit auf eine Reise durch die lange Geschichte des Judentums.
Shabbat Shalom, Chodesh tov!
[1] Shimon haZadik, war ein Hohepriester während der Zeit des zweiten Tempels (um 219 bis 199 BCE) Sein Grab befindet sich heute in Ostjerusalem.
Kategorien:Religion
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